Neugeborenen-Hörscreening - Medizinische Experten

Das qualitätsgesicherte, universelle Neugeborenen-Hörscreening dient der Früherkennung und frühzeitigen Behandlung angeborener Hörstörungen. Mithilfe des Hörscreenings können angeborene Schwerhörigkeiten anders als in der Vergangenheit, wo sie erst im Alter von zweieinhalb Jahren oder später entdeckt wurden, bereits im ersten Lebenshalbjahr erkannt und versorgt werden. Das Hörscreening erfolgt anhand eines einfachen Hörtests mit automatisierten Messgeräten in den ersten Tagen nach der Geburt.

Weitere Informationen zum Neugeborenen-Hörscreening finden Sie im Text weiter unten.

Übersicht

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Neugeborenen-Hörscreening - Weitere Informationen

Neugeborenen-Hörscreening zur Früherkennung angeborener Schwerhörigkeit

Etwa 2 bis 3 von 1.000 Neugeborenen kommen mit einer behandlungsbedürftigen Schwerhörigkeit zur Welt. Damit stellen Hörstörungen die häufigste angeborene Sinnesbehinderung dar. Da wirksame Behandlungsmethoden zur Verfügung stehen, kann eine früh erkannte angeborene Schwerhörigkeit in der Regel gut kompensiert werden.

Die Behandlung sollte so früh wie möglich erfolgen, um die physiologischen Phasen der Hörbahnreifung und Lautsprachentwicklung optimal zu nutzen. Die Folgen einer nicht rechtzeitig behandelten Hörstörung sind in Abhängigkeit vom Grad der Hörstörung neben einer eingeschränkten bis ausbleibenden Lautsprachentwicklung auch kognitive, emotionale oder psychosoziale Störungen. Folglich nimmt die Früherkennung mit einem Neugeborenen-Hörscreening eine Schlüsselfunktion in der Therapie und (Re-) Habilitation angeborener Schwerhörigkeiten ein.

Zu spät erkannte Hörstörungen ohne Hörscreening

Versorgungsbedürftige Hörstörungen wurden in Deutschland ohne ein flächendeckendes Früherkennungsprogramm und ohne namentliches Tracking (Nachverfolgung von auffälligen oder noch nicht getesteten Kindern) in der Regel erst im Alter von zweieinhalb Jahren oder später entdeckt. So lag im Jahre 2004 der Erstverdacht für eine Hörstörung im durchschnittlichen Alter von 27 Monaten, die fachärztliche Bestätigung im Alter von 36 Monaten. Geringgradige oder einseitige Hörstörungen werden häufig erst bei der Schuleingangsuntersuchung festgestellt.

Da in vielen Fällen noch einige Monate bis zum Therapiebeginn vergehen (in 2004 im Alter von 38 Monaten), setzt die Behandlung oft erst nach Verstreichen des optimalen Therapiezeitfensters ein. Ohne ein Neugeborenen-Hörscreening werden Hörstörungen grundsätzlich zu spät erkannt, z.B. erst dann wenn Eltern bemerken, dass ihr Kind weniger oder schlechter spricht als Andere. Ein gesundes Hörvermögen ist aber die Voraussetzung vieler Entwicklungsprozesse, insbesondere für eine normale Lautsprachentwicklung!

Hörscreening in den ersten Tagen nach der Geburt des Kindes

Die Auswirkungen einer Hörstörung sind umso gravierender, je später sie erkannt und behandelt wird. Die Früherkennung hörgestörter Kinder und eine frühzeitige Behandlung können dem Kind einen optimalen Start in die Sprachentwicklung sichern. Durch einen einfachen schmerzlosen Hörtest mit einem automatisiert arbeitenden Messgerät können Hörstörungen bereits in den ersten Tagen nach der Geburt des Kindes sicher erkannt werden.

Mit der Einführung eines universellen Neugeborenen-Hörscreenings und der gesetzlichen Verpflichtung durch die Änderung der Kinderrichtlinie seit dem 1.1.2009 ist ein entscheidender Schritt zu einer Früherkennung und Frühversorgung kindlicher Hörstörungen noch im ersten Lebens-Halbjahr in Deutschland gemacht worden.

Aufgabe von Hörscreening-Zentralen

Um die Umsetzung des Neugeborenen-Hörscreenings optimal zu unterstützen sind in einigen Bundesländern Hörscreening-Zentralen etabliert worden. Diese haben die Aufgabe, Kinder und Eltern im sogenannten “Tracking“ zu begleiten, bis die Hörfähigkeit des Kindes in einem spezialisierten pädaudiologischen Zentrum abschließend geklärt ist und – wenn notwendig – die Behandlung und Förderung eingesetzt hat.

