Bandscheibenvorfall - Variantenreiche Verschleißerkrankung

Plötzlich einschießende Schmerzen, die vom Rücken in den Körper ausstrahlen und zunächst immer intensiver werden. Ein Bandscheibenvorfall zeigt sich zwar mit deutlichen Symptomen und oft mit neurologischen Missempfindungen, wird allerdings nicht immer sofort richtig erkannt und behandelt. Zugleich kann ein Bandscheibenvorfall auf dem MRT-Bild klar erkennbar sein, jedoch ohne Symptome auszulösen.

Was genau ein Bandscheibenvorfall ist, in welcher Form und warum er entstehen kann sowie mehr Informationen zu Therapiemöglichkeiten erfahren Sie hier.

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Bandscheibenvorfall - Weitere Informationen

Bandscheibenvorfall: Definition

Die menschliche Wirbelsäule besteht aus 24 Wirbelkörpern und 23 dazwischen gelagerten Bandscheiben. Diese bestehen aus einem stabilen, aber elastischen Faserring (Annulus) und einem Gallertkern (Nukleus). Dieser ist ein wasserspeicherndes Kissen und dämpft die Last, die durch Bewegungen, Lasten und Stöße auf die Wirbelsäule einwirken. Bandscheiben selbst sind nicht von Blutgefäßen durchzogen, daher erhalten sie ihre lebenswichtigen Nährstoffe über Gewebeflüssigkeit. Durch vielfältige Bewegung werden die Bandscheiben wie Schwämme ausgepresst, wieder mit Flüssigkeit aufgetankt und so genährt.

Bei einem Bandscheibenvorfall (ICD-Code M51), auch Bandscheibenprolaps genannt, wird die Bandscheibe zwischen zwei Wirbeln der Wirbelsäule beschädigt. Ein Bandscheibenvorfall kann an jedem Wirbelsäulenabschnitt auftreten. Besonders häufig sind sie in der unteren Lendenwirbelsäule (Lumbaler Bandscheibenvorfall), da hier die gesamte Last des Körpergewichts getragen wird und in der Halswirbelsäule (Zervikaler Bandscheibenvorfall), auf der das Gewicht des Kopfes lastet. Bandscheibenvorfälle werden nach ihrer genauen Stelle an der Wirbelsäule benannt: L5/S1 bezeichnet zum Beispiel einen Schaden der Lendenwirbelsäule im Segment zwischen dem 5. Lendenwirbel (L5) und de, ersten Steißbeinwirbel (S1).

Bandscheibenschäden können in verschiedenen Ausprägungen auftreten:

Bandscheibenschäden
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Bei einer fortgeschrittenen Bandscheibenvorwölbung (Protrusion) ist der Faserring noch intakt. Die veränderte Form der Bandscheibe drückt jedoch auf umliegendes Gewebe und Spinalnerven, die aus dem Rückenmark hervorgehen. Bei einem Sequester ist der Faserring bereits durchbrochen und der Gallertkern, die weiche Masse im Inneren, tritt aus der Bandscheibe heraus. Eine Vorwölbung kann sich mit konservativer Behandlung gut zurückbilden. Auch ein Sequester ist nicht zwangsläufig ein Fall für eine Operation. Nutzen und Risiken sollten mit dem Arzt (Orthopäde und Neurochirurg) und im Blick auf einen vernünftigen Zeitrahmen sorgfältig besprochen werden. 

Symptome und Diagnose eines Bandscheibenvorfalls

Die Gewebeschäden verursachen bei einem Bandscheibenvorfall starke Schmerzen, die bis in Gesäß, Bein oder Fuß ausstrahlen, oft begleitet von neurologischen Missempfindungen, wie Kribbeln, Hitze oder Kälte ohne äußere Ursachen sowie Taubheit. Besonders häufig treten die Schmerzen auf im Sitzen, Gehen und Stehen auf. Häufig ist der Patient in eine schmerzreduzierende Schonhaltung gezwungen.

