Experteninterviews

Hopf

Ein Aneurysma im Kopf wird meist nur durch Zufall entdeckt. Viele Patienten mit dieser Diagnose werden nicht umfassend beraten, sagt Prof. Dr. Nikolai Hopf, international anerkannter Experte für minimalinvasive und endoskopische Neurochirurgie. Leading Medicine Guide spricht mit ihm über die neuen Möglichkeiten bei ungebluteten Aneurysmen im Kopf.

Ein Aneurysma ist eine heimliche und tödliche Gefahr. Können Sie uns näher erklären warum?

Prof. Dr. Hopf: Unter einem Aneurysma verstehen wir Mediziner die Aussackung einer Gefäßwand. Solche ballonartigen Ausbuchtungen spürt man meist nicht. Nur wenn sie auf Nerven oder Hirngewebe drücken, können sie Symptome verursachen. Daher bleibt ein Aneurysma auch verborgen, denn niemand lässt sich regelmäßig daraufhin durchchecken. Gefährlich sind Aneurysmen an Arterien, den unter Druck stehenden Schlagadern. Meist treten Aneurysmen an der Bauchschlagader – der Aorta – auf. Sie können aber auch in den Arterien der Brust oder des Gehirns vorkommen. Entdeckt wird ein Aneurysma meist eher durch Zufall, bei einem Ultraschall, bei genauen Untersuchungen infolge eines Unfalls, bei einem Hirnscan wegen heftiger Kopfschmerzen zum Beispiel. Gefährlich sind Aneurysmen, weil die dünne, ausgesackte Stelle plötzlich und ohne Vorwarnung platzen kann. Wenn beispielsweise ein Hirnaneurysma reißt, setzen akut sehr starke Kopfschmerzen ein, Übelkeit, Benommenheit bis zur Bewusstlosigkeit oder Koma. Leider ist es so, dass sich nur ein Drittel der Patienten von einer solchen Ruptur wieder erholt, ein Drittel bleibt dauerhaft beeinträchtigt, ähnlich wie nach einem Schlaganfall. Und für ein Drittel verläuft der Riss eines Hirnaneurysmas tödlich.

Kann man etwas zur Vorbeugung tun?

Prof. Dr. Hopf: Aneurysmen können angeboren sein. Viele Menschen laufen möglicherweise damit herum, ohne es zu wissen. Aus Studien wissen wir, dass die Mehrzahl der kleinen, runden Aneurysmen kein hohes Risiko haben zu reißen. Die Gefahr für ein Aneurysma steigt mit dem Lebensalter, die Adern verlieren einfach an Elastizität. Vorbeugend kann man eigentlich nichts tun. Ein gesunder Lebensstil ist die beste Präventionsmaßnahme, denn Bluthochdruck und Rauchen beispielsweise schädigen die Gefäße und gehen mit einer erhöhten Rupturgefahr einher, sind aber in der Regel nicht für die Entstehung von Hirnaneurysmen verantwortlich.

Durchblutung

Diagnose Hirnaneurysma – was gibt es an medizinischen Möglichkeiten?

Prof. Dr. Hopf: Hier ist in der Tat eine ausführliche Beratung über die verschiedenen Vorgehensweisen notwendig. Oft warten Ärzte ab und beobachten das Aneurysma nur. Bei Patienten mit kleineren Aneurysmen und keinen relevanten Risikofaktoren für eine Ruptur ist das eine akzeptable Option. Es gibt Patienten, die schaffen es, mit der Diagnose weiter wie bisher zu leben. Das ist in meinen Augen aber ein enormer psychischer Kraftakt. Gerade bei jungen Patienten sollte man daher auch sogenannte „stabile“ Gehirnaneurysmem nicht unbehandelt lassen. Wir haben heute verschiedene technische Möglichkeiten für eine schonende Behandlung. Ich will es einmal grob unterteilen: Einmal wird die Aussackung von innen stabilisiert. Oder aber wir gehen von außen an die Aussackung heran.

Stabilisierung von innen, das ist wahrscheinlich so ähnlich wie wir es von einem Stent her kennen?

Prof. Dr. Hopf: Genau, der Zugang zu der riskanten Stelle erfolgt endovaskulär (über eine Arterie). Vor Ort wird dann ein Stent platziert, um den Blutfluss von der dünnen Wandstelle wegzulenken und die Gefäßwand zu stabilisieren. Oder es werden durch ein sogenanntes „Coiling“ Platinspiralen in die Aussackung eingebracht, die dafür sorgen, dass das Blut in der Aussackung gerinnt und einen verschließenden Thrombus bildet. Je nach Diagnose müssen auch Stent und Coils miteinander kombiniert werden. Nachteilig an dieser Methode ist, dass sich die Spiralen kompaktieren oder verschieben können und die Patienten in der Regel für den Rest des Lebens blutverdünnende Mittel einnehmen müssen. 

Stent


Was sind eigentlich genau Stent und Coil? 

Ein Stent stützt das Gefäß von innen. Das Implantat ist eine röhrenförmige Spirale aus Kunststoff oder Metall. Die Prothese wird im Gefäß platziert und hält den Durchfluss frei. 

Coils sind winzige Platinspiralen, die in die Aussackung eines Gefäßes geschoben werden. Das Aneurysma wird gewissermaßen mit Coils vollgepackt. Das Blut stockt in den Coil-Maschen, das Aneurysma ist geschlossen.


Wenn man von außen an das ausgesackte Gefäß herangeht, wie sieht das aus?

Prof. Dr. Hopf: Nach der konventionellen Methode müsste in diesem Fall der Schädel groß geöffnet werden – eine risikoreiche und traumatische Angelegenheit für den Patienten. Mit einem minimalinvasiven und endoskopischen Zugang können wir je nach Lage des Aneurysmas die kritische Stelle über ein ganz kleines Operationsfeld erreichen, was den Patienten schont. Wenn wir von außen das Aneurysma erreicht haben, wird die Aussackung mit einem kleinen Clip abgeklemmt. Die dünne Stelle wird sozusagen zusammengezwickt, das Gefäß heilt von innen, es ist wieder stabil. Der Clip verbleibt ein Leben lang an der Stelle und wird nicht bemerkt.

Der minimalinvasive neurochirurgische Eingriff erfordert natürlich umfangreiche Erfahrung des Operateurs und eine detaillierte Planung der OP. In jedem Fall ist es aber ein sehr schonendes und erfolgversprechendes Verfahren, das den Betroffenen Lebensqualität zurückgeben kann.

Lieber Herr Professor Hopf, haben Sie vielen Dank für das interessante Gespräch! 

Wollen Sie mehr über Professor Hopf erfahren oder direkt Kontakt zu ihm aufnehmen? Dann besuchen Sie Leading Medicine Guide. 


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