Meralgia paraesthetica: Informationen und Spezialisten

28.09.2021
Prof. Dr. med. Götz Penkert
Medizinischer Fachautor

Bei Meralgia parästhetica handelt es sich um eine seltene Nerveneinklemmung im Bereich des Oberschenkels. Dadurch können nadelstichartige Schmerzen, Missempfindungen sowie mitunter auch Taubheitserscheinungen auftreten. Behandelt wird die Meralgia parästhetica in der Regel im Rahmen einer stationären Operation. Schätzungen zufolge führt eine solche Meralgia parästhetica-Operation in 70 bis 80% der Fälle zu einer Heilung. Hier finden Sie weiterführende Informationen sowie ausgewählte Meralgia parästhetica-Spezialisten und Zentren.

ICD-Codes für diese Krankheit: G57.1

Empfohlene Spezialisten

Meralgia Paraesthetica Fälle in Deutschland

801 Fälle im Jahr 2019
822 Fälle im Jahr 2021 ( Prognose )

Das prognostizierte Fallzahlwachstum basiert auf Angaben zur Bevölkerungsentwicklung der statistischen Bundes- & Landesämter. Die Berechnung erfolgt je Altersklasse, sodass demographische Effekte berücksichtigt werden. Die Fallzahlen basieren aus einer Vernetzung von unterschiedlichen öffentlich zugänglichen Quellen. Mittels Datenanalyseverfahren werden diese Zahlen aufbereitet und unseren Usern zugänglich gemacht.

Kurzübersicht:

  • Was ist Meralgia Paraesthetica? Eine Einklemmung eines speziellen Obeschenkelnervens. Der Nerv ist durch seine Lage prädestiniert für eine Abquetschung bei gestreckter Position des Hüftgelenks prädestiniert.
  • Symptome: Bandscheibenvorfall- mit Ischias-artigen Schmerzen sowie starke Schmerzen der Oberschenkelregion.
  • Diagnose: Es gibt keine eindeutigen Diagnosemethoden. Der Patient selbst muss beobachten, welche Bewegungen den Schmerz auslösen und diese nach einer Schmerzmittel-Injektion ausführen, wodurch sich das Krankheitsbild nachweisen lässt.
  • Operative Behandlung: Durch einen operativen Eingriff wird dafür Sorge getragen, dass der Nerv nicht mehr eingeklemmt werden kann. In 70-80 % der Fälle wird dadurch eine Heilung herbeigeführt. Allerdings kann die OP nicht immer durchgeführt werden.

Artikelübersicht

Was versteht man unter der Meralgia parästhetica?

Bei der Meralgia parästhetica handelt es sich um eine Nerveneinklemmung mit Schmerzen am sogenannten Nervus cutaneus femoris lateralis. Dieser Nerv versorgt die Haut der Oberschenkelregion vorne und etwas außen bis etwa zum Knie.

In dieser Region entstehen elektrisierend einschießende Schmerzen, die in der Hälfte der Fälle mit Taubheitserscheinungen verbunden sind. Nicht betroffen von der Meralgia parästhetica sind Knie und Unterschenkel. Der Schmerz entsteht durch ein gestrecktes Hüftgelenk, also vorwiegend beim Stehen. Er verringert sich, wenn man das Hüftgelenk kräftig anbeugt.

Der von der Meralgia parästhetica betroffene Nerv ist allenfalls dick wie eine Bleistiftmine. Er zieht am Boden des kleinen Beckens nach vorne Richtung Leistenbandregion. Zwischen den Blättern des Leistenbandes knickt er zur Haut der Oberschenkelvorderseite nach unten ab.

Nervus cutaneus femoris lateralis
Der bei einer Meralgia parästhetica betroffene Nerv ist hier in Rot zu sehen © SciePro | AdobeStock

Diese Abknickung ist das Problem: Sie besteht bei gestreckter Position im Hüftgelenk, beim Anbeugen im Hüftgelenk wird sie aufgehoben.

Die derben Kanten der einzelnen sehnigen Blätter des Leistenbandes können je nach Positionierung des Nervs quer zu seinem Verlauf kneifen.

Symptome der Meralgia parästhetica

Das Beschwerdebild der Meralgia parästhetica ist selten, aber es wurde schon von Sigmund Freud beschrieben, der selbst daran litt. Die Schmerzen können sehr starke Intensität annehmen und einen Bandscheibenvorfall mit Ischiasschmerzen vortäuschen.

