Experteninterviews

Die Zahl der Herzklappenerkrankungen steigt jährlich an. Unsere vier Herzklappen regulieren durch das Öffnen und Schließen den Blutfluss im Körper. Versagt eine oder wird zu schwach, ist der Blutfluss beeinträchtigt und damit das Herz weniger leistungsfähig. Ca. 30.000 Herzklappenoperationen werden jedes Jahr in Deutschland durchgeführt.

Als Direktor der international renommierten Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäß-Chirurgie im Universitätsklinikum des Saarlandes, ist Univ.-Prof. Dr. med. Hans-Joachim Schäfers über die Landesgrenzen hinaus bekannt, wenn es um komplizierte Eingriffe am Herzen geht.

Professor Schäfers, Herzklappen-Operationen gehören zu den gängigsten Behandlungen Ihrer Klinik, wobei die Rekonstruktion der eigenen Herzklappen einen Schwerpunkt bildet. Aber auch die geläufigere sogenannte Ross-Operation, zählt bei Ihnen zu den Routine Operationen. Warum trifft der Aortenklappenersatz immer mehr jüngere Patienten?“

Prof. Schäfers: Der Aortenklappenersatz bei Jüngeren tritt gar nicht häufiger auf, er wird aber zunehmend aufmerksamer beobachtet und diskutiert. Das liegt daran, dass Jüngere nicht immer mit "Marcumar" leben wollen und auch, dass Alternativen, wie die Rekonstruktion und Ross-Operation zunehmend eingesetzt werden. "Macumar" ist ein stark blutverdünnendes Arzneimittel, das die Blutgerinnung verhindert, gleichzeitig aber auch Nebenwirkungen wie Blutergüsse oder Nasenbluten zeigt.

Unter der Ross-Operation versteht man beispielsweise den Ersatz der erkrankten Aortenklappe durch die körpereigene gesunde Pulmonalklappe, das ist die Herzklappe zwischen der rechten Herzkammer und der Lungenschlagader.

Hier sehen Sie einige Beispiele von Aortenklappenersatz-Möglichkeiten, die Prof. Schäfers tagtäglich durchführt:

Es ist inzwischen möglich, künstliche Herzklappen via Katheter ins Herz zu bringen. Da dies schonender ist als eine offene Operation, kann diese Operationsmethode auch bei älteren Patienten angewendet werden. Macht es nicht Sinn, immer auf diese Weise zu operieren? Wann raten Sie zur klassischen Operation, wann zum Katheter?

Prof. Schäfers: Die Haltbarkeit der Katheterklappen ist leider noch immer unklar. Ich rate zum konventionellen Ersatz, wenn beim Patienten eine Lebenserwartung von zehn Jahren oder mehr zu erwarten ist. Der Einsatz von künstlichen Herzklappen per Operation muss keine Angst machen – dieser beinahe routinierte Eingriff unterliegt einem seit Jahrzehnten etabliertem Verfahren. Der Eingriff via Katheter ist vor allem für ältere Patienten schonender und muss auch nicht in Vollnarkose durchgeführt werden. Hier entscheiden die Kardiologie und die Herzchirurgie gemeinsam, was für den Patienten individuell am besten ist.

Es wird zwischen angeborenen und erworbenen Herzklappenfehlern unterschieden. Ungefähr eins von 100 Neugeborenen kommt mit einem Herzklappenfehler auf die Welt, was dessen Lebenserwartung oft reduziert.Auch eine Aortenklappen-Schwäche kommt bei jüngeren Menschen vor und ist in der Regel die Folge einer fehlerhaften Klappenanlage. Das junge Herz wächst noch mit den Jahren. Was passiert mit der eingesetzten Herzklappe? Muss der junge Patient in ein paar Jahren erneut unters Messer?

Prof. Schäfers: Typische Klappenprothesen wachsen nicht mit. Dies führt dazu, dass sie mit zunehmendem Wachstum des Körpers relativ zu klein werden und dann ausgewechselt werden müssen. Diese Operation ist dann nicht immer trivial. Anders verhält sich das bei der schon erwähnten Ross-Operation und der Rekonstruktion; danach wachsen die Klappen mit dem Patienten. Wenn einem Kind in seinen jungen Jahren bereits eine Herzklappe eingesetzt werden muss, so gilt es, die verschiedenen Wachstumsphasen im Auge zu behalten. Die Körpergröße verdoppelt sich in den ersten drei Jahren, dann folgen ca. 6 cm pro Lebensjahr bis zur Pubertät, wo nochmal ein größerer Wachstumsschub einsetzt. Herzklappen aus körpereigenen Zellen (die auch nicht abgestoßen werden) bieten hier dank intensiver Forschung gute Optionen, um durch das Mitwachsen permanente operative Eingriffe zu vermeiden.

Professor Dr. Schäfers, wir danken Ihnen für die tiefen Einblicke in die erstaunliche Welt der Herzchirurgie und bedanken uns für das spannende Gespräch!


Haben Sie noch Fragen zum Thema? Dann besuchen Sie Prof. Schäfers auf dem Leading Medicine Guide. Hier haben Sie auch die Möglichkeit, den Herzklappen-Spezialisten direkt zu kontaktieren.

Mehr Informationen zum Thema Herzklappenrekonstruktion erhalten Sie außerdem auf diese Seite.

Bildquelle: © seventyfour (168509436 und 168508416) fotolia.com; © psdesign1 (26577477) fotolia.com; Beispiel "Aortenklappenersatz", mit freundlicher Genehmigung von Prof. Schäfers in Zusammenarbeit mit me² medizin- und medien privatinstitut.