Experteninterviews

Heute schauen wir rüber in unsere Hauptstadt, nach Berlin. Dort sitzt nämlich ein besonderer Experte. Jemand, der sich aufgrund seiner langjährigen Erfahrung sehr gut mit unseren Gelenken auskennt.

Prof. Dr. Heino Kienapfel ist ein Spezialist für Hüft- und Kniegelenksoperationen. Der Berliner Mediziner gehört zu den erfahrensten Chirurgen Deutschlands im Bereich des künstlichen Gelenkersatzes. Dabei hat Schmerzfreiheit, Mobilität und Selbständigkeit für ihn und seine Patienten oberste Priorität. Professor Kienapfel war zudem Leiter des Deutschen Endoprothesen-Registers e.V. und der Arbeitsgemeinschaft Endoprothesen-Register bei der Deutschen Gesellschaft für Orthopädische Chirurgie. Dort setzte er sich für die Qualitätssicherung und kontinuierlichen Verbesserung der in Deutschland genutzten Prothesen ein. Wir wollten gerne mehr erfahren: 

Der Prof. Kienapfel, Sie verwenden als Chirurg eine große Anzahl unterschiedlicher Prothesenmodule. Es gibt verschiedene Materialien, Module für Teilersatz oder Vollersatz und weitere Unterscheidungen. Welche Vorteile hat dieses Baukastensystem für die Patienten?   

Prof. Kienapfel: Das kann man in drei Sätzen umschreiben: Bei der Primärendoprothetik hat es den Vorteil, dass man auf spezielle Wünsche und Notwendigkeiten, wie unterschiedliche Beinlängen oder die optimale Zuordnung der Prothesenersatzkomponenten zu dem Ausmaß des Gelenkverschleises (nur soviel wie notwendig, z.B. bei Knieschlittenprothese)  für jeden einzelnen Patienten besser eingehen kann. Damit erreichen wir auch eine bessere Schmerzreduktion in Kombination höchstmöglichem Erhalt von noch gesunden Knochen- und Knorpelanteilen des betroffenen Gelenks. Bei den sogenannten Revisionseingriffen (chirurgische Eingriffe, wenn es bei den Prothesen zu Komplikationen kommt) haben wir den Vorteil, dass man in Abhängigkeit von den Knochendefekten diese individuell passend überbrücken kann und verlorengegangene körpereigene Stabilität durch stabilisierende Prothesenmodule ersetzt. Damit kann ein vergleichbar gutes Ergebnis wie bei den Primäreingriffen erreicht werden.

Mit der VISIONAIRE-Technologie lassen sich Eingriffe im Vorfeld besser planen. Wie funktioniert diese Technik?

Prof. Kienapfel: Bei der VISIOAIRE-Technik ist es so, dass man erst einmal einen Datensatz über das betroffene Gelenk aufbaut. Mit diesem Datensatz auf Basis einer Knie-MRT- und einer Ganzbein-Röntgenaufnahme erhalte ich die nötigen Informationen, um einen individuellen Satz mit den dafür vorgesehenen Instrumenten und Schnittmasken herzustellen und um am Ende passgenau eine patientenindividuelle Instrumentierung der Knieendoprothese  zu ermöglichen. Noch einen Schritt weiter sind Systeme wie das sogenannte ConforMIS, die mir ermöglichen mit dem gewonnenen Datensatz auch individuelle Prothesen herzustellen. Es gibt aber bisher noch keinen Beweis dafür, dass die individuell hergestellten Instrumente & Prothesen tatsächlich besser wären. Die traditionellen Techniken stellen immer noch den goldenen Standard dar. Die neuen Techniken müssen in Langzeitstudien erst beweisen, dass sie tatsächlich bessere Langzeitergebnisse bringen. 

Die endgültige Festlegung auf Implantatmodelle und -größen erfolgt aber trotzdem erst während der Operation?

Prof. Kienapfel: Die Festlegung findet zunächst im Vorfeld durch eine digitale  Prothesenplanungssoftware statt. Der Operateur darf sich hierauf aber nicht blind verlassen sondern überprüft intraoperativ mit speziellen Messlehren und  Probekomponenten unterschiedlicher Größen seine Planungsdaten und muss diese gegebenenfalls adjustieren. 

Sie versuchen beim Eingriff „Knochen zu sparen“, also nach Möglichkeit Teile des vorhandenen Knochengelenks zu erhalten. Welche Vorteile bringt das? Werden die Eingriffe damit nicht komplizierter?

Prof. Kienapfel: Nein, das werden sie nicht. Wir müssen  zum einen immer an die langfristigen Folgen für die Patienten denken. Es kann immer sein, dass es irgendwann zu einer Wechseloperation kommen kann. Je mehr Knochenlager noch vorhanden ist, umso einfacher ist es für den Chirurgen den Wechseleingriff durchzuführen. Hinzukommt, dass die Knochen sparenden Techniken wenig an der ursprünglichen Anatomie ändert. Zum anderen wird die ursprüngliche Biomechanik des Gelenks dadurch besser erhalten  und gesunde Knochen- und Knorpelanteile werden geschont. Das ist ein Unterschied zu den Operationen, die wir vor zehn, fünfzehn Jahren durchgeführt haben. Damals wurde relativ viel Knochen entfernt.    

Wie hat sich denn die Qualität und Beschaffenheit von Prothesen in den vergangenen Jahren noch verändert? Werden heute neue Materialien genutzt?  

Prof. Kienapfel: Ja, das muss man wirklich sagen. Ich bin ja selbst lange Jahre Vorsitzender des Arbeitskreises Biomaterialien der deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie gewesen und beschäftige mich intensiv mit diesem Themenfeld. Es hat in drei Bereichen wichtige Fortschritte gegeben. So hat sich das Abriebverhalten der eingesetzten Keramiken um einen Quantensprung  verbessert. Die Verschleißfestigkeit der Materialien hat erheblich zugenommen. Im Bereich der Legierungen, besonders bei der zementfreien Verankerung mit beschichteten Titanlegierungen, gibt es ebenfalls große Fortschritte. Sie weisen gute Verankerungen im Knochen auf und sind gewebefreundlicher als ältere Modelle. Wir erreichen damit bessere Langzeitresultate. Die Fertigungstechniken der genutzten metallischen, polymeren und keramischen  Werkstoffe ist ständig weiterentwickelt worden. Es gibt interessante Entwicklungen mit ostekonduktiv- , osteoinduktive- und medikamentenbeschichteten Implantatoberflächen. 

Herr Professor Kienapfel, wir danken Ihnen für dieses informative Gespräch!


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