Zwangsstörung: wenn Zwänge das Leben bestimmen

Eine Zwangsstörung, häufig auch als Zwangserkrankung bezeichnet, ist eine psychische Störung, bei der die Betroffenen immer wieder aufdringliche Gedanken haben oder den Zwang verspüren, bestimmte Dinge durchzuführen. Früher war die Erkrankung auch unter den Bezeichnungen Zwangsneurose oder anankastische Neurose geführt. Noch bis Mitte der 1990er Jahre war die Zwangserkrankung den meisten Menschen nicht bekannt. Heute ist die Bevölkerung diesbezüglich aufgeklärter, sodass sich die Betroffenen schneller Hilfe suchen und sich seltener sozial isolieren.

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Zwangsstörung - Weitere Informationen

Die Zwangsstörung gehört zu den häufigeren psychischen Störungen. Schätzungen zufolge leiden zwei Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben an einer Zwangsstörung. Die Symptome zeigen sich meist im ersten Lebensdrittel – wobei Männer im Durchschnitt früher erkranken als Frauen. Besonders häufig sind geschiedene Menschen und Arbeitslose von der psychischen Erkrankung betroffen.

Was sind die Ursachen der Zwangsstörung?

Wie bei vielen psychischen Erkrankungen sind auch bei der Zwangsstörung die Ursachen noch nicht vollständig geklärt. Es scheint sich jedoch um ein multifaktorielles Geschehen zu handeln, an dessen Entstehung also mehrere Faktoren beteiligt sind. So soll zum einen die genetische Veranlagung bei der Krankheitsentwicklung eine entscheidende Rolle spielen. Verschiedene Studien wiesen nach, dass eine bestimmte genetische Konstellation das Erkrankungsrisiko erhöhen kann.

Es lässt sich ferner ein gehäuftes Auftreten innerhalb der betroffenen Familien feststellen (S. Walitza, J. R. Wendland, E. Gruenblatt u. a.: Genetics of early-onset obsessive-compulsive disorder. In: Eur Child Adolesc Psychiatry. 2010 Mar;19(3), S. 227–235.). Jedoch bedeutet das nicht, dass die Erkrankung direkt vererbt wird. Auch bei einer entsprechenden genetischen Veranlagung muss die Zwangsstörung nicht zwangsläufig ausbrechen.

Neuronales Netz

Aus dem Forschungsbereich der Biologie gibt es ebenfalls verschiedene Theorien, die sich der Entstehung der Zwangserkrankung widmen. Laut der Serotonin-Hypothese basieren die Zwangsgedanken und Zwangshandlungen auf einem gestörten Serotoninstoffwechsel. Ebenso scheint der Neurotransmitter Dopamin eine Rolle zu spielen. Es gibt zudem Hinweise darauf, dass bei Menschen mit einer Zwangsstörung bestimmte Hirnregionen, die sogenannten Basalganglien, in ihrer Funktion gestört sind.

In den letzten Jahren hat sich herauskristallisiert, dass Zwangssymptome durch Infektionen mit Streptokokken oder anderen Bakterien im Kindesalter hervorgerufen werden können. Neben diesen biologischen und immunologischen Faktoren sind auch die Emotionen und die Lernerfahrungen der jeweiligen Person relevant. So können die Patienten unangenehme Emotionen meist nicht gut bewältigen und entwickeln anderweitig Hilfsmechanismen. Den Vertretern der Verhaltenspsychologie zufolge sind die Zwänge hingegen einfach erlernt und können durch eine entsprechende Therapie korrigiert werden.

Wie äußert sich eine Zwangsstörung?

Bei einer Zwangsstörung kann grundsätzlich zwischen drei Leitsymptomen unterschieden werden:
  • Zwangsgedanken
  • Zwangsimpulse
  • Zwangshandlungen

Zwangsgedanken gehören zu den inhaltlichen Denkstörungen. Den Betroffenen drängen sich immer wieder dieselben Gedanken auf. Sie erkennen diese auch als unsinnig, können den Denkprozess jedoch nicht beeinflussen oder stoppen. Sie grübeln ständig über dieselben Themen nach, haben Zweifel oder müssen bestimmte Gedanken dauerhaft wiederholen. Auch ein Zählzwang gehört zu den Zwangsgedanken. Dabei müssen die Patienten bestimmte Gegenstände immer wieder zählen. Sie zählen beispielsweise die Bananen im Supermarkt oder die Treppen im Hausflur.

Neben diesen Zwangsgedanken kann es auch zu Zwangshandlungen kommen. Die Betroffenen fühlen sich aus einem inneren Impuls heraus genötigt, genau definierte Handlungen durchzuführen. Sie müssen sich beispielsweise ständig die Hände waschen oder mehrfach vor dem Verlassen des Hauses kontrollieren, ob alle Elektrogeräte ausgeschaltet sind. Unterlassen sie diese Handlungen, fühlen sie eine starke innere Unruhe oder sogar Angst.

Neuronales Netzwerk

Auch bei den Zwangsimpulsen verspüren Menschen mit einer Zwangsstörung den Antrieb zu einer bestimmten Handlung. Da es sich bei diesen Handlungen jedoch meist um Taten aggressiven oder sexuellen Ursprungs handelt, werden sie in der Regel nicht in die Tat umgesetzt. Jedoch haben die Betroffenen stets Angst, dass sie diesem Zwangsimpuls nachgeben und die entsprechende Handlung wirklich durchführen.

Infolge der psychischen Erkrankung kann es auch zu körperlichen Symptomen kommen. So entwickeln Patienten mit einem Waschzwang durch die massive Hautreizung oft ein Ekzem, das durch entzündliche Veränderungen der Haut an den Händen gekennzeichnet ist.

Wie wird die Zwangsstörung diagnostiziert?

Wenn der Patient einen Arzt aufsucht, erfragt dieser in einem ausführlichen Gespräch, der sogenannten Anamnese, die genaue Krankheitsgeschichte. Beeinträchtigen die Zwangsgedanken, Zwangshandlungen oder Zwangsimpulse das Leben des Betroffenen in einem beträchtlichen Maße, kann die Diagnose Zwangsstörung gestellt werden. Dafür orientiert sich der Therapeut auch an der sogenannten ICD-10 Klassifikation der psychischen Störungen und nutzt entsprechende Fragebögen.

Wie wird die Zwangsstörung behandelt?

Als Therapiemöglichkeiten kommen sowohl Medikamente als auch psychotherapeutische Verfahren in Betracht. Die besten Erfolge lassen sich in der Regel durch eine Kombination aus medikamentöser und psychologischer Therapie erzielen. Die Medikamente, die zur Therapie der Zwangsstörung genutzt werden, sollen sich positiv auf die gestörten Hirnfunktionen auswirken. Mittel der Wahl sind sogenannte Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), die in den Serotoninstoffwechsel eingreifen.

In der kognitiven Verhaltenstherapie setzen sich die Patienten mithilfe des Therapeuten aktiv mit ihren Zwängen auseinander. Sie lernen in der direkten Konfrontation die Angst und die Anspannung auszuhalten, die aufkommt, wenn sie ihren Zwängen nicht nachgehen.

Wie ist die Prognose der Zwangsstörungen?

Die Erfolgsaussichten der Behandlung sind recht unterschiedlich. In rund der Hälfte aller Fälle lässt sich die psychische Störung heilen oder zumindest so eindämmen, dass die Patienten ein weitgehend normales Leben führen können. Je früher und konsequenter die Zwangsstörung behandelt wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten.