Schleudertrauma

05.08.2021
Dr. rer. nat. Marcus Mau
Autor des Fachartikels

Das Schleudertrauma, oder auch als Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule (HWS) bezeichnet, fällt vielen vor allem im Zusammenhang mit Autounfällen ein. Wir alle kennen die weiße Halskrause bei Unfallopfern, die heute allerdings gar nicht mehr so häufig zum Einsatz kommt. Allerdings kann ein Schleudertrauma der HWS auch im Alltag zum Beispiel bei Spiel und Sport auftreten. Vor allem Kampfsportarten sind eine häufige Ursache für Schleudertraumata. Um Komplikationen und Spätfolgen ausschließen zu können, ist in jedem Fall bei Verdacht auf Schleudertrauma eine rasche Diagnose und Behandlung angezeigt.

ICD-Codes für diese Krankheit: S13

Empfohlene Spezialisten

Schleudertrauma Fälle in Deutschland

20.201 Fälle im Jahr 2019
20.715 Fälle im Jahr 2021 ( Prognose )

Das prognostizierte Fallzahlwachstum basiert auf Angaben zur Bevölkerungsentwicklung der statistischen Bundes- & Landesämter. Die Berechnung erfolgt je Altersklasse, sodass demographische Effekte berücksichtigt werden. Die Fallzahlen basieren aus einer Vernetzung von unterschiedlichen öffentlich zugänglichen Quellen. Mittels Datenanalyseverfahren werden diese Zahlen aufbereitet und unseren Usern zugänglich gemacht.

Artikelübersicht

Was ist ein Schleudertrauma?

Bei einem Schleudertrauma handelt es sich im Wesentlichen um eine äußerlich nicht sichtbare Verletzung des Weichgewebes im Bereich der Halswirbelsäule (HWS). Dies ist häufig die Folge einer Beschleunigung, wie sie beispielsweise bei einem Auffahrunfall oder ebenso bei Spiel und Sport auftreten kann. Gerade weil äußerlich meist nicht auffällig, können im Bereich der Halswirbel Folgeschäden entstanden sein, die einer raschen Therapie bedürfen. Daher gilt bei Verdacht auf ein Schleudertrauma: Unbedingt ärztlich abklären lassen!

Entstehung und Einteilung des Schleudertraumas

Die Mehrzahl der Schleudertraumata betrifft die Weichgewebe im Hals- und Nackenbereich, hier vor allem die Bänder, ohne Beteiligung der Knochen. In schweren Fällen kann das Rückenmark im Bereich der Halswirbel geschädigt werden, insbesondere dann, wenn Knochenstrukturen beteiligt sind. Sekundäre Schädigungen treten meist durch Ödembildungen, Zirkulationsstörungen oder durch verzögert einsetzende Blutungen auf.

Je nach Schweregrad unterteilen Mediziner das Schleudertrauma in die folgenden 5 Klassen:

0: ohne Beschwerden, in der Regel symptomlos

1: Nackenbeschwerden treten auf, Nackensteife

2: Muskelverspannung und Nackenbeschwerden, einsetzende Bewegungseinschränkungen

3: Nackenprobleme mit Nervenbeteiligung (neurologische Befunde)

4: Nackenbeschwerden, Frakturen und Dislokationen im Bereich des Nackens

Welche Symptome treten bei einem Schleudertrauma auf?

Die Symptome eines Schleudertraumas hängen von der Schwere der Verletzungen und von der Beteiligung von Knochen und Nerven ab. In der Regel kann es zudem Stunden bis Tage nach dem Trauma noch zu Symptomen kommen, da insbesondere Blutungen und Ödembildungen eine gewisse Zeit brauchen.

Am häufigsten treten nach einem Schleudertrauma

auf. Eine Nackensteifheit wird ebenso beschrieben. Je nachdem, ob es zu neurologischen Schäden gekommen ist, kann es

  • zu Schluckstörungen,
  • Schlafproblemen,
  • zu Seh- und Höreinschränkungen sowie
  • zu Empfindungsstörungen im Bereich des Gesichtes und der Arme

kommen. In schweren Fällen treten Orientierungslosigkeit und Gangunsicherheiten auf.

