Narbenhernie (Narbenbruch): Ursachen, Symptome, Operation

In der Sprache der Medizin wird ein Eingeweidebruch auch als Hernie bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine angeborene oder erworbene Lücke in den Bauchwandschichten, durch die Eingeweide oder Flüssigkeit treten. Diese Schwachstelle oder Lücke in der Bauchhöhlenwand wird als Bruchpforte bezeichnet. Bruch meint hierbei eine Art Riss in den Schichten der Bauchwand. Eine Voraussetzung für die Entstehung einer Hernie ist eine Schwachstelle in der Bauchhöhlenwand, die entweder angeboren ist oder im Verlauf des Lebens entsteht - beispielsweise durch Operationen, Verletzungen oder Bindegewebsschwächen. Erhöht sich der Druck innerhalb des Bauches, weichen die Bauchwandschichten an der Schwachstelle auseinander, und an dieser Stelle können z. B. Darmschlingen (Eingeweide), Flüssigkeit oder gar Organe (z.B. Eierstock, Teile der Handblase) hindurchtreten und eine beutelartige Vorwölbung, den sog. Bruchsack, bilden.

Man unterscheidet innere und äußere Hernien. Ist die Hernie von außen zu erkennen oder führt die Vorwölbung, die bei einem Bruch entsteht, vom Körperinneren in Richtung Haut, spricht man von einer äußeren Hernie. Liegt die Hernie innerhalb des Körpers (z.B. zwischen Brust- und Bauchraum oder im Bereich des Zwerchfells) nennt man sie innere Hernie. Zu den häufiger vorkommenden Brüchen gehört die Narbenhernie (Narbenbruch). Da sich ein Narbenbruch in der Regel nicht zurückbildet, sondern mit der Zeit größer wird, sollte eine Narbenhernie mittels Hernienchirurgie versorgt werden. Ein Narbenbruch kann heute erfolgreich und dauerhaft bei guter Lebensqualität operativ behandelt werden.

Themenübersicht dieses Artikels

Was ist ein Narbenbruch?

NarbenhernieDie Bauchwand ist normalerweise stabil und besteht aus mehreren Muskelschichten. Nach einer Bauchoperation (Laparotomie), bei der die tiefer gelegenen, stabilisierenden Muskelschichten durchschnitten werden, bildet sich zwar nicht so elastisches, aber stabiles Narbengewebe. Auch wenn die Bauchdecke permanenter Belastung und Bewegung und die Naht hohen Spannkräften ausgesetzt sind, verheilen die durch die Naht verbundenen Wundränder der Bauchdecken innerhalb weniger Wochen zu einer festen Narbe. Diese Narbe weist nahezu die gleiche Stabilität wie eine gesunde Bauchdecke auf. Unter bestimmten Umständen ist die Festigkeit der Bauchdecke an dieser Stelle aber gestört und die Narbe kann eine Schwachstelle in der Bauchdecke darstellen. Weichen die Nahtstellen im Bereich der Narbe auseinander, kann sich eine Bruchpforte entwickeln. Bei zunehmenden Druckverhältnissen wölbt sich die Bauchdecke an dieser Stelle vor, und Eingeweide und Flüssigkeit können nach außen durchtreten (äußere Hernie). Dann liegt eine Narbenhernie oder ein Narbenbruch vor.

Ein Narbenbruch kommt gar nicht so selten vor. Untersuchungen haben gezeigt, dass nach einer großen Bauchoperation bei etwa 10 Prozent der Patienten ein Narbenbruch auftritt. Bei etwa der Hälfte dieser Patienten stellt sich die Bauchhernie innerhalb des ersten Jahres nach der Bauchoperation ein. Eine Narbenhernie kann allerdings noch Jahre nach der Bauchoperation auftreten. Da die Nachsorge nach einer Bauchoperation und das Überleben nach onkologischen Eingriffen in den letzten Jahren immer besser wurden, nimmt die Narbenhernie einen zunehmenden Stellenwert ein. In konkreten Zahlen bedeutet dies, dass in Deutschland mit etwa 70.000 Narbenhernien pro Jahr zu rechnen ist. Der Narbenbruch gilt damit als eine häufige Spätkomplikation in der Bauchchirurgie.

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Wann kann es zu einem Narbenbruch kommen?

