Der Morbus Scheuermann ist eine Wachstumsstörung der Wirbel, meist im Bereich der mittleren und unteren Brustwirbelsäule, die relativ häufig bei Jugendlichen vorkommt. Weitere Bezeichnungen für diese Störung sind Adoleszentenkyphose, Scheuermann-Krankheit, juvenile Kyphose und juvenile Osteochondrose, umgangssprachlich wird sie auch als Buckel oder Lehrlingsrücken bezeichnet.

ICD-Codes für diese Krankheit: M42.0

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Hintergrundinformationen zu Morbus Scheuermann

Von einer korrekten Haltung spricht man im Allgemeinen, wenn die Schultern zurückgezogen sind und der Rücken aufgerichtet ist. Beim Morbus Scheuermann jedoch zeigt sich ein stark ausgeprägter Rundrücken (Buckel), der durch eine veränderte Form der Wirbelkörper und eine nach hinten gekrümmte Wirbelsäule zustande kommt. Heute gibt es allerdings Möglichkeiten, den Rundrücken und die damit verbundenen Beschwerden zu behandeln.

Mit eine Krankheitshäufigkeit von etwa 20 Prozent gehört der Morbus Scheuermann zu den häufigsten Erkrankungen im Jugendalter, auf die Gesamtbevölkerung betrachtet, sind es etwa 4 bis 6 Prozent der Menschen, die die Krankheit haben. Das männliche Geschlecht ist mindestens doppelt so häufig betroffen wie das weibliche.

Was ist Morbus Scheuermann?

Die menschliche Wirbelsäule weißt im normalen, gesunden Zustand eine zweifache Krümmung auf: Die Brustwirbelsäule ist leicht nach hinten (zum Rücken hin) gekrümmt (um 20 bis 40 Grad), was in der Medizin Kyphose genannt wird, die Lendenwirbelsäule leicht nach vorne (Lordose). Beides ist also erst einmal normal. Wenn die Kyphose aber nun besonders stark ausgeprägt ist (das heiß der Krümmungswinkel beträgt mehr als 40 Grad), liegt ein Morbus Scheuermann oder eine juvenile Kyphose vor - eine schwere Kyphose besteht bei einem Krümmungswinkel von mehr als 70 Grad).

Morbus Scheuermann kommt durch eine Wachstumsstörung der Wirbelkörper zustande. Hiervon sind in den meisten Fällen die Wirbel der mittleren und unteren Brustwirbelsäule betroffen, seltener auch die Lendenwirbel oder die Wirbel im Übergangsbereich von Brust- und Lendenwirbelsäule. Ich Bereich der Brustwirbelsäule äußert sich Erkrankung in einem Rundrücken, im Bereich der Lendenwirbelsäule in einem Flachrücken, bei dem die natürliche Krümmung nach vorne verloren gegangen ist.

Im Normalfall sind die Wirbel wie ein Zylinder geformt, beim Morbus Scheuermann hingegen haben sie eine Keilform (Keilwirbel), weil sie zur Brust hin langsamer wachsen als an ihrem zum Rücken zeigenden Abschnitt. Ebenfalls typisch sind die so genannten Schmorl-Knorpelknötchen, Bandscheibengewebe, das in die Knochensubstanz an Boden- und Deckplatten der Wirbel eingebrochen ist.

Ab etwa dem 11. Lebensjahr kann die Erkrankung durch klinische Auffälligkeiten und radiologische Veränderungen nachgewiesen werden. Mit Ende des pubertären Körperwachstums haben sich die krankhaften Veränderungen an den Wirbelkörpern stabilisiert, die körperlichen Veränderungen bleiben aber bestehen. Bei den meisten Jugendlichen wird die Erkrankung zwischen dem 11. und 17. Lebensjahr aufgrund des sich ausbildenden Rückens oder wegen Rückenschmerzen festgestellt.

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Von MusicNewz - Eigenes Werk (this is me), CC0, Link

Wodurch wird Morbus Scheuermann ausgelöst?

Zwar wird eine genetische Veranlagung vermutet, die genaue Krankheitsentstehung ist allerdings noch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Aktuell wird in der Fachwelt eine Theorie diskutiert, die von gestörten Mineralisierungs- und Verknöcherungsprozessen während der pubertären Wachstumsphase ausgeht. Im Verdacht stehen deshalb auch Krankheiten wie kindliche Osteoporose oder ein Überschuss an Wachstumshormonen.