Der automatisierte Hörtest

Das Neugeborenen-Hörscreening erfolgt anhand objektiver Hörprüfverfahren in den ersten Tagen nach der Geburt ohne jegliche Belastung des Kindes mit Hilfe von automatisierten Messgeräten.

Welche Messmethoden gibt es beim Neugeborenen-Hörscreening?

1. TEOAE = Transitorisch evozierte otoakustische Emission (Schallaussendungen des Innenohres):

Dem Baby wird eine kleine Sonde in das Ohr gesteckt, über die eine schnelle Serie leiser Test-Töne angeboten werden. Das normal hörende Innenohr sendet daraufhin leise Töne (otoakustische Emissionen, TEOAE) bis in den äußeren Gehörgang des Kindes zurück, die hier mit einer empfindlichen Messsonde registriert werden. Sind diese Emissionen nachweisbar, funktionieren Mittelohr und Hörschnecke bis hin zu den empfindlichen Sinneszellen (äußere Haarsinneszellen).

Neugeborenen-Hörscreening

Abb. 1: Baby beim TEOAE-Screening

2. AABR-Messung = Automated auditory brainstem response (Antworten des Hirnstammes auf Schallreize):

Bei dieser Messmethode werden dem Baby ebenfalls leise Schallreize über die Sonde präsentiert. Die dadurch im Bereich des Hörnerven und des unteren Hirnstammes ausgelösten Nervenimpulse werden über drei kleine Elektroden abgeleitet und automatisch ausgewertet. So ist es möglich, das Hörsystem oberhalb der Sinneszellen der Hörschnecke im Bereich des Hörnerven und des Hirnstammes zu überprüfen. Sind diese Reizantworten, die als AABR bezeichnet werden, sicher nachweisbar, sind Mittelohr, Hörschnecke, Hörnerv und die unteren Abschnitte der zentralen Hörbahn auf Hirnstammebene funktionsfähig. Es ist damit das sicherste Hörprüfverfahren, das zu diesem Zeitpunkt eingesetzt werden kann.

Neugeborenen-Hörscreening

Abb. 2: AABR-Messung beim Neugeborenen

Ein- oder zweistufiges Neugeborenen-Hörscreening

Das Neugeborenen-Hörscreening wird in der Geburtseinrichtung entweder ein- oder zweistufig durchgeführt:

Zweistufiges Hörscreening:

  • Stufe 1.: TEOAE: bei gesunden Neugeborenen
  • Stufe 2.: AABR: bei allen Risikokindern, sowie allen Kindern mit auffälligen TEOAE- Ergebnis

Bei gesunden Neugeborenen werden die TEOAE gemessen. Ist diese Messung wiederholt auffällig, erfolgt die Kontrolle durch eine AABR-Messung. Bei allen Risikokindern (das sind z.B. Babys mit intensivmedizinischer Versorgung oder zusätzlichen Erkrankungen) wird in jedem Falle die AABR-Messung durchgeführt, da diese Kinder ein erhöhtes Risiko für eine Erkrankung im Bereich des Hörnerven und Hirnstammes haben können.

Einstufiges Hörscreening:

  • Stufe 1.: AABR bei gesunden Neugeborenen und bei Risikokindern

Bei allen Neugeborenen wird die AABR-Messung durchgeführt, unabhängig davon, ob sie normalgeboren sind oder aber Risikofaktoren haben.

Beide Testverfahren sind am einfachsten und schnellsten auszuführen, wenn das Baby schläft. Sie sind nicht schmerzhaft und haben keinerlei Nebenwirkungen. Ist das Ergebnis kontrollbedürftig sollte man nicht viel Zeit verstreichen lassen. Das Kind benötigt dann zeitnah eine fachgerechte Nachuntersuchung in einer qualifizierten Einrichtung.

Ergebnisse des Hörscreenings

Das Screeninggerät gibt seine Ergebnisse in Form der Aussage: "unauffällig" oder "kontrollbedürftig" aus. Wenn "unauffällig“ auf dem Bildschirm erscheint, ist alles in Ordnung. Wenn "kontrollbedürftig“ erscheint, besteht die Notwendigkeit einer Kontroll-Untersuchung in der Geburtseinrichtung. Besteht die Kontrollbedürftigkeit bei der Entlassung aus der Klinik, benötigt das Baby zeitnah eine fachgerechte Kontrolle in einer qualifizierten pädaudiologischen Einrichtung.

Ablauf des Neugeborenen-Hörscreenings in der Geburtseinrichtung

Elterneinwilligung Screening-ID beim Hörscreening

In der Geburtseinrichtung erfolgt die Aufklärung der Eltern, sowohl durch das Personal als auch über eine schriftliche Elterninformation.

