Hüftdysplasie - Medizinische Experten

23.07.2020
Dr. med. Matthias Pothmann
Autor des Fachartikels

Bei der Hüftdysplasie handelt es sich um die häufigste angeborene Skelettentwicklungsstörung des Menschen. In Deutschland kommen jedes Jahr etwa 2 bis 5 Prozent der Babys mit einer angeborenen Hüftdysplasie zur Welt. Die Auswirkungen dieser Erkrankung können das gesamte Leben betroffener Kinder und ihrer Eltern erheblich beeinflussen.

ICD-Codes für diese Krankheit: Q65

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Hüftdysplasie Fälle in Deutschland

6.392 Fälle im Jahr 2018
6.161 Fälle im Jahr 2021 ( Prognose )

Das prognostizierte Fallzahlwachstum basiert auf Angaben zur Bevölkerungsentwicklung der statistischen Bundes- & Landesämter. Die Berechnung erfolgt je Altersklasse, sodass demographische Effekte berücksichtigt werden. Die Fallzahlen basieren aus einer Vernetzung von unterschiedlichen öffentlich zugänglichen Quellen. Mittels Datenanalyseverfahren werden diese Zahlen aufbereitet und unseren Usern zugänglich gemacht.

Kurzübersicht:

  • Was ist Hüftdysplasie? Eine der häufigsten angeborenen Skelettentwicklungsstörungen, bei der die Hüftgelenkpfanne den Hüftgelenkkopf nicht genügend umschließt, was zu verschiedenen Beschwerden führen kann.
  • Ursachen: Mädchen sind deutlich häufiger betroffen. Genetische Veranlagung, Komplikationen während der Schwangerschaft oder eine Mehrlingsschwangerschaft oder neurologische Erkrankungen verursachen die Erkrankung meistens.
  • Behandlung: Je früher die Erkrankung erkannt wird und je weniger sie ausgeprägt ist, desto eher können konservative Maßnahmen wie eine Gelenkreposition, Retention und Orthesen Erfolg haben. In seltenen Fällen muss operiert werden.
  • Operation im Kindesalter: Eine Pfannendachplastik/Acetabuloplastik zwischen dem 18. Monat und 8. Lebensjahr versetzt einen kleinen Knochenteil so, dass die Hüftpfanne das Gelenk besser überdacht und halten kann.
  • Operation im Erwachsenenalter: Die sehr komplexe 3-fach-Beckenosteotomie fixiert die Hüfte nach einer Knochenreposition mit Schrauben und erzielt sehr gute langfristige Ergebnisse, durch die die Beschwerden deutlich abnehmen.
  • Vorbeugung: Der Erkrankung lässt sich nicht vorbeugen, doch eine frühe Behandlung verbessert die Chancen auf einen Behandlungserfolg. Daher sollten die U2- und U3-Untersuchungen unbedingt durchgeführt werden.

Artikelübersicht

Hintergrundinformationen zur Hüftdysplasie

Die Hüftdysplasie ist eine Fehlbildung der Hüftgelenkpfanne, in welche der Kopf des Oberschenkels liegt. Mädchen sind häufiger als Jungen von dieser Fehlbildung betroffen. Wird die Hüftdysplasie nicht erkannt, drohen Abnutzungserscheinungen (Arthrose) im Gelenk, die zu Schmerzen und einer schweren Gehbehinderung führen können.

Seit Anfang der 80er Jahre besteht die Möglichkeit, die Hüftdysplasie mit Hilfe einer ungefährlichen Ultraschalluntersuchung bereits in den ersten Lebenstagen sicher nachzuweisen. Die neugeborenen Babys werden durch die Orthopäden und Kinderärzte untersucht, um frühestmöglich mit einer eventuell erforderlichen Schienenbehandlung beginnen zu können. Diese Ultraschalluntersuchung der Hüftgelenke hat sich so bewährt, dass sie in die gesetzliche Vorsorgeuntersuchung U 3 (4.–6. Lebenswoche nach der Geburt) aufgenommen worden ist.

Bei einer frühzeitig erkannten Hüftdysplasie bestehen sehr große Heilungschancen. Durch eine gezielte und konsequente Behandlung können sich meist gesunde Hüftgelenke ausbilden und somit später eventuell notwendige Operationen, ein schwerwiegendes Hüfthinken oder frühzeitiger Hüftverschleiß vermieden werden.

Was bedeutet Hüftdysplasie?