Alle Umstände, die die Wundheilung nach der Bauchoperation direkt oder indirekt negativ beeinflussen oder stören, können zu einem Narbenbruch führen. Als Risikofaktoren für die Entstehung einer Narbenhernie gelten:

  • starkes Übergewicht,
  • Rauchen und bestimmte Arzneimittel,
  • Stoffwechselstörungen des Bindegewebes,
  • erblich bedingte Kollagenerkrankungen,
  • mehrere vorangegangene Bauchoperationen,
  • Schwierigkeiten beim operativen Verschluss der Bauchdecke,
  • zu hohe Nahtspannung mit Ausbildung von Nekrosen,
  • Blutungen nach der Operation und Wundinfektion,
  • höheres Lebensalter,
  • maligne Erkrankungen,
  • Blutarmut und
  • Zuckerkrankheit.

Dagegen scheint die Art der Schnittführung bei der Bauchoperation, d.h., wurde die Bauchdecke in Längs- oder Querrichtung geöffnet, keinen Einfluss auf die Entwicklung einer Bauchhernie zu haben. Allerdings kann ein großer Bauchschnitt durchaus das Risiko für einen Narbenbruch erhöhen. Ein minimal-invasiver Eingriff kann daher der Entwicklung einer Narbenhernie vorbeugen, wenngleich es auch in diesen Fällen zu einem Narbenbruch kommen kann. Aber auch die Nahttechnik und das Nahtmaterial sollen eine gewisse Rolle bei der Ausbildung einer Narbenhernie haben.

Wundinfektion als Risikofaktor einer Narbenhernie

Wenn sich die Wunde infiziert und sich ein postoperatives Serom (mit Wundsekret oder Lymphe ausgefüllter Hohlraum im Bereich der Wunde) ausbildet, ist das Risiko für eine Narbenhernie deutlich erhöht. Durch die Infektion und das Serom ist die Wundheilung durch Hemmung der kollagenbildenden Fibroblasten gestört und die Stabilität der Wunde vermindert.

Lebensalter als Risikofaktor einer Narbenhernie

Ein Lebensalter von über 45 Jahren stellt ebenfalls ein Risikofaktor für einen Narbenbruch dar. Dies liegt an der mit zunehmendem Alter verbundenen verzögerten Wundheilung und Veränderungen in der Kollagenbildung und Fibroblastenwanderung sowie eines insgesamt höheren Risikos für Grunderkrankungen.

Adipositas als Risikofaktor für NarbenhernieGrunderkrankungen als Risikofaktoren einer Narbenhernie

Zu den Grunderkrankungen, die mit einem erhöhten Risiko für einen Narbenbruch einhergehen, gehören Adipositas (starkes Übergewicht), reduzierter Ernährungs- und Allgemeinzustand, Anämie, maligne Erkrankungen und ein Diabetes mellitus. Das Risiko für eine Narbenhernie ist auch nach Operation eines abdominalen Aortenaneurymas deutlich erhöht, wobei hier zum Teil genetisch bedingte Störungen des Kollagen- und Bindegewebestoffwechsels verantwortlich sein sollen.

Insbesondere bei den erblich bedingten Kollagenerkrankungen (wie z. B. Ehlers-Danlos-Syndrom, Osteogenesis imperfecta, Cutis laxa, kongenitale Hüftgelenksluxation) liegt durch eine krankhafte Zusammensetzung des Bindegewebes ein erhöhtes Risiko für einen Narbenbruch beziehungsweise für ein Rezidiv (erneutes Auftreten einer Narbenhernie) vor.

Äußere Umstände als Risikofaktoren einer Narbenhernie

Bei Rauchern konnte ein vierfach erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Narbenhernie nachgewiesen werden. Auch Arzneimittel wie ACE-Hemmer, Kortikosteroide, nichtsteroidale antiinflammatorische Substanzen und Chemotherapeutika können die Wundheilung negativ beeinflussen.

Wie macht sich ein Narbenbruch bemerkbar?

Symptome einer HernieEine Narbenhernie kann, muss aber keine Beschwerden machen. Anfangs macht sich der Narbenbruch durch ein Ziehen in der Narbe bemerkbar. Im Laufe der Zeit ist dann häufig eine Schwellung und Vorwölbung zu erkennen, die relativ gut in die Bauchhöhle zurückgedrückt werden kann. Diese Schwellung kann allerdings im Laufe der Zeit, vor allem beim Aufstehen oder Stehen, größer werden und insbesondere beim Husten, Stuhldrang oder körperlicher und sportlicher Tätigkeit Schmerzen verursachen. Sie kann aber auch im Liegen und ohne Pressen sichtbar bleiben.

