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Wirbelsäulen-Spezialist Dr. Urs Iwan Zuberbühler gibt Auskunft: „Achtzig Prozent operieren wir nicht!“

Experteninterviews

„Die meisten Menschen mit Rückenschmerzen haben völlig falsche Vorstellungen, wo sie sich die passende Hilfe holen können.“ Das sagt einer, der es wirklich weiß: Dr. med. Urs Iwan Zuberbühler, ausgewiesener Spezialist für Wirbelsäulenchirurgie, ist Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates – unter anderem am Neuro- und Wirbelsäulenzentrum der Hirslanden Andreasklinik in Cham. Zudem fungiert er als Belegarzt an mehreren renommierten Kliniken in der Schweiz. Im Interview erklärt Dr. Zuberbühler, der auch als Schmerzmediziner und Skoliosechirurg ein großes Renommee besitzt, wie man als Patient mit Rückenschmerzen vorgehen sollte. 

ZuberbühlerLeading Medicine Guide: Lieber Herr Dr. Zuberbühler, unsere Erfahrung ist, dass Rückenschmerzen oft nicht sehr ernst genommen werden, selbst wenn sie die Menschen über lange Zeit begleiten. Viele helfen sich erst einmal mit den üblichen Hausmitteln – ist das falsch? 

Dr. med. Urs Iwan Zuberbühler: Falsch ist das zunächst einmal nicht. Oft gehen die Schmerzen ja auch nach kurzer Zeit wirklich wieder weg. Etwa sechzig bis siebzig Prozent der üblichen Rückenschmerzen liegen lokal im unteren Teil der Wirbelsäule. Da gibt es eine Reihe von Mitteln, angefangen bei der Wärmflasche über Salben bis zu speziellen Pflastern aus der Apotheke. Wenn die helfen, ist das Ziel ja erreicht. Wenn die Schmerzen allerdings immer wieder auftreten, nahezu täglich, wenn es immer dieselbe Art von Schmerzen ist, man sich gar nicht mehr davon erholt, dann allerdings sollte man dringend etwas unternehmen. 

Leading Medicine Guide: Und wohin sollte sich jemand wenden, der dauerhaft von Rückenschmerzen geplagt ist?

Dr. med. Urs Iwan Zuberbühler: In diesem Fall ist es sicher sinnvoll, in einem Wirbelsäulenzentrum Rat einzuholen. Doch viele Menschen haben die Sorge, das sei zu spezialisiert für ihre Rückenschmerzen und hier würden in erster Linie nur schwierige Fälle behandelt und operiert. Das stimmt einfach nicht: Die Wirbelsäulenmedizin ist die Aufgabe des Wirbelsäulenchirurgen. Wir kümmern uns um Rückenschmerzen, aber auch Schmerzen und Schwächegefühle in den Beinen, die durch Nervenreizungen entstehen. 

Leading Medicine Guide: Die Selbstdiagnose der Menschen verhindert also oft, dass richtig gehandelt wird?

Dr. med. Urs Iwan Zuberbühler: Genau, denn der erste Schritt zur Therapie ist das Erkennen der Beschwerdeursache – dies entspricht einer möglichst exakten Diagnose. Wir Wirbelsäulenchirurgen kümmern uns um wirklich jede Art von Rückenschmerzen. Für uns gibt es keine „einfachen“ Rückenschmerzen, sondern uns sind die präzise Diagnose und zielgerichtete Therapie wichtig – in erster Linie konservativ, wenn nötig operativ. 

Leading Medicine Guide: Bei Rückenschmerzen wird aber oft für eine gewisse Zeit Physiotherapie verordnet, und meistens finden sich die Patienten damit ab, dass die Schmerzen sie nun mal mehr, mal weniger im Alltag begleiten. 

