Gelenkverletzungen - Medizinische Experten

02.02.2021
Dr. rer. nat. Marcus Mau
Autor des Fachartikels

Gelenke ermöglichen uns Bewegungen. Sie finden sich überall im Körper. Am bekanntesten sind das Ellenbogengelenk, das Kniegelenk oder auch die Handgelenke. Wo Bewegung stattfindet, kann es allerdings auch zu Verletzungen kommen. Gerade im Kindesalter, beim Sport oder anderen Alltagsaktivitäten besteht daher stets ein Risiko für Verletzungen der Gelenke. Nicht immer fallen Gelenkverletzungen sofort auf, doch ist es wichtig, früh zu reagieren, um Schäden und dauerhafte Bewegungseinschränkungen zu vermeiden – ein Überblick über die Arten der Gelenkverletzungen und deren Behandlung.

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Gelenkverletzungen – Von Prellung bis Verrenkung

Der Aufbau der Gelenke ist je nach Bewegungsumfang sehr kompliziert und bietet daher auch eine Vielzahl an Verletzungsmöglichkeiten. Die gelenkbildenden Knochen tragen an ihren jeweiligen Enden dünne Schichten aus Gelenkknorpel. Zwischen diesen beiden Gelenkflächen liegt ein schmaler Spalt, der die Bewegung ermöglicht – der sogenannte Gelenkspalt. Damit die Gelenkknorpelflächen nicht trocken aufeinander reiben, ist der Gelenkspalt mit Gelenkflüssigkeit gefüllt, der Synovia. Diese „Gelenkschmiere“ ernährt den Knorpel und sorgt gleichzeitig dafür, dass das Gelenk beweglich bleibt. 

Gelenke werden von einer Gelenkkapsel umfasst, die das Gelenk stützt und schützt. Zusammen mit den Gelenk- und Kapselbändern entsteht ein komplizierter Kapsel-Band-Apparat, der das jeweilige Gelenk stabilisiert und seine Funktion unterstützt. Allerdings sind diese hochkomplexen Systeme auch anfällig für vielfältige Schäden.

Wie kommt es zur Gelenkverletzung und was ist zu tun?

Gelenkverletzungen sind meist die Folge von äußerer Gewalteinwirkung, z. B. durch Verdrehung, Schläge oder Stürze. Bei sehr grober Gewalt wie sie beispielsweise bei einem Unfall auftreten kann, werden Gelenkverletzungen nicht selten auch von Knochenbrüchen oder Blutungen begleitet.

Zu erkennen sind Gelenkverletzungen meist unmittelbar aufgrund eines plötzlich einsetzenden, starken Schmerzes. Hinzu kommen Schwellungen und zunehmende Bewegungseinschränkungen. In schweren Fällen ist zudem eine auf den Unfall folgende Gelenkfehlstellung zu beobachten. Für die Erste Hilfe bei Gelenkverletzungen wurde die leicht zu merkende PECH-Formel entwickelt:

  • Pause: Das verletzte Gelenk ist umgehend ruhig zu stellen. Eine vom Betroffenen gewünschte Schonhaltung sollte unterstützt werden. Denn in dieser Haltung spüren Betroffene die geringsten Schmerzen.
  • Eis: Die Kühlung des verletzten Gelenks sollte sehr schnell nach der Verletzung einsetzen – Dabei kalte Tücher oder Eiskompressen für etwa 30–45 min auflegen.
  • Compression: Das verletzte Gelenk kann zusätzlich durch einen Kompressionsverband unterstützt werden. Dieser lindert etwas die Schmerzen. Darüber hinaus lässt sich mithilfe des Verbandes auch ein Kühlakku oder ähnliches fixieren.
  • Hochlagern: Um mögliche Blutungen und auch die Hämatombildung am verletzten Gelenk zu reduzieren, sollte die betroffene Extremität hoch gelagert werden.

Bei leichteren Verletzungen ist anschließend ein Arzt zu konsultieren. Nach Unfällen oder schweren Verletzungen, die unter anderem mit Blutungen einhergehen, ist ein Notruf unter der 112 abzusetzen. 