Bei der Hüftdysplasie liegt eine angeborene oder teilweise auch erworbene Wachstumsstörung im Bereich der Hüftgelenkspfanne vor. Die Hüftgelenkspfanne ist häufig zu klein und zu steil angelegt, so dass der Hüftgelenkskopf vor allem seitlich und vorne von der Pfanne nicht genug überdacht wird. Die Folge dieser Fehlentwicklung kann eine Hüftverrenkung (Hüftluxation) sein, in dem der Hüftkopf seitlich nach oben/hinten aus der zu kleinen Hüftgelenkspfanne herauswandert. Der Anteil der Hüftgelenksluxationen ist jedoch glücklicherweise deutlich geringer (nur jedes ca. 15. Kind mit Hüftdysplasie hat eine Hüftgelenksluxation).

Ursachen der Hüftdysplasie

Die Hüftdysplasie tritt bei Mädchen, wie oben erläutert, etwa 5- bis 7-mal häufiger auf als bei Jungen und kommt in manchen Familien gehäuft vor. Oft sind mehrere Geschwister betroffen. Ursachen der Hüftdysplasie können auch mechanische Faktoren wie eine Mehrlingsschwangerschaft oder auch eine zu geringe Menge an Fruchtwasser während der Schwangerschaft, welches zu einer relativen Enge für das Ungeborene führt, sein. Auch begleitende zahlreiche neurologische Erkrankungen, wie z.B. offener Rückenmarkskanal (Spina bifida) oder als Folge eines frühkindlichen Hirnschadens (Cerebralparese) oder auch seltene genetische Erkrankungen können zur Hüftgelenksdysplasie führen.

Wie wird die Hüftdysplasie konservativ behandelt?

Entscheidend für die erfolgreiche konservative (nicht-operative) Therapie der Hüftdysplasie ist der Grad der Fehlbildung und der frühzeitige Beginn einer Behandlung. Je schwerer die Dysplasie oder je später sie im Leben eines Menschen diagnostiziert wurde, desto eher wird der Arzt auf operative Methoden zurückgreifen (müssen).

Die konservative Behandlung bei schwerwiegender Dysplasie und Luxationen stützt sich auf drei wesentliche Säulen:

  • die Reposition (Einstellung des Gelenkes in die Hüftpfanne),
  • die Retention (Sicherstellung, dass der Hüftkopf in der Hüftpfanne bleibt) durch Gips oder Schinen/Bandagen und
  • die Ausreifungsbehandlung, d.h. konsequente Orthesenweiterbehandlung unter Ultraschallkontrollen, dass das Gelenk sich dann richtig Nachentwickeln kann.

Bei sehr milder Dysplasie und Neugeborenen genügt es meist, das Kind etwas breiter zu wickeln und es seinem natürlichen Bewegungsdrang zu überlassen. In den weitaus überwiegenden der Fälle haben die Kinder in ihrer weiteren Entwicklung dann keine Probleme mehr und die Hüften reifen gut nach. Diese Nachreifung der Hüftpfannen wird vom Arzt auch per Ultraschall überwacht.

Gibt es besondere Vorbeugemaßnahmen?

Vorbeugen kann man einer Hüftdysplasie nicht! Auch während der Schwangerschaft gibt es keine Mittel und Wege, dies zu verhindern. Um allerdings Spätfolgen zu vermeiden, sollte eine Hüftdysplasie möglichst frühzeitig diagnostiziert werden, was aufgrund der U2- und U3-Untersuchungen beim Kinderarzt oder Orthopäden seit 1996 in Deutschland durch eine Ultraschalluntersuchung sichergestellt wird.

Die operative Behandlung der Hüftdysplasie im Kindesalter

Trotz intensiver und langfristiger konservativer Behandlung kann eine Rest-Hüftdysplasie bestehen bleiben. Wie schon bei der konservativen Behandlung im Säuglingsalter mehrfach erwähnt, verschlechtern sich die Erfolgsaussichten einer konservativen Behandlung mit zunehmendem Lebensalter. Eine schwerwiegende Rest-Hüftdysplasie mit zu steilen und zu kurzen Hüftpfannen wird sich durch eine konservative Behandlung ab Ende des 2. Lebensjahres nicht mehrausreichend verbessern lassen. Auch eine intensive spezielle Physiotherapie nach Vojta, die im ersten Lebensjahr begleitend noch sehr effektiv sein kann, verliert im zweiten Lebensjahr an Effektivität.

Mit der Pfannendachplastik/Acetabuloplastik existiert ein bewährtes Operationsverfahren, um solche deutlichen Rest-Hüftdysplasien adäquat zu behandeln. Der überwiegende Anteil der Acetabuloplastiken wird zwischen dem 18. Monat und 8. Lebensjahr durchgeführt. Hierzu wird ein kleiner Knochenkeil, nachdem das Darmbein oberhalb der Hüftpfanne zum Teil durchtrennt wurde, seitlich heruntergeschwenkt, um den Hüftkopf dann besser zu überdachen. In den entstandenen Spalt wird der zurechgesägte Knochenkeil eingesetzt.

