Kleinzehenfehlstellungen

Kleinzehendeformitäten treten selten als alleinige, isolierte Vorfußdeformität auf, sondern werden zumeist als Bestandteil einer komplexeren, meist die Großzehe miteinschließenden Fehlstellung des Vorfußes gefunden. Dennoch muss die Kleinzehenfehlstellungen als eigene Entität im therapeutischen Konzept betrachtet werden.

Intakte, bewegliche Kleinzehen sind für das Ausbalancieren des Fußes erforderlich und sie haben eine wichtige dynamische Funktion beim Abstoßen des Fußes. Kleinzehenfehlstellungen können daher die Funktion und Stabilität des Fußes nachhaltig beeinträchtigen.

Themenübersicht dieses Artikels

Definitionen von Kleinzehenfehlstellungen

Kleinzehendeformitäten setzen sich häufig aus Fehlstellungen an mehreren Zehengelenken zusammen. Dadurch wird der exakte Sprachgebrauch erschwert. Die Definition der verschiedenen Kleinzehenfehlstellungen richtet sich in der Regel nach der körperstammnahen Deformität:

  • Bei der Klauenzehe findet sich immer eine fußrückenwärts gerichtete (Sub-)Luxation im Zehengrundgelenk. Meist wird sie von einer Beugefehlstellung im Mittelgelenk begleitet und die Zehenkuppe hat den Bodenkontakt verloren.
  • Bei einer Krallenzehe findet sich die Beugefehlstellung im Mittelgelenk. Dabei kann der Bodenkontakt der Zehenkuppe erhalten sein. Fakultativ können weitere Zehenfehlstellungen begleitend vorliegen.
  • Von einer Hammerzehe spricht man bei einer isolierten Beugefehlstellung im Endgelenk. Die Zehenkuppe hat dabei den Bodenkontakt nicht verloren.
  • Darüber hinaus gibt es weitere Kleinzehenfehlstellungen, wie den „Mallet Toe“, den „Curly Toe“ oder den „Taylor´s Bunion“.

Was sind Ursachen von Kleinzehenfehlstellungen?

Als Ursache für die (zunehmende) Fehlstellung der Kleinzehen kommt eine zunehmende Anspannung der langen Beugesehnen der Kleinzehen in Frage. Dafür können sowohl extrinsische Faktoren (häufig), wie zu enges Schuhwerk oder Unfälle, aber auch intrinsische Faktoren (selten), wie überlange Kleinzehen (sog. griechische Fußform) oder neurologische Erkrankungen, verantwortlich sein. In aller Regel finden sich Kleinzehenfehlstellungen als sekundäres Phänomen in Begleitung anderer Fußdeformitäten, wie z.B. dem Hallux valgus, aber auch z.B. bei Hohlfußdeformitäten.

Was sind die Symptome der Kleinzehenfehlstellungen?

Kleinzehenfehlstellungen äußern sich in einer Schwielenbildung über dem Mittelgelenk als Ausdruck eines Schuhkonfliktes und unter dem Grundgelenk als Ausdruck einer pathologischen Lastübertragung beim Laufen. Manchmal können auch Wachstumsstörungen des Zehennagels auftreten. Ein fehlender Bodenkontakt der Zehenkuppe wird häufig beklagt. Die begleitenden Schmerzen, die auch an nicht betroffenen Nachbarzehen auftreten können, führen den Erkrankten dann zum Fußchirurgen.

Wie sieht die Diagnostik bei Kleinzehendeformitäten aus?

Neben der klinischen Untersuchung der Gelenke im Hinblick auf die genannten äußerlich erkennbaren Erscheinungen und Fehlstellungen, aber auch die Stabilität der Gelenke und deren verbliebene Beweglichkeit wird die Röntgenuntersuchung des Fußes im Stehen die Diagnose sichern. Zusätzliche Untersuchungen, wie z.B. die Fußdruckmessung bleibt speziellen Fragestellungen, insbesondere in der Revisionschirurgie vorbehalten. Auch eine Kernspintomografie spielt bei den diagnostischen Überlegungen keine wesentliche Rolle, allenfalls zum Ausschluss anderer Erkrankungen, die differentialdiagnostisch in Betracht kommen können.

Wie sieht die Therapie von Kleinzehenfehlstellungen aus?

Bei der Wahl des Therapieverfahrens konkurrieren konservative und operative Optionen. Allerdings können die konservativen Verfahren die bereits eingetretene Kleinzehenfehlstellung nicht mehr korrigieren und damit in die physiologische Form überführen, auch wenn zahlreiche handelsübliche Hilfsmittel („Zehenkorrektoren“) dies suggerieren. Eine Korrektur mit konservativen Maßnahmen ist nur am wachsenden Skelett möglich, beim Erwachsenen ist sie nur mit operativen Techniken erreichbar.

