Kompartmentsyndrom: Gewebe unter Druck

Bei Unfällen oder Verletzungen werden Muskeln, Nerven und Knochen in Mitleidenschaft gezogen. Eine Komplikation dieser Verletzungen ist das Kompartmentsyndrom. Dabei steigt der Gewebedruck aufgrund von Einblutungen und Schwellungen an. Das Kompartmentsyndrom kann auch ohne einen vorangegangenen Unfall bei Leistungssportlern auftreten. 

Damit das Muskelgewebe gesund und intakt bleibt, muss ein Kompartmentsyndrom rasch behandelt werden. Erfahren Sie hier mehr zum Kompartmentsyndrom, was dabei genau passiert und wie wichtig die Behandlung ist.

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Kompartmentsyndrom - Weitere Informationen

Was ist das Kompartmentsyndrom - und wie entsteht es?

Als Kompartmentsyndrom (ICD T79.6) bezeichnet man eine Gewebedruckerhöhung in einem abgeschlossenen Raum (Kompartment). Ein Kompartment ist eine Gruppe von Muskeln, die außen von einer sehnenartigen Muskelhaut (Faszie) umgrenzt werden. Da diese Kompartimente in der medizinischen Fachsprache auch Logen heißen, ist das Kompartmentsyndrom auch unter der Bezeichnung Logensyndrom bekannt. Die Faszien, die die Muskeln in den Logen umschließen, sind nur minimal dehnbar.

Muskulatur Muskeln
Muskulatur des Menschen. © adimas

Durch eine Verletzung oder einen zu straff angelegten Verband kann das Gewebe anschwellen. Dies ist beispielsweise bei einem Bluterguss (Hämatom) der Fall. Da jedoch die muskelumgebende Faszie - oder eben der zu enge Verband - verhindern, dass sich das Gewebe mit der Schwellung ausdehnen kann, kommt es zu einem erhöhten Druck innerhalb des Kompartments.

Der hohe Druck beeinträchtigt die Blutzirkulation in den kleinen Blutgefäßen, sodass es zu einer Unterversorgung der betroffenen Muskeln kommt. Das verletzte Gewebe und der Muskel sind dann davon bedroht, abzusterben. Zugleich können auch Nerven von der Druckerhöhung betroffen sein. Die Nervenkompression löst Missempfindungen und Schmerzen aus.

Auf jeden Fall bewirkt ein unbehandeltes Kompartmentsyndrom eine Gewebeschädigung beziehungsweise dauerhafte Muskelschäden. Besonders häufig betrifft das Logensyndrom die Logen am Unterschenkel, am Unterarm und am Fuß. Grundsätzlich kann das Kompartmentsyndrom aber überall dort auftreten, wo Gewebe von einer straffen Bindegewebsschicht umhüllt ist.

Kompartmentsyndrom
Das Kompartmentsyndrom mit Bluterguss und Nervenkompression © Henrie / Fotolia

Akutes und chronisches Kompartmentsyndrom

Grundsätzlich lässt sich das Kompartmentsyndrom je nach Ursache in eine akute und eine chronische Form unterscheiden:

Beim akuten Kompartmentsyndrom kommt es nach einer traumatischen Verletzung plötzlich zu einem hohen Gewebedruck im betroffenen Kompartment:

  • Dieses Trauma kann durch Quetschungen, Stürze, starke Prellungen und Knochenbrüche ausgelöst werden.
  • Auch zu eng angelegte Verbände, Einschnürungen anderer Art sowie OP-Komplikationen können Auslöser sein.
  • Der erhöhte Druck im Kompartment verhindert die Blutversorgung des Muskels und Nervenfunktion.
  • Durch den Druck können Flüssigkeitsansammlungen nicht abfließen.
  • Es drohen dauerhafte Schäden der Muskeln und Nerven.
  • Das akute Kompartmentsyndrom ist immer ein medizinischer Notfall!

Krankenwagen im Notfall
Das akute Kompartmentsyndrom ist ein medizinischer Notfall © Thaut Images / Fotolia

Das chronische oder auch funktionelle Kompartmentsyndrom entsteht durch eine langfristige Überbeanspruchung:

  • Ein Risikofaktor ist exzessives Muskeltraining.
  • Aufgrund einer starken Vergrößerung der Muskulatur entwickelt sich hier ein erhöhter Druck innerhalb der Muskelfaszie. 
  • Bei starker Anstrengung können die Muskeln anschwellen, sodass auch hier die zu- und abführenden Blutgefäße zugedrückt werden.
  • Besonders häufig zeigt sich dieses belastungsinduzierte Kompartmentsyndrom auch bei Mittelstreckenläufern und Wettkampfgehern.

Symptome bei Kompartmentsyndrom: Schmerzen und Nervenausfall

Das akute Kompartmentsyndrom äußert sich durch ausgeprägte Schmerzen in Kombination mit einem unangenehmen Spannungsgefühl im Bereich der betroffenen Muskelpartie. Die teils unerträglichen Schmerzen lassen sich auch durch die Gabe von Schmerzmitteln nicht lindern. Ebenso bessert das Hochlegen des Beins die Schmerzsymptomatik nicht.

