Morbus Sudeck-Spezialisten und Informationen

13.07.2020
Marion Burk CRPS Netzwerk
Medizinische Fachautorin
Unter einem komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS) - oder nach dem Erstbeschreiber auch Morbus Sudeck genannt - verstehen die Mediziner anhaltende und starke Schmerzen meist an Bein oder Arm, häufig begleitet von einer eingeschränkten Beweglichkeit der betroffenen Gliedmaße. Erfahren Sie hier mehr zu Ursache, Symptomen, Therapie und Behandlungsmöglichkeiten, Prognose und Selbsthilfeangebote.

Weitere Informationen zu Morbus Sudeck finden Sie weiter unten.
ICD-Codes für diese Krankheit: G90.5, G90.6

Empfohlene Spezialisten für Morbus Sudeck

Kurzübersicht:

  • Was ist Morbus Sudeck? Auch CRPS genannt, handelt es sich um eine Form von chronischen Schmerzen, vor allem Berührungsschmerzen, in Verbindung mit Entzündungen.
  • Ursachen: Die Ursachen sind bis heute nicht völlig geklärt. Entzündliche und neurogene Prozesse in Kombination mit Veränderungen im Bereich des zentralen Nervensystems scheinen die Erkrankung zu verursachen.
  • Symptome: Die auftretenden Beschwerden können mit fortschreitendem Krankheitsverlauf variieren. Typisch sind Schmerzen, Schwellungen, Veränderungen der Hautfarbe und Temperatur, Schweißbildung, Veränderungen des Fingernagel- und Haarwachstums.
  • Diagnose: Die Erkrankung wird durch den Ausschluss anderer Erkrankungen diagnostiziert. Der Einsatz bildgebender Verfahren ist dabei nicht notwendig. Stattdessen gibt es eine Reihe von abzuklärenden Kriterien.
  • Behandlung: Die Therapie richtet sich nach den auftretenden Symptomen. Eine multimodale Schmerztherapie ist zu empfehlen, auch die Behandlung von Entzündungen gehört zu den wichtigsten Behandlungszielen. Auch die Psychotherapie ist von großer Bedeutung, damit die Betroffenen lernen, mit ihrer Erkrankung umzugehen.
  • Prognose: Je früher die Erkrankung erkannt wird, desto besser ist die Prognose. Gute Fortschritte sind aber auch im späteren Verlauf noch möglich.

Artikelübersicht

Definition: Was ist CRPS?

Das Komplexe Regionale Schmerzsyndrom, früher auch „Morbus Sudeck“ oder „Sympathische Reflexdystrophie“ genannt, zeigt sich in Form von (Dauer-)Schmerzen, vor allem Berührungsschmerzen (Allodynie), Entzündungen, reduzierter Beweglichkeit und reduzierter Kraft, sowie Störungen der Sensibilität.

Mit einer Häufigkeit von 2-15 % kommt es nach Verletzungen der Arme oder Beine zum CRPS, vor allem nach Knochenbrüchen, Operationen und anderen schwereren Verletzungen. Ein Auftreten nach leichten Verletzungen, wie z. B. nach Schnitten oder Insektenstichen ist seltener. Die Erkrankung betrifft hauptsächlich Hände oder Füße. Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer. CRPS tritt vor allem zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr auf, selten im Kindes- und hohen Alter.

Ursachen von CRPS

Die Ursache des CRPS ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es besteht eine Kombination von entzündlichen und neurogenen (vom Nerv stammenden) Prozessen sowie Veränderungen im Bereich des Gehirns und Rückenmarks. Diese verschiedenen Prozesse sind für die vielfältigen Symptome verantwortlich, aber nicht jedes Symptom tritt bei jedem auf.

Man unterscheidet CRPS I und CRPS II. Beim CRPS I gibt es keine nachweisbare Nervenläsion, beim CRPS II gibt es eine Schädigung der betreffenden Nerven. Für die Behandlung ist es unerheblich, ob CRPS I oder CRPS II vorliegt. Die Therapien sind identisch.

