Angiologie – Die Lehre der Gefäßerkrankungen

Die Angiologie ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin und beschäftigt sich mit den Gefäßerkrankungen. Im gesunden Zustand merken wir nicht, dass das Blut durch unser dichtes Gefäßnetz zieht und dabei alle Organe und Zellen des Körpers versorgt. Das Blutgefäßsystem bildet die Transportwege für Nährstoffe, Sauerstoff, Hormone und vieles mehr und entsorgt zeitgleich giftige Abfallstoffe aus dem Körper. Sobald aber etwas in den Gefäßen nicht stimmt, wir also an Gefäßerkrankungen leiden, bemerkt der Betroffene sehr schnell Krankheitsanzeichen oder Ausfälle.

Die moderne Angiologie, die Lehre von den Gefäßerkrankungen, wurde erst in den 1950er Jahren durch Ratschow in Darmstadt begründet. Sie ist somit die jüngste Teildisziplin der Inneren Medizin. Sie beschäftigt sich mit den Gefäßerkrankungen und Behandlungsmöglichkeiten der Venen, Arterien und Lymphgefäße des Körpers. Da sehr viele Gefäßerkrankungen auch andere medizinische Teilgebiete betreffen, kooperieren Angiologen sehr häufig mit Neurologen, Kardiologen, aber auch mit Hautärzten und Lymphspezialisten.

Themenübersicht dieses Artikels

Wichtigste Gefäßerkrankungen

Die Gefäßerkrankungen werden grob in Krankheiten des zuführenden (arteriellen) Systems und des ableitenden (venösen und lymphatischen) Systems eingeteilt. Arterielle Gefäßerkrankungen sind meist Verschlusskrankheiten infolge einer fortgeschrittenen Arteriosklerose. Ablagerungen an den Gefäßwänden und entzündliche Prozesse führen zu einer Einengung (Stenose) oder einem Totalverschluss wichtiger Arterien, wodurch die Sauerstoffversorgung des nachgeschalteten Organs oder Gewebes verhindert oder ganz unterbrochen wird. Diese Unterversorgung oder ein Verschluss im arteriellen Gefäßsystem ist mit starken Schmerzen verbunden und immer eine Notfallsituation, da Gewebe abzusterben droht. Die Gefäßerkrankungen der Venen auf der anderen Seite sind oft Krampfaderleiden oder Thrombosen (Blutgerinnselbildungen). Sie können zu Abflussbehinderungen vor allem in den Beinen führen, aber auch durch die Ablösung eines Thrombus einen Herzinfarkt, eine Lungenembolie oder einen Schlaganfall auslösen.

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Gefäßerkrankungen der Arterien: Peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK)

Gefäßerkrankungen der Beine Besonders in den Beinen treten häufig Gefäßerkrankungen mit Durchblutungsstörungen und arteriellen Verschlüssen auf. Diese werden durch den Lebensstil und damit einhergehende Arteriosklerose stark begünstigt. Es kommt zur langsam voranschreitenden Ablagerung und Einengung der Gefäße und schließlich zu einem vollständigen Verschluss. Schmerzen und schnelle Ermüdungserscheinungen in den Beinen können ein erster Hinweis auf einen drohenden Verschluss sein. Ein arterieller Verschluss tritt dann mit plötzlich stechendem Schmerz zutage. Der Puls jenseits der Verschlussstelle ist nicht mehr tastbar. Da der hinter dem Verschluss liegende Gefäßabschnitt nicht mehr durchblutet wird, droht der nicht versorgte Beinabschnitt abzusterben. Im unbehandelten Fall kann eine Beinamputation notwendig werden. Ein peripherer arterieller Verschluss ist deshalb ein akuter Notfall und bedarf einer sofortigen ärztlichen Versorgung.

Akuter Gefäßverschluss einer Gliedmaßenarterie

Während die periphere Verschlusskrankheit langsam voranschreitet, wird die Arterie beim akuten Verschluss ganz plötzlich z. B. durch ein Blutgerinnsel verschlossen. Der akute Gefäßverschluss im Bein ist immer ein Notfall und muss umgehend von einem Arzt behandelt werden. Bereits nach 6 bis 8 Stunden können irreparable Schäden an den Muskeln und Geweben des Beines auftreten. Eine Beinamputation wäre dann oft die letzte Rettung für den Betroffenen.