Es zeigt sich eine deutliche Schwellung in der Region und eine Verhärtung der Muskulatur. Bedingt durch die Mangeldurchblutung und die Schädigung der Nerven in den Logen, treten bald sensible und motorische Ausfälle auf, zum Beispiel:

  • Taubheitsgefühle
  • Kribbeln
  • Lähmungen.

Patienten mit einem chronischen Kompartmentsyndrom klagen hingegen typischerweise über ein Druckgefühl im betroffenen Bereich und einen stechenden Schmerz, der während oder unmittelbar nach der körperlichen Aktivität auftritt.

Eine vorübergehende Kraftlosigkeit in den Beinen oder Armen sowie zeitweises Kribbeln der Haut können ebenfalls auf ein funktionelles Kompartmentsyndrom hinweisen. In der Regel führen Gehpausen oder ein Aussetzen des Trainings schnell zu einer Linderung der Beschwerden. 

Kompartmentsyndrom Diagnose: Druckmessung

Beschwerden wie starke Schmerzen, Schwellung und Muskelverhärtungen infolge einer Verletzung deuten immer auf ein akutes Kompartmentsyndrom hin. Bei Verdacht auf die pathologische Druckerhöhung im Gewebe führt der Arzt eine Funktionsprüfung durch. Er überprüft die Motorik der betroffenen Region und beurteilt das Empfindungsvermögen. Ebenso tastet er die Pulse unterhalb der schmerzenden Areale ab. Bei einem fortgeschrittenen Kompartmentsyndrom sind diese nur sehr schwach oder gar nicht zu tasten.

Zur weiteren Diagnosefindung kann der Arzt zudem den Druck im Gewebe messen. Für diese intrakompartmentelle Druckmessung bringt er von außen eine Sonde in das Kompartment ein. Diese ist mit einem Druckabnehmer verbunden, an dem der Arzt den Druck ablesen kann. Da es jedoch keine absoluten Grenzwerte für den Gewebedruck gibt, hängt die Einschätzung dieser Werte immer auch von den vorliegenden Beschwerden ab. Die Druckmessung ist also lediglich ein Hilfsmittel, um den Verlauf der Erkrankung zu beurteilen und sie von anderen Krankheitsbildern abzugrenzen.

Behandlung des Kompartmentsyndrom: Notfall-OP oder konservative Therapie

Das akute Kompartmentsyndrom ist ein Notfall, der einer sofortigen chirurgischen Behandlung bedarf. Durch eine sogenannte Fasziotomie entlastet der Chirurg das betroffene Gebiet über eine Aufspaltung der Faszien, die die Muskeln umschließen.

Um eine erneute Erhöhung des Gewebedrucks zu verhindern, wird die Operationswunde nicht direkt wieder verschlossen, sondern bleibt mit einem Gewebsschutz versehen offen. Erst wenn die Schwellung komplett zurückgegangen ist und keine weitere Druckerhöhung zu erwarten ist, verschließt der Chirurg die Wunde mit einer einfachen Naht oder einer Spalthaut. Das ist ein spezielles Hauttransplantat zur Behandlung von Verletzungen.

Wundverschluss bei Kompartmentsyndrom
Druckentlastende Wundversorgung nach einer operativen Behandlung des Kompartmentsyndroms.

Beim chronischen Kompartmentsyndrom helfen im Akutfall Entlastung und Kühlung. Nach 48 Stunden können Sie die schmerzende Muskulatur massieren und wärmen. Auch Heparinsalben dürfen Sie nach Ablauf dieser zweitägigen Frist einsetzen. Auf lange Sicht lässt sich das chronische Kompartmentsyndrom zu einem gewissen Teil konservativ mittels Modifikationen im Training und/oder bei der Schuhwahl behandeln.

Auch der Einsatz von Arzneimitteln aus der Gruppe der nicht-steroidalen Antirheumatika wie beispielsweise Ibuprofen kann den Betroffenen kurzfristig Linderung verschaffen. Leistungssportler, die ihr Trainingsniveau aufrechterhalten möchten oder müssen, können eine operative Spaltung der Muskelfaszien durchführen lassen.

Welche Prognose hat das Kompartmentsyndrom?

Die Dauer und der Verlauf der Erkrankung hängen vor allem von einer raschen Behandlung ab. Gelingt es dem Arzt, den Druck im Kompartment schnell zu mindern und so der Sauerstoffunterversorgung der Muskulatur (Muskelischämie) frühzeitig entgegenzuwirken, erholt sich diese in der Regel vollständig.

Bleibt das Kompartmentsyndrom allerdings unbehandelt, stirbt das Muskelgewebe aufgrund der mangelnden Versorgung mit Sauerstoff ab. Dadurch kann es zu ausgeprägten Funktionseinschränkungen der Muskeln, Gelenkversteifungen oder krankhaften Beugestellungen der Hände und Finger kommen. Wenn die Nerven Schaden genommen haben, leiden die Patienten zudem unter dauerhaften Lähmungserscheinungen.