Kreuzbandriss - Medizinische Experten

Bei einem Kreuzbandriss – auch Kreuzbandruptur genannt – ist das vordere und/oder hintere Kreuzband im Kniegelenk entweder teilweise oder komplett gerissen. Ein vorderer Kreuzbandriss ereignet sich in Deutschland ca. 35.000 Mal jährlich und kommt damit wesentlich häufiger vor als ein Riss des hinteren Kreuzbandes.

Weitere Informationen zum Kreuzbandriss finden Sie im Text weiter unten.

Übersicht

Empfohlene Spezialisten

Kreuzbandriss - Weitere Informationen

Definition: Was ist ein Kreuzbandriss?

Bei einem Kreuzbandriss handelt es sich um einen teilweisen oder kompletten Riss des vorderen oder hinteren Kreuzbandes im Kniegelenk. Je nachdem, ob das vordere oder das hintere Kreuzband betroffen ist, unterscheidet man zwischen einem vorderen und einem hinteren Kreuzbandriss.

Etwa 35.000-mal jährlich – so belegen es die Zahlen des Statistischen Bundesamtes – kommt es in Deutschland zu einer Verletzung des wichtigsten Bandes in unserem Kniegelenk: des vorderen Kreuzbandes. Der vordere Kreuzbandriss ist nicht nur die häufigste Bandverletzung im Kniegelenk, sie ist gleichzeitig auch eine der schwerwiegendsten.

Durch den Kreuzbandriss ist einer der beiden zentralen Stabilisatoren des Gelenkes geschädigt. Durch den Ausfall des Kreuzbandes kommt es zu einem vermehrten Unterschenkelvorschub. Die Stabilität kann dann dauerhaft nur von den übrigen Kniebinnenanteilen aufrechterhalten werden mit der Folge weiterer Schäden an Meniskus, Bändern und Gelenkknorpel.

Welche Ursachen hat ein Kreuzbandriss?

Im sportintensiven Altersintervall von 15 bis 30 Lebensjahren kommt ein vorderer Kreuzbandriss am häufigsten vor. Frauen weisen eine bis zu achtmal höhere Verletzungsrate als Männer auf. Als mögliche Ursachen hierfür werden u.a. hormonelle Einflüsse, unterschiedliche anatomische Unterschiede und differente Trainingsabläufe diskutiert. Jeder dritte Kreuzbandriss geht zeitgleich mit einer Meniskusverletzung einher, auch die Begleitverletzungen von Bändern und Gelenkknorpel sind häufig.

Ein Kreuzbandriss ist in den meisten Fällen die Folge eines Sportunfalls, insbesondere bei Sportarten wie Fußball, Handball und Skifahren. Aber auch Arbeits- und Verkehrsunfälle sind häufige Ursachen für einen Kreuzbandriss. Oft treten die Verletzungen des vorderen Kreuzbandes ohne unmittelbare Fremdeinwirkung auf (> 70 % der Verletzungen).

Vorderes und hinteres Kreuzband sind zentral im Kniegelenk positioniert. Sie stabilisieren das Gelenk und fast den gesamten Bewegungsablauf beim Laufen, Gehen, Springen. Typischerweise entsteht ein Kreuzbandriss durch unvorhergesehene Richtungswechsel: hohe Beschleunigungskräfte – z.B. beim Skifahren – führen am gebeugten Kniegelenk zu einer Außendrehung des Unterschenkels und gleichzeitig zu einem Aufklappen des Gelenkes an seiner Innenseite (sog. Valgusstress), sodass das ansonsten stabile Band schließlich den einwirkenden Kräften nicht standhalten kann. Auch Einwärtsdrehungen mit Verkantungen nach außen (sog. Varusstress) kommen vor, starke Streck- und Beugebewegungen können ebenfalls zu einem Kreuzbandriss führen.

Wie sieht der Unfallmechanismus bei einem Kreuzbandriss aus?