Dr. med. Urs Iwan Zuberbühler: Wie gesagt: Bei Rückenschmerzen ist eine exakte Diagnose wichtig. Kennt man die Ursache der Rückenschmerzen, kann zielgerichtet therapiert werden. Sehr häufig wird auf der Grundlage der Diagnosestellung eine physikalische Nachbehandlung erfolgreich. Die Ursachen für Rückenschmerzen sind multifaktoriell. Daher ist die interdisziplinäre Betreuung der Patienten sehr wichtig. Rückenschmerzen gehören in die Hand eines Spezialisten, der mit den Mitteln seiner Kunst herausfindet, was genau die Schmerzen verursacht. Denn für Rückenschmerzen gibt es nicht die eine Ursache. 

„Rückenschmerzen haben viele Ursachen“

Leading Medicine Guide: Sondern?

Dr. med. Urs Iwan Zuberbühler: Abnutzungsprozesse der Bandscheibe oder der Zwischenwirbelgelenke oder aber Nervenwurzelreizungen können Schmerzen im unteren Rückenbereich verursachen. Ebenso können Fehlhaltungen, muskuläre Defizite, Übergewicht oder Osteoporose, ein Bandscheibenvorfall, eine Gelenkblockade oder ein zurückliegender Sturz Rückenschmerzen begünstigen. Es gibt aber auch Gründe für Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule, die mit entzündlichen Reaktionen der inneren Organe zusammenhängen und beispielsweise vom Darm, dem Nieren-Blasen-Bereich oder von gynäkologischen Ursachen hervorgerufen werden. 

Leading Medicine Guide: Trotzdem werden viele Menschen denken, dass ein Wirbelsäulenzentrum oder ein Wirbelsäulenchirurg für ihre eher einfachen Rückenschmerzen nicht ganz das Richtige ist.

Dr. med. Urs Iwan Zuberbühler: Viele Patienten haben Angst, ein Wirbelsäulenchirurg würde sich nur für eine Operation interessieren. Dieses Vorurteil stimmt aber nicht. In erster Linie geht es in der Wirbelsäulenmedizin um Abklärung, Aufklärung und Beratung des Patienten. Achtzig Prozent unserer Patienten operieren wir nicht, sondern behandeln sie mit einer Bandbreite anderer Möglichkeiten. Wer zu uns kommt, bespricht nicht seine Operation, sondern er kommt wegen der differenzierten Diagnose und einer zielgerichteten Therapie, die primär eben nicht operativ ist. 

Leading Medicine Guide: Wie sieht die Diagnosestellung denn aus in Sachen Rückenschmerzen?

Dr. med. Urs Iwan Zuberbühler: Standard ist ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten. Eine sorgfältige klinische Untersuchung ist der nächste Schritt, gefolgt von Röntgenbild, MRT oder allenfalls CT – wenn notwendig. Gegebenenfalls werden zusätzlich neurologische und elektrophysiologische Untersuchungen gemacht. Sind alle Untersuchungsdaten vorhanden, werden die Resultate besprochen, aber auch mögliche Therapievorschläge. 

MRT

Die Kernspintomografie (Magnetresonanztomografie – MRT) ist eine bildgebende Untersuchung. Über Magnetwellen werden exakte und millimeterfeine Schnittbilder des Körperinneren erzeugt. So können auch kleine Veränderungen sichtbar gemacht werden. Im Gegensatz zu einer Röntgenaufnahme ist der Körper hierbei keiner Strahlenbelastung ausgesetzt. 

Leading Medicine Guide: Viele Rückenschmerzen haben psychische Ursachen. Wie können Sie das herausfinden oder vielleicht besser „herausfiltern“? 

Diagnose rundum: „Ich baue eine Beziehung zu meinen Patienten auf!“

Dr. med. Urs Iwan Zuberbühler: Als Wirbelsäulenchirurg baue ich eine Beziehung zu meinem Patienten auf. Nach der korrekten Abklärung erläutere ich ausführlich die Untersuchungsergebnisse. Erst dann beginnt eine zielgerichtete, individuelle Therapie, zum Beispiel mit Physio, Osteopathie oder interventioneller Schmerztherapie, also Infiltration. Im Laufe der Behandlung sehe ich den Patienten regelmäßig und kontrolliere, wie erfolgreich die gezielten Interventionen verlaufen. Um psychische Ursachen der auftretenden Beschwerden zu erkennen – da muss man als Arzt sehr wachsam sein, das erfordert viel Beobachtung, Gespräch, Hinhören. In den Gesprächen erkläre ich auch, welche Mechanismen zu Beschwerden führen können. Da gehören Fehlhaltungen, Bewegungsmangel, manchmal sogar falsch ausgeübter Sport ebenso dazu wie mentale Situationen mit Stress oder Überlastung. Die Wirbelsäulenmedizin ist ein sehr komplexes Gebiet.