Aneurysmen: Sackartige Gefäßerkrankungen

Aneurysmen sind in erster Linie Ausbauchungen in der Gefäßwand. Sie können vielgestaltig sein, doch häufig kommen Beeren- oder sackförmige, geschlängelte und rankenförmige Aneurysmen vor. Da die Gefäßwand mit der Zeit ganz ähnlich einem überblähten Ballon rissig werden kann, droht ein Aneurysma nicht selten zu platzen. Eine Gefäßruptur im Bereich einer der großen Körperarterien (z. B. Bauchschlagader) verursacht einen großen Blutverlust, der binnen Minuten lebensbedrohend sein kann. Eine Operation zum Verschluss des Gefäßschadens ist in solchen Fällen dringend notwendig. Interessanterweise sind Männer etwa 10-mal häufiger von dieser Gefäßerkrankung betroffen als Frauen.

Hirnaneurysmen

Hirnaneurysma Eine Sonderform des Aneurysmas sind Arterienerweiterungen im Bereich der großen Hirnarterien. Solche Hirnaneurysmen sind nicht selten, werden aber meist nur durch Zufall gefunden. Viele Betroffene leben ein Leben lang mit diesem Defekt, aber einige Menschen versterben, wenn das Aneurysma infolge Erschütterungen oder Druckanstieg platzt. Es besteht bei dieser Gefäßerkrankung erhöhte Lebensgefahr.

Vaskulitiden: Entzündliche Gefäßerkrankungen

Rheumatische und andere entzündliche Gefäßerkrankungen nehmen ihren Ausgang von einer Entzündung der Blutgefäße. Man nennt diese Gefäßerkrankungen auch Vaskulitiden. Eine spezielle Form ist die Riesenzellarteriitis, die sehr oft ältere Menschen betrifft. Bereits kleinere Entzündungsgeschehen schädigen die Gefäßwände und führen zu Verwirbelungen im Blutsstrom sowie zu unebenen Oberflächen. Die Verwirbelungen führen schließlich zur Bildung von Blutgerinnseln, die unebenen Oberflächen fördern Ablagerungen und Arteriosklerose. Entzündliche Gefäßerkrankungen sind deshalb auch immer ein Risikofaktor für Verschlüsse, Embolien und Infarkte.

Thrombangiitis obliterans (TAO): Gefäßerkrankung der Raucher

Die Thrombangiitis obliterans ist eine entzündliche Gefäßerkrankung, die zum Gefäßverschluss führt. Sie ist fast ausschließlich bei Rauchern bekannt. Neben den Arterien der Beine und Arme sind auch häufig oberflächlich- und tiefsitzende Venen betroffen. Die Gefäßverschlüsse führen zu weiteren Gewebeschäden, sodass schließlich Zehen und Finger amputiert werden müssen. Da diese Gefäßerkrankung nicht von einer Entzündungsreaktion begleitet wird, führen ursächliche Therapien ins Leere.

Arteriosklerose: Gefäßerkrankung als Volksleiden

Arteriosklerose ist der allmähliche Verschluss von Gefäßen durch lebensstilbedingte Ablagerungen und Entzündungsreaktionen. Durch Bewegungsmangel und ungesunde Lebensweise sind heute bereits im Kindesalter erste Ablagerungen in den Gefäßen zu erkennen. Im Laufe des Lebens werden diese Ablagerungen dicker und verschließen das Gefäß dann vollständig. Arteriosklerose ist eine Gefäßerkrankung, die den ganzen Körper betrifft und nicht nur einzelne Blutgefäße oder Organe. Kritisch wird die Arteriosklerose immer dann, wenn die Blutversorgung des Herzens, des Gehirns oder der Arme bzw. Beine betroffen ist.

