Die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. beschreibt die somatoforme Schmerzstörung als eine über Monate andauernde Phase quälender Schmerzen. Für die Beschwerden lassen sich keine somatischen – also körperlichen – Ursachen finden.

ICD-Codes für diese Krankheit: F45.4

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Symptome der somatoformen Schmerzstörung

Leitmerkmal der Störung sind körperliche Beschwerden. Der Patient täuscht sie nicht vor und sie entziehen sich seiner willentlichen Kontrolle. Körperliche Untersuchungen bleiben ohne Befund. Diese Tatsache verunsichert viele Betroffene. Deshalb muss klar sein: Die Symptome sind echt und der Patient nicht „verrückt“.

Somatoforme Schmerzstörungen können sich in sämtlichen Organsystemen bemerkbar machen und unterschiedliche Symptome verursachen. Am häufigsten sind folgende Bereiche betroffen:

  • Herz-Kreislauf-System: Druckgefühl oder Brustschmerzen
  • Magen-Darm-Bereich: Verdauungsprobleme mit Durchfall, Verstopfung und Bauchschmerzen
  • Urogenitalbereich: Unterleibsschmerzen und Beschwerden beim Wasserlassen
  • Lunge: Atembeschwerden, die mit Schmerzen verbunden sind
  • Gelenke und Muskeln: Schmerzen in Beinen und Armen oder im Rücken

Neben den Schmerzen berichten Patienten von psycho-vegetativen Begleiterscheinungen, wie

  • Schwindel,
  • Herzrasen,
  • innerer Unruhe,
  • übermäßigem Schwitzen,
  • Abgeschlagenheit und Erschöpfung sowie
  • Magen-Darm-Problemen.

Mann mit Schmerzen

Die Diagnose und Häufigkeit

Da bei somatoformen Schmerzstörungen keine körperlichen Ursache für die Beschwerden existieren, kann auch der beste Mediziner dem Patienten nichts anderes mitteilen, als dass er körperlich vollkommen gesund ist. Für Betroffene bringt dies aber keine Erleichterung, denn die Schmerzen bestehen fort.

Mediziner erklärten sich das Phänomen lange Zeit mit „Hypochondrie“, im Sinne einer „eingebildeten Krankheit“. Betroffene berichteten von einer regelrechten „Ärzte-Odysse“. Diese Sichtweise greift in jedem Fall zu kurz: Personen, die tatsächlich unter einer hypochondrischen Erkrankung leiden, nehmen sämtliche Schmerzen als Indiz dafür, von einer schweren oder unheilbaren Erkrankung betroffen zu sein. Ängste stehen im Vordergrund. Patienten mit einer somatoformen Schmerzstörung berichten in der Regel nicht über solche Krankheitsängste. Sie möchten lediglich schmerzfrei leben.

Das ICD-10 ist der Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dort steht derCode F45.ff für Somatoforme Störungen.

Heute wissen Forscher und Mediziner sehr viel über psycho-somatische Beschwerden und die komplexen Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche. Schmerzpatienten müssen keine Angst haben, als „Hypochonder“ oder gar hysterisch abgestempelt zu werden.

Für eine verlässliche Diagnose überweist der Hausarzt den Betroffenen zu einem Schmerzspezialisten oder einem Facharzt für Psychosomatik. Dieser führt verschiedene Untersuchungen durch. Um den Schmerz besser einzuordnen, kommen folgende Verfahren zum Einsatz:

  • umfassende Analyse der Krankengeschichte (Anamnese)
  • Analyse des vom Patienten geführten Schmerztagebuches
  • Messung der Schmerzintensität durch Fragebögen
  • Skalen zur Messung der Schmerzempfindlichkeit (quantitativ sensorische Messung)

Die Lebenszeitprävalenz der somatoformen Schmerzstörung liegt unter einem Prozent. Das bedeutet: Weniger als ein Prozent der Bevölkerung erfüllt im Laufe des Lebens die Kriterien der Diagnose F45.0 somatoforme Schmerzstörung. Dagegen leiden elf Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer undifferenzierten Schmerzstörung (F45.1). Diese Diagnose steht für Beschwerden, die nicht das Vollbild einer Somatisierungsstörung erfüllen. (Quelle: Voderholzer, U. & Hohagen, F. (2013): Therapie psychischer Erkrankungen. Elsevier-Verlag.)