Darüber hinaus gibt es äußere Einflüsse, die die Entstehung von Morbus Scheuermann begünstigen könnten. Dabei handelt es sich zum Beispiel um rückenbelastenden Leistungssport oder Sportarten, bei denen der Patient einen Rundrücken machen muss. Eine gebückte Körperhaltung kann ebenfalls einen Beitrag leisten.

Welche Symptome verursacht Morbus Scheuermann?

In der ersten Zeit verursacht Morbus Scheuermann oftmals keinerlei Probleme oder Schmerzen. Ist die Brustwirbelsäule betroffen, kommt es zwar zu einer deutlichen sichtbaren Verkrümmung, Rückenschmerzen treten häufig erst im weiteren Krankheitsverlauf hinzu. Sie können sich während körperlicher Aktivität verschlimmern und in Ruhe bessern. Die Schmerzen bessern sich in der Regel nach Abschluss des Körperwachstums.

Die klinische Symptomatik im weiteren Verlauf und bei Erwachsenen hängt im Wesentlichen vom Grad der Krümmung ab. So kann es unter Umständen zu Bewegungseinschränkungen, Verknöcherungen der betroffenen Wirbelsäulenabschnitte, einer zunehmenden Lordose (Krümmung nach vorne) der benachbarten Abschnitte, in seltenen Fällen auch zu neurologischen Defiziten durch Rückenmarkkompression (Druck auf das Rückenmark) und bei extremer Kyphose (Krümmungswinkel größer 100 Grad) auch zu Störungen der Herz- und Lungenfunktion kommen.

Darüber hinaus kann sich der Rundrücken im Laufe der Zeit verschlimmern. Dieses Erscheinungsbild wird Post-Scheuermann-Syndrom genannt. Auch kann es durch die ständige Überlastung der Rückenmuskulatur – sie wird durch die Verkrümmung der Wirbelsäule extrem gefordert – zu Schmerzen kommen. Menschen mit Rundrücken haben im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ein erhöhtes Risiko für chronische Rückenschmerzen.

Folgende Symptome und langfristige Komplikationen können demnach bei Morbus Scheuermann auftreten:

  • Rundrücken oder Flachrücken (im Anfangsstadium mitunter schmerzlos)
  • Chronische Rückenschmerzen
  • Bewegungseinschränkungen
  • Neurologische Defizite durch Rückenmarkkompression
  • Zunahme des Buckels (Post-Scheuermann-Syndrom)

Wie wird Morbus Scheuermann diagnostiziert?

Meistens suchen die jungen Patienten einen Arzt aufgrund des sich entwickelnden Rundrückens und/oder von Rückenschmerzen auf. Der Arzt wird sich nach der Art der Schmerzen, nach Funktionseinschränkungen, neurologischen Symptomen und sonstigen Beschwerden erkundigen. Anschließend werden im Rahmen einer körperlichen Untersuchung die Wirbelsäulenform, der Schweregrad der Deformität, das Auslösen von Schmerzen, neurologische und weitere körperliche Auffälligkeiten beurteilt.

Eine Röntgenaufnahme der Brust- und Lendenwirbelsäule gibt abschließend Gewissheit, ob eine übermäßige Kyphose vorliegt. Mit ihr lassen sich auch die typischen keilförmigen Wirbelkörper und die Schmorl-Knorpelknötchen identifizieren. Nur in sehr seltenen Fällen ist eine Magnetresonanztomographie (MRT) oder eine Computertomographie (CT) erforderlich, spezifische Labortests oder feingewebliche Untersuchungen sind für die Diagnosefindung in der Regel nicht notwendig.

Während des Körperwachstums sollten die Jugendlichen in regelmäßigen Abständen daraufhin untersucht werden, ob sich die Wirbelsäulendeformität verschlimmert. Nach Abschluss des Wachstums sind keine Kontrolluntersuchungen mehr erforderlich, sofern keine Beschwerden bestehen.

Wie therapiert man Morbus Scheuermann?

Ob eine Therapie notwendig ist, hängt maßgeblich davon ab,

  • ob Schmerzen bestehen,
  • ob das Ausmaß der Krümmung zunimmt und
  • ob neurologische Defizite bestehen.

