Kieferorthopädie - Medizinische Experten

Bei der Kieferorthopädie handelt es sich um einen Teilbereich der Zahnmedizin, in dem die Zahnärzte eine Zahnfehlstellung oder eine Kieferfehlstellung des Patienten korrigieren. Und der Bedarf ist nicht gerade klein. Denn Schätzungen zufolge sind etwa 50 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in kieferorthopädischer Behandlung. Die entsprechenden Eingriffe werden bei Bedarf aber auch an Erwachsenen durchgeführt. Meist werden die Patienten vom Zahnarzt an den Kieferorthopäden überwiesen, weil dieser eine Kieferbehandlung oder eine Zahnkorrektur für notwendig hält.


Medizinischer Fachlektor Dr. Claus Puhlmann
Dieser Artikel wurde nach den Vorgaben aktueller medizinischer Fachliteratur, Leitlinien und wissenschaftlichen Standards verfasst und sorgfältig von Medizinern geprüft.

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Kieferorthopädie - Weitere Informationen

Welche Krankheiten behandeln Kieferorthopäden?

Der Hauptgrund, warum Patienten in die Kieferorthopädie überwiesen werden, sind Kiefer- oder Zahnfehlstellungen, die wichtige Körperfunktionen entweder aktuell bereits beeinträchtigen oder aber bei denen eine Gefahr dafür droht. Das heißt, wenn die Fehlstellung beispielsweise das Beißen, das Kauen, die Aussprache, die Nasenatmung, der Mundschluss oder die Kiefergelenkfunktion negativ beeinflusst, ist eine Behandlung durch den Kieferorthopäden erforderlich.

Bei Erwachsenen können Schmerzen im Kiefer und in den Kaumuskeln, ein „knackendes“ Kiefergelenk, Migräne, Tinnitus, Gesichtsschmerzen, Schwindel, chronische Kopf- oder Nackenschmerzen, Rückenschmerzen oder Beckenschiefstand einen Hinweis auf eine Fehlbelastung oder eine Erkrankung im Bereich der Kiefergelenke sein. Bei diesen Symptomen muss, eventuell in Zusammenarbeit mit anderen Ärzten, abgeklärt werden, ob die Beschwerden ihre Ursache im Kiefergelenk haben.

Erkrankungen beziehungsweise Zustände, die in der Kieferorthopädie behandelt werden, sind zum Beispiel:

  • Fehlbiss (Dysngnathie) aufgrund einer Fehlstellung der Zähne
  • Zahnunterzahl aufgrund eines Zahnverlust oder einer Nichtanlage eines Zahns
  • Zahndurchbruchstörungen
  • Platzmangel im Gebiss
  • Bruxismus (Zähneknirschen)
  • Kiefergelenkserkrankungen und Funktionsstörungen im Kiefer-Gesichts-Bereich (craniomandibuläre Dysfunktion, CMD)

Bei schweren Kieferanomalien kann eine aufeinander abgestimmte kieferchirurgische und kieferorthopädische Behandlung notwendig sein, wie beispielsweise bei angeborenen Missbildungen des Gesichts und des Kiefers, bei Fehlbiss mit knöcherner Ursache (skelettale Dysngnathie) oder bei Kieferfehlstellung infolge einer Verletzung.

Wie läuft die Kieferdiagnostik ab?

Bevor der Kieferorthopäde eine Kieferbehandlung oder eine Zahnkorrektur vornimmt, ist eine umfassende Diagnose erforderlich. Zunächst einmal kontrolliert der Kieferorthopäde den Sitz der Zähne in den Kiefern des Patienten. Vielfach ist es auch notwendig, eine Röntgenaufnahme anzufertigen, sofern dies der behandelnde Zahnarzt nicht schon zuvor gemacht hat. Schließlich wird im Rahmen der Diagnostik auch ein Abdruck der Zähne erstellt, um ein individuelles Kiefermodell anfertigen zu können. Denn nur anhand dieses Modells kann der Kieferorthopäde erkennen, bei welchen Zähnen eine Korrektur ihrer Lage in den Kiefern notwendig ist.

