Experteninterviews

Eine der häufigsten Erkrankungen der Hauptschlagader ist die Bildung eines Aneurysmas, eine krankhafte Erweiterung des Durchmessers eines Blutgefäßes. Es können oft lebensbedrohliche Komplikationen entstehen. Wir konnten mit Professor Weigang über diese ernstzunehmende Problematik sprechen: 

Herr Professor Weigang, nach was für Kriterien planen Sie die Operation, die ja in der Regel sehr schnell erfolgen muss?

Prof. Weigang: Zunächst muss die Indikation zur Operation geprüft und gestellt werden. Liegt der Verdacht für ein Aneurysma vor, das durchaus über einen Zeitraum von Jahrzehnten entstehen kann, wird unter anderem die Dynamik beurteilt, das heißt, wie schnell das Aneurysma wächst. Lebensgefährlich ist es, wenn bei Frauen die Größe von 5 cm und bei Männern von 5,5 cm Durchmesser erreicht oder gar überschritten ist. Wird beispielsweise festgestellt, dass ein Aneurysma von 4 cm Durchmesser vorliegt, gehe ich nach dem konservativen Prinzip „Watch And Wait“ („Beobachten und Warten“) vor. Der Patient muss nach einem halben Jahr erneut einen Ultraschall machen lassen, um die Geschwindigkeit des Wachstums des Aneurysmas zu beurteilen. Wenn innerhalb dieses Zeitraums das Aneurysma um einen halben Zentimeter gewachsen ist, besteht die Indikation für eine Operation.

Aortenaneurysma

Wie bemerkt der Patient überhaupt ein Aneurysma?

Prof. Weigang: Es gibt ein symptomatisches, operationspflichtiges Aneurysma, das sich durch Schmerzen in der Lendenwirbelsäule bemerkbar macht. Einige Patienten kommen daher auch durch die Überweisung aus der Orthopädie. Auch ziehende Bauchschmerzen können Symptome eines Aortenaneurysmas sein. Die asymptomische Entwicklung ist gefährlicher, da sich hier etwas schleichend entwickelt und im Körper „schlummert“. Dies ist dann wie eine tickende Zeitbombe, und die Gefahr zu verbluten ist hoch. Es ist daher wichtig, rechtzeitig eine Untersuchung vornehmen zu lassen. Seit dem 1. Januar 2018 werden Ultraschallvorsorgeuntersuchungen der Bauchaorta übrigens von den gesetzlichen Krankenkassen für Männer über 65 Jahre übernommen.

Operationen am Aortenbogen stellen eine spezielle Herausforderung dar. Der Aortenbogen ist der Abschnitt der Hauptschlagader (Aorta) in unmittelbarer Nähe zu deren Ursprung aus dem Herz. Der Aortenbogen liegt außerhalb der Herzbeutelhöhle. Hier entspringen die Hauptgefäßstämme für den Kopf, Hals und die obere Extremität. Wird eine Operation am Aortenbogen durchgeführt, ist es erforderlich, einen Kreislaufstillstand des Patienten herbeizuführen. Erklären Sie bitte kurz, warum das notwendig ist und welche Risiken bestehen.

Prof. Weigang: Diese Operationen werden ausschließlich von Herzchirurgen durchgeführt. Als ich ein junger Mediziner war, fand ich die Vorstellung „gruselig“, dass der Patient auf dem Operationstisch klinisch tot ist, da ja der Kreislauf unterbrochen ist. Aber durch Rettungsmaßnahmen, die zum Beispiel bei Lawinenopfern durchgeführt werden, weiß man, dass Menschen mit einer starken Unterkühlung von nur noch 20 Grad erfolgreich wiederbelebt werden können. Das Gehirn benötigt nämlich bei einer Unterkühlung weniger Sauerstoff. Im Operationssaal bedeutet das faktisch, dass während der Operation sowohl das EKG und das EEG sich auf der Null-Linie befinden. Der Operateur hat dann nur 30 Minuten Zeit, um den Aortenbogen zu reparieren, sonst drohen Hirnschädigungen beim Patienten. Nach der Operation wird der Patient dann wieder erwärmt. Ich habe eine alternative Operationstechnik entwickelt, bei der das Gehirn während der Operation im Aortenbogen weiter mit Blut versorgt wird, was für den Patienten eine größere Sicherheit mitbringt. Daher liegen die Komplikationsraten bei Operationen am Aortenbogen bei von mir durchgeführten Operationen unter 3%. Die alte Operationstechnik sieht den Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine vor, die ich bei meiner OP-Technik nicht benötige.