Der Nerv enthält ausschließlich sensible Fasern, die

  • Berührungsempfindung,
  • Schmerzempfindung und
  • Temperaturempfindung

zu Rückenmark und Gehirn leiten. Motorische Fasern, die Muskeln steuern, enthält er dagegen nicht. Es kommt daher nie zum Kraftverlust im Bein.

Stattdessen bemerkt der Patient bei der Meralgia parästhetica nur Schädigungen der drei sensiblen Qualitäten.

Untersuchung und Diagnose der Meralgia parästhetica

Es gibt praktisch keine Beweis gebende apparative Untersuchung für das Betroffensein des Nervs. Für die Darstellung in der Kernspintomographie (MRT) ist er zu klein.

Nervenleitgeschwindigkeitsmessungen durch einen Neurologen können die Erstellung der Diagnose einer Meralgia parästhetica erleichtern. Der Arzt vergleicht die Leitgeschwindigkeit zwischen rechtem und linkem Oberschenkel.

Bei Prüfung des Gefühls im Seitenvergleich an den Oberschenkelvorder- und -außenseiten können

  • Fehlempfindungen,
  • Kribbelmissempfindungen oder
  • Taubheitserscheinungen

angegeben werden.

Am besten lässt sich eine Meralgia parästhetica durch die folgende sehr einfache Maßnahme beweisen: Der Patient soll zunächst an sich beobachten, welche Beinpositionierungen oder Bewegungsabläufe den Schmerz leicht provozieren.

Während der Untersuchung injiziert der Arzt an der Verlaufsstelle des Nervs direkt an der Innenkante der vorderen Beckenkammspitze ein Betäubungsmittel. Er instruiert danach den Patienten, genau diese provozierenden Manöver auf der Straße auszuführen.

Der Patient beobachtet dabei, ob während des Wirkungszeitraumes des Betäubungsmittels von circa 2 Stunden der Schmerz auftritt. Wenn nicht, beweist dies, dass tatsächlich der kleine Nerv durch die Meralgia parästhetica betroffen ist.

Schmerzen im Oberschenkel
Bei Meralgia parästhetica treten Schmerzen im Oberschenkel auf © SENTELLO | AdobeStock

Behandlung der Meralgia parästhetica

Eine medikamentöse Therapie der Meralgia parästhetica ist nicht möglich. Zwar können wiederholte cortisonhaltige Infiltrationen an der gleichen Stelle, an der die oben beschriebene Testinfiltration erfolgt, durchgeführt werden. Die Besserungschancen für das Schmerzsyndrom sind damit jedoch sehr begrenzt.

Schmerztherapien mit morphinähnlichen Medikamenten sind definitiv keine Dauerlösung zur Behandlung der Meralgia parästhetica. Herkömmliche Schmerzmittel (Antiphlogistika) können allenfalls vorübergehend wirken, das eigentliche Problem aber auch nicht lösen.

Daher ist ein operativer Eingriff notwendig, um dem Patienten zu Beschwerdefreiheit zu verhelfen.

Wenn sich in dem Areal an Oberschenkelvorder- und -außenseite allerdings bereits ein Dauerbrennschmerz entwickelt hat, ist es für die Meralgia parästhetica-Operation zu spät. In diesem Fall führen Berührungen der Haut zu zusätzlichen Schmerzen („neuropathischer Schmerz“).

Durch den vom Nerv ausgehenden Dauerreiz im Zentralnervensystem (Rückenmark) sind bereits Veränderungen aufgetreten, die auf eine OP nicht mehr reagieren.

Ältere Vorgehensweise bei der Meralgia parästhetica-Operation

Früher wurde bei der meralgia parästhetica-Operation der Nerv durchtrennt. Dadurch wird einerseits das Versorgungsgebiet des Nervs taub. Andererseits kann das dann entstandene Nervende hochgradig empfindlich werden. Nach einer Nervendurchtrennung entsteht in der nahe des Rückenmarks gelegenen Nervenzelle eine stark erhöhte Aktivität, die dem im Nerv gelegenen Nervenzellfortsatz die Fähigkeit verleiht, wieder nach peripher in sein ehemaliges Versorgungsgebiet auszuwachsen.

Nach einer Nervendurchtrennung wissen die mehreren Tausend Nervenfasern aber nicht, wohin sie wieder wachsen können. Deshalb entsteht am Nervende eine knäuelartige Verdickung aus wirr ausgewachsenen Nervenfasern (Neurom).

Diese Ansammlung von sensiblen Nervenfaserendigungen reagiert hochgradig empfindlich auf Gewebedruck und kann neue Schmerzen provozieren. Das Gehirn projiziert diese in das ehemalige Versorgungsgebiet des Nervs.