Auffallend ist die hohe Komorbiditätsrate bei somatoformen Schmerzstörungen. Patienten mit einer Schmerzstörung leiden häufig auch an anderen Erkrankungen wie

  • Depressionen,
  • Angststörungen,
  • körperlich begründbaren Schmerzen oder
  • Schizophrenie.

Mögliche Ursachen

Der Grund für die Beschwerden liegt bei somatoformen Schmerzstörunge in einer Störung der Stress- und Schmerzverarbeitung. Deshalb sind Patienten schmerz- und stressempfindlicher als andere Personen.

Meist löst psychischer Stress die Erkrankung aus. Diese Erkenntnis ist plausibel, wenn man bedenkt, dass das Schmerzempfinden des Menschen im Gehirn entsteht, genauso wie Emotionen. Seelischer und körperlicher Schmerz sind aus diesem Grund sehr eng miteinander verbunden.

Bei somatoformen Schmerzstörungen verbinden sich Schmerz und negative Emotionen. Die Ursache dieser negativen Gefühle können Mangelsituationen, Verlusterfahrungen oder Mobbing sein. Betroffene berichten auch über belastende Erlebnisse wie

  • frühe Schmerzerlebnisse,
  • chronische Erkrankungen,
  • Alkoholismus,
  • emotionale Vernachlässigung oder
  • körperliche Misshandlung in der Vergangenheit.

Von der „Einbildung“ zur Krankheit: Neurowissenschaft und Psyche

Die Hirnforschung brachte unzählige Erkenntnisse zutage und beeinflusste damit die Vorstellung über das Verhältnis von Körper und Seele.

Frühe Kulturen und auch die Religionen gehen von einer Trennung von Körper und Seele aus. Dies bedeutet, die Seele existiert unabhängig vom Körper. In der Antike beschrieb zum Beispiel der griechische Dichter Homer, wie die Seele (psyché) dem Körper Leben einhaucht. Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse befeuern die Diskussion des Leib-Seele-Problems.

Die Wissenschaftler konnten zum Beispiel mit Sonografie (Ultraschall), EEG (Messung der Hirnströme) oder SPECT-Verfahren (Hirnstoffwechsel) feststellen, wie etwa Schmerzimpulse aus dem Körper ins Gehirn gelangen und dort die Schmerzwahrnehmung entsteht. Diese Erkenntnisse führten zu einem Durchbruch: Die Vorstellung, Körper und Seele seien voneinander getrennt, lässt sich nicht mehr halten. Aktuell forschen Wissenschaftler aus vielen Bereichen wie Psychosomatik, Psychoneuroimmunologie und Neuropsychologie an der großen Frage, wie das Zusammenspiel von Körper und Seele funktioniert. Ein komplexes Forschungsfeld mit vielen offenen Fragen.

Eine Erkenntnis ist allerdings sicher: Schmerzen ohne körperliche Ursache sind real, erklärbar und behandelbar. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und eine 3-D-Darstellung des Gehirns finden Sie zum Beispiel auf der Website www.gehirn.info

Die Behandlung somatoformer Schmerzstörungen

Psychotherapie ist die erste Wahl bei der Therapie einer Schmerzstörung. Die Gesprächstherapie kann mit folgende Methoden kombiniert werden:

  • Achtsamkeitstraining,
  • Musik- und Kunsttherapie,
  • soziales Kompetenztraining,
  • Bewegungstherapie,
  • Entspannungsverfahren und
  • ggf. die Gabe von Antidepressiva

Hinweis: Schmerzmittel spielen in der Schmerztherapie eine untergeordnete Rolle. Sie kommen vor allem als kurzfristige Akutbehandlung zum Einsatz.

Das Ziel der Therapie ist, die individuelle Schmerzwahrnehmung des Patienten zu verändern. Der Betroffene lernt, zwischen Emotionen und Schmerzen zu unterscheiden. Außerdem soll der Patient üben, Emotionen, die mit den Schmerzen verbunden sind, zuzulassen. Im weiteren Verlauf der Therapie suchen Therapeut und Patient nach anderen Ausdrucksformen für negative Gefühle.

