Urologie-Spezialist Dr. Hefty: „Blasenkrebs ist ein Stiefkind!“

29.10.2021
Matthias Kühn
Redakteur

Krebserkrankungen der Harnblase nennt er „das vergessene Karzinom“: Als renommierter Urologe legte Dr. med. Robert Hefty seinen Fokus schon früh auf den Blasenkrebs. Kein Wunder also, dass er sich sofort am Projekt „Blasenkrebs Roadshow 2021“ beteiligte, mit dem diese Krebsart in der Bevölkerung mehr Aufmerksamkeit erhalten soll – bei Fachärzten wie Hausärzten. So war der 20. September 2021 ein wichtiges Datum für den Chefarzt und sein Team von der Klinik für Urologie am Klinikum Heidenheim, denn der Zuspruch war enorm. Der Leading Medicine Guide sprach mit Dr. Hefty darüber – und über die Chancen, den Blick auf den Blasenkrebs in Zukunft weiterhin zu schärfen.

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Leading Medicine Guide: Als im Sommer 2021 die Blasenkrebs-Roadshow durch Deutschland und Österreich zog, waren Sie mit dem oberärztlichen Team Ihrer Klinik einer der Haltepunkte. Wie kam es dazu?

Dr. med. Robert Hefty: Dank meiner Ausbildung am Universitätsklinikum Ulm, wo übrigens erstmals die Neoblase operiert wurde (ein kontinenter Harnblasenersatz, der aus Dünndarm erstellt wird – Anm. d. Red.), habe ich mich schon lange mit dem Harnblasenkrebs beschäftigt. Mich kennen viele und ich kenne viele, die sich ebenfalls intensiv damit auseinandersetzen, auch international. Ich habe viele Kontakte, in die USA und europaweit. Selbst Australien und die asiatischen Länder sind hier auf dem aufstrebenden Ast.

Leading Medicine Guide: Sie haben Ihre Beteiligung also Ihrer ausgezeichneten Vernetzung zu verdanken?

Dr. med. Robert Hefty: Tatsächlich wurde ich von den Veranstaltern Fa Photocure® und Wolf direkt angesprochen, da ich schon jahrelang mit diesen zusammenarbeite und ich selbst viele Blasenkrebspatienten betreue. Leider ist das Blasenkarzinom im Vergleich zu Brustkrebs oder Darmkrebs in Deutschland ein absolutes Stiefkind. Im angloamerikanischen Raum werden ganze „bladder awereness“-Monate organisiert, in der die Blase große Aufmerksamkeit erhält. Da sind wir in Deutschland weit davon entfernt. Hauptbotschaft sollte sein, die Angst vor dem Urologen zu nehmen, wobei viele gar nicht wissen, dass Urologen nicht nur für die Prostata zuständig sind und sich nicht nur um Männer kümmern.

Leading Medicine Guide: Und wie lief der Tag denn ab? Der Andrang war ja groß. Gab es viele Fragen aus dem Publikum – und konnten Sie als Chefarzt auf diese Art Aufklärungsarbeit betreiben?

Dr. med. Robert Hefty: Zunächst einmal hatten wir ein perfektes Team mit den Roadshowleuten und unserer urologischen Mannschaft, die gemeinsam die Vorbereitungen getroffen haben. Wir hatten sogar Pralinen konfektionieren lassen, um Werbung für die Roadshow zu machen. Dadurch, dass wir direkt am Klinikum positioniert waren, war der Andrang an wirklich Interessierten tatsächlich groß. Wir konnten anhand eines Parcours mit verschiedenen Positionen die Leute informieren – da ging es um Risikofaktoren, Symptome, Diagnostik, Therapie und so weiter. Außerdem zeigte medizinisches Fachpersonal das neueste urologische Equipment. Insgesamt muss man den Tag der „Blasenkrebs Roadshow 2021“ in Heidenheim als wichtige Grundsteinlegung für weitere solche Veranstaltung ansehen, denn – wie gesagt – die Leute sind mit dem Thema schlichtweg nicht vertraut.

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Aufklärung tut not: Dr. med. Robert Hefty im Gespräch während der „Blasenkrebs-Roadshow“

Leading Medicine Guide: Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr bis zu 30.000 Menschen neu an Blasenkrebs. Dennoch bezeichnen Sie diese Erkrankung als „das vergessene Karzinom“. Ist das nicht ein Missverhältnis?