Der klassische Mechanismus, der zu einem vorderen Kreuzbandriss führt, ist der plötzliche und unerwartete Richtungswechsel mit Verdrehen des Körpers bei gleichzeitigem Abstoppen der Schrittgeschwindigkeit, wobei der Fuß am Boden fixiert ist. Ein Kontakt mit einem Gegenspieler ist dabei nicht erforderlich. Wir sprechen von einem Fest-Steh-Verdrehtrauma.

Häufig verspürt der Verletzte beim Kreuzbandriss einen Kracher und kann meist den ausgeübten Sport nicht fortsetzen. Ohne sofortige Eis- und Kompressionsbehandlung schwillt das Knie rasch an (Hämathrose durch Zerreißung der arteriellen Versorgung des vorderen Kreuzbandes, Einblutung in die peripheren Weichteile durch Kapselverletzungen.)

Erst vor kurzer Zeit wurde ein weiterer Mechanismus für einen vorderen Kreuzbandriss festgestellt, der vor allem beim Skifahren beobachtet wurde. Oft ohne jeden Sturz kann es beim Versuch, in unebenem Gelände die Balance zu halten, zu einer Maximalquadrizepskontraktur kommen, die eine VKB analog einem brutal ausgeführten Lachman-Test verursachen kann.

Welche Symptome treten bei einem Kreuzbandriss auf?

Im Moment des Unfalls, also in dem Moment, in dem es zu dem Kreuzbandriss kommt, verspürt der Betroffene heftige Schmerzen sowie ein Zerreiß- oder Verschiebegefühl im Knie, das als Knacken zu hören ist. Unmittelbar nach dem vorderen Kreuzbandriss spürt der Betroffene meist starke Belastungsschmerzen im Gelenk. Rasch bildet sich ein Bluterguss: Es entsteht ein Spannungsgefühl und Belastungsschmerz. Zudem können auch eine Schwellung des Knies und ein Kniegelenkserguss auftreten.

Diese akuten Beschwerden bei einem vorderen Kreuzbandriss klingen meist innerhalb von 10 bis 14 Tagen ab und das Gelenk lässt sich zunächst wieder normal belasten. Häufig verspürt der Betroffene im weiteren Verlauf ein Unsicherheits- und Instabilitätsgefühl im Kniegelenk (giving way) und die Belastbarkeit des Gelenkes lässt auch im Alltag zunehmend nach. Charakteristisch sind Unsicherheiten beim Gehen und ein spontanes Wegknicken im Kniegelenk sowie belastungsabhängige Schmerzen und eine Streck- und Beugehemmung des Kniegelenks.

Irgendwann kommt es dann durch die anhaltende Instabilität zu Folgeschäden am Meniskus und am Gelenkknorpel. Bis zu 80 Prozent der Betroffenen erleiden fünf bis zehn Jahre nach ihrem Kreuzbandriss einen Meniskusriss. Damit wird ein weiterer Stabilisator des Gelenkes verletzt. Diese zunehmende Instabilität mündet später nicht selten in eine Arthrose.

Diagnose beim Kreuzbandriss

Ein vorderer Kreuzbandriss wird im allgemeinen durch die Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) und eine klinische Untersuchung des Kniegelenks diagnostiziert. Ergänzend kommen meist bildgebende Diagnoseverfahren wie die Röntgenuntersuchung oder die Magnetresonanztomographie zum Einsatz.

Anamnese beim Kreuzbandriss

Im Rahmen der Anamnese stellt der behandelnde Arzt dem betroffenen Patienten die folgenden Fragen:

  • Handelt es sich tatsächlich beim jetzigen Knietrauma um einen Erstunfall oder ging dem Unfall schon ein Erstunfall voraus?
  • War das Knie schon nach früheren Verdrehtraumen angeschwollen, hatte es mal gekracht, musste der Patient eine sportliche Betätigung wegen einer akuten Verletzung des gleichen Kniegelenkes abbrechen?
  • Wurde da eine Punktion mit Abziehen von Blut vorgenommen?
  • Erhielt der Verletzte einen Gips oder eine Bandage?
  • War das Knie später nicht mehr so stabil wie das gesunde Knie?
  • Kam es im weiteren Verlauf wiederholt zu Anschwellen bei geringem Verdrehen?