Bandscheibenvorfall
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Da Bandscheiben nur im MRT oder CT (Computertomographie) sichtbar gemacht werden können, sind diese bildgebenden Verfahren Standard bei der Diagnose eines Bandscheibenvorfalls. Zusammen mit den tatsächlich auftretenden Symptomen kann die genaue Lokalisation an der Wirbelsäule festgestellt werden und die weitere Therapie geplant werden.

MRT Untersuchung
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Was sind die Ursachen des Bandscheibenvorfalls?

Ein Bandscheibenschaden hat in der Regel eine längere, unbemerkte Vorgeschichte. Meist wird die Bandscheibe schleichend immer mehr geschädigt, bis es schließlich zum Prolaps kommt. Bewegungsmangel, einseitige Ernährung und Rauchen lässt die Bandscheiben dehydrieren und spröde werden. Muskeldysbalancen und untrainierte Muskeln sowie unphysiologische (das heißt gesundheitlich ungünstige) Bewegungsmuster belasten neben Übergewicht die Bandscheiben über die Maßen. Das Video zeigt einen möglichen Ablauf der Bandscheibendegeneration mit Folgeschäden:

 

 

So kann es immer wieder zu Phasen mit Rückenschmerzen (zum Beispiel Lumbago) und Blockaden kommen, die aber mit etwas Ruhe und Wärme schnell wieder vorbei gehen. Ist ein Bandscheibenvorfall eingetreten, liegt allerdings eine neurologische Erkrankung mit orthopädischem Hintergrund vor, die daher auch Symptome und Behandlungen aus beiden Bereichen aufzeigt und benötigt. 

Es gibt drei Hauptursachen für einen Bandscheibenprolaps:

  • eine angeborene Schwäche des Bandscheibengewebes und des Bindegewebes,
  • eine plötzliche „Drehbewegung“ des Rumpfes mit schwerem Heben oder Schieben,
  • Übergewicht mit Muskeldysbalancen, die zusammen eine Fehlbelastung der Wirbelsäule darstellen.

Eine klassische Situation, die zu einem Bandscheibenvorfall führen kann, ist die schwere Getränkekiste, die mit gebeugter Wirbelsäule vom Boden genommen und mit Drehung in den Kofferraum gestellt wird. Dabei lastet ein großer Druck auf den Bandscheiben, die unter der Last buchstäblich aufgeben. Eine schlechte Muskelkondition und Übergewicht können das Risiko vergrößern. Zusätzlich schwächt Rauchen das Bandscheibengewebe.

Hexenschuss Lumbago
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Wie kann ein Bandscheibenvorfall behandelt werden?

Ein Bandscheibenvorfall ist nicht immer ein automatisch ein Fall für den Operateur. Tatsächlich können Bandscheibenvorfälle gut konservativ behandelt werden. Ein Bandscheibenvorfall geht mit Schmerzen, Nervenkompression und einer Entzündung einher. Diese drei Faktoren müssen ausgeschaltet werden, um aus dem Schmerz-Kreislauf auszubrechen und die Symptome nicht chronisch werden zu lassen.

In dieser Heilungsphase von einigen Wochen bis Monaten bildet sich bei einer Vorwölbung der verformte Faserring wieder in seine ursprüngliche Form zurück und bereits ausgetretene Bandscheibenmasse wird vom Körper selbst abgebaut. 90% aller Bandscheibenvorfälle können so wieder erfolgreich behandelt werden.