Was ist Infiltration bei Rückenschmerzen? 

Bei der Infiltration wird genau dort, wo der Schmerz seine Ursache hat, ein Gemisch gespritzt, das aus einem lokalen Betäubungsmittel und einem Entzündungshemmer besteht. Das reduziert Irritationen, hemmt Entzündungen – und lindert die Schmerzen. Nach einer Infiltration kann es vorübergehend zu Gefühlsstörungen oder sogar Muskelschwächen kommen. Daher ist Ruhe angesagt: am besten liegend warten, bis die Wirkung eintritt. 

Leading Medicine Guide: Das ist nun doch überraschend, dass ein Wirbelsäulenchirurg gar nicht in erster Linie operiert. 

Dr. med. Urs Iwan Zuberbühler: Selbstverständlich operieren wir! Die Operation ist in der Schmerzbehandlung aber immer die letzte Therapieoption. Tatsächlich benötigen nur rund zwanzig Prozent der Patienten aus unserer Sprechstunde eine Operation. Es gibt so viele konventionelle Möglichkeiten, Schmerzen im unteren Rückenbereich zu reduzieren. Physiotherapie einfach auf Verdacht ist allerdings oft wenig hilfreich. Etwa sechzig bis siebzig Prozent der Rückenschmerzen entstehen aufgrund degenerativer Veränderungen, da gehen wir schrittweise vor, sehen den Patienten regelmäßig und schauen, wie erfolgreich die Behandlung verläuft. 

Leading Medicine Guide: Wann muss denn wirklich operiert werden – beispielsweise bei Bandscheibenvorfällen?

Dr. med. Urs Iwan Zuberbühler: Eine Operation ist indiziert nach erfolgloser konservativer Behandlung der Schmerzen oder auch bei neurologischen Defiziten wie Gefühlsstörungen oder motorischer Schwäche im Bein. Dann sollte die OP zügig durchgeführt werden, um dauerhafte Schäden zu vermeiden. 

Bandscheibenschäden
© bilderzwerg / Fotolia

Bandscheibenvorfälle können zu achtzig Prozent gut konservativ oder mit Spritzentherapie behandelt werden. Eine Operation ist nur bei neurologischen Defiziten angesagt, dann allerdings zügig, auch hier, damit keine dauerhaften Schäden entstehen. Blasenentleerungsstörungen im Zusammenhang mit einem Bandscheibenvorfall sind beispielsweise ein Notfall. 

In einem Wirbelsäulenzentrum geht es um Diagnose, Aufklärung, Beratung und exakt angepasste Therapie“

Leading Medicine Guide: Was sollte ich als Rückenschmerzpatient in Bezug auf meine Arztwahl sinnvollerweise unternehmen? 

Dr. med. Urs Iwan Zuberbühler:  Zuerst einmal zum Hausarzt zu gehen ist ja nicht verkehrt. Wenn sich die Schmerzsituation allerdings in einer absehbaren Zeit nicht verbessert, dann sollte man sich doch zum Spezialisten überweisen lassen – was aber nicht bedeutet, dass nun gleich die OP in Angriff genommen wird. In einem Wirbelsäulenzentrum geht es um Diagnose, Aufklärung, Beratung und exakt angepasste Therapie. Reine Rückenschmerzen, die nicht auf Basis eines Wirbelkörperbruches entstehen, werden nur selten mit einer Operation korrigiert.

Leading Medicine Guide: Herr Dr. Zuberbühler – haben Sie vielen Dank für diese interessanten Ausführungen!

Ein Interview von Claudia Dechamps

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