Als Harnsteine (Urolithe) bezeichnet man mehr oder weniger große steinartige Gebilde (Konkremente), die sich in den Harnwegen (Nierenbecken, Harnblase, Harnleiter, Harnröhre) befinden. Stören sie den Abtransport des Urins, hat der Patient extreme kolikartige Schmerzen. Es liegt dann ein Harnsteinleiden vor, der Facharzt für Urologie spricht auch von Urolithiasis.

ICD-Codes für diese Krankheit: N22

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Was sind Harnsteine?

In Deutschland gehören Harnsteine zu den häufigsten Erkrankungen. Die Neuerkrankungsrate hat in den letzten Jahrzehnten aufgrund von veränderten Ernährungsgewohnheiten und Lebensumständen sowie von verbesserten diagnostischen Möglichkeiten um das Dreifache zugenommen. Es wird angenommen, dass jeder Zehnte im Laufe des Lebens Harnsteine bekommt, von diesen etwa 25% sogar mehrfach.

Harnsteine tragen je nachdem, wo sie sich befinden, verschiedene Bezeichnungen: Konkremente in der Harnblase werden Blasensteine genannt, die Erkrankung heißt dann Zystolithiasis. Blasensteine können direkt in der Harnblase entstehen (primäre Blasensteine), oder sie bilden sich in der Niere und werden mit dem Harn in die Harnblase geschwemmt (sekundäre Blasensteine). Daneben können Harnsteine in den Nieren (Nierensteine; Erkrankung: Nephrolithiasis oder Nierensteinleiden), in den Harnleitern (Harnleitersteine; Erkrankung: Ureterolithiasis) und in der Harnröhre (Erkrankung: Urethralithiasis) vorkommen.

Die meisten Harnsteine sind sehr klein, sodass der Körper sie über den Urin ausscheiden kann, der Patient ahnt dann nichts von ihrer Existenz. Haben sie jedoch eine gewisse Größe erreicht, können sie in den Harnwegen steckenbleiben und heftige, krampfartige Schmerzen (Koliken) verursachen. In diesem Fall müssen sie entfernt werden.

 

 

Wie entstehen Harnsteine?

Befinden sich im Harn höhere Konzentrationen an bestimmten Mineralsalzen, werden sie bei entsprechend saurem Harn ausgefällt (das heißt, sie sind nicht mehr löslich) und bilden kleine Kristalle (Grieß), die sich dann zu größeren Gebilden zusammenlagern. Im Extremfall kann ein Urinstein so groß sein, dass er das gesamte Nierenbecken ausfüllt (Ausgussstein).

Harnsteine unterscheiden sich in Bezug auf ihren Hauptinhaltsstoff. Drei Viertel aller Harnsteine sind Kalziumoxalat-Steine (auch Whewellit bzw. Weddellit genannt). Etwa jeder zehnte Urinstein besteht aus Magnesium-Ammonium-Phosphat. Steine dieses Typs nennt man Struvit. 5% aller Harnsteine enthalten Harnsäure (Uratsteine). Ebenfalls jeder zwanzigste Stein ist ein Kalziumphosphat-Stein. Xanthin- und Zystin-Steine kommen noch seltener vor.

Bekannte Risikofaktoren für die Entstehung von Harnsteinen sind Bewegungsmangel, Übergewicht, Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus), höheres Lebensalter sowie männliches Geschlecht. Bei älteren Männern kommen Blasensteine häufig zusammen mit der gutartigen Prostatavergrößerung vor, da diese Erkrankung mit einer gestörten Blasenkontraktion verbunden ist. Sie wiederum erschwert den Urinabgang.

Eine Entzündung der ableitenden Harnwege begünstigt die Entstehung der Steine. Bestimmte neurologische Erkrankungen (Querschnittslähmung, multiple Sklerose) sorgen für einen eingeschränkten Urinfluss und haben daher ebenfalls oft die Bildung von Harnsteinen zur Folge.

Struvit-Steine entstehen oft als Folge von Harnwegsinfektionen. Auch eine ungesunde Ernährungsweise mit einem Übermaß an steinbildenden Salzen (Kalzium, Ammoniumverbindungen, Phosphaten, Oxalaten, Harnsäure) begünstigt das Auftreten der Steine, da der Körper die chemischen Verbindungen nicht in ausreichendem Umfang über den Urin ausscheiden kann.

Was sind die Symptome von Harnsteinen?