Blutfluss

Das Hubertus Krankenhaus in Berlin verfügt über einen modernen Hybrid-Operationssaal. Hierin verbinden sich die Fachbereiche Radiologie, Angiologie (Innere Medizin) und Gefäßchirurgie. Was für Vorteile ergeben sich dadurch genau für den Patienten?

Prof. Weigang: Unser Hybridoperationssaal bringt dem Patienten mehr Sicherheit und Komfort. Seit 2014 steht uns dieser zur Verfügung, und man kann sagen, dass seit diesem Zeitpunkt eine neue Ära der Gefäßchirurgie eingeläutet wurde. Die Anwendung von interventionellen katheterbasierten Techniken, verbesserten radiologischen Verfahren und minimalinvasiven Operationstechniken werden zu sogenannten Hybridkonzepten vereint. Ausgestattet mit modernster radiologischer Bildgebung in Form einer High-Tech-Angiografieanlage, besitzt der Operationssaal alle hygienischen Merkmale eines klassischen Operationssaals. Vor allem Hochrisikopatienten profitieren von der Zusammenführung von chirurgischen und interventionellen Verfahren, da hierdurch das beste Behandlungskonzept herausgearbeitet werden kann. Die Eingriffe werden insgesamt sicherer und schonender.


Als interventionell bezeichnet man Diagnose- oder Therapieverfahren, bei denen, im Gegensatz zum konservativen Vorgehen, gezielte Eingriffe (Interventionen) am erkrankten Gewebe vornehmen, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.


Professor Dr. Weigang, Sie und Ihr Team operieren mit Stents und Stentgrafts. Das sind kleine Implantate, die ein verschlossenes Gefäß wieder öffnen oder bei Aussackungen von innen schienen. Einige Stentgrafts werden für den Patienten maßgefertigt. Wie muss man sich das vorstellen?

Prof. Weigang: Zunächst muss man zwischen Stents und Stentgrafts unterscheiden. Stents sind Gefäßstützen aus Draht oder Metall, die mithilfe eines Ballons aufgedehnt oder selbstexpandierend sind und im Gefäß aufspringen, so dass das betroffene Gefäß langfristig offen bleibt. Stentsgrafts sind auch selbstexpandierend und springen auch von alleine auf, sind jedoch mit einem wasserdichten Material, ähnlich wie Goretex, umgeben. Innerhalb des Aneurysmas sitzt der Stentgraft wie eine Schiene an der Gefäßwand. Aussackungen des Aneurysmas werden dadurch abgestützt oder stillgelegt. Im Idealfall schrumpft das Aneurysmabindegewebe zusammen und kann so nicht mehr platzen. Der Großteil unserer Patienten kann mit Standard-Stentgrafts behandelt werden. Wenn aber beispielsweise ein Aneurysma oberhalb der Nierenarterien liegt, lässt sich ein Standardprodukt nicht verwenden, da im Zweifelsfall die Blutversorgung der Nieren, Leber- und Milz- und Darmgefäße abgeschnitten würde. In so einem Fall kommt eine Maßanfertigung in Frage. Denn nur mit einer individuell angepassten Stentprothese können spiegelbildlich die kleinen Seitenäste der betroffenen Gefäße in die fenestrierte Stentprothese eingebaut werden.

Stent

Kann so eine Maßanfertigung jeder bekommen?

