Mehrlingsschwangerschaft - Komplikationen und Vorsorgen

14.04.2020
Prof. Dr. med. Markus Wallwiener
Medizinischer Fachautor
Bei einer Mehrlingsschwangerschaft können mehrere Kinder gleichzeitig in der Gebärmutter heranwachsen. Schwangerschaften mit Mehrlingen sind eine besondere Herausforderung für die Mutter und die ungeborenen Kinder. Komplikationen während der Schwangerschaft oder der Geburt können häufiger auftreten, als bei Einlingsschwangerschaften. Eine enge Betreuung durch Spezialisten der Frauenheilkunde und Geburtshilfe ist bei einer Mehrlingsschwangerschaft angeraten. Erfahren Sie hier mehr und finden Sie ausgewählte Spezialisten!
ICD-Codes für diese Krankheit: O30, O31

Empfohlene Spezialisten

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Entstehung und Varianten

Die Mehrlingsschwangerschaft unterscheidet sich nach der Anzahl der Embryonen in Zwillings-, Drillings-, Vierlings- ja sogar Fünf- oder Sechslings-Schwangerschaften. Dabei tritt eine beliebige Kombination aus eineiigen und zweieiigen Zwillingen auf. Diese unterscheiden sich in ihrer Entstehung:

  • Zweieiige Zwillinge wachsen aus zwei befruchteten, unterschiedlichen Eizellen heran. Sie wird dizygotische Schwangerschaft (di = zwei) genannt. Die zwei Eizellen reifen in den Eierstöcken gleichzeitig heran und werden von zwei verschiedenen Spermien befruchtet. Die Geschwister sind deshalb genetisch unterschiedlich.
  • Eineiige Zwillinge entstehen aus einer einzigen befruchteten Eizelle (Zygote). Diese teilt sich vollständig über eine Durchschnürung. Beide Embryos sind genetisch völlig gleich mit ihren jeweils 46 Chromosomen. Sie entwickeln sich zu zwei identischen, gleichgeschlechtlichen Geschwistern. Diese Form der eineiigen Zwillingsschwangerschaft wird monozygotische Schwangerschaft genannt (mono = einzig). 

Ein Drittel aller Mehrlingsschwangerschaften sind eineiige (monozygote) Zwillinge. Die anderen zwei Drittel entfallen auf die häufigeren, zweieiigen (dizygote) Zwillingsschwangerschaften.

Formen von eineiigen Mehrlingsschwangerschaften

Bei eineiigen Mehrlingen können verschiedene Formen der Schwangerschaft auftreten - das heißt, wie die Embryonen mit der Gebärmutter verbunden sind. Das hängt vom Entwicklungsstadium der befruchteten Eizelle ab, kurz bevor sie sich in die Gebärmutterschleimhaut einnistet (Fachausdruck: Blastozyste) und zwar zum Zeitpunkt der Durchschnürung:

  • Dichoriale-diamniot: Jeder Embryo befindet sich in einer eigenen Fruchtblase (Amnionhöhle), die von einer eigenen Fruchthöhle (Chorionhöhle) ganz umschlossen ist. Für jeden Zwilling ist eine eigene Plazenta mit kindlichem (Chorionplatte) und mütterlichem Anteil entstanden.
  • Monochoriale-diamniot: Die eineiigen Zwillinge haben jeweils eine eigene Fruchtblase (Amnionhöhle). Sie liegen jedoch in einer gemeinsamen Fruchthöhle (Chorionhöhle) und teilen sich eine Plazenta.
  • Monochoriale-monoamniot: Die Mehrlinge sind von einer gemeinsamen Fruchtblase (Amnionhöhle) und einer gemeinsamen Fruchthöhle (Chorionhöhle) umschlossen. Die Zwillinge können auch miteinander verwachsen sein (siamesische Zwillinge), wenn die Teilungsvorgänge nicht richtig ablaufen. Dies kommt in weniger als 0,5 % der Fälle von eineiigen Zwillingsschwangerschaften so vor.

Jede Form der Mehrlingsschwangerschaft bietet den ungeborenen Kindern andere Entwicklungsbedingungen, zum Beispiel, ob sie über zwei eigene oder eine gemeinsame Plazenta mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt werden. Daher ist es wichtig, die Entwicklung der ungeborenen Kinder zu beobachten und zu begleiten.