Symptome von CRPS

Die Symptomatik kann sich im Verlauf der Erkrankung ändern und zentrale Veränderungen (Rückenmark und Gehirn) können im späteren Krankheitsverlauf auftreten. Die akute Krankheitsphase – geprägt durch eine überschießende und länger andauernde Entzündung – hält in der Regel bis zu sechs Monate nach der Schädigung an. Eine körpereigene Entzündung ist normal, sie tritt immer nach einer Gewebeschädigung auf und wird vom Körper reguliert. Beim CRPS ist diese Entzündungsreaktion jedoch stärker ausgeprägt und kann vom Körper nicht mehr gesteuert werden. Die Heilungsreaktion kann aber auch noch nach Monaten oder Jahren einsetzen.

Typische Symptome

Die sichtbaren Symptome umfassen Schwellungen, Veränderungen der Hautfarbe und der Temperatur des betroffenen Körperteils sowie eine vermehrte Schweißbildung oder Veränderungen des Fingernagel- und Haarwachstums. Die Temperatur in dem betroffenen Bereich kann wärmer oder kälter sein. Weitere Symptome umfassen eine beeinträchtigte Beweglichkeit, z. B. kann der Faustschluss unvollständig oder die Beugung und Streckung im Hand- bzw. Sprunggelenk verringert sein. Die Kraft ist häufig vermindert.

Die vorhandenen Schmerzen können permanent vorhanden oder belastungsabhängig sein. Die Stärke der Schmerzen kann im Tagesverlauf schwanken und es kann zu Schmerzverstärkungen durch äußere Faktoren wie Wärme, Kälte oder leichte Berührungen kommen. Berührungen können sich aber auch taub anfühlen oder wie Ameisen kribbeln. Manche Patienten haben das Gefühl, dass das betroffene Körperteil nicht mehr zu ihrem Körper gehörig ist. Hierbei können bspw. durch Anstoßen erneute Verletzungen auftreten.

Häufige Symptome bei CRPS auf einen Blick: 

  • Im Vergleich zum erwarteten Heilungsverlauf unangemessen starke sich ausbreitende Schmerzen 
  • entzündliche Symptome 
  • Schwellung 
  • reduzierte Beweglichkeit 
  • reduzierte Kraft 
  • Änderung der Hauttemperatur und Hautfarbe
  • starkes Schwitzen 
  • Berührungsschmerzen (Allodynie)
  • Sensibilitätsstörungen mit starker oder verminderter Reaktion auf Druck, mechanische, Kälte- oder Wärmereize 
  • Störung der Körperwahrnehmung

crps schmerzsyndrom hand

Symptome des CRPS an der Hand © CRPS Netzwerk, mit freundlicher Genehmigung von Frau M. Burk.

Diagnostische Abklärung bei CRPS

Die Diagnosestellung erfolgt klinisch ohne bildgebende Maßnahmen wie Röntgen, MRT und Knochenszintigraphie, d. h. anhand des Vorhandenseins bestimmter Symptome/Beschwerden und unter Ausschluss anderer Erkrankungen.

Das wichtigste Instrument zur Diagnosestellung sind die Budapest-Kriterien, die in der CRPS Leitlinie zu finden sind.

Budapest-Kriterien:

  1. Ein anhaltender, übermäßiger Schmerz, welcher nicht mehr durch die Ursprungsverletzung erklärbar ist.
  2. Der Betroffene muss über jeweils mindestens ein Krankheitszeichen aus 3 der Kategorien a-d in seinem Erkrankungsverlauf berichten:
    1. Überempfindlichkeit für Schmerzreize (Hyperalgesie) bzw. für Berührung (Hyperästhesie); normalerweise nicht schmerzhafte Berührungen erzeugen Schmerzen z. B. bei sanfter Berührung (Allodynie).
    2. Im Seitenvergleich (Asymmetrie) veränderte Hauttemperatur bzw. Hautfarbe (blass, bläulich, gerötet).
    3. Im Seitenvergleich verändertes Schwitzen bzw. Schwellung durch vermehrt eingelagerte Gewebsflüssigkeit (Ödem).
    4. Verringerung der Beweglichkeit, durch z. B. andauernde Änderung der unwillkürlichen Muskelspannung (Dystonie), unwillkürliches, rhythmisches Zittern (Tremor) bzw. Muskelschwäche (Parese). Veränderungen im Haar- bzw. Nagelwachstum.
  3. Beim Betroffenen muss jeweils mindestens ein Krankheitszeichen aus 2 der Kategorien a-d zum Zeitpunkt der ärztl. Untersuchung vorliegen:
    1. Auslösen von Schmerz bei sonst nicht schmerzhaftem Reiz durch z.B. sanftes Bestreichen der Haut (Allodynie) bzw. einer Überempfindlichkeit für z.B. maßvolle, spitze Reize wie das Berühren mit einem Zahnstocher. Schmerz bei Druck auf Gelenke, Knochen bzw. Muskeln (Hyperästhesie bzw. -Hyperalgesie)
    2. Im Seitenvergleich veränderte Hauttemperatur bzw. Hautfarbe.
    3. Im Seitenvergleich verändertes lokales Schwitzen bzw. Schwellung durch vermehrt eingelagerte Gewebsflüssigkeit (Ödem). 
    4. Verringerung der Beweglichkeit, durch z. B. andauernde Änderung der unwillkürlichen Muskelspannung (Dystonie), unwillkürliches, rhythmisches Zittern (Tremor) bzw. Muskelschwäche (Parese). Veränderungen von Haar- bzw. Nagelwachstum.
  4. Es gibt keine andere Diagnose, die zu den Symptomen passt. Dabei sollen Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, Thrombosen, Kompartmentsyndrom usw. differentialdiagnostisch ausgeschlossen sein. 