Erste Hilfe bei Bandscheibenvorfall

Als erste Sofortmaßnahme empfiehlt sich eine Stufenlagerung, bei der die Beine in Rückenlage in einem 90°-Winkel hochgelegt werden. Dafür gibt es spezielle Bandscheibenwürfel aus Schaumstoff, es bieten sich aber auch eine mit einer Decke oder Kissen gepolsterte Kiste, ein Hocker oder ein Stuhl an. Diese Position bringt Platz zwischen die Wirbelkörper und entlastet sofort das komprimierte Gewebe. Diese erste Hilfe bei einem Bandscheibenvorfall und starken Schmerzen im unteren Rücken kann flexibel eingerichtet werden, im Bett oder auf der Yogamatte. Wichtig ist, dass die Wirbelsäule flach aufliegen kann und der Patient ruhig und tief atmen kann. Zur Entspannung hilft zusätzliche eine Wärmflasche oder Wärmekissen. Beim Aufstehen aus der liegenden Position sollte rückenschonend über die Seite abgerollt und abgestützt aufgestanden werden. 

Stufenlagerung Bandscheibenwürfel
Stufenlagerung bei Bandscheibenvorfall © C.Schüßler / Fotolia

Es kann bereits ausreichen, den Rücken nach einem Bandscheibenvorfall für zwei Wochen bei sanfter Mobilisierung zu schonen. Dabei sollte man schweres Heben/Schieben vermeiden und anschließend mit der Stärkung der Bauch- und Rückenmuskulatur durch spezielle Übungen beginnen. Hier sollte ein Physiotherapeut unbedingt auf die richtige Auswahl und Ausführung der Übungen achten. Bei einem Bandscheibenvorfall wird in der Regel Physiotherapie ärztlich auf Rezept verordnet. Auch Rehasport kann je nach Beschwerdelage eingesetzt werden. 

Gegen die Schmerzen, daraus resultierende starke Muskelverspannungen und das Entzündungsgeschehen helfen Medikamente. Eingesetzt und ärztlich verordnet werden Antiphlogistika, also entzündungshemmende und abschwellende Medikamente aus der Gruppe der NSAR (nicht-steroidale Antirheumatika). Dazu gehören die Wirkstoffe Diclofenac und Ibuprofen. Als Muskelrelaxantien eignen sich zum Beispiel Präparate mit dem Wirkstoff Methocarbamol - diese sind verschreibungspflichtig.

Eine weitere Behandlungsmöglichkeit ist die Spritzentherapie, bei der Schmerzmedikamente direkt an den entzündeten und gereizten Nerv injiziert wird. Wie diese Schmerztherapie mit Radiofrequenzsonde abläuft, zeigt das Video:

 

 

Ziel der medikamentösen Behandlung ist die Schmerzlinderung, damit sich das gereizte Gewebe um die Bandscheibe erholen kann. Physiotherapeutische Übungen sollen dann effektiver durchgeführt und Bewegungen ohne Schonhaltung ermöglicht werden. Für die konservative Behandlung eines Bandscheibenvorfalls sollten zu Beginn 3 bis 6 Wochen eingeplant werden um eine erste Schmerzfreiheit zu erreichen. Die vollständige Heilung des Bandscheibenschadens kann einige Monate in Anspruch nehmen.

Chirurgische Therapie: Bandscheiben-OP

Falls jedoch nach 6 bis 8 Wochen keine Besserung eintritt und wenn deutliche Taubheitsgefühle oder bestimmte Muskelschwächen, wie die Fußheberschwäche, vorliegen, ist eine Bandscheiben-Operation ein nächster Schritt der Therapie. Nutzen und Risiken wägt ein Neurochirurg mit dem Patienten gründlich ab.

Das Prinzip einer Bandscheiben-OP ist, die schmerzauslösende Nervenkompression zu beenden. Dafür wird die ausgetretene und in einigen Fällen abgetrennte Gallertmasse aus dem Bandscheibenkern entfernt. Um einen Rezidiv, also einen wiederholten Bandscheibenvorfall an derselben Stelle zu vermeiden, wird der Bandscheibenkern bei der Operation oft vollständig leergeräumt. Andere Operateure belassen den Kern in der Bandscheibe um das Gewebe zu erhalten. Der gerissene Faserring kann ebenfalls mit einer Naht repariert werden, wenn der Schaden sehr groß ist.