In bestimmten Situationen, insbesondere zur Abklärung von Kiefergelenkserkrankungen und Funktionsstörungen bei Erwachsenen, können weitere diagnostische Verfahren zum Einsatz kommen, wie beispielsweise die Funktionsanalyse und die Strukturanalyse.

Behandlungsmethoden in der Kieferorthopädie

In erster Linie nutzt der Kieferorthopäde Zahnspangen, um eine Zahnfehlstellung oder eine Kieferfehlstellung zu korrigieren. Dafür stehen grundsätzlich zwei Optionen zur Auswahl:

  • Herausnehmbare Spangen (wie Platten)
  • Festsitzende Spangen (wie Bänder, Brackets, Metallbögen) bzw. Außenspangen

Die Entscheidung, welche Art von Spange verwendet wird, hängt von der Art der Gebissfehlstellung, dem Patientenalter, dem allgemeinen körperlichen Befund des Patienten, der Zahl der noch vorhandenen Zähne und der zu erwartenden Mundhygiene ab.

Entscheidet sich der Kieferorthopäde für eine feststehende Zahnspange, klebt er diese auf die Zähne auf. Lässt sich die Zahnspange herausnehmen, muss der Patient sie zwar täglich, aber nur für einen bestimmten Zeitraum tragen. Selbstverständlich erklärt der Kieferorthopäde seinen Patienten auch, wie sie sowohl die Zähne als auch die Zahnspange richtig reinigen.

Bei der Zwei-Phasen-Behandlung werden beide Methoden miteinander kombiniert. Damit die Zahnspange perfekt sitzt, passt der Kieferorthopäde diese exakt an das Gebiss des Patienten an. Allerdings ist es mit dieser einmaligen Behandlung noch nicht getan. Denn die Zahnspange muss in regelmäßigen Abständen vom Kieferorthopäden nachjustiert werden, sodass die Zähne schließlich irgendwann die korrekte Position erreichen. Dieser Vorgang kann mehrere Jahre dauern und ist auch bei erwachsenen Patienten noch möglich.

Der einzige Unterschied zwischen der Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen liegt dabei in der Art der Zahnspangen. Eine Unterscheidung ist notwendig, weil das Gebiss von Jugendlichen – anders als bei Erwachsenen – noch im Wachstum ist, weshalb auch andere Arten von Zahnspangen notwendig sind.

Bei zu kleinen Kiefern stehen die Zähne sehr eng, verschachtelt und manchmal auch außerhalb der Zahnreihe. Wenn trotz der gängigen kieferorthopädischen Maßnahmen nicht genug Platz für alle Zähne vorhanden ist, kann über die Zahnentfernung zusätzlicher Raum geschaffen werden. Dies ist auch zum Ausgleich von nicht angelegten oder verlagerten Zähnen oder bei Asymmetrien der Fall sein.

Wo arbeiten Kieferorthopäden?

Die Patienten gehen nicht direkt zum Kieferorthopäden, sondern werden von ihrem Zahnarzt dorthin überwiesen. Die meisten Kieferorthopäden arbeiten selbstständig in ihrer eigenen Praxis oder in einer Gemeinschaftspraxis mit Kollegen zusammen. Der Grund: Die Instrumente und Geräte, mit denen ein Kieferorthopäde arbeitet, sind relativ teuer, sodass sich oft mehrere Ärzte zusammenschließen, um die Kosten zu teilen. Weitere Tätigkeitsbereiche für Kieferorthopäden sind zum Beispiel Zahnkliniken.