Nachdem die Eltern dem Hörscreening und/oder einer Datenspeicherung unter Berücksichtigung aller Bestimmungen des Datenschutzes zugestimmt haben, erfolgt die Untersuchung durch die oben genannten objektiven Hörprüfverfahren. Das Testergebnis wird im gelben Untersuchungsheft dokumentiert und bei Zusammenarbeit mit einer Hörscreening-Zentrale an diese übermittelt.

Kinder, die in der ersten Stufe des Hörscreenings (Primärscreening) ein auffälliges Ergebnis zeigen, erhalten zunächst in derselben Einrichtung einen Wiederholungstest (TEOAE, AABR) als zweite Stufe des Hörscreenings bis zur U2. Ist dieses Ergebnis auch bei Entlassung auffällig, ist eine zeitnahe weiterführende Diagnostik notwendig. Diese ausführliche Diagnostik soll laut Gesetzgeber innerhalb der ersten drei Lebensmonate abgeschlossen sein.

Das Tracking durch die Hörscreening-Zentralen

Das namentliche Tracking (Nachverfolgung von testauffälligen oder nicht gescreenten Kindern), ist an Hörscreening-Zentralen organisiert, sofern die Geburtseinrichtung an eine Zentrale angeschlossen ist.

Täglich werden dann der Trackingzentrale die Daten aller angeschlossenen screenenden Geburtseinrichtungen und der Nachuntersuchungsstellen übermittelt. Der Datentransfer personenbezogener-, mess- und messqualitätsrelevanter Daten erfolgt direkt vom Messgerät aus.

Das Tracking soll dazu beitragen, allen Kindern zeitnah eine fachgerechte Nachuntersuchung zu ermöglichen, da die Eltern über das Hörscreening-Zentrum mehrfach an die noch ausstehenden Untersuchungen erinnert werden, sofern die notwendigen Einwilligungen der Eltern vorliegen. Hörscreening-Programme ohne Tracking zeichnen sich leider durch eine hohe "lost-to-follow-up"- Rate von bis zu 50 Prozent aus. Damit sind die Kinder gemeint, die trotz eines kontrollbedürftigen Messergebnisses im Neugeborenen-Hörscreening nicht mehr fachgerecht nachuntersucht werden. Nur mit einem gut organisierten Tracking kann gewährleistet werden, dass hörgestörte Kinder frühzeitig erkannt und versorgt werden können.

Nachuntersuchung (Follow-up) bei auffälligem Ergebnis des Hörscreenings

Bei einem kontrollbedürftigen Testergebnis erhalten die Eltern in den Geburtseinrichtungen Informationen über die nächsten Ansprechpartner und das weitere Prozedere.

Die Adressen qualifizierter Nachuntersuchungsstellen können auch an allen bekannten Stellen z.B. beim Kinderarzt oder HNO-Arzt erfragt werden.

Das Follow-up des Hörscreenings kann zweistufig organisiert sein:

  • Follow-up Stufe 1: Im Rahmen einer Screening-Sprechstunde wird ein weiteres Hörscreening mittels AABR-Messung wiederholt sowie eine Ohrmikroskopie durchgeführt. Gegebenfalls kommen weitere diagnostische Maßnahmen zum Einsatz (z.B. die Tympanometrie zur objektiven Überprüfung der Mittelohrfunktion).
  • Follow-up Stufe 2: Bei Bestätigung des auffälligen Hörscreening-Ergebnisses, ist innerhalb einer zweiten Stufe eine ausführliche, pädaudiologische Differentialdiagnostik in einem pädaudiologischen Zentrum notwendig. Hier wird die sichere Diagnose über die Art sowie auch den Grad einer möglichen Schwerhörigkeit gestellt und damit die entscheidende Grundlage für die weiteren Behandlungsschritte gelegt.

Qualitätssicherung durch Hörscreening-Zentralen

Von großer Bedeutung ist die ständige Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung der Hörscreening-Programme sowie des "Follow-up´s" durch die Hörscreening-Zentralen. Dazu erfolgt die regelmäßige Vollständigkeits- und Qualitätskontrolle von Screening und Follow-up durch die Hörscreening-Zentrale.

Die Schulung und die dauerhafte Betreuung des screenenden Personals, die Auswahl der Messgeräte und -verfahren und der Organisationsablauf der Bestätigungsdiagnostik in den Follow-up-Einrichtungen sind ebenfalls zentrale Aufgaben der Hörscreening-Zentralen. Nur so kann sichergestellt werden, dass mit einer hohen Sensitivität und Spezifität, die von Geburt an schwerhörigen Kinder erkannt und einer frühzeitigen Therapie und Habilitation zugeführt werden.

Autoren: Prof. Dr. med. Karl-Bernd Hüttenbrink, Dipl. Biol. Silke Fabian, Dr. med. Ruth Lang-Roth, Prof. Dr. rer. nat. Martin Walger

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