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„Der Motor unseres Körpers!“ Professor Albert und das Herz

18.05.2020
Leading Medicine Guide Redaktion
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Leading Medicine Guide Redaktion

Ohne Herz kein Leben – so einfach ist das! Als verantwortliches Organ für die Sauerstoff- und Nährstoffzufuhr hält die zentrale Pumpe als Motor unseres Körpers den Blutkreislauf in Gang. Sechzig bis achtzig Mal schlägt das menschliche faustgroße Herz in der Minute, damit bewegt es pro Tag rund 7000 Liter Blut im Körper. Das faszinierende Hohlorgan wird von einer Scheidewand in zwei Hälften geteilt, wobei jede Hälfte aus einem Vorhof und einer Kammer besteht. Sauerstoffreiches Blut wird links durch die Aorta, die Schlagader, in den Kreislauf hinein gepumpt, rechts wird das verbrauchte sauerstoffarme Blut über die rechte Kammer in den Lungenkreislauf zurückgegeben, wo das Blut sich wieder mit Sauerstoff anreichert und über die Lungenvenen wieder zum Herzen zurückfließt. Ein ausgeklügeltes System, das keine Unterbrechung duldet. Und zu dem man am besten einen ausgewiesenen Spezialisten mit großer Erfahrung befragt: Prof. Dr. Alexander Albert.

Ein Interviewbericht von Alexandra Pfitzmann

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Es gibt eine Vielzahl von Erkrankungen, die unser Herz belasten können. Glücklicherweise ist der medizinische Fortschritt auch im Bereich der Kardiologie und Herzchirurgie enorm. Die Redaktion des Leading Medicine Guide hatte die Ehre, mit einem der weltweit führenden Herzchirurgen zu sprechen. Professor Dr. Alexander Albert zählt zu den international renommierten Spezialisten und gewährt einen spannenden Einblick in die beeindruckenden Möglichkeiten der Herzchirurgie. Seit Herbst 2019 leitet er als Direktor das Herzklinikum in Dortmund, Nordrhein-Westfalen, und blickt auf über zwanzig Jahre Berufserfahrung zurück.

Operative Eingriffe am Herzen gehören für viele Menschen noch immer zu den gefürchtetsten Operationen von allen, genauso wie etwa Operationen am Gehirn. Zu den gängigsten durchgeführten Herzoperationen gehört die Bypass-Operation, die dann notwendig wird, wenn lebensbedrohliche Verengungen der Blutgefäße bestehen. Nur dann kann eine Sauerstoffversorgung des Herzens gewährleistet werden. Der häufigste Grund für eine Bypass-Operation ist die koronare Herzerkrankung von der ca. eine Million Menschen in Deutschland betroffen sind. Stoffwechselerkrankungen, ein erhöhter Blutdruck oder Arterienverkalkung sind hierfür als Gründe zu nennen.

Operation am offenen Herzen vs. minimal-invasive Operation

Bei einer Bypass-Operation unterscheidet man zwischen einer Operation am offenen Herzen und einer minimal-invasiven Operation, bei der mittels sogenannter Schlüsselloch-Technik über sehr kleine Schnitte operiert wird. „Die Entscheidung für die operative Vorgehensweise hängt stark von der Anatomie der Herzkranzgefäße ab", erklärt Professor Dr. Alexander Albert und betont sogleich: „Diagnostische und therapeutische Vorgehensweisen werden stets in unserem interdisziplinären Team besprochen, um den individuellen Bedürfnissen des einzelnen Patienten gerecht zu werden. Persönlich operiere ich neunzig Prozent meiner Patienten minimal-invasiv". Nun muss man sich folgendes vorstellen: Bei einer offenen Herzoperation, ganz gleich, aus welchem Grund, muss das gesamte Brustbein des Menschen geöffnet werden. Dies ist schon ein massiver Eingriff, und die Heilungsdauer für den Patienten ist mit mehreren Wochen langwierig und auch mit einigen Schmerzen verbunden. Die minimal-invasive Operation am Herzen ist sehr viel schonender, erfordert aber eine hohe Expertise und Fingerfertigkeit. „Viele Chirurgen erreichen mit minimal-invasiven Operationen schlechtere Ergebnisse als mit Operationen am offenen Herzen, schlicht und ergreifend, weil die Erfahrung fehlt. Minimal-invasiv operiert man schließlich am schlagenden Herzen. Es pulsiert und bewegt sich, und dennoch muss jede Bewegung und anschließende Naht mit korrekter Stichtechnik sauber und präzise ausgeführt werden – ein besondere Herausforderung", erläutert Prof. Dr. Albert, der 2004 für ein Jahr beim „Papst" der „Off-pump"-Chirurgie war, dem belgischen Herzchirurgen Prof. Dr. Paul Sergeant, der diese Operationsmethode perfektioniert hat. „Off-pump" meint die Operation am Herzen ohne den Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine.

