Muskelschwund - Kraftlosigkeit als Krankheit

Muskelschwund, auch Muskelatrophie oder Muskeldystrophie genannt, meint den Abbau von Muskulatur im Allgemeinen und umfasst ein weites Spektrum an muskulären Erkrankungen. Zu unterscheiden sind der Muskelschwund durch zu wenig Bewegung, beispielsweise im Alter, und der Muskelschwund als eigenständige neuromuskuläre Erkrankung.

Für Betroffene und Angehörige, insbesondere für junge Eltern, ist die Diagnose Muskelschwund ähnlich gravierend wie andere schwerwiegende Erkrankungen, zum Beispiel Krebs oder Multiple Sklerose.

Wie genau Muskelschwund entsteht, welche Symptome dabei auftreten und wie die Erkrankung behandelt wird, erfahren Sie hier.

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Muskelschwund - Weitere Informationen

Was ist Muskelschwund?

Über 600 Muskeln stützen und bewegen den Körper. Sie sind zudem daran beteiligt, dass die Organe funktionieren. Muskelaktivitäten gehören zu einem gesund funktionierenden Körper dazu. Muskelschwund (ICD-Code: M62.5) meint grundsätzlich den Abbau von Muskelmasse und ist ein Krankheitszeichen, das verschiedene Ursachen haben kann. Von der Bettlägerigkeit über Verletzungen des Nervensystems und Stoffwechselerkrankungen bis hin zu über 700 genetischen Störungen kann die Erkrankung ganz unterschiedliche Hintergründe haben. Muskelschwund kann bereits angeboren sein.

Muskulatur Muskeln
Muskelapparat des Menschen © adimas / Fotolia

Dabei sind Muskelerkrankungen und Muskelschwund bislang noch nicht völlig wissenschaftlich erforscht. Inzwischen sind rund 800 Formen von Muskelerkrankungen bekannt. Zudem gilt Muskelschwund als eine sogenannte seltene Erkrankung und betrifft nur 5 von 10.000 Menschen - in Deutschland leben geschätzt 50.000 bis 300.000 Betroffene mit Muskelschwund. Aus diesen Gründen ist es bisher noch nicht gelungen, passgenaue Medikamente für die unterschiedlichen Formen des Muskelschwunds bereitzustellen.

 

 

Je nach Ausprägung und Kontext der Erkrankung kann Muskelschwund ein kaum einschränkendes Krankheitsbild sein oder aber in einem relativ kurzen Zeitraum schwere Symptome entwickeln und auch zum Tod führen. Muskelerkrankungen verlaufen in Schüben, das heißt, unregelmäßig und unterschiedlich fortschreitend. In der Mehrzahl der Fälle ist eine Heilung nicht möglich, weder natürlich noch durch therapeutische Maßnahmen.

Ursachen: Begleitsymptom von Inaktivität und Gendefekte

Muskelschwund durch fehlende Bewegung

Bei körperlicher Inaktivität und Bettlägerigkeit werden Muskeln abgebaut, da sie dann nicht ausreichend genutzt werden. Besonders Senioren mit einem inaktiven Lebensstil haben ein Risiko für diese Art des Muskelschwunds.

Nach einigen Tagen Bettruhe ist dieses Phänomen bereits deutlich mit einer kraftlosen Mattheit zu spüren und man braucht wieder ein bisschen Anlaufzeit um zu Kräften und in Schwung zu kommen. Deshalb werden Patienten während eines Krankenhausaufenthalts, sobald es möglich ist, physiotherapeutisch mobilisiert. Dann bleibt die Muskulatur erhalten und die Muskeln bauen sich in der Regel schnell wieder auf.

Mobilisierung gegen Muskelschwund
Mobilisierung und Bewegung beugen Muskelschwund im Alter vor. © gewitterkind / Fotolia

Muskelschwund als eigenständige Erkrankung

Bei Muskelschwund als neuromuskulärer Erkrankung sind hingegen Nerven und Muskeln betroffen und die Krankheit schreitet unaufhörlich fort:

  • Sind die Muskeln selbst erkrankt, spricht man von myogenem Muskelschwund, auch Myodystrophie oder Myopathie genannt.
  • Liegt die Ursache für den Muskelabbau bei der Bildung der nervenversorgenden Zellen aus dem Rückenmark, heißt diese Form neurogener Muskelschwund oder Muskelatrophie.

Zu den myogenen Formen gehören die Formen Duchenne und Becker-Kiener. Diese Erkrankungen kommen häufiger bei Jungen vor und jungen Männern vor. Bei DMD, der Muskeldystrophie Duchenne, fehlt das wichtige Eiweiß Dystrophin oder es liegt in einer defekten Form vor.

Bekannte Formen der neurogenen Muskelatrophie sind Werdnig-Hoffmann oder Kugelberg-Welander, benannt nach den jeweiligen Erforschern der Erkrankung.

Die Krankheit ALS, Amyotrophe Lateralsklerose, gehört ebenfalls zu den Muskelerkrankungen, ist jedoch nicht vererbt und tritt erst im Erwachsenenalter auf. Das zentrale und periphere Nervensystem ist dabei erkrankt und beeinflusst die Muskulatur und damit die Motorik. Es kommt zu Zuckungen, Lähmungen und Missempfindungen auf der Haut. 

