Experteninterviews

Die Redensart „heb´ Dir keinen Bruch“ ist fast jedem bekannt. Dahinter steckt das uralte Wissen, dass bei großen Anstrengungen etwas im Bauchraum reißen kann. Beim Anheben schwerer Gewichte kann es zum Beispiel passieren, dass das Leistengewebe bei der Anspannung nachgibt. Es entsteht ein Bruchsack, in den sich Teile des Bauchfells, des Darms oder andere Organe zwängen können. Eingeweidebrüche, medizinisch Hernien genannt, können beispielsweise auch an Narben, dem Nabel oder dem Zwerchfell entstehen und ganz verschiedene Ursachen haben.

Einer der weltweit führenden Experten bei der operativen Behandlung von Hernien ist Doktor med. Jan F. Kukleta aus Zürich. Erfahren Sie mehr über ihn in den folgenden Blogbeiträgen: „Wenn die Mitte bricht“ oder „Treffen mit Dr. Kukleta auf den SWISS HERNIA DAYS“. Wir freuen uns, erneut mit ihm sprechen zu können und zu erfahren, was sich in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Hernienchirurgie getan hat:

Herr Dr. Kukleta. Sie sind immer on Tour. Engagiert wie immer, für die Weiterentwicklung und Standardisierung im Bereich der Hernienchirurgie. „Hernie“/ Eingeweidebruch – aber wie kommt es überhaupt dazu und muss dieser grundsätzlich operiert werden?

Dr. Kukleta. Die Eingeweidebrüche sind Folge einer Bindegewebsschwäche. An häufigsten kommen sie im Leistenbereich vor. Sie müssen sich das ähnlich wie bei einem alten Pullover vorstellen. Die Stelle über dem Ellenbogen wird mit der Zeit immer dünner und dünner. Irgendwann kann an der ausgedünnten Stelle dem Druck nicht mehr standhalten. Es kommt zu einer Ausstülpung des Bauchfells, und es entsteht eine Beule. Diese Bauchfellausstülpung oder Bruchsack. Dabei können Teile des Darms eingeklemmt werden. Es müssen aber nicht immer Teile des Darms während eines solchen Bruches eingeklemmt werden. Oft ist es auch Fettgewebe, das in diese Öffnung rutscht. Die Eingeweidebrüche werden heute weitgehend alle operativ behandelt. Ein Bruch kann von sich aus nicht verschwinden oder kleiner werden. Oft sind Patienten verunsichert und wissen nicht was zu tun ist, weil sie keine Schmerzen haben. Der Hausarzt sagt ihnen dann vielleicht, dass sie mit dem Bruch hundert Jahre alt werden können. Aber durch die Zunahme des Bauchinnendruckes wächst der Bruch weiter vor sich hin. Wenn man lange genug wartet, erreichen alle Brüche eine Größe, die für den Patienten so störend sind, dass sie sich operieren lassen.

Kann der Patient selbst erkennen, ob er möglicherweise eine Hernie hat? Gibt es bestimmte Symptome, auf die man achten sollte?

Dr. Kukleta: Ja. Mit dem Bruch entsteht eine Vorwölbung wechselhafter Größe. Es gibt dabei einen erkennbaren Unterschied ob der Patient steht oder liegt. Wenn der Patient an sich herunterschaut, entdeckt an einer Seite eine Beule, die verschwindet, sobald er sich hinlegt. Es kann mit Schmerzen einhergehen, das ist aber nicht typisch. Manchmal fühlt der Patient ein Brennen in der Leiste, meistens dann, wenn die Leistennerven durch den Bruch beeinflusst werden.

Laparoskopische Chirurgie – eines Ihrer Spezialgebiete – ist ein Teilgebiet der Chirurgie, bei der mit Hilfe eines optischen Instruments Eingriffe innerhalb der Bauchhöhle vorgenommen werden. Unter welchen Voraussetzungen wenden Sie diese Methode an?

Dr. Kukleta. Da bin ich ein schlechtes Beispiel, denn ich wende sie immer an. Zum einen aufgrund meiner sehr langen Erfahrung. Ich mache das seit 26 Jahren und habe 6.000 Operationen hinter mir. Zum anderen, weil ich dem Patienten einen methodischen Vorteil anbiete: Durch diesen Eingriff entstehen nur kleine Wunden; das Infektionsrisiko liegt bei null.Bei den Eingriffen arbeitet man mit Implantaten, in dem Fall mit Kunststoffnetzen. Implantate erfordern viel Sorgfalt, und die lässt sich bei der lapraskopischen Chirurgie viel besser einhalten als bei der offenen Chirurgie. Die Eingriffe sind zudem mit sehr wenig Schmerzen verbunden. Das bedeutet auch, dass die Patienten sehr bald, innerhalb von Tagen, nach der Operation wieder ins normale Leben zurückkehren können.Bei der offenen Chirurgie muss sich der Patient dagegen fünf bis sechs Wochen schonen und darf auch nicht mehr als fünf Kilo heben. Das ist bei der lapraskopischen Chirurgie nicht der Fall. Hier kann man innerhalb weniger Tage nach dem Eingriff schon Sport treiben.

Good to know: Bei Operationen Eingeweidebrüchen werden verschiedene Techniken verwendet. Ziel ist dabei immer durch einen Eingriff die bestehende Lücke des Bruchs dauerhaft zu verschließen. Bei kleineren, unkomplizierten Brüchen kann eine Hernie über Nähte geschlossen werden. Häufig ist es notwendig zusätzlich ein Kunststoffnetz zu verwenden, das den Bereich des Bruchs stabilisiert. Vor dem 18. Lebensjahr werden die Netze in der Regel nicht verwendet.

Auch bei Kindern und Frühgeborenen sind Leistenhernien keine Seltenheit. Was sollten Eltern in solchen Fällen wissen?

Dr. Kukleta: Die kindliche Hernie ist ein Kapitel für sich. Man näht in dem Fall nicht wie bei den Erwachsenen die Defekte zu, sondern schiebt den Vorfall wieder zurück in die Bauchhöhle. In den meisten Fällen hält das ein halbes oder sogar ein ganzes Leben lang.Bei Neugeborenen empfiehlt man oft bis zum Abschluss des ersten Lebensjahres zu warten, weil die Hernie mitunter wieder verschwindet. Die Entscheidung sollte hier immer der Facharzt für Kinderheilkunde treffen.

Wie lange dauert es in der Regel bis ein operierter Bruch vollständig ausgeheilt ist?

Dr. Kukleta: Bei der lapraskopischen Chirurgie können die Patienten gleich nach dem Eingriff wieder belasten. Sie sollten sich dabei natürlich wohl fühlen. Nicht jeder wird es angenehm empfinden, gleich am fünften Tag nach der Operation wieder joggen zu gehen (vorausgesetzt natürlich, er hat es vorher gern getan!). Die Erschütterung der Bauchwand wird am Anfang wahrscheinlich noch sehr unangenehm empfunden. Aber die Patienten können sehr bald schon wieder ihre ganz normale Arbeit aufnehmen. Diese Erfahrung habe ich in all den Jahren gemacht.

Das kann man fast nicht glauben, wieder so schnell fit nach einer Hernien-OP zu sein. Aber bei Ihnen ist man auf jeden Fall gut aufgehoben! Herr Doktor Kukleta, vielen Dank für das interessante Gespräch.


Hat Ihnen das Interview gefallen? Wollen Sie mehr über den Hernien-Experten erfahren oder uns Ihre (Krankheits-)Geschichte erzählen? Kontaktieren Sie Dr. Kukleta oder nehmen Sie direkt Kontakt mit uns auf. 


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