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Vesikorenaler Reflux - Informationen & Spezialisten

Unter einem Vesikoureteralen Reflux (VUR) wird ein unphysiologischer, krankhafter Rückfluss von Urin aus der Harnblase über die Harnleiter (Ureter) in Richtung Nierenbecken verstanden. Der Harnreflux kann bereits angeboren sein. Erfahren Sie hier mehr zu Symptomen, Diagnostik und Therapie!

ICD-Codes für diese Krankheit: N13.7, Q62.7

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Was ist der vesikoureterale Reflux?

Der vesikoureterale Reflux (VUR) wird in der Medizin auch als vesikorenaler Reflux (VRR) bezeichnet. Gemeint ist damit der Rückfluss von Harn aus der Blase in den Harnleiter. Der Urinrückfluss kann bis in das Nierenbecken führen. Der Harn kann an diesen Stellen über einen längeren Zeitraum einen zu großen Druck ausüben. Dann besteht das Risiko von Beeinträchtigungen der Niere. Außerdem kann es durch das Eindringen von Bakterien zu einer schmerzhaften Nierenentzündung kommen. Dadurch können Vernarbungen im Nierengewebe entstehen.

Welche Formen des vesikoureteralen Reflux gibt es?

Ärzte unterscheiden beim vesikoureteralen Reflux zwischen der primären und der sekundären Form. Während die primäre Form bereits angeboren ist, wird die sekundäre Form im Laufe des Lebens erworben. Des Weiteren kann zwischen einem Niederdruck-VUR sowie einem Hochdruck-VUR unterschieden werden:

  • Von einem Niederdruck-VUR ist die Rede, wenn der Rückfluss des Urins bereits während der Füllungsphase der Blase einsetzt.
  • Um einen Hochdruck-VUR handelt es sich dagegen bei einem Entstehen des Reflux in der Entleerungsphase der Harnblase.

Einteilung der Schweregrade

Bei dem vesikoureteralen Reflux können unterschiedliche Ausprägungen der Erkrankung festgestellt werden. Ein wichtiges Kriterium dafür ist, wie stark sich die anatomischen Strukturen durch den Druck des Harns verändern. Eine typische druckbedingte Veränderung ist die Erweiterung (fachsprachlich: Dilatation) des Harnleiters, des Nierenbeckens und der Nierenkelche. 

Seit 1985 wird der vesikouretereale Reflux in fünf unterschiedliche Schweregrade (nach Parkkulainen/Heikel) eingeteilt. Dies sind:

  • Grad I: Reflux in den Harnleiter, jedoch nicht bis in das Nierenbecken
  • Grad II: Reflux bis in das Nierenbecken ohne Dilatation (= ohne Veränderung der Nierenkelche)
  • Grad III: Reflux bis in das Nierenbecken mit leichter Dilatation (Erweiterung) des Hohlsystems und leichtgradiger Verplumpung der Nierenkelche
  • Grad IV: Reflux mit Dilatation des Hohlsystems mit leichtem Ureterkinking und Verplumpung der Kelche mit noch sichtbaren Papillen
  • Grad V: Reflux mit starker Dilatation des Hohlsystems und Ureterkinking sowie verplumpten Nierenkelchen mit größtenteils nicht mehr sichtbaren Papillen.

Ursachen des vesikoureteralen Reflux

Normalerweise wird der Urin über die beiden Harnleiter in Richtung Harnblase transportiert. An dieser Stelle findet sein Ausscheiden aus dem Körper statt. Die Ureteröffnung fungiert dabei sozusagen als Ventil und sorgt dafür, dass der Harn nicht wieder zu den Nieren zurückfließt. Eine Störung dieser Funktion ist jedoch mitunter bereits angeboren. Grund dafür sind Fehlanlagen der Harnleitermündung in der Wand der Harnblase. Dabei handelt es sich zumeist um einen zu kurzen intramuralen Harnleiterverlauf. Bei einem Druckanstieg in der Harnblase kann der obere Harntrakt deswegen nicht richtig abgedichtet werden.