Ausbildung und Weiterbildungsmöglichkeiten für Kieferorthopäden

Nach abgeschlossenem Studium der Zahnmedizin und in der Regel mindestens einjähriger allgemeinzahnärztlicher Tätigkeit kann eine dreijährige fachspezifische Weiterbildung zum (Fach)Zahnarzt für Kieferorthopädie (Kieferorthopäde) angeschlossen werden. In Deutschland müssen die angehenden Fachärzte während der Weiterbildung mindestens ein Jahr in einer kieferorthopädischen Abteilung einer Universitäts-Zahnklinik arbeiten, zwei Jahre können sie in einer zur Weiterbildung befugten kieferorthopädischen Praxis tätig sein. Daneben können sich Zahnärzte an verschiedene Privatuniversitäten über ein Masterstudium Kieferorthopädie (MSc Kieferorthopädie) das erforderliche Fachwissen aneignen.

Ein Zahnarzt mit Schwerpunkt „Kieferorthopädie“ hat keine mehrjährige kieferorthopädische Fortbildung oder ein Masterstudium Kieferorthopädie absolviert. Bereits nach dem Besuch entsprechender Kurse und wenigen kieferorthopädischen Behandlungen ist er berechtigt, diese Schwerpunktbezeichnung zu führen.

Kieferorthopäden stehen anschließend noch verschiedene Möglichkeiten zur Weiterbildung offen. Beispielsweise können sie im Rahmen eines vierjährigen Studiums eine Fortbildung zum Oralchirurgen absolvieren. Sobald sie diese abgeschlossen haben, dürfen sie im Bereich der Zähne auch chirurgische Eingriffe vornehmen.

Eine weitere Möglichkeit ist die Weiterbildung zum Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen. Allerdings ist es notwendig, dass ein Kieferchirurg, der sich für diesen Weg entscheidet, zusätzlich auch ein Studium der Humanmedizin abgeschlossen hat.

Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche Fortbildungsangebote, die es dem Kieferorthopäden ermöglichen, in seinem eigenen Fachbereich zusätzliches Fachwissen zu erwerben. Beispielsweise sollte er sich darüber auf dem Laufenden halten, welche neuen Möglichkeiten zur Korrektur von Fehlstellungen im Gebiss es gibt. Ferner werden unter anderem auch Kurse in den Bereichen der ästhetischen Schienentherapie oder zum Thema Kieferchirurgie im Milchgebiss angeboten.

Quellen

Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde et al. (2019) Diagnostik und Behandlung von Bruxismus. S3-Leitlinie. AWMF-Register-Nr.: 083-027. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/083-027l_S3_Bruxismus-Diagnostik-Behandlung_2019-06.pdf

Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie (o.J.) Die Kieferorthopädische Weiterbildung. https://www.dgkfo-vorstand.de/information/weiterbildung.html

Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (o.J.) Festsitzende oder herausnehmbare kieferorthopädische Apparatur? Patienteninformation. https://www.zahnmedizinische-patienteninformationen.de/documents/10157/1129556/268572_1567435_Festsitzende+oder+herausnehmbare+kieferorthop%C3%A4dische+Apparatur.pdf/0be665ef-ea23-4f80-8d04-898af49e53d3?version=2.0&previewFileIndex=0

Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (o.J.) Zahnentfernung im Rahmen einer kieferorthopädischen Behandlung. Patienteninformation. https://www.zahnmedizinische-patienteninformationen.de/documents/10157/1129556/268572_1567379_Zahnentfernung+im+Rahmen+einer+kieferorthop%C3%A4dischen+Behandlung.pdf/4df37358-02e7-4f2d-a614-96c10e2b33e4?version=2.0&previewFileIndex=0

Gemeinsamer Bundesausschuss (2003) Richtlinien des Bundesausschusses der Zahnärzte und Krankenkassen für die kieferorthopädische Behandlung. https://www.g-ba.de/downloads/62-492-8/RL-Kieferorthopaedie.pdf

Zuletzt aktualisiert am 04.09.2019

 

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