Experteninterviews

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Übergewicht erhöht das Risiko, einen Bauchdeckenbruch oder eine Hernie zu bekommen. Durch eine Lücke in der Bauchwand drängen das Bauchfell oder Teile des Darms nach außen. Hernien sollten in jedem Fall operativ behandelt werden, sagt Dr. Bernd Stechemesser, Chirurg des Hernienzentrums Köln, Zeppelinstraße. Im Interview mit Leading Medicine Guide beschreibt der Fachchirurg die neuesten OP-Methoden in der Hernienchirurgie.

Warum besteht bei Übergewicht ein erhöhtes Risiko, einen Bauchdeckenbruch (Hernie) zu bekommen?

Dr. Bernd Stechemesser: Das ist ganz einfach zu erklären: Je mehr Gewicht, desto stärker steht die gesamte Bauchdecke unter Spannung. Das Gewebe ist stark belastet und in der Bauchdecke oder rund um den Nabel kann es zu Rissen kommen. 

Was sind die modernsten OP-Methoden heute in Sachen Hernien-Chirurgie?

Dr. Bernd Stechemesser: Modern ist heute das laparoskopische Vorgehen. Das ist eine minimalinvasive Form der Chirurgie. Durch kleine Schnitte in der Bauchdecke werden Laparoskope oder Endoskope, das sind starre Geräte von maximal einem Zentimeter Durchmesser, zum OP-Feld gebracht. Am Ende des Laparoskops befinden sich Kamera und Lichtquelle oder ein chirurgisches Werkzeug. Auch wenn wir offen operieren, werden unsere Schnitte immer kleiner. Die neueste Technik in der Hernien-Chirurgie ist die Milos- oder eMilos-Technik. Dabei wird das stützende Kunststoffnetz, mit dem wir den Riss verschließen, nicht mehr in der Bauchhöhle befestigt, sondern an der Bauchwand. Das reduziert mögliche Komplikationen erheblich, weil Netz und Darmschlingen nicht mehr miteinander in Kontakt kommen.

Hernienchirurgie

Bleibt so ein Kunststoffnetz lebenslänglich im Körper?

Dr. Bernd Stechemesser: Ja, das Bindegewebsproblem bleibt ja auch lebenslang bestehen. Doch die modernen Netze sind sehr viel großporiger, der Kunststoff ist lange haltbar und das Implantat wächst optimal in die Bauchwand ein. Auch fixieren wir es heute nur noch an vier bis sechs Punkten und vernähen es nicht mehr so großflächig wie früher. Ausgetauscht wird das Netz nur, wenn es absolut dringend notwendig ist, nach Möglichkeit versuchen wir das aber zu vermeiden.

Wenn ein Patient schon einmal eine Hernien-Operation hatte, ist er dann eher in Gefahr ein zweites Mal aus demselben Grund operiert werden zu müssen?

Dr. Bernd Stechemesser: Das hängt davon ab, mit welcher Methode er operiert wurde. Ist der Bruch nur mit einer Naht verschlossen worden, dann liegt die Wahrscheinlichkeit bei bis 60 Prozent. Wurde ein Kunststoffnetz eingesetzt, dann liegt das Risiko nur bei vier bis acht Prozent. In jedem Fall sollte man nach der OP mit Gewichtskontrolle und dem Verzicht auf Zigaretten zur eigenen Gesundheit beitragen.

Vertrauen

Ja? Warum spielen neben dem Gewicht auch Zigaretten in der Vorsorge eine Rolle?

Dr. Bernd Stechemesser: Das Rauchen verengt die Gefäße und sorgt damit für eine schlechtere Durchblutung des gesamten Körpergewebes. Gerade Narbengewebe sollte aber gut durchblutet sein, um nicht wieder zu reißen.