Dr. med. Robert Hefty: Weil nach wie vor zu wenig darüber informiert wird und weil viele das Problem „Blut im Urin“ verharmlosen! Leider ist nicht einmal beim Gemeinsamen Bundesausschuss eine gezielte Suche nach Blasenkrebs in der Vorsorge vorgesehen. Man darf nicht vergessen, dass der GBA über die Richtlinien der gesundheitlichen Versorgung bestimmt und damit entscheidet, welche Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen gezahlt werden. Immerhin steht aber das Blasenkarzinom an vierter Stelle der Tumore bei den Männern, und ohne Therapie ist es hochaggressiv.

Leading Medicine Guide: Da kam die publikumswirksame Roadshow ja gerade recht. Jetzt ist wieder einige Zeit vergangen. Wie kann es gelingen, die Bevölkerung weiterhin zu sensibilisieren – und auch die Ärzteschaft?

Dr. med. Robert Hefty: Wir hatten tatsächlich zwei Patienten, die sofort reagiert haben. Sie wurden mit akut aufgetretener Blasenblutung vorstellig. Bei der Diagnostik zeigten sich bei beiden Tumore im Anfangsstadium. Sie konnten operiert und zunächst geheilt werden, ohne ihre Blase komplett zu verlieren.

Leading Medicine Guide: Wenn vor allem bei Männern die Fallzahlen bei Blasenkarzinom steigen – wie kann man dem entgegenwirken? Was sollten die Menschen denn tun oder nicht tun, um einer solchen Erkrankung vorzubeugen? Mit anderen Worten: Was sind die Risikofaktoren?

Dr. med. Robert Hefty: Hauptrisikofaktor ist das Rauchen inklusive Ex-Rauchen – selbst wenn Leute seit zwanzig Jahren nicht mehr rauchen, wurden sie mit dem Agens konfrontiert, welches den Krebs auslöst. Fernerhin wird der Blasenkrebs als Berufskrankheit bei Mitarbeitern der Textilfärbeindustrie, bei Friseuren oder in der Lederverarbeitung anerkannt. Das heißt: Blasenkrebs spielt auch eine sozialmedizinische Rolle.

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Leading Medicine Guide: Bei Frauen ist die Krankheit zwar seltener, wird aber häufiger erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Warum denn das? Hat das etwas mit den Symptomen zu tun?

Dr. med. Robert Hefty: Nein. Die Hauptursache dafür ist, dass bei Frauen eine Blasenblutung oftmals verharmlost wird, als Harnwegsinfektion gedeutet und somit falsch therapiert wird. Fernerhin besteht die Krux, dass Patientinnen mit rezidivierenden Infekten dem Risiko der Entartung ausgesetzt sind. Bei Frauen wird das Thema „Blut im Urin“ viel zu sehr auf die leichte Schulter genommen. Frauen kommen ja in der Regel mit ihren Symptomen nicht direkt zum Urologen.

Leading Medicine Guide: In Heidenheim legten Sie bei der Roadshow auch großen Wert auf einen „Austausch auf Augenhöhe“. Das hängt doch sicher auch damit zusammen, dass Sie immer offen auf Ihre Patientinnen und Patienten zugehen, oder?

Dr. med. Robert Hefty: Generell bin ich ein sehr empathischer Mensch und versuche auf jegliche Coleur von Typen einzugehen. Deshalb werden bei uns im Klinikum Heidenheim auch absolut individuelle Therapiepläne gestrickt. Darauf lege ich sehr großen Wert! Wir orientieren uns selbstverständlich an den Leitlinien, aber nicht nur national, sondern international. Wir versuchen also, immer auf dem neuesten Stand zu sein – und nach den Maßstäben evidenzbasierter Medizin zu behandeln, also immer auf der Grundlage der besten Daten und Quellen, die uns zur Verfügung stehen. Damit nutzen wir aktuelle Informationen, die wissenschaftlich geprüft sind, und integrieren sie in unsere Therapien. So bieten wir mit bestem Knowhow „high class urologic medicine“ – also wirklich hochklassige Urologie.

Leading Medicine Guide: Herr Dr. Hefty, vielen Dank für diese Einblicke den aktuellen Stand rund um das Thema Blasenkrebs. Vielleicht kann ja dieses Interview auch ein bisschen dazu beitragen, den Fokus auf „das vergessene Karzinom“ zu legen.

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