Mediziner fassen Störungen der Bewegungskoordination unter der Sammelbezeichnung Ataxie zusammen – abgeleitet vom griechischen Begriff ‚Ataxia‘ für ‚Unordnung‘. Ataxie hat ihre Ursache meist in einer gestörten Kommunikation zwischen den Bewegungszentren, also zwischen dem Kleinhirn, dem Rückenmark und den Verbindungen dazwischen. In jedem Fall ist das Zusammenspiel der Bewegungsabläufe bei Ataxie kurzzeitig, dauerhaft oder wiederkehrend gestört. Einen Überblick über mögliche Ursachen für Bewegungsstörungen sowie über Diagnoseverfahren und Therapiemöglichkeiten erhalten Sie hier.
ICD-Codes für diese Krankheit: F44.4, F98.4, G25, R25

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Welche Symptome treten bei Bewegungsstörungen auf?

Die Symptome einer Bewegungsstörung variieren in Abhängigkeit davon, welche Körperregion von der Ataxie betroffen ist. Ärzte unterscheiden daher zwischen folgenden Krankheitsbildern:

  • Gangataxie
  • Rumpfataxie
  • Gliedmaßenataxie
  • Dysarthrie
  • Optische Ataxie
  • Dystonie

Bei einer Gangataxie leiden die Betroffenen unter einem unsicheren Gang, der oftmals sehr kleinschrittig oder breitbeinig ist. Eine Rumpfataxie wirkt sich hingegen vorrangig auf das aufrechte Sitzen und Stehen aus, welches ohne Stütze nicht oder kaum noch möglich ist. Sind insbesondere feine Bewegungen – beispielsweise das Schreiben – beeinträchtigt, handelt es sich um eine Gliedmaßenataxie.

Auch Probleme beim Sprechen gelten als Bewegungsstörung. Der Arzt spricht in diesem Fall von einer Dysarthrie, die meist mit einer langsamen, abgehackten und/oder undeutlichen Sprache einhergeht.

Eine weitere Form der Bewegungsstörung ist die optische Ataxie. Hier sind die Betroffenen unfähig, unter Kontrolle der Augen zielgerichtete Handbewegungen auszuführen.

Leidet der Patient unter einer lang anhaltenden Muskelanspannung, die er nicht bewusst steuern kann, liegt hingegen eine Dystonie vor, auch dystone Bewegungsstörung genannt. Mediziner unterscheiden in diesem Fall zwischen der idiopathischen, symptomatischen und genetischen Dystonie. Während sich für die idiopathische Dystonie kein konkreter Auslöser finden lässt, tritt die symptomatische Dystonie als Symptom einer anderen Erkrankung auf. Die genetische Dystonie ist Folge einer erblichen Veranlagung.

Je nach Art und Ausprägung der Bewegungsstörung können Begleitsymptome auftreten, beispielsweise:

  • Schmerzen
  • Muskelkrämpfe
  • Inkontinenz
  • Sozialer Rückzug

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursache für eine Bewegungsstörung liegt meist im Kleinhirn. Folgende Auslöser kommen dabei infrage:

  • Durchblutungsstörungen
  • Hirnblutung
  • entzündliche Gehirnerkrankung (Parkinson, Multiple Sklerose)
  • Hirntumor
  • Infektion (HIV, Pfeiffersches Drüsenfieber, Borreliose)

Auch Vergiftungen können mit Bewegungsstörungen einhergehen. So führt jahrelanger intensiver Alkoholkonsum in Kombination mit Mangelernährung zu einer alkoholischen Kleinhirndegeneration, kurz ACD.

Des Weiteren treten Bewegungsstörungen als Nebenwirkung einiger Medikamente auf, vorrangig von Antiepileptika und Benzodiazepinen, aber auch von bestimmten Antibiotika. Ataxie als Folge einer Vergiftung mit Blei, Pestiziden oder durch einen Mangel an Vitamin E oder B12 ist selten, aber möglich.

Sehr häufig sind Bewegungsstörungen das Symptom einer genetischen Erkrankung. Tritt die Ataxie beispielsweise vor dem 25. Lebensjahr auf und sind Geschwister ebenfalls betroffen, Eltern jedoch nicht, so deutet dies auf eine autosomal-rezessiv vererbbare Form der Bewegungsstörung hin. In diesem Fall kommen mehr als 30 Erkrankungen als Ursache für die Ataxie infrage.

Leiden die Mutter und/oder der Vater ebenfalls unter Bewegungsstörungen, ist eine autosomal-dominante Form der Erkrankung wahrscheinlich – zum Beispiel die episodische Ataxie (EA) oder die spinozerebelläre Ataxie (SCA). Des Weiteren gibt es noch einige Erbkrankheiten, bei denen die genetischen Veränderungen das X-Chromosom betreffen. Diese Erkrankungen treten daher vorrangig bei Männern auf.