Ein sekundärer vesikoureteraler Reflux entsteht durch direkte Beeinträchtigungen der Uretermündung. Als Auslöser kommen Harnblasenentzündungen oder neurogene Funktionsstörungen der Blase infrage.

In manchen Fällen ist auch eine Überdehnung der Blasenwand für die Entstehung eines vesikoureteralen Reflux verantwortlich.

Welche Symptome treten beim VUR auf?

Babys und Kleinkinder leiden bei einem vesikoureteralen Reflux in der Regel unter:

  • schlechtem Gedeihen
  • Blässe
  • Untergewicht
  • wiederholtem Einnässen
  • Bauchschmerzen
  • Durchfall
  • Erbrechen

Bei größeren Kindern sowie erwachsenen Patienten zeigen sich:

  • ständiger Harndrang
  • Brennen beim Wasserlassen
  • Schmerzen im Bereich der Nieren
  • ein übler Geruch des Urins
  • Schmerzen in der Flanke während des Wasserlassens oder bei einer gefüllten Harnblase

Der Rückstau des Urins erhöht das Risiko von Harnwegsinfektionen, bei denen schädliche Keime bis in das Nierenbecken gelangen können. Die dadurch verursachten Nierenentzündungen können zu Vernarbungen im Nierengewebe führen. Diese Erkrankung wird Refluxnephropathie genannt.

Mögliche Komplikationen

Im weiteren Verlauf des vesikoureteralen Reflux leiden die Patienten unter Folgeerscheinungen wie zu hohem Blutdruck oder einer Niereninsuffizienz (Nierenschwäche). Schon im Kindesalter kann eine Inkontinenz drohen. In den meistens weniger schwerwiegenden Fällen heilt die VUR bei Kindern allerdings oft spontan ab.

Diagnostik des VUR

Bei Verdacht auf einen vesikoureteralen Reflux sollte die Untersuchung durch einen Facharzt der Urologie oder Kinderurologie erfolgen. Erster Schritt der Untersuchung ist das Erfassen der Krankengeschichte (Anamnese) des Patienten. Der Arzt erkundigt sich dabei nach den Beschwerden sowie eventuellen Vorerkrankungen.

Allgemeine urologische Untersuchung

Weitere Hinweise können eine körperliche Untersuchung, eine Untersuchung des Urins sowie eine Blutuntersuchung liefern. Auf diese Weise lassen sich mögliche Schäden erkennen.

Sonographie: Ultraschalluntersuchung bei VUR

Ein weiteres Mittel der Diagnostik stellt die Sonographie (Ultraschalluntersuchung) dar. Der Urologe kann durch diese Methode feststellen, ob Harnleiter oder Nierenbecken erweitert sind.

MCU: Miktionszysto-Urethrogramm

Zur Beurteilung des Schweregrads der VUR dient ein Miktionszysto-Urethrogramm. Bei dieser Untersuchung wird über einen dünnen Katheter Kontrastmittel in die Harnblase gefüllt. Unter Röntgendurchleuchtung (ggf. auch durch sonographische Darstellung) kann bei bestehendem Reflux ein Rückfluss des Kontrastmittels während des Auffüllens bzw. beim Wasserlassen in den Harnleiter oder das Nierenbecken dargestellt werden. Zudem sind Blasengröße, Form und Veränderungen an der Harnröhre beurteilbar.

Harnblasenspiegelung (Zystoskopie)

Im Anschluss an ein MCU kann der Arzt in manchen Fällen eine Harnblasenspiegelung vornehmen. Auf diese Weise lassen sich Form, Umfang und Lage der Harnleitermündungen bestimmen. Gleichzeitig kann der Reflux im selben Eingriff behandelt werden (Refluxunterspritzung).

DMSA-Szintigraphie

Als sinnvoll gilt in manchen Fällen auch eine Nierenszintigraphie, die zu den nuklearmedizinischen Untersuchungsverfahren zählt. Mit dieser Untersuchung werden Narben am Nierengewebe nach stattgehabten Entzündungen erkannt.

Wie wird ein vesikoureteraler Reflux behandelt?

