Der Fachbereich Kinderurologie (auch als pädiatrische Urologie bezeichnet) beschäftigt sich mit Diagnostik, Behandlung und Management der im Säuglings- und Kindesalter auftretenden Erkrankungen, Verletzungen, Funktionsstörungen sowie der angeborenen Fehlbildungen des Urogenitaltrakts. Zum Urogenitaltrakt gehören Harnröhre, Harnblase, Harnleiter und Nierenbecken sowie die äußeren und inneren Geschlechtsorgane. Kinderurologen sind für Mädchen und Jungen zuständig bis zum Alter der Volljährigkeit (Kinder- und Jugendurologie).

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Welche Krankheiten behandelt ein Kinderurologe?

Die häufigsten Probleme, mit denen Eltern einen Kinderurologen aufsuchen bzw. vom Kinderarzt an einen Kinderurologen überwiesen werden, sind Vorhautverengungen des Penis (Phimosen) sowie Probleme mit der Blasenkontrolle (Miktionsstörungen).

Weiterhin sind Kinderurologen häufig mit angeborenen Fehlbildungen von Harnröhre oder Harnleiter konfrontiert. Der Verdacht auf solche Fehlbildungen wird heute oft bereits bei der in der Schwangerschaft routinemässig durchgeführten Ultraschalldiagnostik gestellt.

Darüber hinaus beschäftigt sich die pädiatrische Urologie mit zahlreichen weiteren, meist selteneren urologischen Erkrankungen und Fehlbildungen sowie Verletzungen der ableitenden Harnwege und der inneren und äusseren Genitale. Meist sind Verkehrs- sowie Sport- und Freizeitunfälle Ursache von Verletzungen.

Die folgende Auflistung gibt eine grobe Übersicht über das Leistungsspektrum eines Kinderurologen. Im Bereich der Harnwege ist dies zum Beispiel die Diagnostik und Behandlung folgender Erkrankungen:

  • Enuresis (anhaltend nachts und/oder tagsüber auftretendes Einnässen)
  • schwere oder chronische Harnwegsinfekte
  • Harntransport- und Blasenentleerungsstörungen, zum Beispiel Erweiterungen oder Verengungen (Stenosen) von Harnröhre und Harnleitern (wie Megaureter, Harnleiterabgangsenge), Harnröhrenklappenerkrankung, Verlagerung der Harnröhrenöffnung nach unten (Hypospadie) oder nach oben (Epispadie), vesikoureteraler Reflux (Zurückfliessen von Urin in die Harnleiter und/oder Urin), neurogene Blase
  • Steinerkrankungen der Harnwege (Harnsteine)
  • seltener Fehlbildungen der Harnblase, zum Beispiel Blasenekstrophie (nach aussen offene Harnblase)
  • Tumoren des Urogenitalsystems, zum Beispiel Wilms-Tumor (ein im Kleinkindalter auftretender seltener Nierentumor)
  • Erkrankungen der Niere, wie Hydronephrose (Wassersackniere)

Im Bereich der Geschlechtsorgane ist dies zum Beispiel die Diagnostik und Behandlung

  • von Vorhautverengungen (Phimosen)
  • von Hodenhochstand (Kryptorchismus) und Leistenbrüchen
  • von Hydrozele (Wasserbruch, Ansammlung von Flüssigkeit im Hodensack) und Varikozele (Hodenkrampfader, Krampfaderbruch)
  • des akuten Skrotums (Schmerzen im Hodensack)
  • verklebter Schamlippen (Labiensynechie)
  • von Erkrankungen der äusseren Geschlechtsorgane
  • Uneindeutigkeiten des körperlichen Geschlechts (sog. Dysorder of Sex Development (DSD), früher Intersexualität genannt)

Diagnostik in der Kinderurologie

Nach der Anamnese (Patientenbefragung nach Schmerzen, Fieber, Beschwerden beim Harnlassen), die meist aufgrund des jungen Alters der Kinder mit den Eltern erfolgt, steht eine ausführliche körperliche Untersuchung. Der Kinderurologe wird die Untersuchung behutsam und vertrauensvoll, bei kleinen Kindern gegebenenfalls im Arm oder auf dem Schoss der Eltern durchführen, wobei ein etwaiges Schamgefühl berücksichtigt wird. Zur körperlichen Untersuchung zählen das Abtasten des Bauchraums, die Beurteilung des Genitals sowie die Bestimmung von Herzfrequenz und Blutdruck.

Im Rahmen der Labordiagnostik werden gelegentlich der Urin, vor allem bei Verdacht auf einen Harnwegsinfekt, und das Blut untersucht.

Um urologische Erkrankungen und Fehlbildungen beurteilen zu können, bedient sich die Kinderurologie unter anderem einer Reihe bildgebender Verfahren. An erster Stelle steht hier die Ultraschalldiagnostik (Sonographie), mit der sich innere Organe und die Harnwege unkompliziert und ohne Strahlenbelastung untersuchen lassen. Dank modernster Technik, wie zum Beispiel hochauflösendem Ultraschall, farbkodierter Duplexsonographie (zur Bestimmung der Flussrichtung des Blutes) oder dreidimensionaler Sonographie, lassen sich nicht nur anatomische Veränderungen, sondern auch Funktionsstörungen erkennen. Ein Grossteil der kinderurologischen Krankheitsbilder lässt sich mit einer Ultraschalluntersuchung diagnostizieren.

Im Gegensatz zu Erwachsen haben Kinder eine zehnfach höhere Strahlensensibilität und damit einhergehend ein deutlich höheres Risiko, einen sogenannten strahleninduzierten Tumor zu entwickeln. Daher spielt die mit einer hohen Strahlenbelastung einhergehende Computertomographie (CT) nur eine untergeordnete Rolle in der Kinderurologie. Dagegen hat sich die Magnetresonanzurographie (MRU), ein spezielles Verfahren der Magnetresonanztomographie (MRT, Kernspin), als nicht strahlenbelastende Methode etabliert. Mithilfe eines starken Magnetfeldes werden ebenfalls hochaufgelöste Schnittbilder erzeugt, anhand derer sowohl die Anatomie des gesamten Urogenitaltrakts als auch die Nierenfunktion beurteilt werden können.

Trotz einer gewissen Strahlenbelastung gilt die Miktionszysturethrographie (MCU) aufgrund ihrer hohen Aussagekraft hinsichtlich Anatomie und Funktion nach wie vor zu den wichtigsten Untersuchungen in der Kinderurologie. Bei dieser Untersuchung wird die Harnblase entweder über einen durch die Harnröhre vorgeschobenen Blasenkatheter oder durch Punktion der Harnblase durch die Haut mit Kontrastmittel gefüllt und anschliessend Röntgenaufnahmen gemacht.

Darüber hinaus gibt es weitere bildgebende Verfahren, die bei speziellen Fragestellungen zum Einsatz kommen können, wie beispielsweise die Pyelographie (Darstellung bestimmter Bereich des Nierenbeckens), die Laparoskopie (Bauchspiegelung) oder szintigraphische Methoden (Verwendung von radioaktiv markierten Substanzen zur Funktionsdarstellung der Nieren).

Eine weitere, relativ häufig durchgeführte urologische Untersuchung ist die Blasenspiegelung (Zystoskopie). Mittels einer über die Harnröhre vorgeschobenen winzigen Videooptik kann der Kinderurologe das Innere von Harnröhre und Harnblase beurteilen. Im Rahmen der Blasendruckmessung (Urodynamik) kann über Drucksonden und Elektroden die Funktionsweise der Harnblase untersucht werden.

Untersuchungen, die unangenehm sind oder für die die kleinen Patienten relativ lange ruhig liegen müssen (Blasenspiegelung, MRU), werden in der Regel in einer kurzen Narkose durchgeführt.

Behandlungsmethoden

Neben konservativen Behandlungen mit innerlich oder äusserlich angewendeten Arzneimitteln ist die Kinderurologie auch ein stark von teils routinemässigen, teils aber auch recht filigranen bzw. hoch spezialisierten chirurgischen Eingriffen geprägtes Fachgebiet. Vorhautverengungen, Hodenhochstand, Blockaden des Harnflusses und andere korrekturbedürftige angeborene Fehlbildungen werden in der Regel in den ersten Lebensjahren operiert. Viele Eingriffe führt der Kinderurologe standardmässig minimalinvasiv (sogenannte Schlüssellochchirurgie) über eine Bauchspiegelung (Laparoskopie) bzw. Blasenspiegelung durch, sodass keine oder nur sehr kleine sichtbare Narben entstehen.

Die meisten der im Kindesalter auftretenden urologische Erkrankungen und Fehlbildungen sind mit Routineeingriffen bzw. vielfach erprobten konservativen Therapien zu behandeln. Oft „wachsen“ sich Phimosen, Harntransportstörungen und andere Störungen sogar ganz ohne Behandlung aus – ob beobachtendes Abwarten eine sinnvolle Strategie ist, kann jedoch nur der Kinderurologe entscheiden.

Kinder mit seltenen und komplizierteren Erkrankungen und Fehlbildungen des Urogenitaltrakts sind in den kinderurologischen Zentren der grossen Krankenhäuser am besten aufgehoben. Die hier tätigen Spezialisten arbeiten bei Bedarf eng mit Kindernephrologen (bei Nierenproblemen), Kinderneurologen (zum Beispiel bei neurologisch bedingten Blasenfunktionsstörungen), Kinderonkologen (bei Tumorerkrankungen) und Kinderendokrinologen (zum Beispiel bei Störungen der Sexualentwicklung (DSD)) zusammen.

Welche Ausbildung hat ein Kinderurologe?

Ein Kinderurologe verfügt über eine Facharztausbildung in Kinderchirurgie oder Urologie und hat in der Regel zusätzlich eine entsprechende Weiterbildung absolviert. Auf europäischer Ebene gibt es eine offizielle Zusatzbezeichnung dieser speziellen Ausbildung (Fellow of the European Academy of Peadiatric Urology (FEAPU)). In Deutschland arbeiten spezialisierte Kinderurologen an den Zentren für pädiatrische Urologie der grossen Krankenhäuser. Darüber hinaus bieten viele urologische Praxen kinderurologische Sprechstunden an. Auch niedergelassene Kinderchirurgen führen mitunter Operationen am Urogenitaltrakt durch.

Quellen

  • Bundesärztekammer (2013) (Muster-)Weiterbildungsordnung 2003 in der Fassung vom 28.06.2013. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/20130628-MWBO_V6.pdf
  • European Society for Paediatric Urology, European Association of Urology (2016) Paediatric Urology. Guideline. https://uroweb.org/guideline/paediatric-urology/#3
  • Oswald J., Becker T. (2014) Spezifische Diagnostik in der Kinderurologie. In: Michel M., Thüroff J., Janetschek G., Wirth M. (eds) Die Urologie. Springer Reference Medizin. Springer, Berlin
  • Oswald J für den Arbeitskreis Kinderurologie ÖGU (2016) Leitlinien Kinderurologie. vermed, Graz. https://www.uro.at/images/uro/downloads/Leitlinien_Kinderurologie_2016.pdf
  • Radmayr C. (2014) Kinderurologische Notfälle / Traumatologie. In: Michel M., Thüroff J., Janetschek G., Wirth M. (eds) Die Urologie. Springer Reference Medizin. Springer, Berlin

 

Zuletzt aktualisiert am 24.10.2019