Gesundheit

In Deutschland gibt es rund 155.000 blinde Menschen. Da Sehbehinderte nicht statistisch erfasst werden, kann deren Zahl nur geschätzt werden. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind es allein hierzulande mehr als eine Million. Unsere Gesellschaft wird immer älter und damit nimmt auch die Zahl der Sehbehinderungen zu. Seit dem Jahr 1990 ist sie um 80% gestiegen. Die meisten der blinden- und sehbehinderten Menschen sind Senioren.Am 6. Juni 2018 findet bundesweit der „Sehbehindertentag“ statt. Ziel ist es auf die Situation der Blinden- und Sehbehinderten aufmerksam zu machen. In diesem Jahr wird unter dem Motto „Blind im Museum“ ein besserer Zugang zur Kunst gefordert.

Leben mit dem Blindenstock

Ein Mensch, der richtig gut sieht, hat ein Sehvermögen von 100%. Nach deutschem Recht ist ein Mensch sehbehindert, wenn er selbst mit Brille oder Kontaktlinse nicht mehr als 30% von dem sieht, was ein Mensch mit normaler Sehkraft sieht.Als hochgradig sehbehindert gilt, wer auf dem besser sehenden Auge weniger als 5% eines Normalsichtigen sieht. Als blind eingestuft wird, dessen Sehkraft unter 2% liegt.Die genaue Diagnose ist wichtig, denn nach ihr richtet sich die Einstufung auf dem Behindertenausweis und somit auch, welche Hilfen, Hilfsmittel und Freibeträge den Betroffenen zustehen und ob sie Blindengeld beziehen können. Die Ursache einer Erblindung oder einer Sehbehinderung ist in den meisten Fällen eine Augenerkrankung. Gerade ältere Menschen erblinden als Folge von Diabetes, Grünem Star (Glaukom) oder einer altersbedingten Makula-Degeneration. Letztere ist die häufigste Ursache für eine schwere Sehbehinderung oder sogar Erblindung. In Deutschland leiden etwa 4,2 Millionen Menschen unter der Krankheit. Die ersten Anzeichen sind Unschärfen, verschwommene Flecken und graue Schatten im Blickfeld.Als der blinde Franzose Louis Braille im Jahr 1825 die Punkteschrift erfand, war er gerade mal 15 Jahre alt. Für Blinde und Sehbehinderte war die nach ihrem Erfinder benannte Brailleschrift eine Revolution. Konnten sie vorher nur handwerkliche Tätigkeiten ausüben, wie als Korbflechter oder Bürstenmacher, fanden sie nun auch Arbeit in der Verwaltung oder im Büro.Heutzutage sind Computer mit großer Schrifteinstellung und Spracherkennung Alltag. Es gibt Blindenlangstöcke mit Navigationsgerät, Leuchtlupen, sprechende Wecker und sprechende Küchenwaagen, Vorlese- und Farberkennungsgeräte.

Ein selbstbestimmtes Leben trotz Sehbehinderung

Menschen, die eine Seheinschränkung oder kompletten Sehverlust erleiden, müssen lernen, sich neu zurechtzufinden. Dafür werden Schulungen angeboten, in denen zum Beispiel der Umgang mit dem Blindenlangstock gelehrt wird. Außerdem gibt es Trainings für lebenspraktische Fähigkeiten (LPF-Schulungen). Blinde und Sehbehinderte, die solch einen Kurs besuchen, lernen beispielsweise
  • einfache Gerichte zu kochen,
  • den Kleiderschrank zu ordnen,
  • sich die Schuhe zu binden und
  • Haushaltsgeräte tastend zu bedienen.
Tätigkeiten, die vor der Sehbehinderung oder Erblindung normal waren, müssen neu gelernt werden.„Je selbständiger Blinde und Sehbehinderte ihr Leben führen können, desto mehr Lebensqualität gewinnen sie“, sagt Reiner Delgado, Sozialreferent des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. Er selber war erst drei Jahre alt, als bei ihm die Diagnose Retinitus Pigmentosa, eine fortschreitende Degeneration der Netzhaut, gestellt wurde. Nach und nach erblindete er. Heute macht er in seiner Freizeit auch mal mit seinen Kindern eine Kajakfahrt und er spielt als Stürmer in der Blindenfußballliga.Anders als Menschen, die blind geboren werden, hat Reiner Delgado visuelle Erinnerungen. Er verbindet Gegenstände mit Bildern. Er weiß, wie ein grüner Baum mit roten Äpfeln aussieht, ein weißer Tisch und eine blaue Vase. Blindgeborene dagegen haben diese Bilder nicht und haben auch keine Farbvorstellung. Sie ertasten Gegenstände und erkennen sie an ihrer Form, ihrem Material und ihrem Geruch.

Sich Rechte erkämpfen ist für Sehbehinderte Alltag

Theoretisch haben Blinde- und Sehbehinderte ein Anrecht auf technische Hilfsmittel. Doch bei der Anschaffung werden ihnen oft Steine in den Weg gelegt. „Eigentlich haben behinderte Menschen nie so viel Rechte gehabt wie heute, aber es war noch nie so schwer, diese Rechte durchzusetzen“, sagt Reiner Delgado. „Anträge auf Hilfsmittel werden in der Regel zunächst von den Kassen abgelehnt und nur wer fit genug ist, kann sich durchsetzen“, fährt er fort.Im Jahr 2008 trat die „Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte behinderter Menschen“ in Kraft. Demnach sollen Behinderte die gleichen Chancen haben wie alle anderen. „Bis das soweit ist, müsse sich aber noch viel ändern“, sagt auch Renate Reymann, die amtierende Präsidentin des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenvereins. Das dringendste Problem ist für sie das billigste Problem: „Es muss sich das Bewusstsein in den Köpfen ändern“.Sparmaßnahmen im Behindertenbereich kritisiert sie scharf. Zwar haben die meisten Ampeln heute akustische Signale und zumindest in vielen Städten, auf Bahnhöfen und Flughäfen gibt es Leitstreifen für Menschen mit Blindenstock. Aber nach wie vor sind viele Arztpraxen oder Haltestellen nicht barrierefrei, genau wie etliche Busse und Bahnen.In diesem Jahr steht der „Sehbehindertentag“ unter dem Motto „Blind im Museum“. „Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.“ So heißt es in Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Einige Museen haben heute Informationen in Blindenschrift, Audiotouren mit akustisch erfahrbar gemachten Beschreibungen der Kunstobjekte oder Tastmodelle - doch flächendeckend, so der Deutsche Blinden und Sehbehindertenverein, sei das noch nicht.