Die 5 wichtigsten Fragen zu den Symptomen:

  • Heftiger Schmerz aus der Tiefe des Gelenkes?
  • Kracher (sehr zuverlässiges Zeichen, wenn positiv, kann aber gelegentlich unbemerkt bleiben)?
  • Schwellung, Erguss (1-24 Stunden nach dem Trauma)?
  • Spiel- oder Sportabbruch (Skifahrer können wegen des Kälteeffektes gelegentlich noch Abfahrten absolvieren)?

Die positive Beantwortung einiger dieser Fragen deutet auf eine frühere Verletzung des vorderen Kreuzbandes hin. Instabilitätsgefühl mit Neigung zu Subluxation ist beweisend für eine chronische vordere Kreuzbandinsuffizienz. Standardröntgenaufnahmen, möglichst mit Vergleich der unverletzten Seite, lassen die Annahme einer alten Kreuzbandverletzung aufgrund von Osteophyten, beginnender Condylenabflachung, Gelenkspaltverschmälerung und/oder Verklumpung der Kreuzbandhöcker bestätigen.

Klinische Untersuchung beim Kreuzbandriss

Die klinische Untersuchung ist eine Kunst und eine Wissenschaft zugleich. Auch wenn die Bandprüfung heute zum Ausbildungsstandard jedes orthopädischen-chirurgischen Assistenten gehört, soll hier auf elementare Besonderheiten im Rahmen von VKB-Verletzungen hingewiesen werden. Auch für das Kniegelenk gelten die allgemeinen Regeln der klinischen Untersuchung:

  1. Betrachten, Inspizieren
  2. Fühlen, Palpieren
  3. Aktives und passives Bewegen.

1. Inspektion

Frische Hautveränderungen lassen auf die Art und Intensität der Verletzung schließen. Spätestens das Feststellen von Verletzungs- und Operationsnarben sollten den Untersucher nach deren Anamnese fahnden lassen. Insbesondere sollte der Untersucher auf folgende Merkmale achten:

  • Kontusionsmarken, Narben
  • Beinachse, Valgus, Varus, Genorekovatum (Kniestellung)
  • Gelenksilhouette (diffuse oder lokale Schwellung)
  • Peripheres Ödem
  • Varizen

Die Fehlstellung von Beinachsen ist von großer prognostischer Bedeutung. So führen Varusfehlstellungen in Kombination mit posterolateralen Kapselbandverletzungen zu Instabilitäten mit erheblichem Handikap für den Patienten.

2. Palpation

Bereits 1879 betonte Segond, dass eine sorgfältige Palpation zusammen mit der Anamnese die richtige Diagnose in einem hohen Prozentsatz erkennen lässt. Dies gilt heute, trotz Röntgen und MRT unverändert, wird aber leider von vielen unerfahrenen Ärzten stark vernachlässigt. Es ist nicht immer ungewöhnlich, dass ein dickes Knie in der Ambulanz oder Sprechstunde zunächst einer Röntgen- oder einer MRT-Analyse unterzogen wird. Doch nichts geht über die Hände des sorgfältigen und erfahrenen Untersuchers. Und Erfahrung akkumuliert sich nur durch eingehendes und wiederholtes Untersuchen eines verletzten Kniegelenkes.

Wichtigste Regel der Untersuchung eines frisch verletzten Kniegelenkes: Vermeide das Auslösen von Schmerzen! Hierzu sollte das Knie in der Kniekehle unterstützt werden, sei es mit einer Rolle oder mit dem Knie des Untersuchers. Dadurch entspannt sich sowohl die Streck- als auch die Beugemuskulatur, das Knie ist in einer weitestgehend schmerzfreien Position. Die Bandprüfung lässt sich nun fast schmerzfrei durchführen. Zuvor sollten alle Schmerzpunkte palpatorisch lokalisiert werden, um ihre Berührung bei der Prüfung der Stabilitätstests zu vermeiden.