Ob es zu Symptomen kommt, richtet sich danach, welche Größe der Urinstein hat und wo genau er sich im Harntrakt befindet. Blasengrieß und kleine Konkremente bereiten in der Regel keine Probleme.

Schränken sie jedoch den Harnfluss ein, kommt es zu Beschwerden. Scharfkantige Harnsteine reiben an der Wand des Organs und bewirken Schleimhautreizungen, geringfügige Blutungen und - reißen sie sie auf - sogar die Schädigung des betroffenen Organs. Die Narbenbildung verursacht dann weitere Beschwerden.

Kann der Urin nicht mehr abfließen, staut er sich bis zur Niere zurück. Der so entstehende Harnverhalt (Ischurie) bedarf dringender notfallmedizinischer Versorgung, da es sonst zur Blutvergiftung kommen kann. Ungenügend abgeleiteter Harn kann zu dauerhaften Nierenschäden führen.

Versucht der Betroffene, Wasser zu lassen, kommt es zu plötzlich auftretenden extremen Schmerzen im Unterbauch (Kolik). Mitunter bricht der Harnstrahl einfach ab. Die Schleimhautreizung führt zu Blut im Urin. Andere Patienten klagen über ständigen Harndrang, können jedoch nur wenige Tropfen Urin lassen (Pollakisurie).

Verursachen die Harnsteine Schmerzen, versucht der Patient, sich durch eine veränderte Körperhaltung Erleichterung zu verschaffen. Er legt sich hin, stellt sich aufrecht hin und läuft herum. Mitunter sind die Beschwerden so stark, dass ihm übel wird und er sich erbricht.

Sollten Sie bei sich derartige Symptome feststellen, suchen Sie bitte schnellstmöglich einen Facharzt für Urologie auf.

Wie werden Harnsteine diagnostiziert?

Bei der ärztlichen Untersuchung hört der Urologe zuerst den Unterbauch des Patienten ab und betastet ihn dann vorsichtig. Hat er den Verdacht, dass ein Harnstein vorhanden ist, nimmt er eine Urin- und eine Blutprobe. Die Urinprobe zeigt, ob im Urin des Patienten Bakterien, Blut oder Kristalle vorkommen. Die Blutprobe gibt Auskunft über den Harnsäuregehalt, die Nierenfunktion und eine mögliche Harnwegsinfektion.

Wichtigste bildgebende Verfahren sind die Ultraschalluntersuchung (Sonografie) und die Computertomografie (CT). Die Sonografie ist einfach durchzuführen und strahlungsfrei. Auf dem Ultraschallbild lassen sich Harnsteine in der Niere ab einer Größe von mindestens 5 mm nachweisen - und etwa ab dieser Größe bereiten die Steine zunehmend Probleme. Die Computertomografie wird vor allem zum Nachweis für Steine in den Harnleitern eingesetzt. Mit ihr lassen sich sogar ein Harnstau und sehr kleine Steine darstellen, die im Ultraschall nicht sichtbare sind.

Gelegentlich und alternativ zur Computertomografie wird auch eine Röntgenaufnahme ohne Kontrastmittel des Harntrakts durchgeführt. Diese Untersuchung ist allerdings nicht so empfindlich wie ein CT.

Muss eine Harnableitung durchgeführt werden, erfolgt im Vorfeld eine so genannte Ureteropyelografie. Hierbei wird dem Patienten über einen Katheter ein Kontrastmittel verabreicht, mit dem sich Harnleiter und Nierenbecken sehr gut darstellen lassen.

Wie werden Harnsteine behandelt?

Gegen Nierenkoliken können verschiedene Medikamente gegeben werden, in der Regel sind dies Nicht-Opioide, wobei Metamizol als Mittel der ersten Wahl gilt. Aber auch Indometazin und Dicofenac können die Beschwerden lindern. Schmerzlindernd wirken unter Umständen auch Wärmeanwendungen wie heiße Bäder.

Harnsteine, die keine Beschwerden verursachen, muss der Urologe nicht behandeln. Er beobachtet sie lediglich in regelmäßigen Abständen. Oft gehen Harnsteine, die maximal 5 mm groß sind, spontan ab. Alternativ kann man auch ausschwemmende Medikamente einsetzen. Harnsäuresteine lassen sich unter Umständen auch durch Medikamente auflösen. Wichtig ist dabei immer, dass der Patient viel Flüssigkeit zu sich nimmt. Auch viel Bewegung kann helfen, den Urinstein zu lösen.