Rauchen nach der OP? Eine schlechte Idee

Wer raucht, weiß, dass mit jedem Konsum die Qualität von Haut und Haar negativ beeinflusst wird. Man sieht nicht nur blasser aus, auch die Haut kann extrem austrocknen und die Poren können verstopfen. Nikotin vermindert zudem die Aufnahme von Vitamin C – das wiederum wichtig für unser Immunsystem und für sämtliche Stoffwechselvorgänge wie Hormonbildung und Aufbau von Bindegewebe ist. Es fördert die Aufnahme von Eisen – einem Spurenelement, welches für den Sauerstofftransport über das Blut verantwortlich ist. Wird man also frisch operiert, sollte man unbedingt spätestens jetzt mit dem Rauchen aufhören: Nikotin führt zu Wundheilstörungen, aber auch zu kardiovaskulären Komplikationen und Blutungen.

Und wie steht es mit der Schwangerschaft?

Während der Schwangerschaft werden in den letzten Monaten die geraden Teile der Bauchmuskulatur auseinandergeschoben. Um den Nabel herum können dann manchmal sogenannte Nabelhernien entstehen. Nach der Geburt verkleinert sich dieser Bereich wieder, durch Rückbildungsgymnastik wird die Bauchdecke wieder kompakt und geschlossen. Ist eine Hernie aber auch nach der Geburt noch zu fühlen oder schmerzt, dann sollte man sich beim Facharzt beraten lassen.  


Gesund

Gehört Sport auch zur Vorbeugung?

Dr. Bernd Stechemesser: Sport sorgt für eine gute Durchblutung und ist daher in jedem Fall zu empfehlen. Nur von exzessivem Bauchtraining – um möglicherweise einen Sixpack zu erzielen – sollte man Abstand nehmen. Damit kann man sich nämlich auch einen “Bruch” zuziehen.


Was genau ist ein (Hernien-) Bruch? 

Hernien entstehen durch Schwachstellen in der Bauchwand. Schwaches Bindegewebe und hohe Druckbelastung, beispielsweise bei Übergewicht, führen dazu, dass das Bauchfell durch den Riss oder die Bruchstelle austritt. In den Bruchsack können Teile des Darms geraten. In der Regel sind Bauchwandbrüche als Wölbung zu tasten oder zu sehen. In jedem Fall sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen.


Geht es im Falle eines Bauchdeckenbruches auch ohne Hernien-Operation?

Dr. Bernd Stechemesser: Die Antwort lautet kurz und knapp: Nein. Es sollte immer operiert werden. Denn eine Hernie geht nicht von allein weg. Im Gegenteil, sie hat die Tendenz, mit der Zeit immer größer zu werden. Der Prozess kann sich über Jahre hinziehen. Aber ein Eingriff zu Beginn ist in jedem Fall komplikationsloser.

Spielt das Alter des Patienten eine Rolle?

Dr. Bernd Stechemesser: Nein, das Alter sehen wir Chirurgen nicht als Kriterium. Es kommt auf den gesamten Gesundheitszustand an. Und warum sollen wir nicht einen fitten, hochbetagten Menschen operieren und ihm damit Lebensqualität zurückgeben?

Bauch alt

Kann man auch während der Schwangerschaft eine Hernie bekommen? Die Bauchdecke steht dann ja unter starker Spannung.

Dr. Bernd Stechemesser: Ja, das kann passieren, aber die Östrogene in der Schwangerschaft machen das Bindegewebe weich und setzen so die Gefahr herab. Es kann vorkommen, dass eine schwangere Frau einen Nabelbruch bekommt, aber durch das weichere Gewebe klemmt der nicht ein und bildet sich nachher oft wieder ganz zurück. 

Vielen Dank für das interessante Gespräch und die interessanten Einblicke in die Hernienchirurgie! 

Wollen Sie mehr über ihn erfahren oder direkt Kontakt zum Arzt nehmen? Dann besuchen Sie Leading Medicine Guide.


BS326HE, LMG19 – Bildquelle: (c) Kurhan (c) fotogestoeber (c) amnaj (c) nimon_t (c) Catalin Pop – Adobe Stock.