Treten jedoch plötzlich starke Schmerzen auf und lässt sich die Vorwölbung nicht mehr zurückdrücken, besteht die Gefahr, dass der durchgetretene Darm eingeklemmt ist. Es kann sich ein lebensbedrohlicher Darmverschluss entwickeln. Der Darmanteil wird unter Umständen nicht mehr ausreichend durchblutet und mit Sauerstoff versorgt. Das betroffene Areal droht abzusterben, Bakterien gelangen in den Bauchraum und ins Gefäßsystem, es besteht akute Lebensgefahr. Es kommt zu plötzlich auftretenden, kolikartigen Bauchschmerzen mit Fieber, Übelkeit und Erbrechen. In solchen akuten Fällen sollte umgehend ein Krankenhaus aufgesucht werden, meist erfolgt dann eine Notoperation der Narbenhernie. Aber auch sonst sollte die Entscheidung für eine Operation bei Narbenbruch nicht hinausgeschoben werden.

Wie kann der Arzt einen Narbenbruch feststellen?

Diagnose einer Narbenhernie mittels körperlicher Untersuchung

Durch die Vorwölbung an der Narbe und aufgrund der sonstigen Beschwerden hat der Arzt meist schon den Verdacht, dass der Patienten einen Narbenbruch haben könnte. Der Patient wird sowohl im Stehen als auch im Liegen untersucht. Dabei wird die Symmetrie der Bauchwandregion beurteilt und auf Vorwölbungen oder Einziehungen beim Husten oder Pressen geachtet. Dann tastet der Arzt die Vorwölbung ab und bewertet deren Beschaffenheit, die Größe und die anatomische Beziehung zur Umgebung. Er prüft, ob sich die Schwellung zurück in die Bauchhöhle drücken lässt.

Bildgebende Verfahren zur Diagnose einer Narbenhernie

Je nach Größe der Narbenhernie und Gewicht des Patienten können im Einzelfall zur Diagnose und Bewertung der Schwere der Narbenhernie zusätzliche Untersuchungen wie Ultraschall, Computertomographie oder Kernspintomographie erforderlich sein. Damit können die verschiedenen Schichten der Bauchwand dargestellt und etwaige Lücken erkannt werden.

Die Ultraschalluntersuchung (Sonographie) stellt in der Diagnostik einer Narbenhernie ein ideales Hilfsmittel dar. Es ist nichtinvasiv, zeit- und kostensparend, risikolos und beliebig oft einsetzbar. Mit ihr lässt sich auch ein kleinerer Narbenbruch beispielsweise bei übergewichtigen Patienten erkennen und dessen Größe und Lokalisation sowie die Art des Bruchinhalts bestimmen.

Besonders bei einem komplizierten Narbenbruch oder einer großen Narbenhernie stellen die Computertomographie und die Kernspintomographie geeignete Verfahren dar, die Strukturen des Bruchsackinhalts, die komplette Bauchwand und die Beziehung der Narbenhernie zu den Organen in der Bauchhöhle darstellen. So lassen sich unter anderem die Ausdehnung der Narbenhernie und die Gefahr der Einklemmung oder eine bereits bestehende Einklemmung erkennen.

Operative Behandlung einer Narbenhernie

Narbenbruch-OPDa sich ein Narbenbruch in der Regel nicht zurückbildet, sondern mit der Zeit größer wird, sollte - sofern der Gesamtzustand der Betroffenen dies zulässt - eine Narbenhernie operativ versorgt werden. Verursacht der Narbenbruch keine Beschwerden (asymptomatische Narbenhernie), ist eine Operation der Narbenhernie nicht unbedingt erforderlich. Durch moderne Operationsverfahren, innovative Implantate und standardisierter Behandlung ist es heute möglich, ein Narbenbruch erfolgreich und dauerhaft bei guter Lebensqualität zu behandeln.

Lässt sich der Narbenbruch nicht wieder zurückdrängen, besteht die Gefahr, dass er eingeklemmt ist. Es wird dann von einem eingeklemmten (inkarzerierten) Narbenbruch gesprochen. Der Narbenbruch muss in diesem Fall umgehend operiert werden. Eine Narbenhernie sollte aber auch bei anhaltenden Beschwerden, sozialem Rückzug, verminderter Lebensqualität oder drohender bzw. dauerhafter Arbeitsunfähigkeit operiert werden. Der Abstand zum vorangegangenen chirurgischen Eingriff sollte mindestens 3 (besser 6) Monate betragen.

