Experteninterviews

Hopf

Die moderne minimalinvasive und endoskopische Neurochirurgie braucht neben einer hervorragenden technischen Ausstattung auch Operateure mit einer umfassenden und langjährigen Expertise auf diesem Gebiet. Mit Prof. Dr. Nikolai Hopf, dem international anerkannten Experten und Vorreiter dieser Methoden spricht Leading Medicine Guide über die neuen Möglichkeiten dieser anspruchsvollen Mikrochirurgie.

Guten Tag Herr Professor Hopf. Haben Sie vielen Dank, dass Sie sich etwas Zeit für das Interview genommen haben. Heute möchten wir gerne über minimalinvasive und endoskopische Neurochirurgie sprechen. Was sind Ihrer Meinung nach die Vorteile? 

Prof. Dr. Hopf: Jede Operation ist ein Trauma. Viele Komplikationen und Risiken entstehen durch den Zugang, den wir Operateure uns zum Körper verschaffen müssen. Je größer der Schnitt, desto größer ist die Belastung für den Körper. Mit minimalinvasiven Eingriffen können wir den Operationsweg verändern und viele Risiken erheblich reduzieren. 

OP

Den Operationsweg verändern – können Sie das für medizinische Laien etwas näher beschreiben?

Prof. Dr. Hopf: Wir Neurochirurgen sind auf einem höchst sensiblen Gebiet unterwegs, meist ist es das Gehirn mit seinen komplexen, empfindlichen Strukturen. Ein großer Schnitt bedeutet mehr Blutverlust, höheres Infektionsrisiko und mehr Zeit für das Öffnen und Schließen der Wunde. Mit einem minimalinvasiven Zugang kann man das nicht nur reduzieren, sondern sozusagen auch “neue Wege gehen” und dabei empfindliche Strukturen des Gehirns schonen oder ganz umgehen. So kann man beispielsweise über die Nase von unten an bestimmte Schädelbasistumore gelangen und muss sich nicht entlang des Hirns selbst vorarbeiten. Das erfordert natürlich eine ganz genaue intensive Planung der Operationsschritte und eine spezielle Technik. 

Wie können Neurochirurgen diese neue Technik erlernen?

Prof. Dr. Hopf: Zusammen mit meinem Kollegen Prof. Dr. Robert Reisch habe ich das Endomin-College gegründet, wo klassisch ausgebildete Neurochirurgen in Theorie und Praxis an die neuen minimalinvasiven und endoskopischen Möglichkeiten in diesem Fachgebiet herangeführt werden. Neben den verschiedenen Stufen der Ausbildung bieten wir auch einen Support vor Ort, indem wir fortgeschrittene Kollegen in ihrem jeweiligen Krankenhaus bei Operationen unterstützen. Dazu empfehlen wir ein einjähriges Fellowship in einem entsprechenden Fachzentrum

Neurologie

Ein Leiden, das etwa zehn Prozent der Bevölkerung trifft, ist die Trigeminusneuralgie, ein heftiger Gesichtsschmerz, der sich anfallsweise wiederholt und das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigt. Mit welchen neuen Methoden können Sie als Neurochirurg helfen?

Prof. Dr. Hopf: Die Trigeminusneuralgie entsteht durch einen Gefäß-Nervenkonflikt. Der bei den betroffenen Patienten an einer Stelle nicht optimal isolierte Trigeminusnerv wird durch ein genau dort verlaufendes Blutgefäß irritiert. Medikamente helfen hier im ersten Schritt. Die Patienten gewöhnen sich aber mit der Zeit an die Wirkstoffe und benötigen immer höhere Dosen. Dies führt meist zu starken Nebenwirkungen. 

Dann gibt es Verfahren, die den Trigeminusnerv gezielt schädigen und dadurch unempfindlich machen sollen, wie die radiochirurgische Bestrahlung oder Thermokoagulation. Diese „destruktiven“ Verfahren wirken ebenfalls meist nur eine bestimmte Zeit. 

Die effektivste Behandlung ist die Beseitigung der Ursache selbst, also den Gefäß-Nervenkonflikt zu beseitigen. Mit der herkömmlichen Technik ist das ein belastender Eingriff. Mit der endoskopischen Technik setzen wir dagegen nur einen kleinen, etwa drei Zentimeter langen Schnitt hinter dem Ohr, öffnen den Schädelknochen nur fingernagelgroß und polstern dann mit einem kleinen Teflonschwämmchen den Nerv an der irritierten Stelle ab. Die Risiken dieses Eingriffs sind sehr gering, die OP dauert etwa eine Stunde, der Blutverlust beträgt nur etwa 20 Milliliter.

Scan

Wie geht es für die Patienten nach der OP weiter? 

Prof. Dr. Hopf: Drei Tage nach der OP können die Patienten das Krankenhaus verlassen, nach weiteren drei Wochen sind sie wieder ganz erholt. Die Teflonwatte verbleibt im Körper, die Erfolgschancen des Eingriffs sind sehr gut, über 90 Prozent der behandelten Patienten bleiben auch Jahre später nahezu schmerzfrei. Zur Nachsorge gehören ambulante Kontrollen. Mit der endoskopischen Technik können wir gerade auch älteren Patienten ein schonendes Verfahren zur ursächlichen Behandlung der Trigeminusneuralgie anbieten – mit gutem Gewissen. 

Sogar Schwindel kann man neurochirurgisch behandeln. Können Sie näher erklären, wie das geschieht?

Prof. Dr. Hopf: Hirnnerven-Kompressionssyndrome gibt es mit Beteiligung verschiedener Nerven. Auch der Hör- und Gleichgewichtsnerv kann – ähnlich wie der Trigeminusnerv – von so einem Gefäß-Nervenkonflikt betroffen sein, was wiederum zu Schwindelattacken führt. Die Diagnosestellung ist hier allerdings schwieriger, weil die Betroffenen den Schwindel kaum präzise verorten können. In Deutschland gibt es verschiedene Schwindelzentren, die mit dieser relativ unbekannten Erkrankung recht viel Erfahrung haben. Wie gesagt, es kommt in erster Linie auf den Diagnostiker an, der die Stelle des Konflikts lokalisieren muss und dann natürlich auf den Operateur. Das Verfahren ist ähnlich der Trigeminus-Operation. In Deutschland gibt es bisher leider nur wenige Operateure, die diesen minimalinvasiven Eingriff anwenden.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Herr Professor Hopf!

Erfahren Sie hier mehr über den Arzt Professor Hopf. Und wenn Sie Fragen haben, können Sie ihn auch direkt kontaktieren. 


Gut zu wissen…

Minimalinvasiv

Die Neurochirurgie diagnostiziert, behandelt und operiert alle Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems. Dazu zählen das Gehirn, das Rückenmark und alle Nervenbahnen, die vom Gehirn und Rückenmark in die verschiedenen Körperregionen verlaufen. 

Bei der minimalinvasiven Chirurgie wird nur ein kleiner Schnitt gemacht, durch den ein Endoskop in den Körper eingeführt wird. Am Monitor kann der Chirurg sein Operationsfeld und seine Arbeitsschritte genau sehen. Minimalinvasive Operationen sind wegen der kleinen Schnitte wesentlich schonender für den Patienten, die Infektionsgefahr ist geringer, die Wundheilung besser. 

Ein Endoskop ist ein langstieliges, starres oder schlauchförmiges Instrument. In der Neurochirurgie verwendete Endoskope haben einen Durchmesser von nur wenigen Millimetern. An der Spitze ist es mit Kamera und Lichtquelle, bei bestimmten Eingriffen auch mit chirurgischem Instrument ausgestattet. 


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