Beim frisch verletzten Kniegelenk mit Kreuzbandriss ist es sinnlos ein Pivot Shift Zeichen oder eine vordere Schublade in 90° Beugung ausführen zu wollen. Wegen der dabei auftretenden starken Schmerzen würde der Patient jede weitere Untersuchung zunichtemachen. Gewebeindurationen geben Hinweise auf lokale Verletzungen. Sie sollten bei der Palpation mit sanftem Druck bei gleichzeitigem vorsichtigen und schmerzfreien Beugen des unterstützten Kniegelenkes erfolgen. Je früher nach dem Kreuzbandriss untersucht wird, umso größer ist die Aussagekraft. Daher gehört die Palpation stets vor jede apparative Untersuchung gestellt. Bei der Prüfung der Beweglichkeit notieren wir zuerst die aktive Beweglichkeit und prüfen erst dann das Ausmaß der passiven Beweglichkeit, stets im Seitenvergleich.

3. Aktives und passives Bewegen

Die Seitenbänder prüft man nach Feagin am besten in Hyperextension, 0° und 30° Beugung. Dabei empfiehlt es sich, den Fuß des untersuchten Beines mit dem Ellbogen gegen die Hüfte des Untersuchers zu drücken. Beide Hände umfassen den proximalen Unterschenkel, so dass Zeige- und Mittelfinger den Gelenkspalt abtasten können. Findet man bei Hyperextension eine vermehrte Aufklappbarkeit bei Varusstress, besteht dringender Verdacht auf Ruptur posterolateraler Strukturen (Popliteussehne), Ligamentum arcuatum, hinteres Kreuzband), während bei Valgusstress und Hyperextension eine Verletzung der dorsomedialen Strukturen eventuell mit hinterer Kreuzbandbeteiligung vorliegen dürfte.

Die abnorme OP-Beweglichkeit wurde bereits von Segond (1879) als signifikantes Symptom einer frischeren VKB-Verletzung beschrieben. Heute als Lachman-Test bekannt, (Torg, 1976), finden wir vielleicht die detaillierteste Beschreibung dieses wohl wichtigsten Testes in der Sporttraumatologie, die Untersuchung des verletzten Kniegelenkes in leichter Beugestellung (20-30°), durch G. Noulis im Jahre 1875. Dabei ist auf die Qualität des Anschlags beim Fortwärtsziehen der Tibia zu achten. Ein harter, prägnanter Anschlag spricht für ein intaktes VKB. Ein weicher Anschlag für eine Ruptur oder Fehlen des VKB. Eine vermehrte AP-Verschieblichkeit (Translation) deutet bei regelrechtem harten Anschlag auf einen Kreuzbandriss oder eine Insuffizienz des hinteren Kreuzbandes hin.

In diesem Fall muss auf ein mögliches Zurücksinken des Tibiakopfes in 70° Beugestellung gegenüber der gesunden Seite als weiteres Zeichen für eine hintere Instabilität geachtet werden. Die Festlegung des Nullpunktes stellt bei der Prüfung der APVerschieblichkeit das schwierigste Problem dar. Das Palpieren der Position von vorderer Tibiaplateaubegrenzung im Verhältnis zu den Condylen eine gewisse Einschätzung der Nullposition vorzunehmen, exakte Informationen erhält man aber erst mit dem radiographischen Lachman-Test (Aufnahme mit vorderer und hinterer Schublade). Nach meiner Erfahrung hat sich die Durchführung des Lachman-Tests am sichersten mit Hilfe der Entlastung der Oberschenkelbeuger durch das Untersucherknie bewährt.

Ebenso unerlässlich wie der Lachman-Test sind für die Untersuchung subakuter und chronischer VKB-Läsionen die dynamischen Tests. Sie beruhen alle auf der Provozierung einer Subluxation der Tibia und deren Reduktion in die normale Position, verbunden mit einem deutlichen Schnappen. Diese Tests gibt es in zahlreichen Varianten, doch liegt allen das gleiche Prinzip zugrunde. In Streckung lässt sich durch leichten Druck mit einer Hand im Bereich der Wade die Tibia nach vorne subluxieren, wenn eine VKB-Insuffizienz vorliegt. Der Traktus ileotibialis liegt in diesem Moment vor dem Epicondylus des lateralen Femurcondylus. Beugt man den Unterschenkel langsam, rutscht der Traktus allmählich über den Epicondylus.

Radiologische Untersuchungen beim Kreuzbandriss

Angesichts der Errungenschaften der röntgenstrahlenfreien Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) mit ihren exzellenten, nichtinvasiven diagnostischen Möglichkeiten stellt man automatisch die Frage nach der Notwendigkeit von Röntgenaufnahmen. Nicht nur aus Kostengründen, sondern auch wegen der wesentlich besseren Verfügbarkeit können wir heute noch nicht auf gewisse Röntgenuntersuchungen verzichten. Allerdings beschränken wir uns bei Kniebinnenverletzungen auf wenige Aufnahmen. Die herkömmliche Standardaufnahme des Kniegelenkes im Liegen, AP und seitlich sollte nur noch beim frischen Knietrauma zum Frakturausschluss durchgeführt werden (Gelenkfrakturen, Segond-Fraktur).

Zur Standardaufnahme gehört auch die tangentiale Patellaaufnahme in 30-40° Beugestellung (Sonnenuntergangsaufnahme) zur Erkennung von knöchernen Verletzungen bei Verdacht auf Patellaluxation oder -subluxation. Bei älteren Verletzungen oder chronischen Instabilitäten können wir auf diese Standardaufnahmen verzichten. Hier sollten folgende Funktionsaufnahmen an ihrer Stelle durchgeführt werden:

1. Stehaufnahme nach Rosenberg: Dabei steht der Patient, die Knie um 45° gebeugt mit der Kniescheibe an der Kassette angelehnt, während die Röntgenröhre um 10° nach unten geschwenkt ist, damit diese parallel zum Tibiaplateau ausgerichtet ist. Diese Aufnahme erlaubt einerseits eine Aussage über den Grad von Knorpelschäden, in den beim Laufen belasteten Zonen des Tibiaplateaus und der Femurcondylen, andererseits ersetzt sie die Tunnelaufnahme nach Frick zur Beurteilung der Eminetia intercondylica und der Kreuzbandhöhle (Notch). Ausziehungen und Verplumpungen der Intercondylen deuten auf einen chronischen vorderen Kreuzbandriss hin. Die Größe der Notch und ihre Form, ob „gotisch“ oder „romanisch“, ist ebenso beurteilbar wie osteophytäre Einengungen.

2. Seitliche Aufnahme im Stehen: Auch die seitliche Aufnahme empfiehlt sich im Stehen, möglichst einbeinig, auszuführen. Bei Instabilitäten aufgrund vorderer Kreuzbandinsuffizienz kommt es bei unzureichender muskulärer Kompensation und bei stärker Declination der Tibia nach dorsal zu einer Subluxation der Femurcondylen nach hinten, die mit einer Schablone) einfach auszumessen ist und bereits einen quantitativen Hinweis für das Ausmaß der Instabilität gibt. Schließlich lässt sich auch der Lachman-Test radiographisch objektivieren. Am einfachsten kann dieser Röntgentest mit dem TELOS-Haltegerät durchgeführt werden (Pässler). Dabei wird die Tibia mit überlicherweise 15 kp in Höhe der Wade nach vorne gedrückt, während der Patient auf der Seite liegt. Der Grad der vorderen Schublade in leichter Beugestellung von 20- 30° (Lachman-Position) lässt sich wiederum mit einer Schablone ausmessen.

Magnetresonanztomographie beim Kreuzbandriss

Die Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT), auch häufig bei uns auch als Kernspintomographie bezeichnet, zählt zweifellos zur bedeutendsten diagnostischen Errungenschaft unserer Zeit. Die präzise und in dieser Aussagekraft bisher nicht dagewesene Diagnostik ligamentärer Läsionen, Meniskusschäden, Knochenfissuren und bedingt auch Knorpelschäden hat dazu geführt, dass das Übersehen therapiebedürftiger Läsionen immer seltener wird. Damit lassen sich aber auch nahezu alle diagnostischen, arthroskopischen Eingriffe vermeiden.

