Rückenschmerzen: Informationen und Rückenschmerz-Ärzte

12.08.2021
Dr. med. Martin Kuhhirt
Medizinischer Fachautor
Rückenschmerzen sind die häufigste Form akuter und auch chronischer Schmerzen am Bewegungsorgan. Fast jeder Mensch lebt wenigstens zeitweise mit Rückenschmerzen. In der Regel klingen diese Beschwerden durch Anpassungsvorgänge im Körper innerhalb weniger Wochen wieder ab. Nicht selten aber wiederholen sich die Schmerzanfälle. Hier finden Sie weiterführende Informationen sowie ausgewählte Rückenschmerz-Ärzte und Zentren.

ICD-Codes für diese Krankheit: M54

Empfohlene Spezialisten bei Rückenschmerzen

Rückenschmerzen Fälle in Deutschland

259.569 Fälle im Jahr 2019
263.464 Fälle im Jahr 2021 ( Prognose )

Das prognostizierte Fallzahlwachstum basiert auf Angaben zur Bevölkerungsentwicklung der statistischen Bundes- & Landesämter. Die Berechnung erfolgt je Altersklasse, sodass demographische Effekte berücksichtigt werden. Die Fallzahlen basieren aus einer Vernetzung von unterschiedlichen öffentlich zugänglichen Quellen. Mittels Datenanalyseverfahren werden diese Zahlen aufbereitet und unseren Usern zugänglich gemacht.

Artikelübersicht

Evolutionär gesehen ist die Wirbelsäule im Bauplan der Natur für das Laufen auf vier Beinen vorgesehen. Der Rücken ist noch nicht optimal an den aufrechten Gang des Menschen angepasst. Die Wirbelsäule wird beim aufrechten Gang durch das Körpergewicht in Längsrichtung von oben nach unten belastet.

Beim Tragen und Heben von Lasten wirken zusätzliche Hebelkräfte auf die Wirbelsäule und die Bandscheiben ein. Besonders beansprucht werden die Bandscheiben dort, wo ein beweglicher Wirbelsäulenabschnitt in einen weniger beweglichen Abschnitt übergeht: Halswirbel - Brustwirbel und Lendenwirbel - Kreuzbein.

Was sind die Ursachen für Rückenschmerzen?

Eine Bandscheibe besteht aus einem Faserring und dem elastischen Kern. Schon sehr früh entstehen kleinere Einrisse im Faserring, der Kern verliert Elastizität und Volumen. Schließlich kann der Faserring komplett einreißen. Das Kernmaterial und Faserringanteile dringen als Bandscheibenvorfall nach außen.

Dieser Verschleiß bzw. die Degeneration der Bandscheiben beginnt häufig schon um das 20. Lebensjahr. Die am stärksten belasteten Bandscheiben der unteren Lendenwirbelsäule sind besonders betroffen, aber auch die mittlere und untere Halswirbelsäule. Im 40. Lebensjahr sind diese Prozesse häufig schon sehr weit fortgeschritten.

Weicht die Form der Wirbelsäule von der angedeuteten Doppel-S-Form in der Seitenansicht deutlich ab oder finden sich starke Ausbiegungen zur Seite, kommt es zu zusätzlichen örtlichen Belastungsspitzen. Weitere Risikofaktoren für einen vorzeitigen Verschleiß sind

  • ein starkes Hohlkreuz,
  • eine zu starke Krümmung der Brustwirbelsäule (Kyphose) oder
  • eine kräftige Seitausbiegung (Skoliose)

Durch fortschreitenden Verschleiß verliert die Bandscheibe ihre Pufferfunktion und sinkt zusammen. Die an den Dornfortsätzen und den hinteren Bögen ansetzende Rückenstreckmuskulatur versucht dann, die Wirbelsäule aufzurichten. Die Muskeln verkrampfen sich und es entstehen sogenannte Blockierungen, die Rückenschmerzen verursachen. Diese Blockierungen lösen sich nur mühsam wieder auf.

Mann mit Rückenschmerzen
Rückenschmerzen treten häufig im unteren Teil des Rückens auf © BigBlueStudio | AdobeStock

Je aufgelockerter das Bandscheibengewebe ist, desto instabiler wird der Wirbelsäulenabschnitt. Die Rückenschmerzen treten erst gelegentlich auf, manchmal intensiv und hochakut (Hexenschuss). Sie klingen wieder ab, wiederholen sich dann öfter und schließlich kann es zu Dauerschmerzen kommen.

Rückenschmerzen durch eine Wirbelgelenksarthrose

Die Last der Aufrichtung der Wirbelsäule ruht auf den Wirbelgelenken, die beim Verschleiß der Bandscheiben zunehmend be- und überlastet werden. Ein langfristig überlastetes Gelenk nutzt sich ebenfalls ab und es entsteht eine Arthrose . Sie kann schließlich nach Belastung und auch in Ruhe schmerzen.

Die zunehmende Lockerung der Bandscheiben wird ausgeglichen durch einen natürlichen Reparaturmechanismus. Um die zerschlissenen Bandscheiben herum entstehen in den verbindenden Bandstrukturen Kalkeinlagerungen, die Spangen bilden und die den gelockerten Bandscheibenzwischenraum überbrücken.

Die Instabilität weicht einer wieder zunehmenden Stabilität. Die Wirbelsäule verliert zwar einen Teil ihrer Beweglichkeit, gewinnt dafür aber deutlich an Belastbarkeit. Die ermüdbare und häufig schmerzende Haltemuskulatur wird entlastet, die Rückenschmerzen lassen nach.

Arthrose der Wirbelgelenke
Darstellung des Gelenkverschleißes an der Wirbelsäule © bilderzwerg | AdobeStock

Rückenschmerzen durch einen Bandscheibenvorfall

Besonders intensive Rückenschmerzen entstehen, wenn es durch einen Bandscheibenvorfall zum Druck auf eine Nervenwurzel kommt.

Die Wirbelsäule umschließt den Rückenmarkskanal mit dem Rückenmark und den Nervenwurzeln. Auf Höhe jeder Bandscheibe verlässt nach beiden Seiten je eine Nervenwurzel den Rückenmarkskanal. Sie zieht durch den Nervenkanal, der durch

  • Wirbelbogenwurzel,
  • Wirbelkörperhinterkante,
  • Bandscheibe und
  • Gelenkfortsätze

gebildet wird.

Die Nervenwurzeln versorgen Arme, Rumpf und Beine. Sowohl die Informationen über die Gefühlsqualitäten wie auch Impulse für die Steuerung der Muskeln laufen durch diese Nervenbahnen. Kommt es in diesem Bereich zu einer Bandscheibenvorwölbung oder zu einem Vorfall, können durch den Druck auf die Nervenwurzel in dem engen Kanal

  • Schmerzen,
  • Gefühlsstörungen und
  • Muskelschwächen

ausgelöst werden.

Bandscheibenvorfall
Verschiedene Schweregrade eines Bandscheibenvorfalls © bilderzwerg | AdobeStock

Entstehung des Wurzelreizsyndroms

Im unteren Lendenbereich entsteht durch die Reizung der Wurzeln des Ischiasnervs die Ischialgie. Durch Dehnung des Nervs, etwa durch Anheben des gestreckten Beines aus der Rückenlage, wird ein Schmerz im Verlauf des Ischiasnervs ausgelöst oder verstärkt.

Bei stärkerem Druck im Nervenkanal treten Missempfindungen im Bereich des Fußes und am Unter- und Oberschenkel auf. Teilbereiche werden gefühllos oder überempfindlich und schließlich verlieren die Muskeln ihre Kraft.

An der unteren Halswirbelsäule strahlen Schmerzen und Gefühlstörungen in den Arm bis in die Hand aus. Auch umschriebene Muskelschwächen können auftreten.