Begünstigende Faktoren 

Mehrlingsschwangerschaften mit zwei oder mehreren Embryonen entstehen in vielen Fällen nach einer Hormonbehandlung, die während einer Kinderwunschbehandlung durchgeführt wird. Die verabreichten Hormone stimulieren die Eierstöcke, so dass mehrere Eizellen gleichzeitig heranreifen, Eisprünge stattfinden und die Eizellen befruchtet werden können. 

Die Techniken der künstlichen Befruchtung (In-vitro-Fertilisation, IVF) führen ebenfalls zu einem Anstieg von Mehrlingsschwangerschaften. Hierbei werden der Mutter im Normalfall ein bis zwei, höchstens drei befruchtete Eizellen in die Gebärmutter eingesetzt, um die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft zu erhöhen. Gleichzeitig steigt damit der Anteil von Mehrlingsschwangerschaften, wenn sich alle transferierten Eizellen einnisten.

Mehrlingsschwangerschaften entstehen eher selten ohne äußere begünstigende Faktoren, wie eine Kinderwunschbehandlung mit vorherigen Hormongaben. Natürliche Faktoren können das steigende Alter oder eine genetische Veranlagung der Mutter sein - beispielsweise ist die Mutter selbst ein Mehrling. 

Erste Anzeichen einer Mehrlingsschwangerschaft

Eine Mehrlingsschwangerschaft hat zu Beginn dieselben Anzeichen, wie bei einer Schwangerschaft mit einem sogenannten Einling:

  • erhöhter Wert des Schwangerschaftshormons HCG (humanes Choriongonadotropin)
  • Morgenübelkeit mit Erbrechen in den ersten Schwangerschaftswochen 

Besondere Anzeichen auf eine Mehrlingsschwangerschaft sind:

  • eine deutliche Gewichtszunahme bereits im ersten Trimester (1. bis 12. Schwangerschaftswoche),
  • ein deutlich vergrößerter Bauchumfang und
  • eine deutlich vergrößerte Gebärmutter. Diese ist vom Gynäkologen oder der Gynäkologin tastbar und im Ultraschallbild zu erkennen.

Diagnose und Vorsorgeuntersuchungen

Die Diagnose einer Mehrlingsschwangerschaft wird bei der Untersuchung mit Ultraschall (Sonografie) zwischen der achten und zwölften Schwangerschaftswoche gestellt. In einigen Fällen kann auch schon in der sechsten oder siebten Woche eine Mehrlingsschwangerschaft, gegebenenfalls auch durch vorsichtiges Abtasten, festgestellt werden. Im Ultraschallbild kann der untersuchende Arzt oder die Ärztin dabei die Körperteile von mehreren Kindern erkennen und besonders viele Kindsbewegungen feststellen.

Zu den allgemeinen Vorsorgeuntersuchungen in der medizinischen Schwangerenbetreuung gehören das medizinische Labor mit der Kontrolle von Blutgruppe, Hämoglobin und Urin sowie die körperliche Untersuchung (Messung von Körpergewicht, Bauchumfang, Blutdruck (RR), Inspektion der Uterusgröße, des Beckens und des Muttermundes).

Eine Mehrlingsschwangerschaft beinhaltet ein erhöhtes Risiko für alle bekannten Schwangerschaftskomplikationen. Sie braucht eine häufigere, ärztliche Kontrolle als eine normale Schwangerschaft. Daher erfolgt bis zur 28. Schwangerschaftswoche alle vierzehn Tage eine Vorsorgeuntersuchung. Ab der 28. Schwangerschaftswoche wird die Entwicklung der Kinder und der Allgemeinzustand der Mutter wöchentlich kontrolliert, unter anderem mittels CTG.

Häufige Schwangerschaftskomplikationen allgemein

Die Schwangere kann vermehrt Beschwerden durch die Schwangerschaft erfahren, dazu gehören:

  • vermehrte Übelkeit mit häufigem Erbrechen,
  • Wassereinlagerungen (Stauungsödeme) und Kribbeln in den Beinen ab dem zweiten Trimester,
  • Rückenschmerzen in Folge von Gewichtszunahme,
  • Atemlosigkeit durch Druck der heranwachsenden Mehrlinge auf die Lunge,
  • Tritte und Stöße gegen die Bauchdecke, 
  • eine allgemeine Ruhe- und Rastlosigkeit.