Während der erfahrene Kliniker sehr viel seltener eine MRT-Untersuchung zur Abklärung ligamentärer Knieinnenverletzungen benötigt, da ihm die klinische Untersuchung fast immer zur Diagnose ausreicht, wird selbst er auf ein MRT ungern verzichten wollen, wenn es zum Beispiel um die Frage einer begleitenden Meniskusverletzung im Rahmen eines chronischen vorderen Kreuzbandrisses zur Planung des operativen Vorgehens geht (Eine mögliche Meniskusrefixierung würde zum Beispiel eine Verlängerung der Operation um etwa eine Stunde bedeuten.). Die Einstufung der „Bone Bruses“, ein lokales Knochenödem, ist noch umstritten. Möglicherweise ist an dieser Stelle der Knorpel durch Kontusion traumatisiert, ohne dass dies bei der Arthroskopie gesehen werden muss.

Einschränkungen erfährt die MRT bei postoperativen Kniegelenken durch Narbenbildung oder vorallem Metallartefakte, sei es durch Schrauben oder einfach durch feinste Metallspäne der Bohrer und Fräsen, die bei der Erstoperation verwandt wurden. Auch bedeutet die Darstellung des VKB-Transplantats noch lange nicht, dass es funktioniert.

Mit Hilfe des MRT gelang auch der Nachweis, dass Kniegelenksseitenbänder ebenso wie fibulare Bänder der Sprunggelenke nach Ruptur unter reiner funktioneller nichtoperativer Therapie perfekt ausheilen.

Szintigraphie beim Kreuzbandriss

Eine weitere Untersuchung aus dem Bereich der Radiologie die Szintigraphie, hat in den letzten Jahren für die Erfassung von „aktiven“ Knorpel/Knochen-Läsionen beim Kniegelenk an Bedeutung gewonnen. So deuten „Hot spots“ auf aktive chondoromalazische Herde mit Zelluntergang hin. Instabile Kniegelenke mit Hot spots sollten möglichst stabilisiert werden, um das Fortschreiten dieser Knorpelprozesse zu bremsen.

Wie wird ein vorderer Kreuzbandriss behandelt?

Ein Kreuzbandriss kann grundsätzlich sowohl konservativ als auch operativ behandelt werden. Konservative Therapieverfahren beinhalten unter anderem die Physiotherapie zur Stabilisierung des Kniegelenks und zum Muskelaufbau sowie die Schmerztherapie und die Kältetherapie. Weil der vordere Kreuzbandriss vor allem junge und sportliche Menschen betrifft, haben die Patienten sehr häufig den Wunsch, weiterhin sportlich aktiv zu sein. Prinzipiell ist das bei einer guten Muskelführung des Kniegelenkes auch ohne ein funktionstüchtiges vorderes Kreuzband denkbar.

Doch sollte man sich nicht täuschen lassen: Aufgrund möglicher Folgeschäden kann fünf Jahre nach einem Kreuzbandriss tatsächlich nur noch etwa jeder zweite Betroffene seinen Sport uneingeschränkt betreiben. Außerdem ist es einfach lebensfern, dass Patienten mit vorderem Kreuzbandriss langfristig und z.T. über Jahrzehnte hinweg intensiven Muskelaufbau betreiben würden.

Somit bestehen eigentlich keine Zweifel daran, dass das vordere Kreuzband nach einem Kreuzbandriss operativ im Rahmen einer Kreuzband-OP stabilisiert werden sollte. Das betrifft übrigens nicht mehr nur die jungen Erwachsenen, sondern auch Kinder und ältere Menschen. Bei der operativen Behandlung wird das gerissene Kreuzband im Rahmen einer sogenannten Kreuzbandplastik durch eine intakte körpereigene Sehne ersetzt.

Operative Behandlung beim Kreuzbandriss

Die modernen arthroskopischen Techniken haben die ältere Technik, bei der das gesamte Gelenk eröffnet werden muss, vollständig verdrängt. Auch Techniken, bei denen das zerrissene Kreuzband wieder zusammengenäht wurde, sind heute überholt. Stattdessen wird das verletzte Kreuzband durch eine körpereigene Sehne ersetzt.

Wann sollte die Operation bei einem Kreuzbandriss stattfinden?

