Experteninterviews

Heute stellen wir Ihnen die beiden Hernien-Experten des Universitätsspitals Basel aus dem medizinischen Beraterpool für das Fachportal hernia.guide vor.Der Privatdozent Dr. Kirchhoff und Mediziner Dr. Hoffmann sind beide Experten für Hernien-Chirurgie und haben die SWISS HERNIA DAYS auf Schweizer-Boden ins Leben gerufen.Wir fragten nach... 
Sehr geehrter Herr Dr.  Kirchhoff und Herr Dr. Hoffmann, warum wurde die Swiss Hernia Days ins Leben gerufen? Was versprechen Sie sich mit der neuen Kongressreihe?K&H: Die Idee der Swiss Hernia Days wurde eigentlich aus einer gewissen Unzufriedenheit heraus geboren. Hernienoperationen sind die häufigsten Operationen weltweit und gehören in das Repertoire der meisten berufstätigen Chirurgen. Dennoch wird diesem Thema auf den Fachkongressen nur wenig Anerkennung geschenkt. Dabei ist insbesondere die Hernienchirurgie in den letzten 10 Jahren massiven Innovationen ausgesetzt.Immer mehr Hernien können z.B. mit minimal-invasiven Techniken operiert werden, und die Entwicklungen bei den Netzimplantaten schreiten stetig voran. Dennoch wird ein großer Teil der Patienten nach wie vor nicht leitliniengerecht behandelt, und die wichtige Qualitätskontrolle wird von vielen Hernienchirurgen nicht umgesetzt.Während in Deutschland und in Österreich dieser „Missstand“ mittlerweile behoben wurde, und mit den erfolgreichen „Hernientagen“ (Berlin, Hamburg, Köln) und den „Salzburger Hernientagen“ Kongresse rund um die Hernienchirurgie etabliert wurden, wird das spannende Thema der Hernienchirurgie in der Schweiz nach wie vor vernachlässigt.Mit den Swiss Hernia Days haben wir nun eine Schweizer Kongressreihe ins Leben gerufen, bei der aktuelle Themen und Kontroversen der Hernienchirurgie mit nationalen und internationalen Hernienexperten diskutiert werden können. Dadurch soll der Hernienchirurgie in der Schweiz auch der ihr gebührende Stellenwert beigemessen und die Schweizer Hernienchirurgie enger vernetzt werden. Das Motto lautet „Hernienchirurgie 2.0“ – was dürfen wir darunter verstehen? Was können die Teilnehmer im September in Basel erwarten?K&H: Mit dem Motto „Hernienchirurgie 2.0“ wollen wir insbesondere die innovativen Aspekte der Hernienchirurgie beleuchten. Durch datenbankgestützte Erkenntnisse hat in den letzten 10 Jahren ein wahrer Paradigmenwechsel in der Hernienchirurgie stattgefunden. Neue technische Entwicklungen, Operationstechniken und Therapie-Ansätze erlangen immer mehr Bedeutung und erfahren zunehmend Einbindung in die internationalen Leitlinien.Die Bedeutung anderer Innovationen wie z.B. der Einsatz von Robotern in der Hernienchirurgie, der Einsatz von Botox bei der Behandlung von großen Narbenhernien oder die Bedeutung neuer biosynthetischer Kunststoffnetze muss noch untersucht werden.Die Swiss Hernia Days bieten den Teilnehmern neben Vorträgen international renommierter Hernienexperten auch spannende Live-Operationen aus dem Universitätsspital Basel, TED-Votings und interaktive Falldiskussionen. Besonders freuen wir uns auf den Besuch von Prof. Dr. Volker Schumpelick, der die „keynote-lecture“ halten wird. Swiss Hernia Days ist offizieller Partner von hernia.guide – dem erfolgreichen Online-Fachportal für Hernien-Erkrankungen. Was meinen Sie, warum ist ein Onlineportal wichtig?K&H: Wir haben in den letzten Jahren eine deutliche Veränderung des Patientenverhaltens wahrnehmen können. Nach wie vor spielen zwar die Hausärzte in der Beratung und Zuweisung chirurgischer Patienten eine zentrale Rolle, aber immer mehr Menschen nehmen ihre eigenständige, unabhängige und selbstbestimmte Rolle als Patient wahr. Sie informieren sich im Internet über ihre Symptome, ihre