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Neuromodulation - Therapie bei starken Schmerzen

Wenn Sie unter starken und chronischen Schmerzen leiden, kommen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten dafür in Frage. Eine davon ist die Neuromodulation, ein Therapieverfahren, das direkt am Schmerzort seine Wirkung entfaltet. Erfahren Sie hier mehr zur Schmerzbehandlung mit Neuromodulation und finden Sie einen qualifizierten Spezialisten!

Übersicht

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Neuromodulation - Weitere Informationen

Was ist die Neuromodulation?

Mit Hilfe Neuromodulations-Verfahren (NV) lassen sich periphere nervale Strukturen (periphere Nervenstimulation, periphere Vagusnervstimulation) oder komplexere nervale Systemstrukturen sehr gezielt direkt beeinflussen. Da das Nervensystem sich zweier Wirkprinzipien bedient, der Neurotransmitter (also biochemischer Botenstoffe) und andererseits elektrischer Leitung und elektrischer Aktivität, greift der Therapeut mit den Neuromodulationsverfahren genau in diese Steuerungsprozesse ein, verändert (moduliert) eine nicht optimal funktionierende (dysfunktionale) Steuerung. 

Im Gegensatz zu den medikamentösen (systemisch wirksamen) Verfahren sind die Streueffekte bei der Neuromodulation höchstens minimal, während sie bei systemischen Therapien (z.B. bei oraler Medikation) sehr groß und damit extrem nebenwirkungsanfällig sind. Man erreicht mit der Neuromodulation eine Therapie direkt am gewünschten Wirkort und läßt den übrigen Organismus unbeeinträchtigt. Ein enormer Vorteil. Der Nachteil: die Verfahren setzen eine hohe Spezialisierung der Therapeuten und damit einen hohen personellen und apparativen Aufwand voraus.

Welche Verfahren der Neuromodulation gibt es?

Für die Schmerzbehandlung mit Neuromodulation gibt es verschiedene Methoden, hier im Überblick:

Neuromodulation peripherer Nervenstrukturen

  • periphere elektromagnetische Nervenstimulation (rPMS)
  • periphere Vagusstimulation (PVS)

Neuromodulation zentraler Nervenstrukturen

 

nichtinvasive (ambulante) Optionen:

  • repetitive transkranielle elektromagnetische Stimulation (rTMS) des Motorcortex
  • transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) des Motorcortex oder des dorsolateralen praefrontalen Cortex (DLPFC)
  • pharmakologische Verfahren (Medikamentengabe über periphervenöse Zugänge, z.B. Lidocain- und Procaininfusionen oder Ketamininfusionen oder über rückenmarksnahe Katheter, z.B. Opiate oder Baclofen

invasive (mit Operationen einhergehende) Optionen:

  • Rückenmarkstimulation mit spinal cord stimulation (implantierbare Elektroden)
  • Kleinhirn-Stimulation mit Plattenelektroden bei M. Parkinson
  • Großhirn-Stimulation (Motorcortexstimulation) 
  • mechanische Verfahren (Ballonkompression bei Trigeminusneuralgie)

Behandlungsgründe und häufige Erkrankungen

Bei neuropathischen Schmerzen kann die Neuromodulation zur Schmerzlinderung eingesetzt werden, wenn konservative Therapien und oral eingenommene Medikamente keine Wirkung gezeigt haben. Die neuropathische Schmerzform entsteht durch die Schädigung oder Verletzung von Nervenfasern des somatosensorischen Systems. Das sind Nervenstrukturen, die für die Vermittlung von Empfindungen wie Berührung, Druck, Temperatur, aber auch Schmerz zuständig sind.

Nozizeptive Schmerzen hingegen, die durch eine Stimulierung der Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) bei Gewebeverletzungen (Nozizeptoren) von Haut und inneren Organen hervorgerufen werden, läßt sich durch Neuromodulation keine nennenswerter Effekt erreichen. Daher ist Schmerzdiagnostik unerläßlich, wenn es um den gezielten Einsatz therapeutischer Maßnahmen geht.

Häufige Symptome von neuropathischen Schmerzen reichen von plötzlich einschießenden Schmerzattacken über brennende Schmerzen bis zu andauernden Missempfindungen, wie Taubheit, Kribbeln oder ein Hitze- oder Kältegefühl ohne äußere Ursachen.