Wichtig: Bei Verdacht auf Schleudertrauma – ganz besonders bei gleichzeitig auftretender Orientierungslosigkeit, Schwindel oder neurologischen Ausfällen – bitte immer umgehend einen Arzt aufsuchen!

Diagnose des Schleudertraumas

Bei Verdacht auf ein Schleudertrauma wird in der Regel zum Ausschluss von Wirbelschäden ein Röntgenbild veranlasst. Um mögliche schwerere Weichteilschäden, zum Beispiel an Blutgefäßen, Nerven oder Muskeln, entdecken zu können, kommt die Magnetresonanztomografie (MRT) zum Einsatz. Solche apparativen Zusatzuntersuchungen sind allerdings gemäß aktueller S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) je nach Befund zu planen. Es gilt dabei insbesondere Überdiagnostik zu vermeiden.

Wie wird das Schleudertrauma behandelt?

In aller Regel wird das Schleudertrauma je nach Schweregrad konservativ therapiert. Die dabei früher so häufige weiße Halskrause findet heute immer weniger Anwendung. Das liegt vor allem daran, dass die Halskrause den Nackenbereich zu lange ruhigstellt und es dadurch zu einer zusätzlichen Schwächung der Muskulatur kommt. Daraus resultieren schließlich weitere Funktionseinschränkungen im Halsbereich. Stattdessen werden gemäß Leitlinie vermehrt physiotherapeutische Maßnahmen und spezielle Bewegungsübungen empfohlen.

Die aktuelle S2-Leitlinie der DGN schlägt beispielhaft unter anderem die folgenden Therapiemaßnahmen vor:

  • konservativer Ansatz mit einigen Tagen der Ruhigstellung, danach erfolgt eine Aktivierung des Patienten,
  • je nach Schmerzsymptomatik erfolgt eine Schmerzmittelgabe für eine kurze Zeit,
  • gegebenenfalls können für einige Stunden Muskelrelaxantien angewendet werden, um die Muskulatur im Nackenbereich zu entspannen und so die Schmerzen zu verringern,
  • gezielte Physiotherapie,
  • konsequente Psychoedukation kombiniert mit Wiedervorstellung,
  • kurzfristige Krankschreibungen von etwa drei Wochen mit der Möglichkeit zu verlängern.

Das oberste Ziel der Therapie beim Schleudertrauma ist heute, die Patienten schnellstmöglich wieder zu aktivieren und arbeitsfähig zu machen.

Nur bei schwerwiegenden Verletzungen mit neurologischen oder orthopädischen Symptomen kommt eine interdisziplinäre Behandlung mit OP-Planung infrage.

Welche Prognose hat das Schleudertrauma?

In der Mehrzahl der Fälle kommt es beim Schleudertrauma lediglich zu Weichteilschäden, die eine gute Prognose haben. Wichtig ist jedoch, dass Ärzte diese gute Prognose auch kommunizieren, Ängste nehmen und die Aktivierung der Patienten fördern. Ohne diese intensive Aufklärung und Beratung entwickeln Betroffene häufig Vermeidungsverhalten, was die Beschwerden dann am Ende chronisch werden lässt und die Heilung behindert.

Welche Ärzte behandeln Schleudertraumen?

Da das Schleudertrauma in der Regel Folge eines Unfalles oder einer Sportverletzung ist, wird die Notaufnahme der erste Ansprechpartner für die Patienten sein. Je nach Schweregrad können aber ebenso der Hausarzt oder Fachärzte für Neurologie beteiligt sein.

Quellen

Bucur FM et al., Begutachtung der HWS-Distorsion. Z Orthop Unfall 2017; 155: 157–164
DGN. S1-Leitlinie „Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule“. Version 3 (23.08.2020); AWMF-Registernummer: 030/095
flexikon.doccheck.com/de/Schleudertrauma
medon.de/hws_distorsion.html#c205848
schmerz-im-nacken.de/ursachen-fuer-nackenschmerzen/nackenschmerzen-nach-schleudertrauma/
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