Erkrankung und die möglichen Therapieoptionen. Das kann unsere Arbeit teilweise erheblich erleichtern, da Patienten oft schon sehr gut informiert in unsere Sprechstunde kommen. Andererseits kann die Vielzahl der Informationen im Internet die Patienten überfordert und Verunsicherung und Angst auslösen.Das Online-Portal hernia.guide kann hier auf zwei Wegen sehr nützlich sein: Zum einen hilft es den Patienten bereits im Vorfeld durch fachliche Informationen die eigenen Symptome zu verstehen und einzuordnen. Zum anderen kommt hernia.guide dem zunehmenden Wunsch der Patienten nach, sich durch einen Experten behandeln zu lassen. Dadurch machen sich die Patienten unabhängiger von regional teilweise festgefahrenen Zuweiser-Strukturen, die ihnen möglicherweise nicht die beste Behandlung anbieten kann. Viele Patienten, und das merken wir auch immer öfter in unserer Sprechstunde, nehmen lieber einen kleinen Anreiseweg zum Experten in Kauf, als in direkter häuslicher Umgebung vielleicht eine suboptimale Behandlung zu erhalten. Welche „medizinischen Trends“/ neuen Erkenntnisse sind in der Hernien-Chirurgie zu verzeichnen?K&H: In der Leistenhernienchirurgie nimmt die minimal-invasive Technik (TAPP, TEP) einen immer größeren Stellenwert ein. Anfängliche Bedenken einer höheren Komplikationsrate im Vergleich zu den konventionellen offenen Verfahren wurden mittlerweile durch hervorragende Datenbankanalysen mit mehreren zehntausenden Patienten widerlegt. Eine leitliniengerechte Behandlung der Leistenhernien setzt zwingend die Beherrschung dieser Technik voraus und muss daher frühzeitig in die chirurgische Ausbildung eingebunden werden.In der Narbenhernienchirurgie wird mittlerweile insbesondere durch Experten in Deutschland der „dritte Weg“ entwickelt. Die erste Epoche war die Zeit der konventionellen offenen Narbenhernienoperationen (erster Weg) mit hohen Komplikationsraten. Danach folgte die heutzutage noch sehr populäre laparoskopische Phase, mit Implantation von Kunststoffnetzen in die Bauchhöhle (zweiter Weg). In aktuellen Datenbankanalyse finden sich jedoch zunehmend Hinweise, dass die Netzposition in der Bauchhöhle trotz diverser Modifikationen der Hersteller nicht ganz unproblematisch ist. Einige Netz verursachten ernste Komplikationen in der Bauchhöhle und wurde deshalb weltweit vom Markt genommen. Vor diesem Hintergrund sind nun neue Operationstechniken entwickelt worden, die bei kleinen Hautschnitten eine Netzplatzierung außerhalb der Bauchhöhle anstreben (z.B. MILOS Technik, reversed TAPP).In der Netztechnologie hat es auch bahnbrechende Entwicklungen gegeben. Die teuren biologischen Netze konnten in Studien nie halten, was sie versprochen haben, und sind mittlerweile zu Recht aus den Regalen der meisten Krankenhäuser verschwunden. Sie wurden in den letzten beiden Jahren durch die neue Generation der biosynthetischen Netze abgelöst, die eine vollstände, jedoch langsame Resorption mit guten biomechanischen Eigenschaften verbinden. Nach vielversprechenden ersten Resultaten laufen nun mehrere Multi-Center-Studien, deren Resultate in den kommenden 2-3 Jahren erwartet werden. Worauf haben Sie sich insbesondere spezialisiert?K&H: Neben der Versorgung einfacher Hernien und der Therapie der Sportlerleise haben wir uns besonders auf die Behandlung großer Narbenhernien konzentriert. Hier wenden wir neueste Operationstechniken an (z.B. endoskopische Komponentenseparation) und untersuchen z.B. den Einsatz von Botox zur Vorbehandlung dieser Patienten, um die nach wie vor hohe Komplikationsrate bei diesen Operationen zu senken. Vielen Dank für das Gespräch, Herr PD Dr. Kirchhoff und Herr Dr. Hoffmann! Erfahren Sie mehr auf hernia.guide.