Auf welche Weise die Therapie eines VUR erfolgt, hängt vom jeweiligen Schweregrad der Erkrankung ab.

Therapie mit Medikamenten (Antibiotika)

Handelt es sich lediglich um eine leichte Form, reicht die Gabe von antibiotischen Medikamenten aus. Dadurch können die Harnwegsinfektionen wirksam bekämpft und neue Infekte verhindert werden. Es besteht eine hihe Chance, dass der Reflux mit zunehmendem Alter sozusagen verschwindet.

Endoskopische Unterspritzung der Harnleitermündungsstelle

Bei der endoskopischen Unterspritzung mit Dextranomere/Hyaluronsäure (Deflux) wird über eine Blasenspiegelung in Narkose die Substanz über das Instrument unter die Mündungsstelle des Harnleiters in die Blase gebracht. Diese Prozedur bewirkt, dass das Harnleiterende angehoben, die Harnleitermündungsstelle eingeengt und der Reflux idealerweise beseitigt wird. Je niedriggradiger der Reflux, desto höher ist die Chance auf langfristigen Erfolg.

Chirurgische Therapie

Die offen chirurgische Therapie ist mit ca. 95 Prozent die erfolgreichste Therapie zur Behandlung des Refluxes. Diese kommt vor allem bei höhergradigem Reflux oder auch bei Versagen der Unterspritzungsmethode zum Einsatz. Die am häufigsten verwendete Technik ist die Antirefluxplastik nach Lich-Gregoir, deren Prinzip es ist, den Harnleiterverlauf durch die Blasenwand durch Bildung eines muskulären Tunnels zu verlängern. Die Blase muss dabei nicht geöffnet werden – die Operation wird von einem kleinen Schnitt im Unterbauch aus durchgeführt.

Eine Operation sollte prinzipiell durchgeführt werden, wenn

  • trotz antibiotischer Therapie wiederkehrende Nierenbeckenentzündungen oder fieberhafte Blasenentzündungen auftreten („Durchbruchsinfektionen"),
  • Narben am Nierengewebe zunehmen,
  • hohe Refluxgrade (IV-V) ohne Aussicht auf spontanes Verschwinden vorhanden sind,
  • die Eltern eine jahrelange Medikamenteneinnahme ablehnen oder
  • die medikamentöse Therapie nicht zuverlässig durchgeführt wird.
Wichtig ist, sowohl nach endoskopischer Unterspritzung, als auch nach offener Refluxkorrektur eine regelmäßige (jährliche) Ultraschalluntersuchung der Niere, um das Nierenwachstum bis in die Pubertät zu verfolgen und um eine erneute Harntransportstörung auszuschließen. Unmittelbar nach den Eingriffen sollten die Kontrollen (Urinkontrolle, Ultraschall, Blutdruck-Kontrollen) engmaschiger erfolgen.

Prognose, Vorbeugung und Verlauf

Ist der vesikoureterale Reflux bereits angeboren, gibt es keinerlei Möglichkeiten zur Vorbeugung. Bei der sekundären Form wird von Urologen eine Entleerung der Harnblase in zwei Abschnitten empfohlen. Das bedeutet, dass nach der ersten Entleerung einige Minuten Pause bis zur nächsten Entleerung vergehen.

Selbst ohne Behandlung heilt ein vesikoureteraler Reflux oftmals wieder ab. In manchen Fällen sind jedoch schwere Komplikationen möglich, sodass es ratsam ist, sich grundsätzlich an einen Arzt zu wenden.

Quellen

  • Vesikorenaler Reflux: https://flexikon.doccheck.com/de/Vesikorenaler_Reflux
  • Blasenspiegelung (Zytoskopie): https://flexikon.doccheck.com/de/Zystoskopie
  • Ärzteblatt: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/58532/Vesikorenaler-Reflux-Antibiotikaprophylaxe-verhindert-Harnwegsinfektionen
  • S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der neurogenen Blasenfunktionsstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit spinaler Dysplasie: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/043-047l_S2k_neurogene_Blasenfunktionsst%C3%B6rungen_spinale_Dysraphie_2019-08.pdf

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