Erkrankungen, bei denen neuropathische Schmerzen auftreten können, sind unter anderem:

Auch bei Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Vitamin B12-Mangel können neuropathische Schmerzen auftreten. Bestimmte Medikamente (z.B. Chemotherapien), Toxine (z.B. Alkohol), Infektionen und chronisch entzündliche Erkrankungen wie Multiple Sklerose können ebenfalls mit Neuropathien einhergehen. 

Die für eine Neuromodulation zuständigen Fachärzte kommen aus teils unterschiedlichen, teils sich überschneidenden Disziplinen. In der Regel hängt die Zuständigkeit vom genauen Krankheitsbild ab. Spezialisten für die Behandlung sind vor allem Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie, weiterhin Neurochirurgen und Schmerzmediziner, vielfach auch Anästhesisten.

Vorteile der Neuromodulation und mögliche Nebenwirkungen

Der Hauptnutzen liegt eindeutig in der Reduzierung der Medikamentenmenge im Vergleich zu einer oralen Gabe. Bei Patienten mit starken chronischen Scherzen sind sehr hohe Dosen eines Wirkstoffs erforderlich, wenn die Verabreichung in der üblichen Tablettenform erfolgt. Die damit verbundenen Nebenwirkungen sind oftmals erheblich und reichen von Übelkeit, Schwächegefühlen und Schwindel bis hin zu intensiver Müdigkeit oder Verwirrtheitserleben.

Wirkstoffe, die über eine Medikamentenpumpe (Schmerzpumpe) unmittelbar dort verabreicht werden, wo sie erforderlich sind, führen zu weitaus weniger Nebenwirkungen. Ihr Arzt hat die Möglichkeit einer geringeren Dosierung, die darüber hinaus individuell für konkrete Schmerzzeiten anpassbar ist. So dient beispielsweise nachts eine höhere Wirkstoffabgabe der Verbesserung Ihrer Schlafqualität, während tagsüber eine niedrigere Dosis ausreicht.

In sehr seltenen Fällen sind Komplikationen möglich und das auch eher bei den invasiven Verfahren, beispielsweise aufgrund von mechanischen Defekten der Medikamentenpumpen oder der Leitungen, Batterieerschöpfungen, etc. Implantierte Systeme bergen das sehr geringe Risiko von Allergien, Blutergüssen, Infektionen. Unproblematisch sind die nichtinvasiven Verfahren, die auch ambulant angeboten werden (Infusionen mit Lidocain und Ketamin, rTMS und tDCS).

Sonderfall transkranielle Stimulationen und Ketamin

rTMS und tDCS sind nichtinvasive Stimulationsverfahren, die zunächst in der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen eingesetzt wurden, bei Depressionen, Ängsten, Zwängen, Derpersonalisation. Die Datenlage ist hier ausgesprochen gut und die Verfahren haben FDA-Zulassungen und fanden Einzug in die S3-Leitlinien. Es ist ein schmerztherapeutischer Grundsatz, bio-psycho-soziale Betrachtungen über die chronische Schmerzkrankheit einfließen zu lassen. Somit ergibt sich auch ein sehr breites Behandlungsspektrum für Schmerztherapeuten bei allen Somatisierungsstörungen, also bei somatisierten Depressionen und Ängsten beispielsweise. Diese Erkrankungen wirken immer schmerzverstärkend und aufrechterhaltend und mit jeder Besserung der psychogenen Komorbidität kommt es zu Verbesserungen der Schmerzerkrankung.

Fazit

Die Neuromodulation ist ein seit nunmehr mehr als 40 Jahren erprobtes und wirksames Verfahren bei chronischen Schmerzen. Sie bietet eine wesentliche Hilfe für Menschen mit starken chronischen Schmerzen, bei denen die herkömmliche Schmerztherapie nicht ausreicht. Sie werden über die jeweiligen Vor- und Nachteile durch Ihren Facharzt umfassend informiert.

Quellen

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  • Deutsche Gesellschaft für Neuromodulation e.V. zur intrathekalen Pharmakotherapie: http://www.dgnm-online.de/patienteninfos/informationen-pharmakotherapie.php
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): www.dgnm-online.de/patienteninfos/informationen.php
  • https://flexikon.doccheck.com/de/Neuromodulator
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