Der ideale Zeitpunkt für die Ersatzplastik nach einem vorderen Kreuzbandriss ist umstritten. Um Komplikationen bei der Operation zu vermeiden, warten bei isolierten Kreuzbandverletzungen viele Operateure mindestens vier bis sechs Wochen ab. Der Eingriff kann aber auch unmittelbar nach dem Kreuzbandriss vorgenommen werden, wenn im verletzten Gelenk noch nicht der körpereigene Heilungsprozess eingesetzt hat. Auch Begleitverletzungen entscheiden oft über den richtigen Zeitpunkt: gerade Meniskusverletzungen sind häufig und sollten dann und soweit technisch überhaupt möglich zeitnah genäht werden.

Welches Material wird bei der Operation verwendet?

Als Material zur Ersatzplastik bei einem Kreuzbandriss kommen in erster Linie die Patellasehne und die Semitendinosussehne infrage, wobei noch immer die Verwendung der Patellassehne den „golden standard“ darstellt; verschiedene Operateure setzen primär auch die Quadrizepssehne ein. Alle Transplantate können Probleme in der operativen Anwendung mit sich bringen – wirklich entscheidend für den Patienten und technisch anspruchsvoll für den Orthopäden ist die richtige Platzierung der Ersatzsehne im Kniegelenk: Es muss möglichst genau an der gleichen Stelle wie das ursprüngliche Kreuzband positioniert werden. Denn nur so wird die annähernd volle Belastungs- und Bewegungsfähigkeit des Kniegelenkes nach einem Kreuzbandriss gesichert.

Wie kann die Operation bei einem Kreuzbandriss durchgeführt werden?

Überwiegend wird als Transplantat ein einzelner Sehnenstrang i.S. einer sog. Einzelbündeltechnik in das Kniegelenk eingesetzt. Dies entspricht jedoch nicht den anatomischen Vorgaben: eigentlich besteht das Kreuzband aus drei einzelnen Hauptfaserbündeln, die schraubenförmig ineinander verwunden sind. Biomechanische Untersuchungen legen nahe, dass dabei das anteromediale und das posteromediale Bündel die Hauptführung sicherstellen. In Kenntnis dieser anatomischen Gegebenheit hat sich seit einigen Jahren eine weiterführende Operationstechnik entwickelt, bei der nicht mehr ein einzelnes Bündel als Transplantat bei einem Kreuzbandriss eingesetzt wird, sondern zwei etwas schmalere, die dafür aber mehr im ursprünglichen Verlauf der beiden Faserbündel eingesetzt werden.

Diese moderne Doppelbündeltechnik soll vor allem die unangenehme postoperative Rotationsinstabilität verhindern, die gelegentlich nach konventioneller Technik verbleiben kann. Diesem – noch nicht sicher verifizierten – Vorteil stehen allerdings der höhere operative Aufwand, verfahrensbedingte Komplikationen, die höheren Kosten und ein vermehrter Aufwand im Revisionsfall entgegen.

Wie auch immer, auch wenn diese Technik z.Z. noch Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion ist und bisher kein Routineverfahren darstellt, ist dieser Therapieansatz ausgesprochen vielversprechend und stellt in der modernen Kreuzbandchirurgie eine ernsthafte Alternative dar.

Wie sieht die Nachbehandlung nach der Operation aus?

Die Schwere der Knieverletzung wird auch in der Nachbehandlung nach einem Kreuzbandriss deutlich. Dabei gilt die Rehabilitation als wichtigste Maßnahme, um den Erfolg der Operation dauerhaft zu sichern.

Die Nachbehandlung nach einer Operation beim Kreuzbandriss muss frühfunktionell erfolgen, Ziel ist eine möglichst rasche und vollständige Streckung des Kniegelenkes und eine Beugefähigkeit von bis zu 120°.

Die Arbeitsfähigkeit ist zumindest bei einer Bürotätigkeit nach 14 Tagen wiederhergestellt. Die sachgerechte und zeitintensive Rehabilitation dauert wesentlich länger – sie kann durchaus erst nach acht bis zehn Wochen oder sogar noch später abgeschlossen sein.

