Rekonstruktive Chirurgie: Formverändernde Eingriffe aus funktionellen Gründen

Die plastische Chirurgie nimmt formverändernde oder wiederherstellende Operationen an meist sichtbaren Geweben, Körperteilen und Organen vor. Dabei können die rekonstruktive Chirurgie zur Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands aus medizinischen Gründen und die ästhetische Chirurgie zur Verbesserung des Erscheinungsbilds aus nicht medizinischen Gründen unterschieden werden. Daher werden die plastisch-rekonstruktive Chirurgie auch als Wiederherstellungschirurgie und die plastisch-ästhetische Chirurgie als Schönheitschirurgie bezeichnet. Eine Sonderstellung nehmen die Verbrennungschirurgie und die Handchirurgie ein. Dieser Beitrag geht insbesondere auf operative Eingriffe zur Wiederherstellung der Funktion und/oder des Erscheinungsbilds nach Verletzungen, Verbrennungen und insbesondere Tumoroperationen ein, wobei die Grenzen zur ästhetischen Chirurgie bei entstellenden Unfallfolgen oder Operationen fließend sind.


Medizinischer Lektor Dr. Claus Puhlmann

Dieser Artikel wurde nach den Vorgaben aktueller medizinischer Fachliteratur, Leitlinien und wissenschaftlichen Standards verfasst und sorgfältig von Medizinern geprüft.

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Rekonstruktive Chirurgie - Weitere Informationen

Ein kurzer Ausflug in die Geschichte der plastischen Chirurgie

Die plastische Chirurgie ist fast genauso alt wie die Medizin selbst. So wurden in Indien bereits 1200 v. Chr. wiederherstellende Nasenoperationen durchgeführt. Man entnahm hierfür einen Gewebelappen aus der Stirn und verpflanzte ihn. Auch die alten Ägypter beherrschten bereits solche komplizierten Eingriffe, wie Mumienfunde belegen. Ende des 16. Jahrhunderts beschrieb ein italienischer Arzt eine Operationstechnik, die als Basis der modernen plastischen Chirurgie betrachtet werden kann. Die beiden Weltkriege mit ihren dramatischen Verletzungen trieben die Fortschritte der rekonstruktiven Chirurgie massiv voran. Ein weiterer Meilenstein der Fachrichtung war die Einführung von Silikonimplantaten 1962.

Welche Aufgaben hat ein plastisch-rekonstruktiv tätiger Chirurg?

Das medizinische Fachgebiet der rekonstruktiven Chirurgie befasst sich mit der Wiederherstellung von Gewebe und Organen, die infolge von Unfällen, der Entfernung von Tumoren und Verletzungen geschädigt bzw. entstellt wurden. Durch solche Unfall- und Operationsfolgen können zum einen Körperfunktionen nicht mehr problemlos oder gar überhaupt nicht mehr ausgeübt werden, zum anderen kann das Erscheinungsbild des Betroffenen so entstellt sein, dass es psychische Belastungen und sozialer Rückzug bedeuten kann. Daher arbeiten erfahrene Chirurgen daran, die Körperfunktionen und das Erscheinungsbild möglichst nah am unversehrten beziehungsweise „normalen“ Zustand (wieder) herzustellen und so den Betroffenen mehr Lebensqualität zu geben.

Bei der Handchirurgie geht es im Speziellen um die Wiederherstellung wichtiger Funktionen der oberen Extremität. In intensiver Detailarbeit werden Bänder, Muskeln, Sehnen, Knochen und Weichteile so rekonstruiert, dass die Patienten den Arm und die Hand wieder benutzen können. Auch die Behandlung des Karpaltunnelsyndroms fällt in das Gebiet eines Handchirurgen.

Im Rahmen der Verbrennungschirurgie werden die Folgen von schweren Verbrennungen, auch von chemischen Verletzungen, unter anderem durch Hauttransplantationen gemildert.

Eine häufige Therapie ist die Rekonstruktion der Brust beispielsweise nach einer Brustkrebsoperation. Aber auch die Gynäkomastie (Brustvergrößerung beim Mann) im Erwachsenenalter ist ein Erkrankung, die von Experten der rekonstruktiven Chirurgie korrigiert werden kann.