Operationsverfahren bei einer Narbenhernie

Bei einer Narbenhernie-Operation werden die auseinander gezogenen Muskelschichten wieder zusammengenäht:

  • Direkte Naht: Bei einem Verschluss der Narbenhernie durch direkte Naht werden kleine Narbenhernien bis zu einem Durchmesser der Bruchpforten von etwa 2 cm bei Patienten ohne Risikofaktoren für ein Rezidiv (Wiederholungsbruch) durch das direkte Vernähen mit einem nicht auflösbaren Faden versorgt.
  • Kunststoffnetz, Kugel-Patch: Bei großen Lücken, bestehenden Risikofaktoren für ein Rezidiv oder wiederholter Narbenbruch-OP wird ein Kunststoffnetz oder ein Kugel-Patch über, in oder unter die offene Stelle gelegt und mit einer Muskelschicht verbunden. Je nach Schicht der Bauchwand, in der das Netz eingebracht wird, werden das Sublay-, das Inlay- und das Onlay-Verfahren unterschieden.

Je nach Art der ursprünglichen Bauchoperation und der Bruchgröße wird die Bruchlücke mittels Bauchschnitt als offene Operation bei Narbenbruch oder mittels minimal-invasiver Bauchspiegelung (Schlüsselloch-Narbenhernie-OP) als geschlossene Operation bei Narbenhernie durchgeführt:

  • Bei der geschlossenen Operation bei Narbenhernie erfolgt der Zugang zur Bruchpforte durch die Bauchdecke über eine Bauchspiegelung (Laparoskopie). Diese laparoskopische Versorgung der Narbenhernie stellt ein für den Patienten schonendes und weitgehend schmerzarmes Operationsverfahren dar, bei dem das Risiko für eine Wundinfektion deutlich geringer ist als bei einer offenen Versorgung des Narbenbruchs.
  • Bei der offenen Operation bei Narbenhernie (Öffnung der Bauchdecke) wird der Bruchsack über einen Schnitt freigelegt und der Inhalt des Bruchsacks in die Bauchhöhle zurückgeschoben. Der Verschluss der Bruchpforte kann zum einen über das direkte Vernähen der Faszien (tragende Faserschicht der Bauchdecke), über eine Fasziendopplung oder durch Stabilisierung des Bruchpfortenverschlusses durch künstliche Materialien erfolgen. Bei der Fasziendopplung werden die Ränder der Bauchwandschichten (Faszien) überlappend vernäht (gedoppelt), wodurch eine größere Stabilität erreicht wird (sog. Aponeurosennaht nach Mayo).

Die Standard-Operation bei Narbenhernie ist der offene Narbenbruchverschluss mit Kunststoffnetzverstärkung.

Welche Komplikationen können nach Operation einer Narbenhernie auftreten?

Infolge einer Narbenbruch-OP kann es zu Wundinfektionen, Serombildung und Hämatomen (Bluterguss) kommen. Bei Verwendung eines Netzes beträgt die Infektionsrate nach Narbenbruch-OP etwa 2-4% und ist damit etwa so hoch wie bei einem einfachen Nahtverschluss. Dagegen treten Hämatome und vor allem Serome nach Narbenhernie-OP mit Verwendung eines Netzes wesentlich häufiger auf als nach konventionellem Verschluss eines Narbenbruchs. Im Operationsbereich können Verhärtungen und durch Nervenverletzungen ein meist vorübergehendes, selten auch dauerhaftes Taubheitsgefühl auftreten. In seltenen Fällen kann es als Spätkomplikation zu einer Wanderung oder Abstoßung des Netzes sowie durch einen direkten Kontakt mit dem Darm zu einer Darmwandverletzung kommen. Dadurch kann Darminhalt durch die Öffnung in die Bauchhöhle treten und eine lebensbedrohliche Bauchfellentzündung hervorrufen. Gelegentlich klagt der Patient auch über Bewegungseinschränkungen und Schmerzen im Bauchbereich. Die Wahrscheinlichkeit für einen erneuten Bruch ist bei Verwendung von modernen Kunststoffnetzen allerdings sehr gering.

Was muss nach der Narbenbruch-Operation beachtet werden?

Nach der Narbenbruch-OP ist in der Regel eine normale Nahrungsaufnahme möglich, ggf. erfolgt ein schrittweiser Kostaufbau, und das Ergebnis der Narbenhernie-OP wird per Ultraschall kontrolliert. Direkt nach der Operation wird häufig zur Unterstützung ein elastisches Bauchmieder angelegt, das über einige Wochen tags und nachts getragen werden sollte. Nachdem Entfernung des Hautfadens kann mit zunehmender körperlicher Belastung begonnen werden, wobei starke körperliche Anstrengung je nach Narbenbruch und angewandter Methode der Narbenbruch-OP über bis zu 3 Monate vermieden werden sollte.

Chirurgie-Bilder: Aus www.chirurgie-im-Bild.de mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Thomas W. Kraus