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Diabetes und Herz: Gefäßschäden durch Zucker

Diabetes oder Zuckerkrankheit an sich ist nicht tödlich. Doch ein erhöhter Blutzuckerspiegel fördert Gefäßerkrankungen und schädigt die Gefäßwand. Der Zucker führt zu Schäden an Nerven und Blutgefäßen, sodass Entzündungen auftreten und Wunden schlecht verheilen. Entzündungen führen zu Verwirbelungen im Blutstrom und zu kleinsten Gefäßverletzungen. Die Folge können Ablagerungen bis hin zum Arterienverschluss oder auch Thrombenbildungen sein. Nicht selten sterben schlecht eingestellte Diabetiker deshalb an den Folgen eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls.

Gefäßerkrankungen der Venen: Krampfadern (Varizen)

Bei erhöhtem Druck oder auch bei Abflussstörungen kann die Wand der Venen oft nicht mehr standhalten. Die Gefäße sacken aus und dehnen sich stark. Ablagerungen oder Entzündungen in den Venen stören die Arbeit der Venenklappen, welche sich nicht mehr richtig schließen. Das Blut staut sich zurück und pendelt in den Venen hin und her. Um den Überdruck im Venensystem abzubauen, dehnen sich die Gefäße weiter und besonders kleinere Äderchen treten so im Hautbild hervor. Solche gekrümmten und geschlängelten Gebilde nennt man dann Krampfadern. Krampfadern entstehen aber weder durch einen Krampf, noch lösen sie ihn aus. Vielmehr leitet sich ihr Name vom mittelalterlichen „krumpe Adern“ ab. Krampfaderleiden schreiten unbehandelt immer weiter fort und können zu schwerwiegenden Erkrankungen, wie z. B. Embolien, beitragen.

Eine besonders gefährliche Form der Krampfadern sind die Speiseröhrenvarizen. Sie entsehen entlang der Speiseröhre, wenn der Blutabfluss über die Leber gestört ist. Dies trifft sehr häufig auf Alkoholiker zu. Deren Leben ist stark geschädigt und wird zunehmend in funktionsloses Bindegewebe umgewandelt. Der Arzt nennt dies eine Leberzirrhose. Da die Leber aber der „Blutwäsche“ dient, staut sich das Blut immer weiter im Körper zurück. Schließlich werden Kurzschlüsse aktiv, die das Blut an der Leber vorbeiführen. Dadurch werden leberferne Venengeflechte überdehnt und sacken aus. Im Bereich der Speiseröhre entstehen auf diese Weise die lebensbedrohlichen Ösophagusvarizen. Wenn sie platzen, tritt meist der Tod sehr schnell durch inneres Verbluten ein.

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Hämorrhoiden: Gefäßerkrankung des Enddarms

Der After ist von Schwellpolstern umgeben, die unter anderem auch den festen Verschluss garantieren. Bei Bindegewebsschwäche, hartem Stuhlgang oder regelmäßigem Pressen staut sich Blut in diesen Schwellpolstern. Die Folge ist, dass die Venengeflechte aussacken und Taschen bilden, die sich nach außen oder auch ins Darminnere vorwölben können. Solche Krampfadern im Bereich des Enddarms nennt der Arzt Hämorrhoiden. Obwohl es eine erbliche Veranlagung zu geben scheint, kann jeder das eigene Risiko für die Entstehung von Hämorrhoiden verringern. Bewegung, ballaststoffreiche Kost und beim Stuhlgang wenig pressen, können die Schwellpolster schonen und Krampfadern vermeiden.

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Thrombophlebitis - Oberflächliche Venenentzündung

In einigen Fällen können sich Krampfadern auch entzünden. Die oberflächlich hervortretenden Venengeflechte sind davon betroffen. Der Arzt nennt diese Gefäßerkrankung eine Thrombophlebitis. Frauen leiden bis zu 4-mal häufiger als Männer an dieser Gefäßerkrankung.

