Die Neuroendokrinologie ist eine interdisziplinäre Disziplin der Bereiche Endokrinologie (Hormone und Stoffwechsel) sowie Neurologie (Nerven) und beschäftigt sich somit mit den Wechselwirkungen zwischen Hormon- und Nervensystem. Als wichtige Botenstoffe nutzt der menschliche Körper Hormone nicht nur zur Kommunikation zwischen zentralem Nervensystem und anderen Bereichen des Körpers. Auch innerhalb des Gehirns spielen sie eine große Rolle. Gerät das empfindliche System jedoch aus dem Gleichgewicht, sind die Folgen oft weitreichend. Eine Vielzahl unspezifischer Symptome machen die Untersuchung durch einen erfahrenen Neuroendokrinologen nötig, der Hormonspiegel misst und dabei die komplexen Zusammenhänge zwischen Hormonen und Nervensystem mit einbezieht.

Übersicht

Neuroendokrinologie - Weitere Informationen

Das komplizierte Zusammenspiel von Hormonen und Nervensystem

Die beiden wichtigsten Strukturen in der Neuroendokrinologie sind der Hypothalamus und die Hypophyse. Beide liegen im Gehirn und steuern von dort aus überlebenswichtige Funktionen. So ist der Hypothalamus unter anderem zuständig für Hunger, Durst, einen gesunden Tag-Nacht-Rhythmus, die Körpertemperatur und einen ausgeglichenen Blutdruck. All diese Belange werden durch die vermehrte oder verminderte Ausschüttung entsprechend steuernder Hormone reguliert.

Die im Hypothalamus gebildeten Hormone werden nicht wie die von anderen Organen produzierten Hormone über den Blutkreislauf im ganzen Körper verteilt. Stattdessen wirken die Hypothalamushormone auf die unterhalb des Hypothalamus sitzende Hypophyse, auch Hirnanhangdrüse genannt, indem sie wiederum die Ausschüttung von Hormonen durch die Hypophyse regeln. Diese Hypophysenhormone steuern daraufhin die verschiedensten Körperfunktionen von der Schilddrüse über die Nebennieren bis hin zur Milchproduktion in der weiblichen Brust.

Tätigkeitsbereiche eines Neuroendokrinologen

Neuroendokrinologen sind Fachärzte, die sich auf die Behandlung von Krankheiten spezialisiert haben, die ihren Ursprung in einer Fehlfunktion des neuroendokrinen Systems haben. Ursache dafür können beispielsweise Gehirntumoren oder Gehirnverletzungen sein. Zu den neuroendokrinen Schwerpunkten werden zum Beispiel die folgenden gezählt:

  • Tumoren wie Hypophysenadenom (gutartiger Tumor der Hypophyse), Multiple endokrine Neoplasie Typ I (gemeinsames Auftreten von gutartigen Hypophysentumoren und gutartigem Nebenschilddrüsentumor)
  • Gestörte Hormonbildung (Hormoninsuffizienz) nach Schädel-Hirn-Trauma
  • Schilddrüsen- und Nebenschilddrüsenerkrankungen wie Hyperthyreose (Überproduktion von Schilddrüsenhormon), Hypothyreose (Minderversorgung mit Schilddrüsenhormon), Hypoparathyreoidismus (verminderte Kalziumwerte meist aufgrund einer reduzierten Parathormonbildung aus den Nebenschilddrüsen)
  • Nebennierenerkrankungen wie Hyperkortisolismus (Cushing-Syndrom; erhöhte Kortisolproduktion), Hypokortisolismus (Morbus Addison; Nebennierenrindenunterfunktion), Hyperaldosteronismus (Conn-Syndrom; Überproduktion von Aldosteron in der Nebennierenrinde)
  • Stoffwechselstörungen wie Hyperkalzämiesyndrom (erhöhte Kalziumwerte meist aufgrund von vermehrter Kalziumfreisetzung aus dem Knochen) und Osteoporose, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Adipositas (Fettleibigkeit)
  • Störungen der Sexualhormonbildung wie PCO-Syndrom
  • Hormonelle Probleme bei psychiatrischen Erkrankungen
  • Geschlechtsentwicklungsstörungen und Transsexualität

Diagnostik in der Neuroendokrinologie

Die Anamnese, das heißt die Befragung des Patienten nach seinen Beschwerden, seiner Lebensweise und Medikamenteneinnahme und seiner Krankengeschichte bzw. die seiner direkten Verwandten, sowie die körperliche Untersuchung geben dem Arzt bereits erste Hinweise darauf, ob eine hormonelle Störung Ursache für die Beschwerden des Patienten sind. In der Regel schließen sich nun Labortests an, über die die Spiegel verschiedener Hormone im Blut bestimmt werden (Erstellung eines Hormonspiegels, Hormondiagnostik). Diese endokrinologische Labordiagnostik gibt meist schon ein recht genaues Bild darüber, ob die zugrunde liegende Störung im oder außerhalb des Gehirns liegt und welche Störung vorliegen könnte.

