Viele Menschen kennen vorübergehende Erinnerungslücken oder eine spontane zeitweilige Vergesslichkeit. Dies ist in den meisten Fällen kein Anlass zur Sorge, sondern basiert in der Regel auf Unkonzentriertheit, Müdigkeit oder auch dem normalen Alterungsprozess. Wenn Sie bei sich feststellen, dass Sie sich häufiger oder nachhaltiger nicht erinnern, ist eine medizinische Abklärung hilfreich.

ICD-Codes für diese Krankheit: F04, G45.4

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Definition und Symptome einer Amnesie

Der Begriff Amnesie (griech. mnémē = Erinnerung, Gedächtnis) bezeichnet zunächst allgemein einen Gedächtnisverlust. Hierbei bestehen erhebliche Abstufungen hinsichtlich Art, Ursache und Verlauf der Erkrankung. Die Medizin unterscheidet verschiedene Amnesieformen, die je nach Schweregrad und Auslöser sehr unterschiedlich auf betroffene Patienten wirken. Jede Unterform hat ihre eigenen Symptome, die sich vielfach auch überschneiden.

Retrograde Amnesie (retrograd = rückwirkend)

Bei dieser Form einer partiellen Amnesie besteht keine Erinnerung an die Zeit vor Beginn der Erkrankung.

Anterograde Amnesie (anterograd = vorwärtswirkend)

Neues ist nur noch minimal oder gar nicht mehr speicherbar. Diese Variante ist die häufigste Krankheitsform.

Globale Amnesie

Sehr lange zurückliegende Erlebnisse sind ebenso wenig abrufbar wie neue Inhalte. Fertigkeiten (Bsp.: Autofahren) bleiben bestehen, jedoch ohne Orientierungsfähigkeit. Diese Amnesieform ist nicht heilbar.

Transiente Amnesie (transient = vorübergehend)

Die transiente beziehungsweise transiente globale Amnesie (TGA) umfasst sämtliche Gedächtnisinhalte, sowohl jene aus der Vergangenheit als auch neue Erlebnisse. Fertigkeiten werden weiterhin beherrscht. Diese Form ist eine sogenannte episodische Amnesie und beginnt stets akut. Sie dauert meist etwa eine bis maximal 24 Stunden und endet von selbst.

Kongrade Amnesie

Die Erinnerungslücke bezieht sich ausschließlich auf das Ereignis, das die Amnesie ausgelöst hat, beispielsweise ein Unfall. Geschehnisse vorher und nachher sind nicht betroffen.

Psychogene Amnesie

Der Erinnerungsverlust umfasst traumatische Erfahrungen und Ereignisse und basiert auf einer unbewussten Verdrängung.

Ursachen und Risikofaktoren für eine Amnesie

Eine Amnesie tritt in der Regel im Zusammenhang mit einer zugrunde liegenden Erkrankung oder einem konkreten Ereignis in Erscheinung. Sie ist als ein Begleitphänomen zu verstehen, das organisch oder psychogen begründet ist.

Eine psychogen bedingte Amnesie geht auf eine Belastungssituation zurück, die für den betroffenen Menschen extrem bedrückend war. Das Trauma des Ereignisses führt zu einer seelischen Überforderung und mündet in einer Verdrängung des Erlebten. Der Betroffene erinnert das Geschehene nicht mehr.

Eine organisch bedingte Amnesie ist das Resultat einer im Gehirn befindlichen Störung, beispielsweise in Form eines Schädel-Hirn-Traumas, als Folge von Schlaganfall oder Hirnhautentzündung sowie im Zusammenhang mit Demenz oder Epilepsie. Auch bei Medikamenten und Alkoholismus sind Amnesien als Spätfolge möglich. Risikofaktoren sind hierbei vermeidbare gesundheitsschädigende Verhaltensweisen, beispielsweise starker langjähriger Alkoholgenuss oder Rauchen.

Eine zentrale Rolle bei Amnesien spielt der im Gehirn befindliche Hippocampus. Seine äußere Form ähnelt einem Seepferdchen, das entsprechend den Namen definiert. Der Hippocampus ist wesentlich für die Gedächtnisleistungen. Er wird auch als Arbeitsspeicher bezeichnet und ist bei Störungen oder Verletzungen nicht mehr in der Lage, neue Ereignisse im Gehirn abzuspeichern.