Phlebothrombose – Tiefe Venenthrombose

Insgesamt gehören die Venenleiden zu den häufigsten Gefäßerkrankungen in Deutschland. Besonders gefährlich wird es, wenn die tief liegenden Venen betroffen sind und sich durch Entzündungen, Verwirbelungen und Ablagerungen in den Gefäßen eine Venenthrombose oder Phlebothrombose herausbildet. Blutgerinnsel behindern dann den Rückfluss des Blutes zum Herzen oder verschließen schließlich die Vene sogar vollständig. Diese Gerinnsel (Thromben) können sich mitunter leicht ablösen und gelangen dann in Herz, Lunge oder Gehirn, wo sie ein Gefäß verstopfen. Der nachgeschaltete Bereich wird nicht mehr mit Blut versorgt und stirbt ab. Je nach beteiligtem Organ spricht man dann vom lebensbedrohlichen Herzinfarkt, Hirnschlag oder der gefürchteten Lungenembolie. Die Phlebothrombose ist fast ausschließlich auf die Bein- und Beckenvenen begrenzt und besteht dort häufig unerkannt über viele Jahre fort, bevor sich Folgeerkrankungen zeigen. Durch die Gefahr der Gerinnselablösung gehört sie zu den besonders gefährlichen Gefäßerkrankungen.

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Gefäßerkrankung der chronisch venösen Insuffizienz

Verschiedenste Venenerkrankungen können die Gefäße schädigen. Diese verlieren dadurch häufig die Fähigkeit, das Blut zum Herzen zurückzuführen. Sind zudem die Venenklappen betroffen, bildet sich eine chronische Abflussstörung als Gefäßerkrankung heraus. Dies ist sehr häufig in den Beinen der Fall, sodass hier nach einiger Zeit Ödeme auftreten. Der ständig erhöhte Venendruck und der mangelnde Blutfluss führen letztlich dazu, dass Gewebe geschädigt wird und teilweise abstirbt. Hautschäden werden sichtbar, welche sich bis hin zum offenen Bein weiterentwickeln können. Langwierige Entzündungen und Geschwüre sind die Folge.

Untersuchungsmethoden zur Diagnose von Gefäßerkrankungen

Die Diagnose von Gefäßerkrankungen ist sehr vielfältig und trotz modernster Technik oft sehr zeitintensiv. Die körperliche Untersuchung beim Arzt konzentriert sich zuerst je nach Anamnese und Beschwerden auf die Venen, Lymphgefäße und Gewebsdurchblutung sowie das Ertasten der Pulse in den jeweiligen Körperregionen. Auch Blutdruckmessungen können einen Hinweis liefern, ob ein ungeklärter Bluthochdruck vorliegt. Die Ursachen dafür können hormonell bedingt sein, aber auch von Gefäßverengungen und Herzfehlern verursacht werden. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Angiologen und Kardiologen sowie einer Vielzahl weiterer Spezialisten ist häufig unabdingbar. Typisch für arterielle Verschlüsse ist, dass der Puls im nachfolgenden Körperteil je nach Ausmaß der Einengung schwächer sein oder völlig fehlen kann.

Für die Diagnose der meisten Durchblutungsstörungen und Venenerkrankungen reicht eine Ultraschalluntersuchung der Arterien oder Venen aus. Mit dem Ultraschall lassen sich vor allem Ablagerungen und Thromben sehr gut darstellen. Von der Zuverlässigkeit der Diagnose hängt am Ende auch die gewählte Therapie der Gefäßerkrankung und schließlich deren Erfolg ab. Dort wo weiterhin Zweifel bestehen, oder wenn ein Patient einer schweren Operation entgegensieht, sind weitere bildgebende Verfahren angezeigt. Diese Verfahren verwenden jedoch meist Strahlungen oder radioaktive Kontrastmittel, die den Organismus belasten können. Dennoch ist ihre Auflösungsschärfe sehr viel größer, sodass selbst Störungen im Kapillarbereich der Gefäße und andere Gefäßerkrankungen noch erkannt werden können. Je nach Fragestellung wählt der Arzt zwischen Röntgenuntersuchungen mit Kontrastmittel (Angiografie, Phlebografie oder Computertomografie) und der Magnetresonanztomografie („Angio-MRT“). Für spezielle angiologische Untersuchungen stehen weiter die Plethysmografie, die Kapillarmikroskopie oder die Lichtreflexionsrheografie zur Verfügung.

Mit diesen modernen diagnostischen Verfahren lassen sich Gefäßerkrankungen der Arterien und Venen, Gefäßverschlüsse an den Beinen, Armarterienerkrankungen, Gefäßerkrankungen der Halsschlagadern, Thrombosen und chronische Venenerkrankungen zweifelsfrei diagnostizieren.