Und fast immer muss sich daran noch ein weiteres individuelles Aufbautraining anschließen. So ist meist erst nach drei Monaten überhaupt ein leichtes Lauftraining möglich, und die Wiederaufnahme kniebelastender Sportarten ist frühestens nach einem halben Jahr empfehlenswert.

Prognose beim Kreuzbandriss

Die Langzeitprognose einer richtig durchgeführten Kreuzbandersatzoperation ist insgesamt gut: Die Stabilität des Gelenkes ist über Jahre gesichert. Allerdings muss der Betroffene auch wissen, dass die Entstehung einer Arthrose im verletzten Gelenk nicht immer verhindert werden kann.

Ihre Entwicklung ist trotz einer gelungenen Operation entscheidend von den vorhandenen Vorschäden oder den begleitenden Meniskusverletzungen abhängig. Aber: Nur ein stabilisiertes Gelenk hat eine Chance, davor wirklich geschützt zu sein.

Wie kann man einem Kreuzbandriss vorbeugen?

Dem Risiko, einen Kreuzbandriss zu erleiden, kann mittels Kraft-, Propriozeptions- und Koordinationstraining vorgebeugt werden. Damit gelingt es, alltags- bzw. sportartspezifische Bewegungsabläufe in ungewohnten Belastungssituationen zu optimieren. Den Schwerpunkt der Vorbeugung eines Kreuzbandrisses bildet die Schulung von Schutzreflexen zur Stabilisierung in Extremsituationen. Hierzu zählen unvorhergesehene Ereignisse wie z.B. Stolpern oder hohe muskulär-koordinative Anforderungen wie beispielsweise beim Skisturz.

Die trainierte kniegelenksumgebende Muskulatur ist in der Lage, große Belastungen aufzufangen, wenn sie rechtzeitig und richtig abgestimmt aktiviert wird. Bei übermäßiger Belastung bzw. überraschend auftretenden Krafteinwirkungen geht die Belastung direkt auf die Bänder des Knies über. Ein Zeitgewinn, der dem Muskel die Chance gibt einzugreifen, stellt in dieser Phase den wichtigsten Schutzfaktor dar, um traumatisch bedingten Überlastungen und Schäden wie einem Kreuzbandriss entgegenzuwirken.

Neben dem präventiven Training kommt hier auch die prophylaktische Knieschiene zur Vorbeugung eines Kreuzbandrisses in die Diskussion. Zur sinnvollen Konstruktion und zum Einsatz einer prophylaktischen Orthese (Schiene) ist folglich eine genaue Zielsetzung (Sportart) unter Berücksichtigung der sportartspezifischen Verletzungsmechanismen erforderlich. So sind die Verletzungsmechanismen bei Sportarten, die eine vermehrte Fixierung des Beines auf der Unterlage erfordern und die Reibung mit Stollen, wie im Fußball oder American-Football, erhöhen, nicht mit dem Eishockeysport zu vergleichen, der eine reduzierte Reibung mit verminderter Fixierung auf dem Untergrund (Eis) anstrebt.

Im American Football können durch das prophylaktische Tragen einer Knieschiene sogar mehrere oder größere Verletzungen an den angrenzenden Gelenken, besonders im oberen Sprunggelenk auftreten. Im Gegensatz dazu konnte beim Eishockey keine Zunahme von Verletzungen im Bereich des Sprunggelenks festgestellt werden. Der unterschiedliche Verletzungsmechanismus und die Schienung des OSG durch den Schlittschuh scheinen hierfür ursächlich zu sein. Mittlerweile wurden im Rahmen unserer 10-jährigen prospektiven Studie mehr als 100 prophylaktische Schienen bei Eishockeyspielern angepasst und brachten durchweg positive Ergebnisse. Unseren Erfahrungen bei der Eishockeynationalmannschaft nach, ist der Einsatz von Orthesen als Prophylaxe gegen einen Kreuzbandriss und andere Verletzungen bei dieser Sportart zu befürworten.

Autor: Dr. med. Jürgen Walpert

Standorte der Spezialisten

Klinikstandorte
Flughäfen