Rückenmarksverletzung - Medizinische Experten

09.08.2021
Dr. rer. nat. Marcus Mau
Autor des Fachartikels

Rückenmarksverletzungen treten häufig im Zusammenhang mit Wirbelsäulenverletzungen bei Unfällen auf. Darüber hinaus kann die Ursache aber ebenso in einem Schlaganfall oder neurologischen Erkrankungen liegen. In der Regel führen Nervenschäden im Bereich des Rückenmarks je nach Ausmaß der Verletzungen zu Bewegungsstörungen bis hin zur Querschnittlähmung.

ICD-Codes für diese Krankheit: S14, S24, S34

Empfohlene Spezialisten

Rückenmarksverletzung Fälle in Deutschland

2.294 Fälle im Jahr 2019
2.359 Fälle im Jahr 2021 ( Prognose )

Das prognostizierte Fallzahlwachstum basiert auf Angaben zur Bevölkerungsentwicklung der statistischen Bundes- & Landesämter. Die Berechnung erfolgt je Altersklasse, sodass demographische Effekte berücksichtigt werden. Die Fallzahlen basieren aus einer Vernetzung von unterschiedlichen öffentlich zugänglichen Quellen. Mittels Datenanalyseverfahren werden diese Zahlen aufbereitet und unseren Usern zugänglich gemacht.

Artikelübersicht

Rückenmarksverletzung – Nicht nur eine Unfallfolge

Unter einer Rückenmarksverletzung verstehen Mediziner in erster Linie eine Verletzung des Rückenmarks oder seiner unmittelbaren Umgebung. Anders als Wirbelsäulenverletzungen, wie beispielsweise ein Wirbelbruch, sind Rückenmarksverletzungen je nach Schweregrad oft irreversibel und führen zu Lähmungserscheinungen.

Die drei Stadien der Rückenmarksverletzungen

Je nach Schwere und Ausmaß der Rückenmarksverletzung werden drei Stadien unterschieden:

  1. Die Rückenmarkserschütterung (Commotio spinalis),
  2. Die Rückenmarksprellung (Contusio spinalis),
  3. Die Rückenmarksquetschung (Compressio spinalis).

Die Rückenmarkserschütterung

Die Rückenmarkserschütterung ist die „einfachste“ Form der Rückenmarksverletzung. Infolge einer Krafteinwirkung auf die Wirbelsäule und das Rückenmark kommt es zu einer vorübergehenden (reversiblen) Funktionsstörung der Nervenleitung.

Charakteristisch für die Rückenmarkserschütterung ist, dass es zu Funktionsausfällen kommt, ohne dass sich Veränderungen in der Bildgebung finden lassen. Die genaue Art der Funktionsstörungen ergibt sich aus der Schwere und der Lokalisation der Rückenmarksverletzung. Für die Dauer von maximal 48 Stunden kann es z. B. zu Empfindungsstörungen, Blasenentleerungsstörungen oder auch zur Störung der Reflexe kommen – alles jedoch ohne Lähmungserscheinungen. 

Die Rückenmarksprellung

Die Rückenmarksprellung ist im Gegensatz zur vorgenannten Rückenmarkserschütterung eine nicht umkehrbare (nicht reversible) Rückenmarksverletzung. Die Art der Gewalteinwirkung ist hier stärker und direkter als bei der Rückenmarkserschütterung. In der Folge wird das Rückenmark direkt gequetscht oder geprellt, daher auch der Name „Rückenmarksprellung“. Daneben kann es zusätzlich auch z. B. zu Blutungen oder zur Ödembildung kommen.

Je nach der Schwere der Rückenmarksverletzung reichen die Symptome der Rückenmarksprellung von leichten motorischen und sensiblen Nervenausfällen bis hin zur teilweisen oder vollständigen Querschnittlähmung.

Die Rückenmarksquetschung

Die Rückenmarksquetschung ist die schwerste Form der Rückenmarksverletzung. Sie tritt in der Regel nach direktem Druck auf das Rückenmark auf. Ein solcher Druck entsteht beispielsweise nach einem Unfall, oder aber durch Wirbelkörperfragmente, Hämatome (Einblutungen), Bandscheibenvorfälle oder auch Tumoren.

Akut auftretende Rückenmarksquetschungen führen häufig zu Ausfallerscheinungen, neurologischen Ausfällen sowie Kontinenzstörungen. Dahingegen treten bei subakutem oder chronischem Verlauf vor allem Rückenschmerzen auf. Eine klopfempfindliche Wirbelsäule deutet zudem auf Tumoren oder Hämatome im Bereich des Rückenmarkes hin.

Wie wird eine Rückenmarksverletzung diagnostiziert?

Die Verdachtsdiagnose Rückenmarksverletzung wird anhand der Symptomatik getroffen. In der Regel treten

  • Empfindungsstörungen oder
  • Nervenausfälle,
  • Schmerzen sowie
  • Lähmungserscheinungen

auf. Diese werden häufig in einer neurologischen Untersuchung festgestellt.

Zur Sicherung der Diagnose wird der Arzt in der Regel eine Magnetresonanztomografie (MRT) beauftragen. Damit lassen sich auch Weichgewebe wie Nerven und das Rückenmark im Schnittbild darstellen. Zum Ausschluss von Frakturen nach einem Unfall kann zudem ein Röntgenbild vonnöten sein.

Um andere Ursachen für die Nervenausfälle, wie beispielsweise Infektionen oder eine Meningitis, ausschließen zu können, kann eine sogenannte Lumbalpunktion durchgeführt werden, um etwas Spinalflüssigkeit (Rückenmarksflüssigkeit oder Liquor) zur labortechnischen Untersuchung zu gewinnen.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es bei Rückenmarksverletzungen?

Die Möglichkeiten der Behandlung einer Rückenmarksverletzung richten sich vornehmlich nach deren Schweregrad. Die Rückenmarkserschütterung beispielsweise benötigt in erster Linie viel Ruhe und körperliche Schonung.

Dahingegen sind die Auswirkungen einer Rückenmarksprellung nicht in jedem Fall umkehrbar. Hier können dann lediglich die Begleiterscheinungen, wie z. B. Ödeme, Zysten, Wirbelbrüche oder Bandscheibenvorfälle konservativ oder operativ behandelt werden, um den Druck auf die Spinalnerven zu verringern. Wenn die Kompression noch nicht zu lange bestanden hat, ist es durchaus möglich, dass sich die Nervenbahnen in einigen Fällen wieder regenerieren können und die Empfindungen sowie die Beweglichkeit zurückkommen.

Dahingegen sind Teillähmungen – oder auch die vollständige Querschnittlähmung – mit heutigen Mitteln nicht heilbar. Verschiedene Hilfsmittel, physiotherapeutische Maßnahmen und Trainingsprogramme ermöglichen es Betroffenen jedoch, ein relativ selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Prognose bei Rückenmarksverletzung

Die Prognose ist eng mit der Art der Rückenmarksverletzung verknüpft. So hat beispielsweise die Rückenmarkserschütterung eine gute Prognose. Die Schäden sind durch Schonung innerhalb einiger Tage bis Wochen reversibel.

Auf der anderen Seite hat die Rückenmarksquetschung eher eine ungünstige Prognose. Diese Erkrankung führt zu unumkehrbaren Verletzungen des Rückenmarkes, die mit heutigen medizinischen Mitteln nicht heilbar sind. Patienten sind häufig auf Hilfe angewiesen und müssen je nach Ausmaß der Lähmungserscheinungen auch einen Rollstuhl nutzen. Dadurch verschlechtert sich der Gesundheitszustand oft weiter, da Muskelgruppen nicht mehr ausreichend gefordert sind und sich zurückbilden. Hinzu kommen psychische Problem, wie Depressionen, oder auch Schwierigkeiten im sozialen Bereich sowie im Freundeskreis. Durch geeignete physiotherapeutische Maßnahmen und wenn Betroffene sich mit ihrer Situation arrangieren, verbessert sich jedoch die Lebenssituation und auch die Lebensqualität und ein zufriedenes Leben mit der Erkrankung wird ermöglicht. Das Leben trotz der Einschränkungen optimistisch zu sehen, erhöht die Lebensqualität trotz Querschnittlähmung, so zeigen Studien.

Welche Ärzte behandeln Rückenmarksverletzungen?

Da Rückenmarksverletzungen sehr häufig im Zusammenhang mit Unfällen auftreten sind Notfallmediziner die ersten Experten vor Ort. Darüber hinaus können je nach Art und Schwere der neurologischen Ausfälle Fachärzte für Neurologie, Neurochirurgie oder auch Allgemeine Chirurgie beteiligt sein.

Quellen

flexikon.doccheck.com/de/R%C3%BCckenmarksverletzung
flexikon.doccheck.com/de/Contusio_spinalis
flexikon.doccheck.com/de/Compressio_spinalis
flexikon.doccheck.com/de/Commotio_spinalis
medlexi.de/Commotio_spinalis
medlexi.de/Compressio_spinalis#Behandlung_.26_Therapie
aerzteblatt.de/nachrichten/81751/Gehirn-und-Rueckenmarksverletzung-Hormonspiegel-wirkt-sich-auf-Immunorgane-aus
medlexi.de/Wirbelbruch
Whatsapp Twitter Facebook VKontakte YouTube E-Mail Print