Konservative Therapie von Kleinzehenfehlstellungen

Nützliche konservative Maßnahmen sind eine adäquate Schuhzurichtung, um den Schuh der Deformität anzupassen. Es ist auf eine ausreichend große Zehenbox mit weichem Oberleder zu achten. Auch eine Einlagenversorgung im Sinne einer Stützeinlage mit retrokapitaler Abstützung am Mittelfußköpfchen sowie einer Weichschaumbettung der Zehenbeeren wird häufig verschrieben. Schließlich empfinden viele Betroffene auch kleine Zwischenzehenpolster als nützlich.

Operative Behandlung von Kleinzehendeformitäten

Bei der Wahl des operativen Verfahrens muss in Betracht gezogen werden, ob die Zehengelenke stabil oder instabil sind und ob die eingetretene Beugefehlstellung flexibel oder kontrakt ist.

Bei einer im Grundgelenk stabilen Situation mit flexibler Beugefehlstellung im Mittelgelenk kommt als Operationsverfahren der Beugesehnentransfer (Technik nach Girdlestone-Taylor) in Frage. Dabei wird der zu hohe Beugesehnentonus auf die Streckseite der Zehe umgelenkt, so dass es zu einer Streckung im Grund- und Mittelgelenk kommt. Das Ergebnis wird mit einem Tape-Verband für 3 Wochen gesichert.

Bei einer im Grundgelenk stabilen Situation mit allerdings kontrakter Beugefehlstellung im Mittelgelenk kommt als Operationsverfahren die „Resektionsarthroplastik“ des Grundgliedköpfchens (Technik nach Hohmann) in Frage. Dabei wird das Grundglied um etwa ein Drittel gekürzt, so dass das Mittelgelenk in Streckung gebracht werden kann. Das Ergebnis wird für 3 Wochen mit einem Draht gesichert.

Bei einem instabilen Grundgelenk mit einer (Sub-)Luxation des Grundgliedes ist diese Fehlstellung zuerst zu korrigieren. Dazu bietet sich die „Verschiebeosteotomie des Mittelfußköpfchens“ (Technik nach Weil) an. Dabei wird das Mittelfußköpfchen soweit verkürzt, dass eine stabile Gelenksituation erzielt werden kann. Zur Sicherung wird die Osteotomie mit einer Schraube fixiert.

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Wie sieht die Nachbehandlung von Kleinzehendeformitäten aus?

Bis zur sicheren Ausheilung wird vielfach ein spezieller Verbandsschuh, oder auch ein sog. „Vorfußentlastungsschuh“ empfohlen, je nach Ausmaß des Eingriffes für die Dauer von 4 bis 6 Wochen. Vielfach wird für diese Zeit eine Thromboseprophylaxe empfohlen, insbesondere dann, wenn der betroffene Fuß nicht vollbelastet werden darf. Initial kommen auch abschwellende Maßnahmen (Hochlagerung, anfangs Eisanwendung, gegebenenfalls auch Lymphdrainage) zur Anwendung. Zusätzlich wird eine Krankengymnastik durchgeführt mit besonderem Augenmerk auf die Beugefähigkeit im Grund- und die Streckfähigkeit im Mittelgelenk und Kräftigung der sog. intrinsischen Fußmuskulatur. Diese Übungen können dann auch rasch in Eigenregie zu Hause durchgeführt werden.

Bei sicherer Indikationsstellung und korrekter Anwendung der Operationstechnik darf der Erkrankte mit einer deutlichen Verbesserung der ursprünglichen Fußdeformität rechnen. In aller Regel sind die begleitenden Schmerzen zum Ende der Ausheilungsphase verschwunden. Jedoch verbleibt in Einzelfällen trotz sorgfältigstem Vorgehen eine endgradige Bewegungslimitierung im Grund- und Mittelgelenk, die jedoch funktionell keine oder allenfalls nur eine untergeordnete Bedeutung haben und nicht zu einer spür- oder sichtbaren Beeinträchtigung des Gangbildes führen.

Bei vielen dieser Operationen ist ein ambulantes Vorgehen gut möglich, allerdings muss bis zur Ausheilung ein Zeitrahmen von 4 bis 8 Wochen, je nach Behandlungs- und Operationsmethode, eingeplant werden. Danach tritt schrittweise die Sportfähigkeit wieder ein, die vollständig nach 12 Wochen (für „Stop-and-Go-Sportarten“) erreicht sein sollte.

Autor: Dr. med. Ulrich Gronwald