Experteninterviews

Vor einigen Wochen trafen wir den medizinischen Experten für Phlebologie, Dr. Pelle aus Wohlen (bei Zürich) auf den ersten SWISS HERNIA DAYS.Dr. Pelle ist unter anderem spezialisiert auf die operative Therapie von Krampfadern, Miniphlebektomie, endovenöse, endoluminale Katheterbehandlung, Besenreiser-Varizen, Hämorrhoidalleiden, Wundbehandlung und Kompressionsbehandlung bei Ulcus cruris.Warum aber genau dieser Schwerpunkt? Was hat den Mediziner besonders geprägt, als er noch als Chirurg tätig war und warum der Umzug von Deutschland in die Schweiz? Wir freuen uns, Ihnen Dr. Pelle nun etwas näher vorzustellen:
Sehr geehrter Herr Dr. Pelle, Sie haben zunächst Humanmedizin in Aachen studiert. Wie kam es zu Ihre Spezialisierung auf Phlebologie und Ambulante Operationen?
Dr. Pelle: Ich hatte zunächst nach meinem Studium die Facharzt Ausbildung zum Chirurgen gemacht und bis 2002 in deutschen Kliniken gearbeitet, zuletzt als stellvertretender Chefarzt. Aufgrund zunehmender Bevormundung seitens der Krankenhausträger und Krankenhausmanagement habe ich mich 2002 in die Niederlande begeben.  Dort erwartete mich ein anderes Gesundheitssystem. Chirurgen arbeiten in der Regel selbstständig mit mehreren gleichberechtigten Chirurgen in einer Praxis an einem Krankenhaus/Spital und führen sowohl die ambulanten als auch stationären Behandlungen einschließlich der Notfallbehandlung durch. Vor allem war die ambulante Chirurgie in den Arbeitsalltag integriert. Ich habe in den Niederlanden gesehen, dass sehr viele Operationen in örtlicher Betäubung bzw. Regionalanästhesie getätigt werden können. In der Praxis ist dies organisatorisch viel einfacher und ohne einen großen administrativen Aufwand möglich. Hierdurch wird der Patienten Komfort und die Sicherheit erheblich erhöht und es kann auch ein Beitrag zum verantwortungsvollen Umgang mit Kosten im Gesundheitswesen geleistet werden.Auch gibt es viel weniger krankenhausbezogene Infektionen. In der Schweiz, wo ich jetzt lebe und arbeite, gibt es nur sehr wenige Chirurgen, die in einer eigenen Praxis ambulant operieren wollen und können, denn dies ist - anders als z.B. in den Niederlanden - kein Teil der Facharzt Ausbildung. Bei allen ambulanten Operationen handelt es sich um kleinere und mittlere Eingriffe, diese können jedoch auch gut und schlecht durchgeführt werden. Es erfordert viel Geschick, eine entsprechende Kommunikationsfähigkeit (man muss während der Eingriffe ständig mit dem Patienten in Kontakt bleiben) und man muss die eigenen Grenzen sehr gut kennen. Gute Kenntnisse in der Anatomie sind zusätzlich für die entsprechende Betäubung sehr hilfreich.

Sie sind zusätzlich Phlebologe. Wie ist hier die Verschiebung von der stationären in die ambulante Versorgung?
Dr. Pelle: Gerade die Phlebologie ist ein Paradebeispiel dafür. Durch die Neuerungen in den Therapiemöglichkeiten
  • Einsatz des Ultraschall
  • Neue Katheter - Techniken (endovenös thermische Ablation der Stammvenen mittels Laser- und Radiowellen-Technik)
  • Ultraschallgesteuerte Verödung
  • Tumeszenz-Anästhesie
ist es möglich geworden nahezu 95% aller erforderlichen Eingriffe zur Therapie der chronisch venösen Insuffizienz ambulant in örtlicher Betäubung durchzuführen! Viele ausgezeichnete Studien zeigen auf einem hohen Evidenz Grad die Vorteile dieser neuen Kathetertechniken, so dass bereits in vielen Ländern (Niederlande , England, Kanada USA, Skandinavien) die führenden Fachgesellschaften für Gefäßchirurgie in Ihren Richtlinien und Algorithmen zur Behandlung der chronisch venösen Insuffizienz ,die endovenös thermischen Katheter- Techniken als Therapie der 1. Wahl propagieren. 