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Übung macht den Meister!

„Die meisten Patienten finden es gut, wenn ich ihnen erkläre, dass wir einen Eingriff ohne den Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine durchführen. Schließlich wird bei Operationen mit Herz-Lungen-Maschine das Herz stillgelegt – eine durchaus beklemmende Vorstellung. Auch dass nur kleine Schnitte notwendig sind, um zur Operationsfläche zu gelangen, ist positiv. Schlussendlich ist dadurch der Heilungsprozess deutlich verkürzt, und die gesamte Operation ist für den Patienten durch die umgangene Brustkorberöffnung weniger traumatisch", kommentiert Prof. Dr. Albert die Vorgehensweise. „Auch die anschließende Schlaganfallrate, die nach dem Einsatz von Bypässen besteht, sinkt bei schonender Operation auf unter 0,2 %. Die richtige Technik ist bei minimal-invasiven Operationen am Herzen aber entscheidend. Und hier gilt: Übung macht den Meister!", verdeutlicht Prof. Dr. Albert die Herausforderung der Operationstechnik.

Natürlich übt man nicht am lebenden Patienten. Er selbst hat mit Simulatoren regelrechte „Nähkurse" am Wohnzimmertisch durchgeführt. Bis zu 1000 Mal hat er Stich- und Nähtechniken wiederholt. „Heute operiere ich zwei- bis dreimal in der Woche Patienten mit minimal-invasiver Operationstechnik. Meist handelt es sich um Bypass- sowie Mitralklappen-Operationen", so Prof. Dr. Albert, der zu den international renommiertesten Spezialisten für die Off-pump-Chirurgie und der minimal-invasiven Bypass-Chirurgie zählt, Operationstechniken weiterentwickelt und das europäische Trainingszentrum für minimal-invasive Bypass-Chirurgie der Firma Medtronic in Dortmund leitet.


Jede Herzhälfte hat eine Segelklappe (Atrioventrikularklappe) und eine Taschenklappe (Semilunarklappe). Die Segelklappen liegen zwischen Vorhof und Kammer und heißen Bikuspidalklappe oder Mitralklappe (links) und Trikuspidalklappe (rechts). Die Taschenklappen liegen jeweils zwischen Kammer und Ausstromgefäß und heißen Pulmonalklappe (rechts) und Aortenklappe (links).

Allein an einem Tag öffnen und schließen sich die insgesamt vier Klappen rund 100.000 Mal, wobei die geförderte Blutmenge circa 7000 l in 24 Stunden beträgt. Dennoch halten die Klappen diese Belastung in der Regel aus, sofern sie nicht durch zusätzliche Erkrankungen verändert oder vorgeschädigt sind.