Das Ziel der Behandlung besteht darin,

  • einen fixierten Rundrücken mit Bewegungseinschränkung zu vermeiden,
  • die Entwicklung hin zu einer schweren Wirbelsäulendeformität zu verhindern,
  • die Schmerzen zu reduzieren bzw. zu beseitigen und
  • die Wirbelsäulendeformität zu korrigieren.

Grundsätzlich bestehen folgende therapeutischen Möglichkeiten, die je nach Symptomatik und Krümmungswinkel einzeln oder in Kombination eingesetzt werden:

  • Lebensstiländerungen
  • Muskelaufbau und Krankengymnastik
  • Medikamentöse Therapie
  • Tragen eines aufrichtenden Korsetts oder einer Orthese
  • Operative Versorgung

Im Bereich der Lebensstiländerungen wird beispielsweise das Schlafen in Bauchlage auf einer härteren Matratze empfohlen. Auch sollten keine Sportarten ausgeübt werden, bei denen die Wirbelsäule gestaucht (wie bei Sprungsportarten) oder ein Rundrücken gemacht wird (wie Rudern, Gewichtheben). Langes gebeugtes Sitzen und sonstige Fehlbelastungen sollten gemieden werden.

Eine zentrale Rolle bei der Behandlung spielt die Physiotherapie. Der Therapeut kann hier mit speziellen Übungen zur Stärkung der Muskulatur die Haltung entscheidend verbessern. Das Ziel ist hierbei, den verkrümmten Rücken aufzurichten. Bei einer leichten Form der Krankheit kann eine Physiotherapie allein bereits ausreichen, um Erfolge zu erzielen.

Wenn die Übungen allein aber nicht den gewünschten Erfolg bringen, kann der Patient auch ein Korsett oder eine Orthese tragen, mit dessen Hilfe die Wirbelsäule aufgerichtet wird. Vor allem während der Wachstumsphase ist das Tragen eines Korsetts ein probates Mittel. Allerdings erfordert dies vom Patienten auch viel Selbstdisziplin, denn der Erfolg kann sich nur dann einstellen, wenn das Korsett auch regelmäßig, möglichst den ganzen Tag, getragen wird.


Von Dr. Weiß - Dr. Weiß, CC BY-SA 3.0, Link

Die medikamentöse Behandlung besteht aus der Gabe von Schmerzmitteln sowie muskelentspannenden Präparaten.

Eine Operation findet bei Morbus Scheuermann nur in extremen Ausnahmefällen statt:

  • ab einem Krümmungswinkel von größer 75 Grad mit einer Deformität, die nicht mehr vom Patienten toleriert wird oder die mit Schmerzen einhergeht,
  • bei neurologischen Defiziten/Rückenmarkkompression oder
  • bei Schmerzen, die anderweitig nicht behandelbar sind.

Eine Operation, bei der die Bandscheiben durch Knochensegmente ersetzt, Teile der Wirbelkörper entfernt und metallische Implantate eingesetzt werden, ist mit erheblichen Risiken (bis hin zur Versteifung des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts oder Nervenverletzungen/Querschnittverletzung) verbunden. Deshalb darf die Indikation zur Operation nur nach sorgfältiger Abwägung der Vor- und Nachteile gestellt werden.

Wie ist die Prognose bei Morbus Scheuermann?

Grundsätzlich ist die Prognose bei Morbus Scheuermann sehr gut, da die Krankheit nicht zwingend Schmerzen verursacht. Auch lässt sich der Krankheitsverlauf mittels Physiotherapie oder Korsett positiv beeinflussen. Abhängig vom Ausmaß der Wirbelsäulendeformität können aber auch im späteren Erwachsenenalter Komplikationen auftreten (siehe oben unter Symptome). Es ist auch mit Beschwerden wie Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen zu rechnen, wenn zusätzlich zur Kyphose eine Skoliose besteht oder ein extremer Flachrücken auftritt.

Quellen

  • Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (2003) Morbus Scheuermann. Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie(DGOOC) und des Berufsverbandes der Ärzte für Orthopädie (BVO). AWMF-Leitlinien-Register-Nr. 033/040
  • Grifka J, Krämer J (2013) Orthopädie Unfallchirurgie. 9. Aufl., Springer, Heidelberg
  • Kayser R, Weber U (2007) Morbus Scheuermann. Orthopädie und Unfallchirurgie - up2date 2(2): 125-140
  • Mansfield JT, Bennett M (2019) Scheuermann Disease. StatPearls Publishing, PMID: 29763141