Die wichtigsten Ursachen von Muskelschwund im Überblick:

- Alter oder Unterernährung,
- Körperliche Inaktivität oder (notwendige) Bettruhe,
- Störungen im Muskelstoffwechsel,
- Störungen des Nervensystems,
- Autoimmunkrankheiten und
- andere Krankheiten wie Krebs oder HIV-Infektionen

Erste Anzeichen und Symptome von Muskelschwund

Muskelschwund zeigt sich in ersten Anzeichen, die oft übersehen oder anderen Krankheiten oder Zufälligkeiten zugeschrieben werden können. Schwierigkeiten mit alltäglichen Bewegungen, zum Beispiel beim Treppensteigen, Gehen, oder Schluck- und Sprechstörungen können ein Hinweis auf Muskelschwund sein. Auch veränderte Körperhaltungen gehören zu den Symptomen, da die Skelettmuskulatur nicht mehr in der Lage ist, das Skelett zu stützen und aufzurichten.

Kinder mit angeborener Muskelschwäche aufgrund eines Gendefekts zeigen eine verlangsamte körperliche Entwicklung. Im Vergleich zu Kindern ihrer Altersgruppe sind ihre Bewegungsmuster untypisch, zum Beispiel beim Hinsetzen, Aufstehen oder Gehen. Kinderärzte beobachten deshalb in den regelmäßigen Untersuchungen die Entwicklungsfortschritte des Kindes. 

Physiotherapie Kind
Physiotherapie hilft Kindern mit Muskelschwund © Picture-Factory / Fotolia

Ist die Muskelerkrankung bereits bei der Geburt bekannt, können rechtzeitig passende Therapien und orthopädische Hilfsmittel die körperliche Entwicklung des Kindes fördern. 

Betroffene Personen mit Muskelschwund verspüren eine deutliche Kraftlosigkeit und können unter einer eingeschränkten Organfunktion leiden. Wenn die Muskulatur weiter abgebaut ist, fällt das Atmen schwer, die Verdauungsaktivität ist eingeschränkt und das Herz geschwächt. Ist die Erkrankung stark ausgeprägt, bringt der Muskelschwund die lebenswichtigen Organfunktionen zum Erliegen. Sind die Atmung oder das Herz betroffen, wird der Muskelschwund zur lebensbedrohlichen Krankheit.

Abgrenzung zur Multiplen Sklerose

Muskelschwund hängt mit Multipler Sklerose nur bedingt zusammen, auch wenn sich bei der Multiplen Sklerose Muskelerkrankungen entwickeln. Der Unterschied liegt vor allem in den Ursachen und Symptomen.

Multiple Sklerose ist eine chronische entzündliche Störung der Nerven. Die Myelinscheide, also die elektrisch isolierende Außenschicht der Nervenfasern im zentralen Nervensystem, wird phasenweise zerstört. Bei der Multiplen Sklerose handelt es sich um eine neurologische Krankheit unter der die Muskelzellen leiden können.

Muskelschwund muss nicht zwangsläufig eine Folge neurologischer Störungen sein, sondern kann unter anderem genetisch determiniert sein. Multiple Sklerose ist hingegen auch als die „Krankheit der 1000 Gesichter“ bekannt, denn ihre Symptome können äußerst willkürlich sein. Muskelschwund ist ausschließlich auf die Muskulatur bezogen.

Therapie

Da Muskelschwund einen Einfluss auf den ganzen Körper und seine Funktionen hat, benötigen Patienten mit Muskelschwund eine umfassende therapeutische Versorgung für alle Lebensbereiche. Die Krankheit selbst kann nicht geheilt werden, lediglich die Symptome gemindert.

In den meisten Fällen werden die folgenden Therapien und Methoden genutzt, um die Lebenserwartung zu steigern bzw. die Lebensqualität zu erhöhen:

  • Physiotherapie mit speziellen Übungen zur Kräftigung und Beweglichkeit,
  • Ergotherapie zum Training der Alltagsaktivitäten (ATL/ADL),
  • Elektrotherapie,
  • Massagen und Bäder,
  • Ultraschalltherapie, 
  • Logopädie (Sprechtraining) und Schlucktherapie,
  • Unterstützungsmaßnahmen für Atem- und Herzfunktionen,
  • Operationen wie etwa Sehnenverkürzungen oder Eingriffe an der Wirbelsäule,
  • Hilfsmittelversorgung für das Gehen und Stehen (zum Beispiel ein Rollator) beziehungsweise ein Rollstuhl, 
  • psychologische Betreuung und sozialmedizinische Unterstützung auch für die Angehörigen, 
  • medikamentöse Behandlung für die Grunderkrankung.

Bei einigen Betroffenen (beispielsweise mit der Glykogenspeichererkrankung Morbus Pompe) hilft die Enzymersatztherapie. Das ist die Behandlung mit speziellen Eiweißen, welche bei einigen Patienten im Körper fehlen und mit der Therapie ersetzt werden. Die Enzymersatztherapie ist ein Verfahren, das vom Prinzip her der Diabetesbehandlung ähnelt und meist lebenslang den fehlenden Stoffwechselbaustein ergänzt.

Prognose

Eine Prognose hängt von den genauen Hintergründen der Erkrankung ab, im Allgemeinen gilt Muskelschwund aber als irreversibel und nicht heilbar. Die jeweilige Form der Muskelerkrankung entscheidet über den Verlauf und die Lebenserwartung der Betroffenen. Es gibt Fälle, in denen der Verlauf so langsam und gering ist, dass Lebenserwartung und Lebensqualität kaum eingeschränkt sind. Es gibt aber auch ungünstige Verläufe, bei denen die Muskelmasse rapide abnimmt und die Betroffenen meist im jungen Erwachsenenalter sterben.

Die Reduzierung von Muskelmasse ist aber auch eine Folge von Inaktivität, weshalb Mobilisierung und Mobilität bei Senioren und bettlägerigen Personen wichtige Unterstützungsmaßnahmen sind.