Bewegungsstörungen: Wann zum Arzt?

Betroffene sollten Bewegungsstörungen immer ernst nehmen und bei anhaltenden Beschwerden einen Arzt aufsuchen. Der Hausarzt kann erster Ansprechpartner sein – grundsätzlich ist jedoch der Neurologe der Spezialist für Erkrankungen, die mit Bewegungsstörungen einhergehen. Bei folgenden Beschwerden ist ein Arztbesuch unbedingt empfehlenswert:

  • bei Gefühlen von Instabilität beim Gehen, Stehen oder Sitzen
  • bei unsicherem Gang
  • wenn die Ausführung abwechselnder Bewegungen Probleme bereitet
  • bei motorischen Störungen, etwa beim Schreiben
  • bei Sprachstörungen
  • bei Bewegungsstörungen der Augen
  • wenn die Hände in Bewegung zittern

Wichtig: Treten die Symptome plötzlich, quasi aus heiterem Himmel auf, handelt es sich um einen Notfall – eventuell um einen Schlaganfall oder eine Vergiftung. In diesem Fall sollten Sie daher sofort den Notarzt verständigen.

Untersuchungen und Diagnoseverfahren

Zu Beginn der Untersuchung findet ein Arzt-Patienten-Gespräch (Anamnese) statt. Der Arzt fragt den Patienten unter anderem, welche Symptome seit wann bestehen, ob es irgendwelche Vorerkrankungen gibt und welche Medikamente regelmäßig eingenommen werden. Darauf folgt eine körperliche Untersuchung (Abhören von Herz und Lunge, Blutdruckmessung, Abtasten des Bauchraums) sowie eine Blutuntersuchung. Letztere gibt Aufschluss darüber, ob eine Infektion oder ein Vitaminmangel vorliegt.

Bei Bewegungsstörungen nehmen neurologische Tests einen besonders hohen Stellenwert ein. So überprüft der Spezialist die Reflexe und die Reaktion der Pupillen auf wechselnde Lichtverhältnisse, um wichtige Hinweise auf den Auslöser der Ataxie zu erhalten.

Weitere Untersuchungen, die bei Bewegungsstörungen häufig durchgeführt werden, sind:

  • Magnetresonanztomografie (MRT) vom Kopf
  • Elektroneurografie (ENG)
  • Untersuchung von Nervenwasser
  • Genetische Untersuchung

Wie werden Bewegungsstörungen behandelt?

Physiotherapeutische Maßnahmen nehmen bei der Behandlung von Bewegungsstörungen einen hohen Stellenwert ein. Der Patient erlernt unter Anleitung eines Physiotherapeuten koordinationsfördernde Übungen, die er anschließend zu Hause eigenständig durchführen sollte, und zwar möglichst täglich.

Die weitere Therapie ist von der Ursache abhängig. Wurde eine alkoholische Kleinhirndegeneration (ACD) nachgewiesen, muss der Patient strikt auf Alkohol verzichten und sich nach einer speziellen Diät ernähren, um den Körper mit allen wichtigen Vitaminen zu versorgen.

Bei bestimmten Formen der Ataxie konnten mit Medikamenten gute Erfolge erzielt werden, so etwa bei der episodischen Ataxie mit den Wirkstoffen Carbamazepin oder Acetazolamid. Die Wirkungsweise und Wirksamkeit dieser Medikamente konnte bisher jedoch noch nicht vollständig erforscht werden.

Leidet der Patient zusätzlich zu den Bewegungsstörungen unter Begleitsymptomen, werden diese im Zuge der Therapie ebenfalls zielgerichtet behandelt. Da Personen mit Ataxie in vielen Fällen dazu neigen, sich zurückzuziehen und soziale Kontakte zu meiden, ist der Austausch mit anderen Betroffenen, beispielsweise im Rahmen einer Selbsthilfegruppe, besonders wichtig.

Fazit

Patienten sollten Bewegungsstörungen niemals auf die leichte Schulter nehmen. Stattdessen ist es ratsam, die Ursache möglichst schnell medizinisch abklären zu lassen, um ernsthafte Erkrankungen auszuschließen. Der Facharzt für Neurologie ist der richtige Ansprechpartner, wenn es immer wieder zu Bewegungsstörungen kommt. Er kennt sich mit den komplexen Vorgängen im menschlichen Gehirn und im Nervensystem bestens aus und kann nicht nur eine sichere Diagnose stellen, sondern auch eine passende Therapie einleiten, um die Symptome schnellstmöglich zu lindern.