Unter Divertikeln werden Ausstülpungen in der Regel der Darmwand nach außen verstanden. Ausstülpungen kommen aber nicht nur im Magen-Darm-Trakt, dann hauptsächlich im linksseitigen Dickdarm, vor, sondern können beispielsweise auch im Harntrakt oder in seltenen Fällen im Herzen auftreten. Dieser Artikel behandelt die Divertikel des Dickdarms.
ICD-Codes für diese Krankheit: K57

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Definition: Was sind Divertikel?

Divertikel sind Ausstülpungen der Wand eines Hohlorgans nach außen. Sie können im gesamten Verdauungstrakt, meistens aber im linksseitigen Dickdarm, sowie im Harntrakt (Harnleiter, Harnröhre, Harnblase) und sehr selten im Herzen vorkommen. Je nachdem, ob alle oder nur einige Wandschichten an der Ausstülpung beteiligt sind, können

  • echte Divertikel (alle Wandschichten werden nach außen gestülpt) von
  • falschen Divertikeln, auch Pseudodivertikel genannt (es sind meist nur die den Darm auskleidende Schleimhaut und die darunter liegende Submukosa beteiligt)

unterschieden werden. In den meisten Fällen von Divertikeln handelt es sich um Pseudodivertikel, sodass in der Regel, auch in diesem Artikel, bei einem Divertikel ein Pseudodivertikel gemeint ist.

Die Bezeichnung Divertikulose ist durch das Vorhandensein von in der Regel mehreren Divertikeln definiert. Verursachen die Divertikel Beschwerden, wird von einer Divertikelkrankheit gesprochen. Sind ein oder mehrere Divertikel entzündet, liegt eine Divertikulitis vor. Das Vorhandensein von Divertikeln im Darm und deren Ausprägung können in verschiedene Klassen eingeteilt werden, die für den therapeutischen Ansatz von Bedeutung sind. Liegt keine Entzündung der Divertikel vor, handelt es sich um Typ 0, die asymptomatische Divertikulose. Entzündete Divertikel, die Divertikulitis, lassen sich in die Typen 1 bis 4 einteilen.

Symptome

Das Auftreten von Divertikeln hat in der Regel keinerlei Krankheitsbedeutung. Problematisch wird es erst dann, wenn Symptome oder Komplikationen auftreten. 70 Prozent der Menschen, die Divertikel haben, bleiben lebenslang ohne Symptome. Bei den übrigen 30 Prozent können sich je nach Krankheitsstadium verschiedene Symptome entwickeln:

  • Blähungen, aufgetriebener Leib, Gefühl einer unvollständigen Darmentleerung, wobei sich diese Beschwerden meist nach dem Stuhlgang bessern können
  • Veränderte Stuhlbeschaffenheit (überwiegend Verstopfung)
  • Veränderte Stuhlfrequenz
  • Zum Teil heftige Darmblutungen (Divertikelblutungen stellen die häufigste Ursache für Blutungen aus dem Magen-Darm-Trakt dar)
  • Schmerzen im linken Unterbauch bis hin zu heftigsten Bauchschmerzen
  • Tastbare walzenförmige feste Struktur bis hin zu einem „brettharten Bauch“

Insbesondere bei Zeichen einer akuten Divertikelkrankheit (linksseitiger Unterbauchschmerz, Verhärtung des Bauchs) muss schnell ein Arzt konsultiert werden. Ursache dieser Schmerzen ist eine Ausdehnung der Entzündung auf die Außenseite des Darms und auf das Bauchfell (Bauchfellentzündung = Peritonitis). Im weiteren Verlauf der Divertikelkrankheit kann es zu Eiteransammlungen (Abszessen) bis hin zur Perforation (Einreißen) des Darms kommen. Hierbei können Stuhl und Luft aus dem Darm in die Bauchhöhle gelangen. Diese „kotige Peritonitis“ kann trotz operativer Versorgung und Antibiotikatherapie auch in der heutigen Zeit immer noch zum Tode führen.

Treten - auch leichte - Entzündungen immer wieder auf (chronische Divertikelkrankheit), kann es im Verlauf zu Schrumpfungen des Darms und der Entwicklung einer Verengung (Stenose) Darm kommen.

Ursachen und Risikofaktoren

Divertikel entstehen mit zunehmendem Lebensalter. Während bei Personen unter 50 Jahren nur etwa zehn Prozent der Menschen Divertikel aufweisen, hat bereits jeder zweite 80-Jährige Darmausstülpungen.

Es gibt darüber hinaus Hinweise, dass manche Ernährungsgewohnheiten zur Entstehung von Divertikeln beitragen können: Bevölkerungsgruppen mit traditionell eher faserreicher Ernährung haben deutlich weniger Divertikel als die Bevölkerung in Industrieländern, die sich häufiger faserarm (ballaststoffarm) ernährt. Hieraus resultiert die These, dass Divertikel durch eine ballaststoffärmere Kost entstehen. Diese wird dadurch erklärt, dass durch eine faserarme Kost, verbunden mit einer geringeren Trinkmenge, das Gewicht und die Menge des Stuhles herabgesenkt und dadurch das Darminnere (Darmlumen) weniger stark gefüllt werden. Der Darm bewegt sich spontan, also ohne bewussten Einfluss des Menschen. Diese Beweglichkeit wird durch die Füllung des Darms bzw. die entsprechende Dehnung der Darmwand gesteuert. Bei geringerem Darminhalt nimmt die spontane Beweglichkeit ab. Für die entsprechenden Bewegungswellen muss dann ein viel höherer Druck aufgewendet werden, der zu den Ausstülpungen führen kann.