Nach der Operation ist vor der Operation

In besonderem Maß legt Prof. Dr. Albert Wert auf eine gute Nachbetreuung seiner Patienten, die zu ihm in seine Sprechstunde zum „Lebensqualitätscheck" ca. zwei Monate nach einer erfolgten Herzoperation kommen. „Für viele Patienten ist es ganz wichtig, nach einer erfolgten Operation und einer Rehabilitation nochmal mit ihrem Operateur zu sprechen. Viele haben noch Fragen und brauchen einen empathischen und kompetenten Gesprächspartner. Sie können sich weitere Tipps abholen, sich rückversichern, dass alles in Ordnung ist. Einige brauchen auch eine emotionale Unterstützung, gerade wenn etwa das soziale Umfeld klein oder nicht vorhanden ist oder wenn doch noch ein Schmerz oder eine Luftnot besteht", erläutert Prof. Dr. Albert, der seinen Patienten stets mit hoher Empathie begegnet. „Begeistert bin ich immer, wenn ich von den Erfolgen meiner Patienten höre, etwa, wenn ein Patient, dem ich zwei Bypässe gesetzt habe, erfolgreich am Triathlon Ironman teilgenommen hat", erzählt Prof. Dr. Albert begeistert.

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Nachhaltigkeit zählt auch beim Herzen

Das natürliche Gewebe des Menschen ist immer die bessere Wahl, insbesondere, wenn es um die Therapie von Herzklappenerkrankungen geht. Es gehört zum Credo von Prof. Dr. Albert, die biologischen und natürlichen Strukturen des Herzens zu erhalten, statt Prothesen zu verwenden. „Prothesen sind dem natürlichen Gewebe immer unterlegen und können Nebenwirkungen verursachen" verdeutlicht Prof. Dr. Albert und ergänzt: „Herzklappen etwa werden in der Herzklinik Dortmund im Idealfall repariert. Vor allem bei Insuffizienzen der Mitral- und Trikuspidalklappen-Erkrankungen gelingt dies in fast 100 % aller Fälle. Und dies in ebenfalls nahezu 100 % natürlich minimalinvasiv".

Hilfe auch noch im Endstadium einer Herzerkrankung

Auch für Patienten, deren Herzfunktion so schwach geworden ist, dass weder Medikamente noch herkömmliche Verfahren helfen, suchen Prof. Albert und sein Team nach Lösungen. So implantiert er auch in Dortmund mechanische Herzunterstützungssysteme wie das LVAD Heartmate III oder auch den totalen Herzersatz mittels Syncardia. „Wir versuchen allerdings immer erstmal um diese doch eingreifenden Therapien, die als Überbrückung zur Herztransplantation oder dauerhafte Lösung gedacht sind, herumzukommen. Es werden immer alle Möglichkeiten im interdisziplinären Team besprochen und wir haben eine eigene Ambulanz für Patienten mit Herzinsuffizienz. Wir sind dabei offen für innovative Methoden. So ist es uns zusammen mit den Kardiologen vor kurzem gelungen, ein deformiertes Herz mit fortgeschrittener Herzschwäche, ohne den Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine, mittels eines neuartigen Verfahrens (Revivent Ventrikelplastik) mit Drähten wieder in Form zu bringen. Das heißt, wir haben am schlagenden Herzen die kranken Bereiche abgenäht und so dem Patienten den Einsatz eines Kunstherzens erspart", erinnert sich Prof. Dr. Albert mit berechtigtem Stolz.

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Mobile ECMO-Team Dortmund

Wenn ein Herzversagen innerhalb kurzer Zeit auftritt, ist schnelles Handeln immer gefragt. Manchmal erleidet ein Patient einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Zusammenbruch, der sich mit den herkömmlichen Mitteln, die einem normalen Krankenhaus zur Verfügung stehen, nicht mehr beheben lässt; dann ist ein Transport in ein größeres Herzzentrum wegen des erfolgten Schocks meist nicht mehr möglich bzw. eine Überlebenschance sehr gering. Es droht der Herzstillstand und damit beginnt das Absterben der Organe.