Gesprächtherapie

Das soziale Umfeld und die Qualität der Beziehungen der Betroffenen spielen in der Therapie ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Patient soll seine Erwartungen, an sich und sein Umfeld, sowie sein Verhalten gründlich reflektieren. Er lernt seine Bedürfnisse kennen und gut für sich zu sorgen. Das Ziel ist es, dass der Betroffene Überforderungssituationen schneller erkennt und sich vor ihnen schützen kann.

Im Verlauf der Therapie können belastende Ereignisse, Verlusterfahrungen, Enttäuschungen oder Kränkungen thematisiert werden. Dies wirkt entlastend und reduziert den Schmerz.

Die Therapie der somatoformen Schmerzstörung zielt darauf ab, den Schmerzursachen auf den Grund zu gehen und den Schmerz zu lösen oder zumindest zu lindern.

Vorbeugung gegen somatoforme Schmerzstörungen

Bis vor einigen Jahren lautete der ärztliche Rat bei Schmerzen sinngemäß: Halten Sie die Beschwerden aus und greifen Sie nicht sofort zu Medikamenten.

Heute weiß die Medizin: Je länger die Schmerzen andauern, desto höher ist das Risiko, dass sie sich chronifizieren. Wenn Sie also immer wieder oder bereits seit längerer Zeit unter körperlichen Beschwerden leiden, sollten Sie mit Ihrem Hausarzt darüber sprechen. Klären Sie mögliche körperlichen Ursachen ab und ziehen Sie auch seelische Auslöser wie Stress, Ängste oder Depressionen in Betracht. Fragen Sie sich zum Beispiel, ob es in Ihrem Leben aktuelle Belastungen gibt, die der Grund für Ihre Beschwerden sein können.

Grundsätzlich zählen ein ausgewogener Lebensstil und abwechslungsreiche Ernährung sowie die Pflege positiver Beziehungen zu den zentralen Säulen eines gesunden Lebens.

Selbsthilfe: Das können Sie selbst tun

Einige Patienten, die unter somatoformen Schmerzstörungen leiden, verfallen mehr und mehr in Lethargie. Sie meiden soziale Kontakte und verlassen ihre vier Wände nur noch ungern. Dieses Verhalten ist natürlich nicht förderlich, denn das Ziel heißt: Bleiben Sie so aktiv wie möglich.

  • Planen Sie regelmäßige Bewegung im Alltag ein, gehen Sie beispielsweise in ein Sportstudio oder lernen Sie eine Entspannungsmethode.
  • Sorgen Sie für ausreichend Entspannung und Ruhepausen. Damit vermeiden Sie Unter- und Überforderung
  • Vergessen Sie nicht, trotz Ihrer Schmerzen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Während Sie sich mit anderen Menschen treffen, treten die körperlichen Beschwerden in den Hintergrund.
  • Suchen oder pflegen Sie ein Hobby, das Ihnen gut tut.
  • Suchen Sie Orte auf, an denen Sie sich wohl fühlen und treffen Sie sich mit Personen, mit denen Sie gerne Zeit verbringen.

Quellen

  • Morschitzky, H. (2007): Somatoforme Störungen: Diagnostik, Konzepte und Therapie bei Körpersymptomen ohne Organbefund. 2. Auflage. Springer-Verlag. (inkl. Selbsthilfe-Teil)
  • Kleinstäuber et al. (2017): Kognitive Verhaltenstherapie bei medizinisch unerklärten Körperbeschwerden und somatoformen Störungen. 2. Auflage. Springer-Verlag.
  • Bleichhardt, G. & Weck, F. (2019): Kognitive Verhaltenstherapie bei Hypochondrie und Krankheitsangst. 4. Auflage. Springer-Verlag.
  • Voderholzer, U. & Hohagen, F. (2013): Therapie psychischer Erkrankungen. Elsevier-Verlag.
  • Spektrum, Lexikon der Wissenschaft