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Wie ist es, mit einem Schlauchmagen (sleeve-Gastrektomie) zu leben – einer der vermutlich letzten rettenden Maßnahme bei Übergewicht?

Unsere Gesprächpartnerin Vanessa, hat sich dazu bereit erklärt, über ihre persönliche Erfahrung zu sprechen: Sie blickt nun nach genau einem Jahr zurück auf einen notwendigen Eingriff, der ihr Leben grundauf veränderte. Mithilfe einer Magen-Operation verlor die junge Frau, Mitte dreißig, mittlerweile 51,4 Kilogramm. Man sieht ihr die Erleichterung im wahrsten Sinne des Wortes an: Sie sieht gut und gesund aus. Sie hat ihre Lebensfreude wiedergewonnen, hat ständig tolle Rezeptideen (beim Schlauchmagen muss man anfangs noch etwas aufpassen) und ist sportlich mittlerweile sehr aktiv. Doch es war nicht immer so...

Bis es zur Adipositas-Erkrankung kommt, leiden Menschen über einen längeren Zeitraum auf unterschiedlichste Art und Weise. Essen wird nicht selten zur Kompensation von scheinbar unlösbaren  Problemen. Zahllose missglückte Diäten verschlimmern die Situation zusätzlich.

Das tiefe Leiden der Betroffenen ist gar nicht in Zahlen auszudrücken. Mediziner und Therapeuten warnen:

"Adipöse sind keine "gemütlichen Dicken", sondern extrem sensible und häufig traumatisierte Menschen. Das sind in der Regel verzeifelte Persönlichkeiten, für die Adipositas bisher eine Kompensation für viele Probleme war."

(Hanna Dörr-Heiß, Ernährungswissenschaftlerin und -beraterin)

 

Nicht nur ein Bauchgefühl, sondern eine Kopfsache

Vanessa schildert im Gespräch, dass ein derartiger Gewichtsverlust viel Geduld erfordert. Ganze neun Monate  – vom ersten Arztgespräch bis zum tatsächlichen Eingriff - hat es gedauert. Das ist ein langer Weg, den man da beschreitet. „Diese Zeit braucht man jedoch, um sich intensiv mit der Thematik auseinander zu setzen. Es muss sich wirklich im Kopf verankern“, weil Adipositas immer auch eine Kopfsache ist. 

Adipositas - mehrere Krankheiten gleichzeitig

Adipositas wird der körperliche Zustand genannt, der mit Übergewicht, oft auch mit anderen Begleiterscheinungen wie Bluthochdruck, Zuckerkrankheit (Diabetes), Herzproblemen oder psychischem Leiden einhergeht (-> siehe auch Psychosomatik). Selbstverständlich stellt Übergewicht ein generell erhöhtes Gesundheitsrisiko dar.„Nicht nur das. Eigentlich fühlt man sich in fast jeder Situation einfach nur unwohl, angestarrt oder fehl am Platz. Sei es beim Essen in der Öffentlichkeit, beim Sitzen im Flugzeug oder sogar beim nächsten Arztbesuch. Überall diese urteilenden, kritischen und teils abstoßenden Blicke.  Nicht alle Praxen (und medizinischen Geräte) sind außerdem auf übergewichtige Patienten ausgerichtet.“Und was oft verkannt wird; Scham, Ächtung und Ausgrenzung sind harte emotionale Schläge, welche die Betroffenen zusätzlich einstecken müssen. 

„Nichts ging mehr!“ Ein Weckruf

„Das Erschreckende war, dass man so im Alltagsstress steckte, dass man dieses Problem nicht wirklich lösen konnte. Jedes Jahr kommen einfach ein paar Kilos hinzu. Man trägt all die damit zusammenhängenden Probleme sozusagen die ganze Zeit mit sich“. Doch irgendwann zog Vanessa die Reißleine! „Alles fiel über einem zusammen. Ich kam an einen Punkt meines Lebens, da wusste ich nicht mehr, wie ich weiter machen soll. Ich entschied mich für eine Verkleinerung des Magens!"Was Vanessa hier beschreibt, nennt sich bariatrische Operation. Das ist eine Therapieoption für Menschen, die in konservativen (nicht-operativen) Behandlungsprogrammen keine anhaltenden Erfolge eines gesunden Gewichtsverlustes erzielen konnten. Tausende von Euro hat die junge Frau bisher für Diäten, Bücher und Kurse ausgegeben. Es war am Ende nur noch frustrierend!"Wenn alle anderen multimodalen Therapieansätze scheitern, kann die Chirurgie als wahrhaft einschneidende Maßnahme lebensverändernd, aber auch einen neuen Abschnitt einleiten."

(Hanna Dörr-Heiß, Ernährungswissenschaftlerin und -beraterin)

 Schließlich entschied sich Vanessa für eine Schlauchmagen-OP, die vielen Betroffenen Angst bereitet. Was genau passiert mit einem, wenn der Magen entfernt wird? Wie lange dauert die Heilung? Kann man je wieder normal essen? Tut das weh? Rückblickend erklärt Vanessa lächelnd: „Ich wurde minimal-invasiv operiert. Fünf kleine Stiche, kaum Narben und innerhalb von zwei Wochen stabilisierte sich mein Gesundheitszustand wieder.“ 
Adipositaschirurgie bei Übergewicht und Fettsucht (Adipositas) Unter Adipositaschirurgie versteht man chirurgische Eingriffe zur Unterstützung der Gewichtsabnahme bei sehr starkem Übergewicht (Fettsucht). Erst wenn herkömmliche Maßnahmen zur Gewichtsreduktion nicht erfolgreich sind oder schwere gewichtsbedingte Folgeerkrankungen vorliegen, sollte über eine chirurgische Therapie nachgedacht werden. Häufige adipositaschirurgische Eingriffe sind das Magenband, der Magenballon, der Schlauchmagen, die Biliopankreatische Teilung und der Magenbypass.

- Quelle: Leading Medicine Guide

Einfach aufhören können, wie befreiend

Und wie ging es weiter? Anfangs kann man kaum etwas essen, das kann uns Vanessa bestätigen: "Nach drei Löffel Joghurt bist Du einfach proppenvoll!“ Der Schlauchmagen passt sich jedoch nach einer gewissen Zeit an und erlaubt etwa 5-6 kleine Mahlzeiten am Tag. Es gibt keine Heißhunger-Attacken mehr, keine überproportionierten Mahlzeiten oder Essen nebenher.Das ist spannend: Ein Großteil des Magens wird bei dieser Operationstechnik entfernt. Auch das Hormon Ghrelin, welches für die Steuerung von Hunger- und Sättigungsgefühl verantwortlich ist. „Man hört wieder besser auf seinen Körper. Er meldet sich schon, wenn Hunger aufkommt. Ich muss vor allem auf genügend Eiweiß achten. Dieses brauche ich, um Stabilität und Kraft aufzubauen“. 
Was ist Ghrelin?Ghrelin steht für Growth Hormone Release Inducting und ist ein in der Magenschleimhaut befindliches appetitanregendes Hormon, dass beispielsweise die Sekretion von Wachstumshormonen reguliert. Deshalb wird es auch das "Hunger-Hormon" (WELT) oder "Essens-Verführer" (n-tv) bezeichnet.  Neuste medizinische Studien unterstreichen, dass dieses Hormon vermutlich eine wichtige Rolle bei Entstehung von Übergewicht spielt. Bei Hunger, aber auch bei Stress und Schlafmangel steigt der Ghrelinspiegel im Blut an und sinkt wieder erst bei Nahrungszufuhr. Ghrelin lässt sich, ähnlich wie die anderen beiden Stoffwechsel-Hormone Leptin und Neuropeptin Y, auch manipulieren (niedrig halten) durch zum Beispiel abwechslungsreiche und ballaststoffreiche Kost, die Reduzierung des Zuckerkonsums, genügend Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten und Bewegung.
 

Was darf gegessen werden? Und warum spielt Eiweiß so eine wichtige Rolle?

Natürlich bedeutet dieser lebensverändernde Eingriff auch völliges Umdenken, verrät uns Vanessa. Alte Gewohnheiten müssen durch neue, möglichst gesundheitsfördernde ersetzt werden: Gesund und ausgewogen essen, genügend bewegen und richtig mit Stress umgehen. Das ist gar nicht so einfach! Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Betroffenen lange vorher- und insbesondere danach therapeutisch begleitet werden.

Sehr gute Erfahrung mit Eiweiß und Vitaminen

Insbesondere ist auf eine eiweißhaltige Ernährung zu achten. Eiweiß macht nicht nur länger satt, es stärkt auch das Immunsystem. Gerade nach einer frischen Operation, fördert es die Genesung (u.a. die Wundheilung) und unterstützt die Gewichtsabnahme (zum Beispiel bei der Bildung von Muskeln beim Sport).Es wird empfohlen, gerade zu Beginn Eiweiß in Form von Shakes zu konsumieren (je nach OP, wird eine Menge von 60-90 Gramm empfohlen). Nachdem der Magen sich erholt hat, kann man später zum Beispiel auf Magerquark, zarte Putenbrust und Hüttenkäse zurückgreifen. Wichtig ist auch, Obst und Gemüse aufgrund der vielen Vitamine- und Ballaststoffe zu sich zu nehmen. Kohlenhydrate sollten etwas reduziert werden. Mehr Inspiration erhalten Sie in der anschließenden Literaturliste. Vanessa ist jedenfalls motiviert – seit nun mehr als einem Jahr! Was sie durch die OP gewonnen hat, kann man schwer in Worte fassen. „Man wird auf jeden Fall kreativer und aktiver. Manchmal bestelle ich Kinderportionen im Restaurant, lasse immer öfters mein Auto stehen, um zu laufen. Ich brauche auch auf nichts zu verzichten. Mal einen Keks in der Woche oder eine halbe Kugel Eis bleiben mir deshalb nicht vergönnt. Der Unterschied ist: Nach einer kleinen Portion, ist man einfach nur satt & glücklich, mehr braucht man nicht!“Die jährliche Untersuchung hat wieder bestätigt, sie auf dem besten Weg ist. Weiter so!  

Vanessa´s ganz persönliche Literaturtipps:

  • Alexander Grimme Essen ohne Kohlenhydrate. 55 köstliche Low-Carb-Rezepte, 2016.
  • Alexander Grimme Noch mehr Essen ohne Kohlenhydrate: 60 neue köstliche Low-Carb-Rezepte, 2017.
  • Birgit Lötsch Ernährung bei Adipositas-Operationen: Magenbypass- Omega-Loop-Bypass – Schlauchmagen, 2017.
  • Claudia Paul Ernährung vor und nach bariatrischen Operationen, 2015.
  • Heike Raab Gut essen rund um die Adipositas-OP. 130 Rezepte bei Magen-Byypass, Schlauchmagen & Co., 2016.
           
Neben einer Schlauchmagen-Operation, gibt es noch die Möglichkeit eines Magenbypasses oder den Einsatz eines Magenballons. Im Leading Medicine Guide finden Sie medizinische Fachexperten, die Sie gerne beraten und Sie auf Ihrem Weg unterstützen.Haben auch Sie eine ähnliche Krankheitserfahrung gemacht und wollen mit uns Ihre Geschichte teilen? Dann kontaktieren Sie uns. Wir freuen uns auf Ihre Story!  Bildquelle: © artursfoto ; © ag visuell ; © ipopba ; © sakramir - fotolia.com