Therapiemöglichkeiten bei Rückenschmerzen

Bei akuten Rückenschmerzen ist zunächst Entlastung und Schmerzbekämpfung notwendig. Sinnvoll sind

  • entspannende Rücken- oder auch Seitlagerung mit angebeugten Beinen zur Entlastung der gereizten Ischiasnerven,
  • Wärme für die verkrampfte Rückenmuskulatur (Wärmflasche, Heizkissen, erwärmter Körnersack)

Ergänzend sind Medikamente zur Schmerzlinderung und Abschwellung notwendig.

Lassen die akuten Rückenschmerzen nicht nach, treten Gefühlstörungen oder Muskellähmungen auf. Es empfiehlt sich, dann einen Arzt aufzusuchen.

Bei Störungen der Blasen- oder Darmkontrolle ist schnelles Handeln erforderlich. Die stationäre Aufnahme in einer operativen Krankenhausabteilung für Neurochirurgie oder Wirbelsäulenorthopädie könnte erforderlich sein.

Operation bei Rückenschmerzen

Eine Operation ist nur dann direkt erforderlich, wenn ein kräftiger Vorfall zu einer Störung der Blasen- und Darmkontrolle geführt hat.

Treten hier Störungen oder Kontrollverluste auf, ist kurzfristiges Handeln notwendig. Eine Operation kann sinnvoll werden, wenn

  • die ins Bein ausstrahlenden Schmerzen (Ischias) nicht nachlassen und
  • der Ausfall der Gefühlsqualitäten und insbesondere die Muskelschwäche Tage und Wochen bestehen.

Bei einer Bandscheibenoperation wird von einem kleinen Schnitt am Rücken aus das vorgefallene Bandscheibenmaterial entfernt und die Nervenwurzel entlastet. Zusätzlich wird aus dem zugehörigen Bandscheibenzwischenraum lockeres Material entfernt.

Nach einigen Wochen bildet sich Narbengewebe im Bandscheibenzwischenraum. Die Belastbarkeit der Wirbelsäule nimmt wieder zu.

Medikamente gegen Rückenschmerzen

Rheumaschmerzmedikamente wie Ibuprofen, Diclofenac oder Coxibe sind besonders wirksam. Sie lindern den Schmerz und führen im Bereich der Nervenwurzeln zu einer Abschwellung. Oft werden diese Medikamente auch in Kombination mit Kortison in den Muskel gespritzt.

Bei einer solchen Spritze in den Gesäßmuskel besteht immer die Gefahr einer langfristigen Schädigung des Ischiasnerven durch das versehentliche Spritzen des Medikamentes an den Nerven selbst.

Darstellung des Ischiasnerven

Sitz des Ischiasnerven (rot) © Nathan Devery com | AdobeStock

Bei hochakuten Rückenschmerzen, die auf Schmerztabletten nicht ansprechen, ist die örtliche Betäubung des Nerven am Bandscheibenvorfall selbst nötig. Sie erfolgt durch Umspritzung mit einem örtlichen Betäubungsmittel.

Rückenschmerzen vorbeugen

Machen Sie Ihren Rücken stark! Erhalten bzw. verbessern Sie die Muskelkraft der Wirbelsäule, um eine dynamische Steuerung und Stabilisierung zu ermöglichen. Dafür ist es wichtig, trotz Rückenschmerzen in Bewegung zu bleiben.

Ungeeignet sind jedoch

  • Übungen, mit denen kraftvoll die Beweglichkeit ertrotzt wird
  • Spitzenbelastungen durch Springen oder Stoßen sowie
  • Sportarten, die plötzliche Ausweichbewegungen erfordern (Kampfsportarten, Handball, Fußball).

Schwimmen, Rad fahren, oder auch Nordic Walking sind sinnvoll. Wichtige Tipps und Informationen über den Umgang mit Rückenschmerzproblemen erhält man in der Rückenschule. Motivation sich zu bewegen, ohne sich zu überlasten, vermittelt das Funktionstraining der Rheuma-Liga.

Bleiben Sie locker! Schmerzen und Ängste verstärken sich gegenseitig. Techniken der Entspannung, wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung nach Jacobsen oder ein Schmerzbewältigungstraining sind oft hilfreich.

Auch eine individuelle psychotherapeutische Behandlung kann Stress mindern.

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