Untersuchung und Diagnose einer Amnesie

Ihr Arzt untersucht Sie zunächst und informiert sich über Ihre Situation. Dazu zählen Fragen nach Art und Ausmaß Ihrer Erinnerungslücken sowie nach eventuellen Zusammenhängen mit einem Ereignis als auslösendem Moment. Je präziser Ihre Antworten ausfallen, umso hilfreicher zur Einschätzung der Amnesieform, von der Sie gegebenenfalls betroffen sind.

Ihr Arzt führt möglicherweise verschiedene Gedächtnistests mit Ihnen durch, die einen Eindruck von Ihrem Kurz- und Langzeitgedächtnis geben. Weiterhin sind bildgebende Verfahren, etwa eine Magnetresonanztomografie (MRT) oder eine Computertomografie (CT) für die Abklärung denkbar. Auch eine Messung der Hirnströme mithilfe einer Elektroenzephalografie (EEG) ist üblich. Dadurch lässt sich feststellen, ob unter Umständen eine Epilepsie verantwortlich für den Gedächtnisverlust ist.

In manchen Fällen ist ein Hinzuziehen von Freunden oder Verwandten hilfreich. Dies geschieht immer mit Ihrem Einverständnis und hilft dem Arzt ein grundlegenderes Verständnis von Umfang und Zeitraum Ihrer Erinnerungslücken zu bekommen.

Zuständige Spezialisten für die Diagnosestellung sind Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie.

Therapeutische Maßnahmen

Die Behandlung Ihrer Amnesie hängt von der konkreten Ursache ab. Ihr Arzt therapiert üblicherweise die Grunderkrankung, beispielsweise eine Epilepsie oder einen Schlaganfall. Bei einem Unfall als Auslöser definiert der damit verbundene Befund die Behandlung. Sollte ein psychisch bedingtes Trauma für Ihre Amnesie verantwortlich sein ist die Empfehlung meist eine psychotherapeutische Behandlung. Auch verschiedene Entspannungsverfahren, etwa Yoga oder Autogenes Training, haben sich vielfach als hilfreich erwiesen.

Grundsätzlich gibt es keine Möglichkeiten, einer Amnesie vorzubeugen. Sind Sie jedoch bereits betroffen, gibt es vielfältige Optionen des Gedächtnistrainings. Ihr behandelnder Arzt nennt Ihnen gerne geeignete Übungen, die für Sie individuell geeignet sind. Auch die Reduktion von Stress im Alltag wirkt sich förderlich auf die Gedächtnisleistung aus, ebenso ein hohes Maß von Verständnis und Geduld durch die nächsten Angehörigen.

Krankheitsverlauf und Prognose

Der Verlauf einer Amnesie unterscheidet sich sehr erheblich je nach der bestehenden Form und ihrer Ausprägung. Bei einem reversiblen (umkehrbaren) Gedächtnisverlust ist die Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung Voraussetzung für die Genesung. Bei schwerwiegenden organischen Erkrankungen, vor allem im Zusammenhang mit einer Demenz, lässt sich die Amnesie nicht mehr heilen, wohl aber häufig für einige Zeit auf dem bestehenden Niveau stabilisieren.

Die Prognose für eine Amnesie als Unfallfolge ist besser zu bewerten als bei einer Alzheimer-Erkrankung. Wesentlich für den weiteren Verlauf bei einem Gedächtnisverlust sind unterstützende Angebote, die dabei helfen Erinnerungslücken zu schließen, Erinnerungen zu fördern und Erinnerungsprozesse anzuregen. Je mehr das geschieht, umso besser sind die Aussichten für die Betroffenen.

Fazit

Eine Amnesie stellt immer ein einschneidendes und für viele Menschen bedrohliches Ereignis dar. Erinnerungen sind identitätsstiftend, und ein Gedächtnisverlust ist entsprechend oftmals traumatisch. In vielen Fällen bestehen sehr gute Behandlungsmöglichkeiten und auch Heilungschancen. Wenden Sie sich im Bedarfsfall gerne an einen Facharzt Ihres Vertrauens.

Quellen

https://www.dgn.org/leitlinien/3424-030-083-transiente-globale-amnesie-2017

https://www.ratgeber-neuropsychologie.de/gedaechtnis/gedaechtnis4.html

https://www.neurologienetz.de/fachliches/erkrankungen/nichtepileptische-anfallsartige-erkrankungen/transiente-globale-amnesie/

https://www.dasgehirn.info/grundlagen/anatomie/der-hippocampus

 

Zuletzt aktualisiert am 24.10.2019