Risikofaktoren für die Entstehung von Divertikeln sind neben der ballaststoffarmen Kost und der daraus resultierenden Neigung zur Verstopfung (Obstipation) geringe körperliche Aktivität und starkes Übergewicht. Risikofaktoren der Divertikelkrankheit und Divertikulitis sind hingegen vor allem der Verzehr von rotem Fleisch, Rauchen, unter Umständen Alkoholkonsum sowie bestimmte Grunderkrankungen, wie arterielle Hypertonie oder Nierenerkrankungen.

Untersuchungen und Diagnose

Da die meisten Divertikel keine Beschwerden verursachen, sind asymptomatische Divertikel ein Zufallsbefund im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung oder der Abklärung einer anderen Erkrankung. Erst wenn Beschwerden auftreten, wird gezielt nach deren Ursache gefahndet.

Basis jeder ärztlichen Diagnostik ist die Patientenbefragung (Anamnese). Hierbei befragt der Arzt den Patienten über die Art und Schwere der Beschwerden, vergangene Krankheiten, eingenommene Medikamente und familiäre Erkrankungen. In der anschließenden körperlichen Untersuchung wird der Bauch abtastet und abgehört. Die Körpertemperatur wird gemessen, und es erfolgt eine digitalrektale Untersuchung (Untersuchung des Enddarms mit dem Finger). Das Blut wird auf erhöhte Leukozyten- und CRP-Werte (CRP = C-reaktives Protein, ein Wert, der bei Entzündungen in der Regel ansteigt) untersucht.

In der bildgebenden Diagnostik stehen der Ultraschall und die Computertomographie im Vordergrund. Da bei einer Divertikelkrankheit die erhöhte Gefahr besteht, dass durch das Endoskop der Darm perforiert (einreißt), sollte eine Darmspiegelung in der Akutphase nicht durchgeführt werden.

Lediglich bei Darmblutungen aus Divertikeln erfolgt eine Darmspiegelung, um die Blutungsquelle zu suchen und um die Blutung möglichst zu stillen. Ist keine Blutungsquelle auszumachen, werden weitere bildgebende Untersuchungen (CT-Angiographie, Angiographie oder Szintigraphie) notwendig. Aber auch bei länger als drei bis sechs Monate anhaltenden leichten und unspezifischen Beschwerden sollte eine Darmspiegelung durchgeführt werden, um andere Krankheiten des Darms als Ursache sicher ausschließen zu können.

Allgemeines zur Behandlung

Die Behandlung von symptomatischen Divertikeln gehört in die Hände des Arztes. Wichtig sind die Sicherung der Diagnose und der Ausschluss anderer Ursachen. Die Therapie ist immer stadienabhängig.

Menschen mit Divertikeln sollten eine regelmäßige körperliche Aktivität ausüben, Normalgewicht erhalten/erreichen und ballaststoffreiche, vegetarische Kost zu sich nehmen; diese Maßnahmen können einer Divertikulitis vorbeugen.

Leichte Beschwerden, wie Unregelmäßigkeiten im Stuhlgang, können oft durch Regulierung des Stuhlgangs erfolgreich therapiert werden. Hierzu wird in der Regel eine ballaststoffreiche Kost empfohlen. Sollte darunter weiterhin die Neigung zur Verstopfung (Obstipation) bestehen, sind zusätzliche Gaben von Quellmitteln (Weizenkleie, geschrotete Leinsamen) in Verbindung mit Milchprodukten (zum Beispiel naturbelassener Joghurt) empfehlenswert. Stellt sich unter diesen Maßnahmen keine Besserung der Symptomatik ein, können durch den Arzt (keine Eigenmedikation!) stuhlregulierende Medikamente verschrieben werden.

Die Therapie reicht je nach Schweregrad der Erkrankung von der Regulierung des Stuhlgangs mittels ballaststoffreicher Kost, über eine Antibiotikatherapie und operativen Entfernung von divertikeltragenden Dickdarmabschnitten bis hin zur Stillung von Divertikelblutungen und der Notfall-Operation bei Darmperforation. Ausführliche Informationen zur Behandlung finden Sie m Artikel  Divertikulitis.

Quellen:

Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs-und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), Deutsche Gesellschaft für Allgemein-und Viszeralchirurgie (DGAV) (2013) Divertikelkrankheit / Divertikulitis. S2k-Leitlinie. AWMF Register-Nr. 021/20. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/021-020l_S3_Divertikelkrankheit_Divertikulus_2014-05-abgelaufen.pdf

Fischbach W. (2015) Divertikelkrankheit des Kolons. In: Lehnert H. et al. (eds) SpringerReference Innere Medizin. Springer Reference Medizin. Springer, Berlin, Heidelberg

Germer C-T, Lock JF (2017) Erste deutsche Leitlinie zur Divertikelkrankheit. Bayerisches Ärzteblatt vom 15.12.2017. https://www.bayerisches-aerzteblatt.de/inhalte/details/news/detail/News/erste-deutsche-leitlinie-zur-divertikelkrankheit.html