crps schmerzsyndrom fuss

Symptome des CRPS am Fuß © CRPS Netzwerk, mit freundlicher Genehmigung von Frau M. Burk.

Behandlungsmöglichkeiten

Eine ursachenbezogene (kausale) Therapie des CRPS existiert nicht, d.h. dass die Ursache der Erkrankung nicht behandelt werden kann, da diese nicht bekannt ist. Die Therapie orientiert sich daher an den vorliegenden Beschwerden. Es empfiehlt sich eine multimodale Schmerztherapie. Hier arbeiten Schmerztherapeuten mit Experten aus der Ergo-, Physio- und Psychotherapie zusammen. 

Die Therapie sollte sich an den CRPS Leitlinien orientieren. 

In der Akutphase ist eine antientzündliche Therapie wichtig. Hier wird überwiegend Kortison eingesetzt, solange entzündliche Symptome noch vorhanden sind (bis zu max. 6-12 Monate nach Erkrankungsbeginn). 

Die Schmerztherapie setzt sich meist aus einer vorübergehenden Gabe entzündungshemmender Schmerzmittel und sog. Ko-Analgetika zusammen. Hierzu zählen beispielsweise Medikamente gegen epileptische Anfälle (sog. Antikonvulsiva) oder Medikamente gegen Depressionen (sog. Antidepressiva), die auch schmerzlindernd wirken können.

Eingriffe in den Körper (Invasive Verfahren) wie z. B. Operationen sollten nur in spezialisierten Zentren bei unzureichender Wirksamkeit anderer Therapien erfolgen, da auch hierbei wieder Gewebe verletzt wird. Bei einem CRPS sollten Eingriffe aller Art, sofern sie nicht lebensbedrohlich sind, kritisch abgewogen werden, da diese einen erneuten Ausbruch der Erkrankung auch an einer anderen Extremität hervorrufen könnten. 

Einer der wichtigsten Bestandteile der Therapie ist die aktive Physio- und Ergotherapie. Eine komplette Ruhigstellung sollte vermieden werden. Auch zu Hause sollten Übungen zur Verbesserung der Kraft und Beweglichkeit durchgeführt werden. Aktive Übungen können zu einer vorübergehenden Schmerzverstärkung führen. Langfristig sind sie für den Funktionserhalt wichtig. 

Eine Therapiemaßnahme stellt die Spiegeltherapie dar. Beim CRPS werden Gebiete im Gehirn, die die erkrankte Extremität versorgen, kleiner. Das Körperschema geht dabei verloren. Bei der Spiegeltherapie wird dem Gehirn eine schmerzfreie Bewegung der betroffenen Extremität vorgetäuscht, so dass eine Anregung der vernachlässigten Hirnregion stattfindet.

Auch Maßnahmen, wie Salbeneinreibung, Hochlagerung, Wärme- oder Kälteanwendungen, wie Kühlpacks, Kirschkernkissen oder Heusäckchen können Linderung verschaffen.

Da CRPS eine äußerst belastende Schmerzerkrankung ist, ist eine unterstützende Psychotherapie immer ratsam. Sie hilft mit den Veränderungen im Leben der Betroffenen besser zurechtzukommen.