Sogar ein schwerer Bandscheibenvorfall, bei dem der äußere Faserring gerissen ist, kann durch eine endoskopische Nukleotomie behandelt werden. Manchmal (z.B. wenn der Bandscheibenprolaps mit einer Stenose verbunden ist) ist es für den Chirurgen nicht möglich, die Operation mittels eines Endoskops durchzuführen. Dann ist es notwendig, den Bandscheibenprolaps mit einer offenen, mikroskopischen Operation unter einer Vollnarkose zu behandeln.  Das Mikroskop ermöglicht dem Chirurgen, den hervorstehenden Knochen des Wirbelkörpers präziser zu sehen und wenn nötig teilweise zu entfernen. Welches Operationsverfahren in Frage kommt und im individuellen Fall am sinnvollsten ist, entscheiden Arzt und Patient gemeinsam.

Wie lange werde ich bei einem Bandscheibenvorfall arbeitsunfähig sein?

Ein konservativ behandelter Bandscheibenvorfall geht mit einer Arbeitsunfähigkeit von 4 bis 12 Wochen einher, je nach Schwere des Krankheitsbilds und wie gut die konservative Therapie Wirkung zeigt. Bei einer Bandscheiben-Operation kann mit einem Krankenhausaufenthalt von einigen Tagen gerechnet werden, an den sich eine Rehabilitationsmaßnahme (Anschlussheilbehandlung: AHB) von 3 Wochen anschließt. Die behandelnden Ärzte stellen dem Patienten einen Entlassungsbericht mit einem Hinweis auf die Arbeitsfähigkeit aus. Danach richtet sich die weitere Therapie mit Rehasport oder der Rückkehr ins Berufsleben. Viele Patienten entscheiden sich nach der Reha für eine schrittweise Wiedereingliederung in den Arbeitsalltag mit einer sich steigernden Stundenanzahl. 

In der ersten Woche nach der Operation an der Bandscheibe sollte der Patient sich sehr ruhig verhalten und dennoch täglich ein paar Schritte gehen. Direkt nach der Operation wird dem Patienten ein spezielles Stützkorsett angelegt. Sitzen sollte besonders bei Operationen der Lendenwirbelsäule sehr reduziert werden. Das Spezialkorsett wird in den ersten zwei Wochen tagsüber getragen und dann langsam abgebaut, bis es nicht mehr notwendig ist. Bei längerem Sitzen und Autofahren muss es solange benutzt werden, bis die Rückenmuskulatur vollkommen gestärkt ist. 

Welche Nachbehandlung und Rehabilitation ist bei einem Bandscheibenvorfall erforderlich?

Nach etwa ein bis drei Wochen kann mit der Physiotherapie begonnen werden – entweder in der Nähe des Heimatortes oder in einer Rehabilitationsklinik. Eine weitere Nachuntersuchung ist nach drei Monaten notwendig – entweder in der Klinik oder bei einem Rückenspezialisten Ihrer Wahl. Bei der Kontrolle nach drei Monaten wird ein Muskeltest durchgeführt. Sollten die Muskeln nicht stark genug sein, kann man ein spezielles Trainingsprogramm für Sie erstellen.

Physiotherapie Rückenschmerz
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Wie sieht es mit der Rückkehr zum Sport nach einem Bandscheibenvorfall aus?

In der Regel ist es möglich - abhängig davon, welcher Sport betrieben wird - sich nach einem Bandscheibenvorfall wieder sportlich zu betätigen. (Rücken)Schwimmen und Radfahren sind nach drei Wochen erlaubt. Alle anderen Sportarten sollten erst nach sechs Wochen nach dem Bandscheibenvorfall steigernd wiederaufgenommen werden. Dabei gilt immer, das individuell mögliche Sportpensum gut zu beobachten und eine gesunde Balance zwischen Über- und Unterforderung zu finden. 

>> Hier finden Sie weitere Informationen zum Thema Bandscheibenvorfall

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