Ist es richtig, dass die klassische Crossektomie und Stripping Operation, die bisher den Goldstandard darstellten, eigentlich nur noch in Ausnahmefällen erforderlich sind. Was sind die wesentlichen Vorteile?
Dr. Pelle: Die Vorteile kann man wie folgt zusammenfassen:
  • Verkürzung der mittleren Arbeitsunfähigkeit von 2-3 Wochen nach der Crossektomie und Strippingoperation auf maximal 3 Tagen
  • Sehr schmerzarme Behandlung, das heisst sehr gute Durchführbarkeit in örtlicher Betäubung. Aber auch nach der Operation haben die Patienten nahezu keine Schmerzen, 80% meiner Patienten brauchen keine Schmerzmedikamente postoperativ.
  • Ein weiterer Vorteil ist das nach der Operation nur für ca. 10 Tage Kompressionsstrümpfe getragen werden müssen, im Gegensatz zu 6 Wochen nach der OP
  • Zuletzt spielt auch das kosmetische Ergebnis eine grosse Rolle. Bei den Kathetertechniken gibt es keinerlei Narben.
Ich habe bereits 2007 (damals noch in den Niederlanden) die neuen Techniken aufgegriffen und in unserer Klinik eingeführt. Ganz schnell konnten wir die gesamte Phlebologie aus dem Klinikbetrieb in ein Ambulatorium ausgliedern. Somit konnten wir Platz schaffen beziehungsweise die Wartezeiten verkürzen für Patienten, die dringlicher Operationen unter stationären Bedingungen benötigten.In 2007 waren wir eine der ersten 3 Kliniken, die damit begonnen haben. Mittlerweile werden mehr als 90% aller erforderlichen Venen-Eingriffe in den Niederlanden ambulant durchgeführt. 

Kommen wir noch einmal zurück zum Anfang: Sie behandeln Krampfadern, Hämorrhoidalleiden, Leistenbrüche. Was ist ihr ganz persönliches Steckenpferd?
Dr. Pelle: In den letzten 3 Jahrzehnten gab es natürlich durch die Entwicklung minimal invasiver Techniken in der Chirurgie eine Art Revolution. Viele Patienten profitieren von diesen Techniken mit kleinen Zugangswegen und mehr Respekt vor anatomischen Strukturen. Am Anfang meiner Ausbildung galt noch der Satz „ großer Chirurg, großer Schnitt“ mittlerweile ist dies völlig umgekehrt! Mein damaliger Chef hatte erkannt, dass dies die Zukunft ist und mich bereits Anfang der 1990er auf entsprechende Fortbildungskurse im Rahmen der Laparoskopie geschickt. Auch durch die Verbesserung der Ultraschall-Techniken haben sich vor allem auch im Rahmen der Gefäßchirurgie viele Dinge verbessert und den gezielten Einsatz minimal invasiver Kathetertechniken möglich gemacht. Persönlich sind somit alle minimal invasiv möglichen Eingriffe mein Steckenpferd geworden. Es ist immer noch faszinierend zu sehen wie schnell sich Patienten auch nach großen Darm-Eingriffen z.B. beim Darmkrebs nach den Eingriffen erholen, wenn diese minimal invasiv mit der Schlüsselloch Chirurgie durchgeführt worden sind.Den Ultraschall richtig einsetzen, können bisher nur wenige Chirurgen. Hierbei fasziniert mich, wie mit Hilfe der Ultraschalltechnik bestimmte Strukturen dargestellt werden können und pathologische Veränderungen im Körper nicht nur erkannt werden, sondern auch einer gezielten Therapie, ohne umgebende Strukturen zu verletzen, zugeführt werden können. Dies ist häufig in örtlicher Betäubung möglich. Daher führe ich mit viel Freude und mittlerweile seit 10 Jahren sehr erfolgreich die Katheter Operationen im Rahmen der Phlebologie durch.

Und wieso sind Krampfadern - die uns in der Regel nicht wirklich bedrohlich vorkommen - trotzdem nicht zu unterschätzen?
Dr. Pelle: Die sichtbaren Krampfadern sind im Prinzip nur die Spitze des Eisbergs. Dem Krampfaderleiden liegt vor allem eine Störung der Venenklappenfunktion zugrunde. Diese haben eine Art Rückschlagventil-Funktion und garantieren bei guter Funktion einen „Einrichtungsverkehr“ der Blutströmung in den Beinen gegen die Schwerkraft zurück zum Herzen. Diesen Störungen in der Funktion der Venenklappen liegt ein multifaktorielles Geschehen zugrunde. Hier spielen vor allem erbliche Faktoren, aber auch Stoffwechselerkrankungen, stehender Beruf, Übergewicht, Hormonmedikation/Pille, Nikotinabusus eine große Rolle, wobei häufig mehrere Faktoren zusammenkommen.Es kommt bei einer Beschädigung der Venenklappen zu einer Druckerhöhung im venösen Gefäßsystem, eine Art Rückstau. Zuerst sind die oberflächigen Venen betroffen, im weiteren Verlauf, wenn keine Behandlung stattfindet, werden auch die tiefen Venen zunehmend betroffen. Es kommt zur Ausbildung von Ödemen in den Beinen. Zusätzlich werden die Beine müde und schwer. Im weiteren Verlauf kann es dann zu Hautveränderungen mit bräunlicher Verfärbung, zu Ekzemen und auch zu Haut-Durchblutungsstörungen mit eventuellen Ulzerationen, dem Ulcus cruris kommen. Durch die zusätzlich vorliegende zunehmende Druckerhöhung in den tiefen Venen steigt auch die Thrombosegefahr an.

Wie kam es zum Wechsel im Jahr 2011 nach Wohlen in die Schweiz? Gab es einen besonderen Grund?
Dr. Pelle: Für einen Wechsel gab es mehrere Gründe
  1. Wie überall bestimmen zunehmend betriebswirtschaftliche Zwänge den Klinikbetrieb. Immer mehr Patienten müssen in kürzerer Zeit behandelt werden. Es gab Zeiten in denen ich an einem Vormittag 40-50 Patienten in der Sprechstunde behandeln musste. Eine gute Arzt-Patienten-Beziehung konnte ich so nie aufbauen. Assistenten machten die Voruntersuchungen und als Chirurg hat man letztlich Patienten operiert, die durch eine anderen Kollegen untersucht worden waren.
  2. Eine zunehmende Belastung waren auch die Nachtdienste. Der Personalschlüssel war leider so niedrig, dass man nach einem anstrengenden Nachtdienst meist am darauffolgenden Tag weiterarbeiten musste. Mit zunehmendem Alter wird dies immer schwieriger und ein permanent übermüdeter Chirurg hat meiner Meinung nach im Operationssaal nichts verloren.
  3. Die zunehmende Einmischung von sogenannten Gesundheitsökonomen und Managern, die enorm zeitraubende administrative Zusatzaufgaben forderten, nahmen mir viel wertvolle Zeit, mich meiner ärztlichen Aufgabe wirklich zu widmen.
Ich habe leider eine Art "Fließband-Medizin" während meiner beruflichen Laufbahn kennengelernt. Somit fiel die Entscheidung nicht schwer, mich als Chirurg selbstständig zu machen. Dass ich letztlich in der Schweiz gelandet bin, habe ich einer Stellenausschreibung im deutschen Ärzteblatt zu verdanken. Eine chirurgische Praxis im Kanton Aargau, in unmittelbarer Nähe zu Zürich. Seither genieße ich jeden Tag und kann endlich meiner ärztlichen Berufung nachgehen.
Vielen Dank für das sehr interessante Gespräch, Herr Dr. Pelle! 

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