Experteninterviews

professor stehlingAm Prostata-Center in Offenbach ist eine ganz besonderer medizinischer Experte zu finden: Professor Dr. Dr. Dr. Stehling (ja richtig, mit dreifachem Doktortitel), Facharzt für Prostatakrebs, Professor für Radiologie, Privatdozent an der LMU München und Associate Professor für Radiologie an der Boston University, war wissenschaftlicher Mitarbeiter des mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Forschers Sir Mansfield – der das bildgebende Verfahren MRT (Magnetresonanztherapie) geprägt hat. Somit war Prof. Stehling in bester Ausbildung, was seine eigene medizinische Arbeit einzigartig macht.Der Leading Medicine Guide wollte es genau wissen. Schließlich ist Professor Stehling neues Mitglied im gleichnamigen Premiumportal (hier geht's direkt zum Arztprofil).  Herr Professor Stehling, welche Behandlung wird bei Ihnen am Prostata-Center am meisten angefragt? Stehling: Bei uns am ProstataCenter (PC) behandeln wir hauptsächlich Prostatakrebs, sowohl im Frühstadium als auch bei weit fortgeschrittenen Karzinomen, die sich mit anderen Behandlungsverfahren, wie einer OP oder Strahlentherapie, nicht mehr behandeln lassen können. Nicht nur Ihr Lehrer war ein wissenschaftlicher Entdecker, auch Sie haben im Laufe der letzten vier Jahre die Methode der Irreversiblen Elektroporation entwickelt (kurz: IRE). Welche Erfahrungen haben Sie bis dato gesammelt? Was ist das Besondere daran? Stehling: Tatsächlich arbeiten wir schon fast sechs Jahre mit IRE. In der Zwischenzeit haben wir über 450 Patienten mit Prostatakrebs erfolgreich behandelt. Unsere wissenschaftlichen Auswertungen zeigen, dass unsere Erfolgsraten - d.h. die Zerstörung des Karzinoms in der Prostata – mit den Erfolgsraten der Prostatektomie vergleichbar sind. 
Mit anderen Worten: mit IRE kann eine Erkrankung an Prostatakrebs verlässlich behandelt werden.
Der große Unterschied zwischen IRE und der chirurgischen Entfernung der Prostata liegt in den Nebenwirkungen: Nach IRE haben wir bisher überhaupt keine Inkontinenz beobachtet. Ebenso liegt die Impotenz-Rate unter 10 %. Lediglich 1,5 % weisen erektile Dysfunktion nach, was wir innerhalb eines Jahres nach einer IRE-Behandlung feststellen konnten. Nach Prostataktomie tritt eine Impotenz in etwa 75% der Fälle auf (das können Sie auch dem BARMER Report Krankenhaus 2012 entnehmen, wo die Ergebnisse zusammengefasst sind). In Bezug auf Inkontinenz bewegen wir uns bei 10 - 50%, was relativ gute Ergebnisse sind! Sie arbeiten auch mit dem NanoKnife®. Was genau versteht man darunter? Stehling: NanoKnife® ist lediglich der Produktname für das Gerät, mit dem die Irreversible Elektroporation (IRE) durchgeführt wird. Der Wirkmechanismus der IRE ist die Induktion von Poren (Löchern) in Zellmembranen, die zum Absterben der Zelle führt. Dabei wird das Gewebe weder erhitzt noch bestrahlt, sondern die Porenbildung wird durch ultrakurze (ca. 100µsec] und sehr starke (bis 3000 V) elektrische Pulse ausgelöst. 
Diese Methode wurde von Prof. Boris Rubinsky von der Universität Berkeley in Kalifornien entwickelt, mit dem wir seit ca. drei Jahren eng zusammenarbeiten.
 

Erfahren Sie mehr über dei NanoKnife Therapie im folgenden Videoclip:

nano Sie waren wissenschaftlicher Mitarbeiter vom bekannten Sir Peter Mansfield, der 2003  für die Entwicklung der MRT mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Stehling: Sir Peter Mansfield aus England war mein Doktorvater in Physik und wurde mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Erfindung der Kernspintomographie ausgezeichnet, zusammen mit Paul Lauterbur aus den USA. Ich war während meiner Karriere in die technische Entwicklung, wissenschaftliche Erforschung und klinische Anwendung der MRT eingebunden, später unter anderem in der Grundlagenforschung der Siemens AG in Erlangen, an der Harvard Medical School und als leitender Oberarzt am Klinikum Großhadern in München. Was kann man mit der MRT (Magnetresonanztomografie) behandeln und was nicht? Stehling: MRT ist primär eine bildgebende Diagnosemethode, mit der krankhafte Veränderungen im Körper detailgenau nachgewiesen und charakterisiert werden können. Aber auch in der Gehirnforschung hat die sogenannte funktionelle MRT wesentliche Einsichten in die Struktur und Funktion des Gehirns ermöglicht. Mit der Magnetresonanztomografie kann man eine ziemlich genaue Unterscheidung zwischen gut- und bösartigen Gewebeveränderungen darstellen. Für den Nachweis und das Staging von Prostatakarzinomen ist es deshalb besonders gut geeignet! Allerdings benötigt es dazu ein technisches Verständnis, über das nur wenige radiologische Einrichtungen verfügen. Im Prostata-Center sehen wir sehr viele MRT-Untersuchungen der Prostata aus Kliniken der ganzen Welt. Allerdings sind hier in Deutschland nur ca. 5 % aller Untersuchungen von guter Qualität. Die Hälfte ist absolut unbrauchbar, leider auch Untersuchungen aus Unikliniken. Das liegt teilweise daran, dass den Patienten vermittelt wird, dass bei drei Tesla Geräten die Verwendung einer Endorektalspule nicht notwendig ist. 
Das ist, physikalisch betrachtet leider absolut falsch. Schade, denn wenn die Untersuchungen gleich richtig durchgeführt würden, könnte man sich viele Wiederholungen ersparen.
 progress-1807541_1920 Sie setzen auch die RF-Ablation ein – ebenfalls eine medizinische Neuheit. Was sind Ihre bisherigen Erfahrungen damit? Stehling: Wir haben anfänglich gelegentlich Radiofraquenzablation (RF-Ablation) eingesetzt, ein anderes Thermoablationsverfahren. Thermoablationsverfahren erhitzen das Gewebe und "verkochen" es. Dabei werden sowohl die Zellen als auch die Gewebeinfrastruktur - das Gewebegerüst, das aus Fasern und interstitieller Matrix besteht – zerstört. Man sagt, es entsteht eine „Koagulationsnekrose“. Kommt die HiFU (hochintensiv-fokussierter Ultraschall) bei Ihnen auch zum Einsatz? Stehling: Nein, wir setzen auf die IRE! Da sich die Hitze bei der HiFU ausbreitet - so wie um eine heiße Herdplatte herum - sind immer auch die umgebenden Strukturen der Prostata, wie das neurovaskuläre Bündel, das für die Erektion zuständig ist, der Blasenschließmuskel, der Blasenboden und der Enddarm, gefährdet. Das ist bei der IRE, die ohne Hitze auskommt, nicht der Fall. Deshalb ist die IRE der HiFU schon von den physikalischen Grundlagen, insbesondere aber in der klinischen Anwendung überlegen. Auch treten bei der IRE-Behandlung nicht die ausgeprägten HiFU-typischen Vernarbungen auf, die weitere Behandlungen nach HiFU erschweren. Hingegen kann nach einer IRE ohne Probleme nachbehandelt werden, mittels OP, Bestrahlung oder - wie in den meisten Fällen - mit einer weiteren schonenden IRE-Behandlung. Zu guter Letzt: Sie waren für eine Zeit lang auch im Ausland, in Boston (USA) tätig. Inwiefern hat Sie die Zeit dort geprägt? Was ist dort anders als hier? Stehling: Meine berufliche und ein Großteil meiner persönlichen Prägung fand in England und den USA statt. Es gibt viele große Unterschiede. Insbesondere in den USA zählt Leistung, wohin gehen in Deutschland Gleichstellung und bürokratische Verwaltung dominieren. Eliten sind den Deutschen suspekt, was mit der deutschen Geschichte, aber auch mit der vorherrschenden kulturellen Strukturen zu tun hat. In den USA sind Eliten willkommen, in England schon auf Grund der Gesellschaftsstruktur akzeptiert. Außerdem ist man in den USA neugierig, wortwörtlich also an Neuem grundsätzlich interessiert, während es in Deutschland zunächst ignoriert, dann rigoros bekämpft, und wenn es sich nicht wirklich mehr verhindern lässt, widerwillig akzeptiert wird. 
Wenn eine Methode wir die IRE aber hervorragende Ergebnisse liefert, dann überzeugt sie auch die letzten Skeptiker und wird schließlich dankend für den Einsatz gegen Prostatakrebs eingesetzt. Und darum geht es schließlich!
Das war ein sehr interessantes Gespräch, vielen Dank Herr Professor Stehling.