Aus diesem Grunde sollte der Nerv bei der Meralgia parästhetica-Operation nicht durchtrennt werden.

Heutiges Vorgehen bei der Meralgia parästhetica-Operation

Das heutige Ziel der Meralgia parästhetica-Operation ist, die Quetschung des Nerven operativ zu unterbinden. Dazu durchtrennt der Chirurg die Anteile der Blätter des Leistenbandes direkt an der Innenseite der Beckenkamm-Vorderspitze so, dass der kleine Nerv durch Bewegungen und Positionierungen des Hüftgelenkes nicht mehr gekniffen wird.

Man erreicht diess durch eine verhältnismäßig kleine Schnittführung direkt über der Beckenkammspitze. Bei sehr fettgewebshaltigen Bauchdecken muss man allerdings unter Umständen die Schnittführung beträchtlich erweitern, um die Strukturen des Leistenbandes und die den Oberschenkel bedeckende vordere Sehnenplatte zu erreichen.

Ob sich Operationen in Schlüssellochtechnik hier auch anwenden lassen und eventuell bewähren, bleibt der Zukunft vorbehalten.

Meralgia paraesthetica1

Nach der Operation kann sich Wundsekret aus dem Inneren des Beckenbodens durch die operativ geschaffene kleine Öffnung unter der Haut verteilen. Daher sollte bis zu 3 Tage lang eine Saugdrainage im OP-Bereich verbleiben. Dadurch setzt die übliche Verklebung der Wunde ein und die Heilung wird nicht durch die Ansammlung von Wundwasser aufgehalten.

Eine Meralgia parästhetica-Operation ist zwar theoretisch ambulant möglich, aufgrund der notwendigen Kontrolle der Wundsituation aber sehr ungünstig.

Meralgia paraesthetica2

Nachbehandlung nach der Meralgia parästhetica-Operation

Es bedarf keinerlei Nachbehandlung nach der Meralgia parästhetica-Operation. Allenfalls ist eine Schonung des Operationsbereiches notwendig.

Mögliche Komplikationen und Risiken der Meralgia parästhetica-Operation

Gravierende Risiken durch die Meralgia parästhetica-Operation sind nicht zu nennen.

Als Komplikation des Dekompressionseingriffes besteht die Gefahr, dass es bei Verlaufsanomalien des Nervs doch zur Verletzung oder Durchtrennung kommt. Die Folge wäre eine komplette Taubheit im Versorgungsgebiet des Nervs. Es bildet sich – wie beschrieben – am neugeschaffenen Nervenende ein Neurom. Bleibende Schmerzhaftigkeit geht aber von einem solchen Neurom nur in 10% der Fälle aus. Die Nervendurchtrennung kann die Schmerzen unter Umständen also doch beseitigen. 

Zur Vermeidung von Wundkomplikationen an der im Alltag häufig beanspruchten Stelle ist eine länger dauernde Saugdrainage zu raten. Dazu gehört möglichst auch eine stationäre Nachbeobachtung.

Erkenntnisse der Meralgia parästhetica-Operation

Es gibt keine verlässlichen statistischen Erkenntnisse über den etwaigen Verlauf der Meralgia parästhetica ohne Operation. Daher fehlen auch Informationen über die Erfolgsrate mit Operation.

Man schätzt aber, dass eine Meralgia parästhetica-Operation in 70 bis 80% der Fälle zu einer Heilung führt.

Das Beschwerdebild und der Eingriff sind so selten, dass etwaige Operateure nur persönlich gefärbte Äußerungen zu den Erfolgsraten machen können.

Das Problem ist, dass eine apparative Untersuchbarkeit mit Verlässlichkeit präoperativ nicht existiert.

Fazit

Die Meralgia parästhetica ist ein außerordentlich lästiges und beeinträchtigendes Beschwerdebild. Die Erstellung der Diagnose erfolgt durch eine Testinjektion und nur zweitrangig durch apparative Untersuchungen.

Im Vordergrund der Behandlung steht die Meralgia parästhetica-Operation, die einen kleinen und häufig wirklich wirksamen Eingriff darstellt. Die durch alle Bewegungsabläufe permanent belastete Operationsstelle bedarf der sorgfältigen Wundkontrolle, so dass ambulante Behandlungsmaßnahmen eher Verlaufsrisiken bieten als stationäre.

Whatsapp Twitter Facebook VKontakte YouTube E-Mail Print