Prof. Weigang: Die Maßanfertigung dieser Implantate ist ein längerer Prozess. Zunächst muss beim Patienten ein CT mit Kontrastmittel gemacht werden. Sie müssen sich das so vorstellen, als ob der Mensch bildlich in Scheiben von ca. 1 mm zerschnitten wird. Diese Aufnahmen werden dann digitalisiert, und eine 3D Rekonstruktion wird angefertigt. Je dünner die Schichten sind, desto schärfer und genauer ist die Bildgebung. Es gibt insgesamt vier Hersteller, die diese Individualimplantate herstellen: in Deutschland, in Schottland, den USA und in Australien. Einer der ausgewählten Firmen erstellt dann ein gemäß der Anatomie der Patientenaorta nach dem 3D Modell einen Prototypen. Hierin führen wir eine Probeimplantation durch, und erst dann wird das Implantat fertig produziert. Ähnlich wie beim Hausbau erhalten wir von den Herstellerfirmen Konstruktionszeichnungen, in denen die Seitenärmchen der Gefäße eingearbeitet sind. Diese individuell hergestellten Implantate sind genehmigungspflichtig, da der Aufwand und die Kosten zur Erstellung sehr hoch sind. Wir müssen daher vor Beginn der Produktion des Stentgrafts bei der jeweiligen Krankenkasse einen Antrag stellen, was zum Teil vom Medizinischen Dienst der Krankenkasse bearbeitet wird, da eine entsprechende Expertise zur Beurteilung des Falles natürlich gegeben sein muss. Diese Überprüfung kann durchaus 1-2 Wochen dauern. Wenn die Kostenübernahme genehmigt wird, lösen wir den Auftrag zur Produktion aus.

Was raten Sie Patienten grundsätzlich, die ein Aneurysma haben, welches aber noch nicht operativ behandelt werden muss?

Prof. Weigang: Grundsätzlich sollten große körperliche Anstrengungen vermieden werden. Der betroffene Patient sollte stets den Blutdruck und den Stuhlgang im Auge behalten und bei Auffälligkeiten den behandelnden Arzt zur Kontrolle aufsuchen.

Prof. Weigang, wir bedanken uns herzlich für das interessante Gespräch und Ihre Zeit!


Weigang

Über den Facharzt Professor Weigang

Prof. Dr. med. Ernst Weigang ist seit 2013 Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie und endovaskuläre Therapie im Evangelischen Krankenhaus Hubertus Berlin. Er ist vor allem auf dem Gebiet der minimalinvasiven, endovaskulären Gefäßtherapie eine Koryphäe, ist aber auch auf alle großen Aorten- und Gefäßoperationen spezialisiert. Unter seiner Leitung werden jährlich über 1600 Gefäßoperationen durchgeführt.

Prof. Dr. Weigang etablierte das Aortenzentrum Berlin, das im zertifizierten Gefäßzentrum Berlin Brandenburg integriert ist. Dort ist es möglich, die gesamte Hauptschlagader (Aorta) im Brust- und Bauchraum zu versorgen. Die Aorta entspringt aus der linken Seite des Herzens und leitet das Blut aus der linken Herzkammer (linker Ventrikel) in die Gefäße des großen Blutkreislaufs. Eine Operation in dieser Region stellt einen riskanten Eingriff dar – doch dank der Expertise von Prof. Weigang liegt die Komplikationsrate weit unter dem Bundesdurchschnitt.

Auch Eingriffe am Aortenbogen, dem Abschnitt in unmittelbarer Nähe zu deren Ursprung aus dem Herzen, und der thorakabdominalen Aorta (zwischen Brust und Bauch) werden vorgenommen. Der am meisten durchgeführte und hochgradig komplexe Eingriff ist aber der an der Hauptschlagader im Bauchraum. Dieser wird entweder minimalinvasiv endovaskulär oder offen durchgeführt. Einzigartig hierbei ist der Einsatz eines individuell angefertigten Stentgrafts (Kombination aus einem stabilisierenden Drahtgeflecht (= Stent) und einem künstlichen Blutgefäß aus Kunststoff (= Gefäßprothese).


Wollen Sie mehr über Professor Weigang erfahren? Dann besuchen Sie Leading Medicine Guide. Hier können Sie direkt Kontakt zu ihm aufnehmen.

EW286GC, LMG19 / Bildquelle: (c) 7activestudio, (c) Henrie, (c) Bergringfoto – Adobe Stock.