Es ist anzunehmen, dass bestimmte psychische Belastungen ("stressfull life events") den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen oder unterhalten könnten, wie bei anderen chronischen Schmerzerkrankungen auch. Sie sind jedoch niemals die Ursache für ein CRPS.

Prognose 

Das CRPS ist eine langwierige Erkrankung und erfordert viel Geduld. In seltenen Fällen kann ein chronisches CRPS bis zur Gebrauchsunfähigkeit des betroffenen Körperteils und zu einer Schwerbehinderung führen. Im Allgemeinen gilt, je früher die Erkrankung erkannt und behandelt wird, desto besser ist die Prognose. Aber auch nach längerer Krankheitsdauer sind Fortschritte möglich. 

Schmerzpsychotherapeutische Behandlung des CRPS

Das CRPS ist eine Schmerzerkrankung, die bei vielen Betroffenen mit erheblichen seelischen Folgen einhergeht. Einige Betroffene zeigen eine überhöhte Ängstlichkeit und Schonverhalten, andere wiederum versuchen die Krankheit zu verbergen und sich nichts anmerken zu lassen. Schon in den ersten Monaten der Erkrankung bemerken Betroffene eine starke körperliche und seelische Erschöpfung, sie beklagen oft Schlafstörungen, Antriebsarmut, Selbstzweifel und v. a. Zukunftsängste. Man geht davon aus, dass psychische Symptome die Folge und nicht die Ursache des CRPS sind.

In der ersten Phase der psychotherapeutischen Behandlung ist das wichtigste Ziel eine auf den Betroffenen zugeschnittene Aufklärung über das Krankheitsbild. Im Weiteren hat die Psychotherapie die Aufgabe, die bereits beschriebenen gefühlsmäßigen Reaktionen (Angst, Ärger Hilflosigkeit) auf die plötzlich entstandenen körperlichen und psychischen Veränderungen aufzufangen. Betroffene sind von einem Tag zum anderen in fast allen Verrichtungen des täglichen Lebens eingeschränkt. Das betrifft nicht nur berufliche und soziale Aktivitäten, sondern auch alltägliche Verrichtungen wie z. B. Waschen, Anziehen, Essen und Auto fahren. Gleichzeitig müssen diese Patienten oftmals in ihrem sozialen Umfeld erfahren, dass ihnen wenig Verständnis für ihre Einschränkung entgegengebracht wird, was meist dazu führt, dass sich die Betroffenen sozial zurückziehen. Zur psychischen Stabilisierung haben sich v. a. Entspannungs- und Imaginationsverfahren (sich positive Bilder vorstellen) sowie die Wiedererlangung angenehmer Aktivitäten bewährt.

Die medizinischen, physiotherapeutischen und psychotherapeutischen Maßnahmen sollten immer wieder aufeinander abgestimmt werden. Sie werden in der Regel in einer multimodalen Schmerztherapie zusammengeführt.

In der zweiten Phase sollten Techniken vermittelt werden, die zur besseren Wahrnehmung der eigenen körperlichen Belastbarkeit und zur Regulation eines angemessenen körperlichen Entlastungs- und Belastungsverhaltens beitragen. 

In der dritten Phase der Behandlung unterstützt die Schmerzpsychotherapie den Betroffenen v. a. darin, Geduld und Ausdauer aufzubringen, Phasen von Behandlungsstillstand und Resignation zu überstehen und die Aufmerksamkeit immer wieder auf (kleine) Fortschritte zu lenken. Eine weitere Aufgabe besteht darin, für und mit dem Betroffenen realistische Pläne zur beruflichen und privaten Wiedereingliederung zu erarbeiten. Auch diese Sorgen sollten in einer Psychotherapie ausgesprochen werden, um kompetente Ansprechpartner vermitteln zu können.

Das „CRPS Netzwerk gemeinsam stark“ ist ein Verbund aller CRPS-Selbsthilfegruppen Deutschlands, Luxemburgs, der Schweiz und Österreichs. Hier werden Informationen zur Krankheit, zu Behandlungsmöglichkeiten und zu Spezialisten gegeben. Darüber hinaus bieten regionale Gruppen einen Austausch über das Internet und bei regelmäßigen Treffen.

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