Im Rahmen von endokrinologische Funktionstests, wie Belastungstests (zum Beispiel oraler Glukosetoleranztest), Stimulationstests und Hemmtests, kann die vermutete Fehlfunktion weiter untersucht bzw. eingegrenzt werden. Dabei werden bestimmte Hormone oder Substanzen dem Patienten verabreicht und die Reaktion des Körpers beobachtet.

Über bildgebende Verfahren, wie CT, MRT oder Ultraschall, können krankhafte Veränderungen an den Hormondrüsen und Gehirn sichtbar gemacht werden. Mittels MRT lassen sich beispielsweise Hypophysentumoren sehr gut darstellen.

Behandlungsgrundsätze in der Neuroendokrinologie

Die Ursachen für neuroendokrinologische Störungen sind vielfältig. Dabei unterscheiden Mediziner allgemein zwischen Unter- und Überfunktion. Bei einer Unterfunktion werden zu wenige oder keine Hormone gebildet, sodass alle von diesem Hormon gesteuerten Regelkreisläufe betroffen sind. Bei einer Überfunktion erfolgt eine pathologisch erhöhte Ausschüttung, meist aufgrund von strukturellen Veränderungen des Gewebes. Alle Störungen können sowohl nur ein bestimmtes oder mehrere Hormone betreffen.

Unter Umständen entsteht eine neuroendokrine Unterfunktion durch einen Gendefekt und ist damit angeboren. Die Therapie besteht in der Verabreichung der fehlenden Hormone, um die daraus resultierenden Beeinträchtigungen zu verhindern. Je nachdem, um welchen Gendefekt es sich handelt, ist die Therapie nur vorübergehend oder lebenslang nötig. Gleiches gilt, wenn Gewebe durch einen Unfall oder eine Operation zerstört wurde und deshalb nicht mehr ausreichend Hormone produziert.

Ursache für eine neuroendokrine Überfunktion der Hypophyse ist meist ein Tumor. In den meisten Fällen ist dies ein gutartiges Geschwulste, deren Behandlung vor allem von ihrer Größe und ihrem Wachstum abhängt. Nimmt der Tumor schnell an Größe zu, ist eine Operation meist die beste Lösung. Dies gilt auch für eine Hypophysitis, eine Entzündung der Hirnanhangdrüse. Unter Umständen reicht aber auch eine medikamentöse Therapie aus.

Nicht zuletzt sind Neuroendokrinologen wichtige Ansprechpartner im Rahmen einer transsexuellen Geschlechtsumwandlung. Sie kontrollieren und steuern die Hormontherapie und sorgen dafür, dass die Umstellung der Geschlechtshormone für den Körper möglichst schonend und ohne Zwischenfälle abläuft.

Die Aus- und Weiterbildung zum Neuroendokrinologen

Neuroendokrinologen verfügen häufig über einen Facharzt für Innere Medizin und Endokrinologie und Diabetologie, sie können aber auch eine andere Facharztausbildung, wie zum Beispiel Facharzt für Innere Medizin oder Facharzt für Neurologie, und gegebenenfalls zusätzliche Weiterbildungen auf dem Gebiet der Neuroendokrinologie absolviert haben. Sind chirurgische Eingriffe erforderlich, handelt sich bei den behandelnden Ärzten meist entweder um Fachärzte für Neurochirurgie (bei Eingriffen im Gehirn) oder um Fachärzte für Allgemeinchirurgie oder für Viszeralchirurgie.

Eine Facharztausbildung kann nach abgeschlossenem Medizinstudium ein in Deutschland zugelassener Arzt machen. Hierfür ist je nach fachlicher Ausrichtung eine fünf- bis sechsjährige Tätigkeit notwendig, während der eine festgelegte Anzahl an diagnostischen Verfahren und Therapien durchgeführt werden muss. Dadurch erlangt der Experte für Neuroendokrinologie fundierte Kenntnisse in allen Bereichen der Diagnose und Behandlung von neuroendokrinen Krankheiten.

Zuletzt aktualisiert am 30.10.2019

Quellen:

Bundesärztekammer (2013) (Muster-)Weiterbildungsordnung 2003 in der Fassung vom 28.06.2013. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/20130628-MWBO_V6.pdf

Blossey HC. (2018) Endokrine und Stoffwechselerkrankungen in der Neurologie. In: Berlit P. (eds) Klinische Neurologie. Springer Reference Medizin. Springer

Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) et al. (2019) Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung. AWMF-Register-Nr. 138-001. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/138-001l_S3_Geschlechtsdysphorie-Diagnostik-Beratung-Behandlung_2019-02.pdf

Machein M, Gumpp V (2014) Hypophysentumor. Klinisches Krebsregister Kodierhilfe. Universitätsklinikum Freiburg. https://www.uniklinik-freiburg.de/fileadmin/mediapool/09_zentren/cccf/pdf/cccf_kkr_kodierhilfe_hypophysentumor.pdf