Zusammen mit dem Rettungsdienst der Stadt Dortmund hat Prof. Dr. Albert das sogenannte „Mobile ECMO-Team Dortmund" gegründet. ECMO steht für: Extracorporeal Membrane Oxygenierung, was eine intensivmedizinische Technik meint, bei denen eine Maschine die Atem- und/oder die Herzfunktion des Patienten übernimmt. Dieser innovative Dienst rettet Leben. „Ca. 40 % der betroffenen Patienten haben dank dieses 24-Stunden-Dienstes ohne anschließende Defizite überlebt", betont Prof. Dr. Albert, der seine Erfahrungen mit dem „extracorporeal Life Support hochrangig publizierte. Wenn also ein Patient etwa Zuhause ein akutes Herz-Kreislaufversagen erleidet und das ECMO-Team alarmiert wird, fährt ein*e Herzchirurg*in zusammen mit einem Kardiotechniker*in umgehend mit einer mobilen Herz-Lungen-Maschine im Pkw direkt zum Patienten. Denn nur wenn schnell gehandelt werden kann, besteht eine Überlebenschance. „Dank der mobilen Maßnahmen, die beim Patienten vor Ort zur Stabilisierung durchgeführt werden, hat man Zeit, „bridge-to-decision", gewonnen, um dann die richtigen Therapien im Krankenhaus einleiten zu können. Im Herzzentrum ist bei Ankunft alles für den Patienten vorbereitet", erklärt Prof. Dr. Albert.


Das im internationalen Vergleich enorm breite Leistungsspektrum des Teams um Prof. Dr. Albert ermöglicht es jedem Patienten, eine individuell angepasste personalisierte Therapie anzubieten. Herausragende Expertise besitzt das Team in der minimal-invasiven Bypass- und Herzklappentherapie, komplexer Aorten- und Aortenklappenchirurgie (Endokarditis-Operationen, Ross-OP) und der mechanischen Herzunterstützung mittels Kunstherzen. Aber auch das Management defekter oder die Entfernung infizierter Schrittmachersonden ist anspruchsvoll und wird in Dortmund gerne und gut durchgeführt.


Weitblick mit Herz

Professor Dr. Albert fällt nicht nur durch seine enorme Expertise im Bereich der Herzchirurgie auf. Es ist eine vielleicht auch angeborene künstlerisch ausgeprägte Fingerfertigkeit, die ihn begleitet. Ob dies mit seinem Aufwachsen in einer Künstlerfamilie mit einem Musikprofessor zum Vater zu tun hat … Die Umsicht, die Prof. Dr. Albert stets begleitet, zeigt sich auch in seinen unkonventionellen und persönlichen Entscheidungen. Er erzählt die Geschichte eines Patienten mit schwerem Herzbefund. „Der Patient wog 180 kg und hat Diabetes. Das ist viel. Er hatte seit langem versucht abzunehmen, aber unter 160 kg ist er nie gekommen. Mit so einem Übergewicht macht eine Bypass-Operation auf lange Sicht keinen Sinn. So haben wir hier zusammen mit den Bauchchirurgen eine minimal-invasive Bypass-Operation und im selben Aufenthalt eine Magenverkleinerung vorgenommen. Nach dem Eingriff wog er nur drei Wochen später 140 kg, immerhin schon 20 kg weniger, und benötigte kein Insulin mehr. Übergewicht und Diabetes sind für Herzpatienten immer ein zusätzliches Risiko", erläutert Prof. Dr. Albert, der im wahrsten Sinne des Wortes ein Herz für seine Patienten hat und immer den Fokus auf weiteren Fortschritt legt. Die Akribie, die er in die Herzchirurgie legt, zeichnet ihn aus. „Als Chef hat man viel Spielraum", sagt er, lacht und ist schon wieder auf dem Weg zum nächsten Termin.

Professor Dr. Albert, haben Sie herzlichen Dank für dieses interessante Gespräch und den genaueren Einblick in die faszinierende Welt der Herzchirurgie!


Albert A et al. (eds.) Operative techniques in coronary artery bypass surgery – An illustrated guide to personalized therapy, Springer International, London

Erscheint im Herbst 2020


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