Weitere Einsatzgebiete sind zum Beispiel:

  • Geweberekonstruktion nach Tumorentfernung
  • Korrektur von Narben
  • Behandlung von Lipödemen (Fettverteilungsstörung) und Lymphödemen (Abflussstörung der Gewebeflüssigkeit)
  • Behandlung von Unfallfolgen
  • Behandlung von Wundheilungsstörungen, zum Beispiel beim diabetischen Fuß
  • Ästhetische und funktionelle Rekonstruktionen im Gesicht nach Operationen und Unfällen
  • Reimplantat von abgetrennten Gliedmaßen

Eine häufige Methode in der rekonstruktiven Chirurgie ist die autologe Fetttransplantation. Dabei wird Fettgewebe von der einen Stelle des Körpers entnommen, außerhalb des Körpers bearbeitet und an eine andere (geschädigte oder entstellte) Stelle des Patienten transplantiert. Dieses Verfahren findet zum Beispiel Anwendung

  • nach Mastektomie (Brustentfernung),
  • nach brusterhaltender Therapie,
  • bei angeborenen oder erworbenen Brustfehlbildungen,
  • bei chronischen Wunden,
  • in der Genitalchirurgie/Transsexualität,
  • bei lokal umschriebener (begrenzter) Sklerodermie (Vermehrung von Bindegewebe),
  • bei Weichteildefiziten und
  • bei einer Vielzahl an ästhetischen Eingriffen, wie Handverjüngung, Brustkorrekturen, Formveränderungen der Nase und Konturunregelmäßigkeiten nach Fettabsaugung.

Häufig handelt es sich bei rekonstruktiven Operationen um mikrochirurgische Eingriffe, bei denen beispielsweise auch Blutgefäße miteinander verbunden werden müssen. Auch arbeiten plastisch-rekonstruktive Chirurgen eng mit Experten anderer Gebiete zusammen, wie beispielsweise Dermatologen, Onkologen, Gefäßchirurgen, Orthopäden und Unfallchirurgen, Anästhesisten und Radiologen.

Brustrekonstruktion mit Eigengewebe oder Implantation

Ein Großteil aller Brustrekonstruktionen erfolgt mit künstlichen Materialien, wie Implantaten, Expandern oder Netzen. Zusätzlich besteht aber auch die Möglichkeit, dass Eigengewebe in Form eines Hautlappens aus dem Unterbauch, dem Gesäß oder dem Rücken entnommen und als neue Brust transplantiert wird. Grundsätzlich gibt es bei dieser Eigengewebetransplantation zwei Möglichkeiten: Der Hautlappen enthält noch das versorgende Blutgefäß (sogenannter gestielter Lappen) oder das Gefäß wurde durchgetrennt (sogenannter freier Lappen), sodass es mit einem neuen Gefäß mikrochirurgisch verbunden werden muss.

Ausbildung zum plastischen Chirurgen

Experten für rekonstruktive Chirurgie sind in der Regel Fachärzte für Plastische und Ästhetische Chirurgie (Plastischer und Ästhetischer Chirurg). Diese Facharztausbildung kann nach abgeschlossenem Medizinstudium ein in Deutschland zugelassener Arzt machen. Hierfür ist eine sechsjährige Tätigkeit - zwei Jahre Basisweiterbildung im Bereich der Chirurgie und vier Jahre eigentliche Weiterbildung zum Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie - notwendig, während der eine festgelegte Anzahl an diagnostischen Verfahren und Therapien durchgeführt werden muss. Dadurch erlangt der angehende Spezialist für plastische Chirurgie fundierte „Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten in der Vorbeugung, Erkennung, operativen und konservativen Wiederherstellung und Verbesserung angeborener oder durch Krankheit, Degeneration, Tumor, Unfall oder Alter verursachter sichtbar gestörter Körperfunktionen und der Körperform“ (Bundesärztekammer 2013).

Die ästhetisch-plastische Chirurgie befindet sich permanent in der Entwicklung. Deshalb ist es auch nach erfolgreicher Facharztausbildung und jahrelanger Praxis notwendig, regelmäßig Fortbildungen zu besuchen und sich mit anderen Spezialisten auszutauschen.

Quellen

  • Bundesärztekammer (2013) (Muster-)Weiterbildungsordnung 2003 in der Fassung vom 28.06.2013. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/20130628-MWBO_V6.pdf
  • Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) et al. (2015) Autologe Fetttransplantation. S2k-Leitlinie. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 009/017. https://www.dgpraec.de/wp-content/uploads/2018/03/S2k_Leitlinie_Fetttransplantation.pdf
  • Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) et al. Leitlinien. https://www.dgpraec.de/aerzte/leitlinien/
  • Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) et al. (2015) Brustrekonstruktion mit Eigengewebe. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 015/075. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/015-075l_S3_Brustrekonstruktion_Eigengewebe_2015-04.pdf
  • Deutsche Krebsgesellschaft e.V. (DKG) Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) (2012) Plastisch rekonstruktive Eingriffe; Brustrekonstruktion: Möglichkeiten, Indikationen. In: Interdisziplinäre S3-Leitlinie für die Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms. Leitlinienprogramm Onkologie. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 032/045OL. https://www.dgpraec.de/wp-content/uploads/2018/03/S3_Leitlinie_Brustkrebs_Diagnostik.pdf

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