Sind die Harnwege derart blockiert, dass der Harn nicht mehr ausgeschieden werden kann (Harnverhalt), muss eine Harnableitung mit einer Harnleiterschiene eingeleitet werden. Dabei wird ein dünner Kunststoffschlauch an der blockierten Stelle vorbei bis in die Niere vorgeschoben, über den dann der Harn nach außen abfließen kann. So wird die Niere geschont und das Risiko einer weiteren Nierenschädigung reduziert.

Solche Harnsteine, die den Harnabfluss blockieren, müssen entfernt werden. Dasselbe gilt für Steine, die trotz Behandlung weiterhin Schmerzen verursachen bzw. nicht von alleine abgehen. In den meisten Fällen erfolgt die chirurgische Entfernung heute minimalinvasiv.

Harnleitersteine und kleinere Nierensteine werden mittels Harnleiter- und Nierenbeckenspiegelung (Ureterorenoskopie) behandelt. Dabei wird ein Endoskope über die Harnröhre, die Harnblase und die Harnleiter bis in das Nierenbecken vorgeschoben. Mit einer Mini-Zange werden die Harnsteine dann entfernt, größere Steine werden zuvor mit einem Laser zerkleinert. Große Nierensteine bis hin zu Ausgusssteinen werden mittels minimalinvasiver oder offener perkutaner (über die Haut) Steinchirurgie (so genannte perkutane Nephrolitholapaxie) entfernt. Die offene Operation wird heutzutage jedoch nur noch selten angewandt.

Im Rahmen einer Stoßwellen-Therapie (ESWL, extrakorporale Stoßwellen-Lithotripsie) werden von außen Energiewellen auf einen Harnleiter- oder Nierenstein fokussiert, wodurch dieser zertrümmert wird. Die Bruchstücke werden dann mit dem Harn ausgeschieden. Allerdings können bei großen Harnsteinen auch größere Trümmerteile entstehen, die wiederum den Harnweg blockieren können. In diesem Fall wären weitere Eingriffe wie eine Ureterorenoskopie oder eine Harnleiterschiene notwendig.

 

 

Entstand der Harnstein im Zusammenhang mit einer anderen Erkrankung, muss der Facharzt auch diese behandeln.

Nach erfolgreichem Abgang des Harnsteins muss der Facharzt seine Entstehungsursache finden. Denn nur so kann er verhindern, dass es in der Folgezeit zur Bildung weiterer Harnsteine kommt.

Kann man Harnsteinen vorbeugen?

Viele Patienten, bei denen ein Harnstein entfernt wurde, bekommen mit weiteren Verlauf erneut Harnsteine. Um dem vorzubeugen, sollte insbesondere die Trinkmenge gesteigert werden: mindestens 2,5 bis 3 Liter täglich. Dadurch wird der Urin verdünnt, sodass die Mineralsalze nicht mehr ausgefällt werden und Kristalle bilden können. Da zuckergesüßte Softdrinks ein erhöhtes Steinbildungsrisiko mit sich bringen, sollte auf diese Getränke allerdings verzichtet werden.

Darüber hinaus sollte auf eine ausgewogene Ernährung geachtet werden. Menschen mit Harnsäure-Steinen dürfen nur wenig purinhaltige Nahrungsmittel zu sich nehmen, da der Körper die Substanz Purin zu Harnsäure abbaut. Einen hohen Gehalt an Purinen haben

  • Fleisch
  • Innereien
  • Wurst

Oxalsäurehaltigen Steinen kann vorgebeugt werden, indem auf den Konsum von

  • Rhabarber
  • Spinat
  • Nüssen
  • Kaffee

verzichtet wird.

Quellen

  • aerzteblatt.de (2017) Urolithiasis: Diagnostik zu oft mit Computertomographen statt Ultraschall. Deutsches Ärzteblatt vom 27. April 2017
  • Deutsche Gesellschaft für Urologie et al. (2015) S2k-Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Metaphylaxe der Urolithiasis. awmf-Registernummer 043-025
  • Fisang C et al. (2015) Urolithiasis – interdisziplinäre Herausforderung in Diagnostik, Therapie und Metaphylaxe. Dtsch Arztebl Int 112(6):83-91. DOI: 10.3238/arztebl.2015.0083
  • Knoll T et al. (2015) Urolithiasis: Worauf zu achten ist. Dtsch Arztebl 112(37). DOI: 10.3238/PersUro.2015.0911.02