Nicht erst seit diesem Jahrtausend ist die Bulimia nervosa eine anerkannte Erkrankung. Heute jedoch steht sie häufig im medialen Rampenlicht. Der positive Effekt: Die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber dem Krankheitsbild steigt und Betroffene können Hilfe in Anspruch nehmen ohne stigmatisiert zu werden.

ICD-Codes für diese Krankheit: F50.2

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Das Streben nach Schönheit, Anerkennung und Aufmerksamkeit ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis und kein Phänomen der heutigen Zeit. Allerdings bietet die moderne Technik in Form von Fernsehen, Instagram und Co. einen besonders idealen Nährboden für Essstörungen wie Bulimie. In einer Pressemitteilung berichtet der Bundesfachverband Essstörung e. V. von einer aufschlussreichen Studie: Zwei Drittel der befragten Patientinnen gaben demnach an, Formate wie „Germany‘s next Topmodel“ hätten die Krankheitsentwicklung beeinflusst.

Bulimie ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung, die sowohl einen akuten Kreislaufkollaps als auch gefährliche Langzeitschäden verursachen kann. Aus diesem Grund ist es wichtig, die Krankheit frühzeitig zu erkennen und eine Therapie einzuleiten.

Bulimie - das Krankheitsbild

Bulimie ist eine psychische Erkrankung und zählt zu der Gruppe der Essstörungen. Umgangssprachlich ist sie unter dem Begriff Ess-Brech-Sucht bekannt.

Im Diagnosekatalog ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird die Bulimie unter den Ziffer F50.2 codiert. Die Krankheit trifft vornehmlich Frauen – Schätzungen gehen von 90–95 Prozent aus. Vor allem Mädchen in den Teenagerjahren und junge Frauen (Risikogruppe: 15 bis 35 Jahre) tendieren zu dieser Erkrankung. Bulimie geht häufig mit einer gesteigerten Leistungsorientierung und Selbstzweifeln einher. Betroffene stehen dadurch vermehrt unter Druck.

In einigen Fällen folgt auf eine überstandene Magersucht eine Bulimie. Oder Anorexie-Patienten leiden immer wieder unter bulimischen Phasen, weil sie ihr strenges Diät-Programm nicht durchhalten.

Bulimie
© Maksymiv Iurii / Fotolia

Symptome einer Bulimie

Während Patienten mit Magersucht freiwillig auf Nahrung verzichten, führt Bulimie zu Heißhungerattacken. Die Betroffenen nehmen während eines Essanfalls besonders fette und zuckerhaltige Nahrungsmittel zu sich. Dabei erreichen sie Mengen von bis zu 10.000 Kalorien.

Um nicht zuzunehmen, nutzen die Patienten verschiedene Strategien:

  • absichtliches Erbrechen
  • Einnahme von Abführmitteln oder Appetitzüglern
  • Fasten
  • exzessives Training

Zwischen den Ess-Anfällen reduzieren die Betroffenen ihre Nahrungsaufnahme, weshalb sie zu Gewichtsschwankungen neigen. Im Gegensatz zur Magersucht sind Patienten mit Bulimia nervosa häufig normalgewichtig.

Während der Ess-Attacken erleben die Betroffenen einen Kontrollverlust. Wenn sie sich erbrechen, fühlen sie sich kurzfristig erleichtert. Grundsätzlich schämen sich Bulimie-Patienten für ihr Ess-Verhalten und leiden unter Schuldgefühlen. Der Selbstwert sinkt dadurch weiter – ein Teufelskreis.

Zu den psychischen Symptomen einer Bulimie zählen Gefühlsausbrüche aggressiver oder verzweifelter Art, Abschottung, Depressionen, Langeweile (innere Leere) sowie große innere Anspannung. Darüber hinaus wird das Krankheitsbild von einem fortwährenden Gefühl der Scham oder von Schuldbewusstsein begleitet, wodurch ein gestörtes, negatives Verhältnis zur eigenen Person entsteht.

Warnsignale

Anorexie fällt schneller ins Auge als Bulimie, besonders weil Patienten mit Ess-Brech-Sucht überwiegend normalgewichtig sind. Trotzdem gibt es typische Merkmale, die auf eine beginnende Bulimia nervosa hindeuten:

  • vermehrtes Interesse für Ernährung und den Kaloriengehalt von Lebensmitteln
  • ausschließlich „gesunde“ Nahrung wird gegessen
  • Hauptmahlzeiten werden vermieden
  • Unzufriedenheit mit der Figur und dem eigenen Aussehen
  • Leistungsorientierung
  • Steigerung der körperlichen Aktivität
  • sozialer Rückzug
  • Menstruationsstörungen

Sollten Sie bei sich oder einer Person in Ihrem Umfeld derartige Signale wahrnehmen, scheuen Sie sich nicht, Sie darauf anzusprechen oder Ihren Hausarzt ins Vertrauen zu ziehen.

Wenn Sie unsicher sind, wie Sie das Thema ansprechen, finden Sie auf der Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung umfassende Informationen.

Diagnostik

Meist verstreicht viel Zeit, bis ein Patient die Diagnose Bulimia nervosa erhält. Der Grund: Obwohl die Betroffenen enorm unter der Krankheit leiden, vermeiden sie den Arztbesuch, weil sie sich schämen.

Eine verlässliche Diagnose kann ein Facharzt oder Psychologe stellen. Dafür erhebt er im Vorfeld die detaillierte Krankheitsgeschichte (Anamnese). Um eine Bulimie zu diagnostizieren, müssen beim Betroffenen im Zeitraum von mindestens drei Monaten zwei Essanfälle pro Woche auftreten. Gleichzeitig greift der Patient zu verschiedenen Maßnahmen, um nicht zuzunehmen.

Die Medizin unterscheidet bei der Bulimie zwischen Purging- und Non-Purging-Typ. Im ersten Fall greift der Patient zu Appetitzüglern, Diuretika oder nutzt regelmäßiges Erbrechen, um die Essexzesse auszugleichen. Beim Non-Purging-Typ wenden die Betroffenen Fastenkuren, Diäten oder intensives Training an, um ihr Gewicht zu halten.

Eine klare Abgrenzung (Differenzialdiagnose) zu andere Essstörungen ist teilweise schwierig. Manche Patienten mit Anorexie erleben auch Phasen mit Bulimie, etwa wenn sie ihre strikte Nahrungsreduktion nicht durchhalten.

Weitere psychische Störungen wie Depression, Angststörungen oder Suizidalität müssen abgeklärt werden. Zusätzlich untersucht der Arzt die körperliche Verfassung des Patienten. Dazu ordnet er unter anderem eine umfassende Blutuntersuchung an und überprüft die Herzfunktion mittels EKG.

Der Therapieverlauf lässt sich zum Beispiel mit psychologischen Verfahren, etwa dem „Strukturierten Interview für Anorexia und Bulimia nervosa“ kontrollieren.

Folgen der Bulimie

Die Bulimia nervosa bringt ernste Folgen mit sich. Regelmäßiges Erbrechen verätzt die Schleimhäute im Mund und in der Speiseröhre und begünstigt einen Reflux (saurer Mageninhalt fließt zurück in die Speiseröhre). Auch die Zähne werden durch die Magensäure beschädigt.

Abführmittel stören die Funktion des Magen-Darm-Traktes und führen unter Umständen zu einem Nährstoffmangel. Besonders der Verlust von Kalium ist gefährlich – es provoziert lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen. Entwässerungsmedikamente schädigen die Nieren.

Zusätzlich zum medizinischen Aspekt rufen die Langzeitfolgen (zum Beispiel gelbe oder tote Zähne) psychische und finanzielle Zusatzbelastungen hervor.

Behandlung der Bulimie

Die Therapie der Bulimia nervosa besteht aus verschiedenen Bausteinen (multimodale Behandlung).

In vielen Fällen ist eine stationäre Therapie in einer psychosomatischen Klinik sinnvoll. Die Behandlung besteht aus psychotherapeutischen Einzel- und Gruppengesprächen. Die Patienten werden umfassend über ihr Krankheitsbild aufgeklärt (Psychoedukation). Darüber hinaus geht es darum, die eigenen Ansprüche und Werte kritisch zu hinterfragen und ein positives Selbstbild aufzubauen. Die Betroffenen lernen außerdem, ihre Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen und angemessen damit umzugehen. Dabei spielen die Bereiche Ernährung und Bewegung eine wichtige Rolle. So finden beispielsweise Kochgruppen mit gemeinsamem Essen statt. Die Teilnehmer unterstützen sich gegenseitig, um das Essen nicht wieder zu erbrechen oder anderweitige Abführstrategien anzuwenden. Die Gruppe wird während dieser Phase von Fachpersonal unterstützt.

In Sportgruppen führen Physiotherapeuten die Patienten wieder an maßvolles und gesundes körperliches Training heran.

Manchen Patienten hilft der Besuch einer Selbsthilfegruppe, in dessen Rahmen sie sich mit anderen Betroffenen austauschen und sich gegenseitig unterstützen. Ein wichtiger Hinweis: Bei der Auswahl der Gruppe ist darauf zu achten, dass sie entweder von einer Fachkraft oder einer stabilen, ehemals betroffenen Person geleitet werden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Gruppe die Krankheit verstärkt, anstatt sie zu bekämpfen.

Der Behandlungserfolg hängt einerseits vom Schweregrad der Bulimie, andererseits vom Ausmaß möglicher Komorbidität (Nebenerkrankungen) ab. Bulimie-Betroffene leiden meist auch an Panikstörung,sozialer Phobie, Depressionen oder Suchterkrankungen.

Eine wichtige Rolle in Bezug auf den Therapieerfolg spielt die Krankheitseinsicht. Betroffene müssen das Problem erkennen und willens sein, den Teufelskreis zu durchbrechen. In Einzelfällen kann über den Einsatz von Antidepressiva nachgedacht werden. Diese beeinflussen nicht nur die Stimmung positiv, sondern lindern auch die Ess-Brech-Anfälle.

Langfristig gelingt es, die meisten Betroffenen wieder an eine normale Lebensweise heranzuführen.

Ein Hinweis zum Schluss: Da Essstörungen teilweise nicht klar voneinander abzugrenzen sind, helfen Ihnen auch die Informationen zu den Themen „Magersucht“ und „Essstörungen“ auf unseren Seiten weiter.

Quellen

  • Simchen, H. (2016): Essstörungen und Persönlichkeit: Magersucht, Bulimie und Übergewicht - Warum Essen und Hungern zur Sucht werden. Kohlhammer-Verlag.
  • Salbach-Andrae et al. (2010): Anorexia und Bulimia nervosa im Jugendalter: Kognitiv-verhaltenstherapeutisches Behandlungsmanual. BELTZ-Verlag.
  • Schmidt et al. (2016) : Die Bulimie besiegen: Ein Selbsthilfe-Programm. BELTZ-Verlag.