Es erfolgt eine Nachbehandlung der Kinder für einige Wochen im Gips. Sollten die Hüftgelenke nahezu, oder komplett ausgekugelt (luxiert) sein, wäre nach erfolgloser konservativer Therapie z.B. in einer Pavlik-Bandage, eine operative, offene Hüftgelenkeinrenkung zu besprechen. Dieses wird zum Teil mit einer Oberschenkelverkürzung und Acetabuloplastik in Kombination durchgeführt und sollte in Kliniken erfolgen, die damit große und langjährige Erfahrung haben.

Die operative Behandlung der Hüftdysplasie im Erwachsenenalter

Die Hüftdysplasie ist die häufigste Ursache für einen frühzeitigen schmerzhaften Hüftverschleiß und damit die Hauptursache für die Notwendigkeit ein künstliches Hüftgelenk einbauen zu müssen. Viele Hüftdysplasie-Patienten im Alter zwischen 20 und 40 Jahren haben z.T. unerträgliche Schmerzen in den Hüften und sind häufig auch daher langfristig arbeitsunfähig. Etwa 200.000 künstliche Hüftgelenke werden mittlerweile in Deutschland jährlich implantiert.

Nach Wachstumsabschluss gibt es mit der sogenannten 3-fach-Beckenosteotomie (Tripleosteotomie) die Möglichkeit der gelenkerhaltenden Korrektur einer schweren Hüftdysplasie. Diese Operation wurde in den Städtischen Klinken Dortmund Mitte der 70 er Jahre von Prof. Dr. Tönnis und K. Kalchschmidt entwickelt.

Bei dieser OP handelt es sich um eine der größten und komplexesten Beckenoperationen in der Orthopädie, so dass diese nur in wenigen Kliniken in Deutschland häufiger und spezialisiert durchgeführt wird. Bei der 3-fach Beckenosteotomie wird zur Korrektur der zu steilen Hüftgelenkspfanne über drei Operationszugänge das Sitzbein, das Darmbein und Schambein durchtrennt und die Hüftgelenkspfanne, die aus diesen drei Knochen gebildet wird, in der erforderlichen korrigierten Stellung mit Schrauben fixiert. Die Operationszeit beträgt etwa im Mittel zwei ½ bis drei Stunden.

schwere hueftdysplasie rechts

Abb. 1: Schwere Hüftdysplasie rechts.Orthopädie EK-Unna; freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Dr. med. Pothmann.

beckenosteotomie bei hueftdysplasie

Abb. 2: Hüftdysplasie nach 3-facher Beckenosteotomie © Orthopädie EK-Unna; freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Dr. med. Pothmann.

Die Patienten können das Krankenhaus nach etwa 12 bis 14 Tagen, wenn sie sicher an zwei Unterarmgehstützen das operierte Bein entlasten können, verlassen. Durch diese Operation kann der hüftdysplasietypische deutliche Belastungs- und insbesondere Leistenschmerz vollkommen behoben werden und die Patienten können wieder in den allermeisten Fällen aktiv und schmerzfrei ohne Einschränkungen am Leben teilnehmen.

Es gibt Langzeitergebnisse über 20 Jahre nach dieser Operation (durch Axel Küpper et al., Unna/Dortmund), die der PAO (der periacetabulären Osteotomie durch R. Ganz in Bern entwickelt, bei der die Hüftpfanne aus dem Beckenverbund herausgemeißelt und dann geschwenkt wird) überlegen ist. Die PAO wird weltweit trotzdem häufiger durchgeführt, da sie technisch weniger kompliziert ist, aber, wie berichtet, schlechtere Langzeitergebnisse als die 3-fach Beckenosteotomie zeigt.

Erfahren Sie mehr zu unserem Auswahlverfahren

Die Qualitätssicherung des Leading Medicine Guide wird durch 10 Aufnahmekriterien sichergestellt. Jeder Arzt muss mindestens 7 davon erfüllen.

  • Mindestens 10 Jahre Operations- und Behandlungserfahrung
  • Beherrschung moderner diagnostischer und operativer Verfahren
  • Repräsentative Anzahl an Operationen, Behandlungen und Therapien
  • Herausragender Behandlungsschwerpunkt innerhalb des eigenen Fachbereiches
  • Engagiertes Mitglied einer führenden nationalen Fachgesellschaft
  • Leitende berufliche Position
  • Aktive Teilnahme an Fachveranstaltungen (z.B. Vorträge)
  • Aktiv in Forschung und Lehre
  • Ärzte- und Kollegenakzeptanz
  • evaluatives Qualitätsmanagement (z.B. Zertifizierung)
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