Magersucht - Medizinische Experten

Der Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann schrieb 1844 den „Struwwelpeter“. Er verstand das Buch als Verhaltensratgeber für Kinder. Ein Kapitel widmet er dem Suppenkasper. Darin erzählt er die Geschichte eines Jungen, der nicht mehr essen will und rapide abmagert. Am Ende stirbt er.

Das Phänomen der Magersucht ist also kein Leiden, das erst in der modernen Welt entstanden ist. Trotzdem vermuten Forscher, dass mit dem Schönheitsideal der Moderne die Krankheitszahlen steigen.

Rund 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung erkranken im Laufe eines Jahres an Anorexie. Am häufigsten trifft Magersucht junge Frauen zwischen 15 und 25 Jahren. In dieser Gruppe treten 50 bis 75 Krankheitsfälle pro 100 000 Frauen auf.


Medizinische Lektorin Mag. Susanne Schmieder

Dieser Artikel wurde nach den Vorgaben aktueller medizinischer Fachliteratur, Leitlinien und wissenschaftlichen Standards verfasst und sorgfältig von Medizinern geprüft.

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Magersucht: Diagnostik

Die Magersucht ist eine psychische Erkrankung, aus dem Bereich der Essstörungen. Im Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation WHO wird sie unter dem Code F50.0 Anorexia Nervosa geführt.

Eine verlässliche Diagnose stellt in der Regel ein Facharzt für psychosomatische Medizin, ein Neurologe/Psychiater oder ein approbierter Psychotherapeut.

Folgende Untersuchungen sind dafür notwendig:

  • ausführliches Gespräch (Anamnese),
  • Bestimmung des Body-Mass-Index (BMI),
  • Blutdruck-, Puls- und Temperaturmessung,
  • Kontrolle auf Ödeme,
  • Blutbild,
  • Untersuchung von Herz-, Leber- und Nierenfunktion.

Magersucht
© Maksymiv Iurii / Fotolia

Symptome der Anorexie

Das Leitsymptom der Magersucht ist eine streng kontrollierte und reduzierte Nahrungsaufnahme. Gleichzeitig versuchen die Betroffenen möglichst viele Kalorien zu verbrennen – meistens durch exzessives Training.

Diese Verweigerungshaltung verschleiern die Patienten zum Beispiel mit Appetitlosigkeit („Ich habe keinen Hunger.“) oder sie finden Ausreden, um einem gemeinsamen Essen zu entgehen („Ich habe schon zuhause gegessen.“).

Um ein elementares Bedürfnis wie Hunger zu unterdrücken, benötigen die Betroffenen enorm viel Disziplin. Schreitet die Krankheit weiter fort, nehmen die Patienten das Hungergefühl nicht mehr wahr.

Hungern und Gewichtsverlust führen zu körperlichen Symptomen wie

  • niedrigem Blutdruck,
  • Wassereinlagerungen,
  • Osteoporose (reduzierte Knochendichte),
  • trockener Haut,
  • Verdauungsproblemen,
  • Störungen im Elektrolythaushalt und
  • Veränderungen im Gehirn (reversible Atrophie).

Chronische Verläufe sind gefährlich, da das Risiko für lebensbedrohliche Zustände, zum Beispiel durch Herzversagen, zunimmt.

Die Anorexie äußerst sich auch in psychischen Symptomen. Häufig kommt es zu

  • sozialem Rückzug,
  • depressiver Gestimmtheit,
  • innerer Unruhe und
  • Zwängen.

Behandlung der Magersucht

Psychotherapie gilt als erste Wahl bei der Behandlung von Anorexia Nervosa. In leichteren Fällen reicht eine ambulante Therapie. Häufig ist jedoch ein Klinikaufenthalt sinnvoll. Bei lebensbedrohlichem Untergewicht kann eine Notfallversorgung (Zwangsernährung) notwendig sein.

Die zentralen Ziele der Therapie sind

  • die Normalisierung des Gewichts,
  • das (Wieder-) Erlernen eines gesunden Essverhaltens,
  • die Klärung von Konflikten sowie
  • die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körperbild.

Betroffene lernen in Einzelstunden oder Gruppensitzungen zum Beispiel Strategien kennen, um zwanghafte Muster zu durchbrechen und Konflikte zu lösen.

Ernährungsberatung, etwa im Rahmen von Kochgruppen, führt die Betroffenen wieder an einen normalen Umgang mit Lebensmitteln heran. Wichtig ist zudem ein verständnisvolles Umfeld, das mit den Besonderheiten der Anorexie vertraut ist und den Patienten den notwendigen Rückhalt bietet. Kommentare wie „Warum isst du nicht einfach mehr?“ sind unangemessen und werden von Betroffenen als verletzend empfunden.

Da die Krankheit meist während der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter ausbricht, spielt die Familie der Betroffenen eine wichtige Rolle.

An dieser Stelle gilt es zu bedenken, dass die Pubertät und das Erwachsenwerden alle Beteiligten enorm fordern. Ablösungsprozesse müssen von den Eltern und dem jungen Menschen bewältigt werden. Es gilt, neue Formen für das zukünftige Miteinander zu finden. Alte Wunden brechen auf, Verunsicherung macht sich breit und Missverständnisse stehen auf der Tagesordnung. Eine schwierige Phase für beide Seiten.

Wenn vor diesem Hintergrund die Familie in die Therapie einbezogen wird, dann ist dieser Schritt in keinem Fall als Schuldzuweisung zu verstehen, sondern als Baustein eines umfassendes Behandlungskonzeptes.

Digitale Technik in der Therapie

Das gemeinnützige Unternehmen Jourvie bietet Apps zur Früherkennung von Essstörungen sowie als digitale Therapiebegleiter. Jourvie heißt die App für Betroffene, Sie enthält unter anderem ein Essprotokoll mit Archivfunktion, Motivationsübungen und hilft den Nutzern im Umgang mit schwierigen Situationen. Die App Elamie versorgt Angehörige mit wichtigen Informationen rund um das Thema Früherkennung.

Das Unternehmen kooperiert unter anderem mit der Krankenkasse AOK, dem Therapienetz Essstörungen e. V. und ANAD e. V. (Versorgungszentrum Essstörungen in München).

Prognose und Verlauf

Entgegen der landläufigen Ansicht, Magersucht sei ein lebenslanges Schicksal, berichtet eine Forschergruppe aus Boston Erfreuliches. Die Ergebnisse einer Langzeituntersuchung aus dem Jahr 2016 zeigen, dass sich die Mehrheit der Betroffenen im Erwachsenenalter von der Krankheit erholt hat.

Dieses Wissen gibt realistischen Grund zur Hoffnung – besonders für chronisch anorektische Patienten. Sie galten bisher als nicht heilbar.

Quellen