Häufige Schwangerschaftskomplikationen bei einer Mehrlingsschwangerschaft

Bei einer Mehrlingsschwangerschaft hängt die gesunde Entwicklung der ungeborenen Kinder vor allem vom vorhandenen Platz und der ausreichenden Versorgung mit genügend Nährstoffen und Sauerstoff ab. Komplikationen während der Schwangerschaft mit Mehrlingen können daher die Plazenta, die Nabelschnur und die Nährstoffversorgung betreffen.

Bei der Schwangeren können Schwangerschaftserkrankungen, wie Hyperemesis gravidarum (krankhaft häufiges Erbrechen) oder Präeklampsie (Bluthochdruck mit Eiweißausscheidung im Urin) auftreten.

Frühgeburten vor der 37. Schwangerschaftswoche kommen bei Mehrlingsschwangerschaften häufiger vor, als bei Einlingsschwangerschaften aufgrund der höheren Belastung des mütterlichen Organismus. Risikofaktoren und Anzeichen sind vorzeitige Wehentätigkeit, vorzeitiger Blasensprung (Fruchtblase zerreißt) und Muttermundschwäche (Zervixinsuffizienz). Der Gebärmutterhals (Cervix uteri) verkürzt sich während der Schwangerschaft vorzeitig auf weniger als 3 Zentimeter, der Muttermund öffnet sich in diesem Zusammenhang glücklicherweise selten.

Mögliche Komplikationen von Mehrlingsschwangerschaften auf einen Blick: 

  • Plazentainsuffizienz: akute oder chronische Funktionsstörung der Plazenta. Der Stoffaustausch und die Durchblutung sind unzureichend. Dadurch ist eine Schädigung des Fötus bzw. der Föten möglich.
  • Vermindertes Größenwachstum oder Schrumpfen des Fötus (Hypotrophie)
  • Neurologischen Schädigung im Falle einer verminderten Sauerstoff- oder Nährstoffversorgung
  • Starke Schwangerschaftsbeschwerden, z.B. unstillbares Erbrechen (Hyperemesis gravidarum), Präeklampsie und Eklampsie, die mit Bluthochdruck und Stoffwechselstörungen einhergehen.
  • Erhöhtes Frühgeburtsrisiko: Unterschreiten der normalen Schwangerschaftsdauer um mehr als drei Wochen; Geburt vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche. 
  • Fehlgeburt (Abort): Wenn die Schwangerschaft vor der abgeschlossenen 23. bzw. 24. Schwangerschaftswoche (SSW) endet, sind die Kinder noch nicht lebensfähig.
  • Das Feto-fetale Transfusionssyndrom ist eine eine Fehlverteilung von Blut über die Plazenta an die Föten im Fall von eineiigen Zwillingen oder Mehrlingen, die sich eine Plazenta teilen. Hier wird aufgrund von Kurzschlüssen im Blutgefäßsystem der Plazenta eines der Kinder mit zu viel Blut versorgt (Akzeptor), während das andere Kind zu wenig Blut erhält (Donor). Eine Therapiemöglichkeit ist die Laserablation, wobei die Gefäßverbindungen bzw. -kurzschlüsse innerhalb der Plazenta mittels Laser verödet werden. Dieses Verfahren ist allerdings nicht risikoarm und sollte nur in spezialisierten Zentren durch erfahrene Operateure durchgeführt werden.
  • Fehlgeburt (Abort): Das Kind ist nicht lebensfähig, da die Schwangerschaft vor der 23. Schwangerschaftswoche (SSW) endet und das Geburtsgewicht unter vierhundert Gramm liegt.

Zur Beurteilung der Entwicklung von Kindern nach einer Mehrlingsschwangerschaft sind die Früherkennungsuntersuchungen beim Kinderarzt sehr wichtig. 

Notfall-Anzeichen während einer Mehrlingsschwangerschaft

Anzeichen eines Notfalls in der Mehrlingsschwangerschaft sind sehr ernst zu nehmen durch sofortiges Handeln! Bei diese Anzeichen sollte schnell ein Arzt aufgesucht werden:

  • Wehen: geben Hinweise darauf, dass die Geburt bald einsetzt
  • Blutungen: machen das Rufen des Rettungsdienstes notwendig.
  • Bauchschmerzen: wegen verschiedenen möglichen Ursachen vom Arzt schnellstmöglich abzuklären.
  • Fieber deutet auf eine Infektion oder eine andere Komplikation während der Schwangerschaft hin.
  • Starke Schmerzen in einem Bein oder in den Beinen können auf eine Beinvenenthrombose hindeuten.
  • Ein Rückgang der Kindsbewegungen im Bauch ist dringend ärztlich abzuklären.
  • Abgang von Fruchtwasser
  • Brennende Schmerzen beim Wasserlassen deuten auf einen behandlungsbedürftigen Harnwegsinfekt hin
  • Verschlechterter Allgemeinzustand bei Präeklampsie ( erhöhter Blutdruck in Verbindung mit krankhafter Eiweißausscheidung über den Urin), Eklampsie (Krampfanfall) und HELLP-Syndrom (Blutzerfall und hohe Leberwerte in Verbindung mit erniedrigten Blutplättchen).

Mögliche Geburtskomplikationen

Ein erhöhtes Risiko besteht für Geburtskomplikationen bei Mehrlingsschwangerschaften. Dazu gehören eine verlängerte Eröffnungsphase der Geburt von mehr als zwölf Stunden und eine vorzeitige Plazentaablösung nach der Geburt des ersten Zwillings.

Bei einem Nabelschnurvorfall sind die lebenswichtigen Blutgefäße der Nabelschnur abgeklemmt. Dadurch entsteht eine Sauerstoffunterversorgung (Hypoxie) des Kindes.

Starke Nachblutungen können durch verminderte Kontraktionen der Uterusmuskulatur (Uterusatonie) entstehen, dabei zieht sich die Gebärmuttermuskulatur nicht normal zusammen.

Behandlungsmaßnahmen und Betreuung von Schwangeren

Die Schwangerschaftsbegleitung von Mehrlingsschwangerschaft liegt vor allem im Vermeiden von Stress und körperlicher Anstrengung, um vorzeitige Wehen möglichst zu verhindern und die Schwangerschaft lange zu erhaltenFalls vorzeitige Wehentätigkeit oder eine Zervixinsuffizienz vor der abgeschlossenen 34. SSW auftreten, können Medikamente gegeben werden, wie Wehenhemmer oder Kortikosteroide zur Beschleunigung der Lungenreife der ungeborenen Kinder.

Wie wichtig ist ein Geburtsplan?

Die Schwangerschaftsbegleitung bei Mehrlingen hat vor allem das Ziel, die Entwicklung der ungeborenen Kinder so lange wie möglich zu fördern. So lange sollen Mutter und Kinder gesund sein. Ein Geburtsplan beschreibt im Vorfeld alle wichtigen Faktoren, die rund um die Entbindung der Kinder eine Rolle spielen, wie zum Beispiel ob eine natürliche vaginale Geburt möglich ist, wann eine Schmerzbehandlung eingesetzt oder ob ein Kaiserschnitt geplant durchgeführt wird. Der erschwerte natürliche Geburtsvorgang macht häufiger eine Entbindung durch Kaiserschnitt (Sectio caesarea) erforderlich. Der Gesundheitszustand der Schwangeren wird für den Geburtsplan ebenso miteinbezogen. Eine Geburt, besonders bei Mehrlingen, verläuft nicht immer ganz genau nach Plan. Ein Geburtsplan dokumentiert die Schwangerschaft und die geplante Entbindung. 

In der Klinik ist das Personal an die geltenden Richtlinien der Einrichtung gebunden. Ärzte setzen ihre Prioritäten in Abstimmung mit diesen Richtlinien darauf, Leben zu retten und zu erhalten.

  • https://www.dggg.de/leitlinien-stellungnahmen/leitlinien/
  • https://www.dgkj.de/eltern/spezialisten-portraits/neonatologie/
  • Dr. med. Sabine Schmidt und Dr. med. Arne Schäffler: Lehrbuch für Pflegeberufe, Ärzte und Patienten. Medizin und Gesundheit. Köln: Naumann & Göbel Verlagsgesellschaft, 2003
  • https://www.aerzteblatt.de/archiv/78411/Perinatale-Probleme-von-Mehrlingen
  • https://flexikon.doccheck.com/de/Mehrlingsschwangerschaft
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