Welche Arten von Gelenkverletzungen gibt es?

Je nach Schwere der Verletzungen werden im Bereich der Gelenkverletzungen folgende vier Hauptformen unterschieden:

  • Gelenkprellung,
  • Gelenkverstauchung,
  • Gelenkverrenkung sowie 
  • Gelenkbruch.

Eine Sonderform der Gelenkverletzung ist zudem die Gelenkknorpelverletzung. Diese kann sowohl bei Prellungen als auch bei der Verrenkung oder der Stauchung auftreten. So werden beispielsweise bei Kniegelenksverletzungen sehr häufig auch kleinere Knorpelabsplitterungen an der Kniescheibe beobachtet. Solche Knorpelbruchstücke können auch später noch im Gelenk zu einer stärkeren Abnutzung der Knorpelflächen führen und z. B. eine Gelenkarthrose hervorrufen.

Diagnostik bei Gelenkverletzungen

Am Anfang der Diagnostik stehen auch bei den Gelenksverletzungen die Anamnese und die klinische Untersuchung inklusive einer Funktionsüberprüfung von Gelenkbeweglichkeit sowie der Reflexe, um neurologische Schäden nach einem Unfall auszuschließen.

Danach werden die Fachärzte für Unfall- und Gelenkchirurgie in jedem Fall das genaue Ausmaß der Gelenkverletzungen sehen wollen. Dafür bedarf es bildgebender Verfahren, wie z. B. Ultraschall, Röntgen, Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT).

Zu den minimalinvasiven Diagnoseverfahren gehören darüber hinaus die Gelenkspunktion und die Arthroskopie, bei der Instrumente und eine Minikamera über einen kleinen Operationsschnitt direkt in das verletzte Gelenk eingebracht werden.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Gelenksverletzungen?

Neben der Ersthilfe nach der PECH-Formel spielen anfangs meist schmerzlindernde Medikamente und eine Ruhigstellung des betroffenen Gelenks eine größere Rolle. Liegt am Gelenk eine sogenannte Verrenkung vor – häufig bei Knie- oder Schultergelenken – wird der Arzt versuchen, die Gelenkverletzung durch eine Reposition („Einrenkung“) zu behandeln.

Kommt es infolge einer Gelenkverletzung zu Wassereinlagerungen und damit zu schmerzhaften Schwellungen um das Gelenk herum, wird die Verletzung punktiert, um das überschüssige Gewebewasser abzuleiten und damit die Druckbelastung am Gelenk zu verringern.

In den meisten Fällen wird nach Gelenkverletzungen auch physiotherapeutisch behandelt, um die Beweglichkeit im Gelenk zu verbessern und ebenso, um nach längerer Ruhigstellung die Muskeln und Gelenke wieder langsam zu stärken.

Nach schweren Gelenkverletzungen, z. B. bei Unfall oder Bänderrissen, müssen diese in der Regel operativ versorgt werden. Gerissene Bänder des Bänderhalteapparates im Gelenk werden genäht, Knochen und Knorpelanteile beim Knochenbruch hingegen teilweise mithilfe von Platten, Schrauben oder Klammern fixiert und stabilisiert. In diesen Fällen ist mit einer längeren Heilung der Gelenkverletzungen und mit einer verlängerten Reha zu rechnen.

Prognose nach Gelenkverletzung

Ganz allgemein gilt, je schwerer die Gelenkverletzung war – bzw. je öfter es im Leben zu Schäden an einem Gelenk gekommen ist –, desto höher ist auch das spätere Risiko, eine der Spätfolgen zu entwickeln. So kann es beispielsweise dazu kommen, dass

  • Betroffene eine Sekundärarthrose ausbilden,
  • Fehler bei der Knochenheilung auftreten,
  • das Gelenk instabil wird, weil der Bänderhalteapparat „ausleiert“ oder die unterstützende Muskulatur zu schwach ist,
  • sich das geschädigte Gelenk versteift und damit unbeweglich wird.

Quellen

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