Humeruskopffraktur - Medizinische Experten

Bei einer Humeruskopffraktur handelt es sich um eine knöcherne Verletzung des Oberarmkopfes, die mit Schmerzen, Schwellungen und Blutergüssen in Oberarm und Schulter sowie einer eingeschränkten Funktionalität und Beweglichkeit einhergeht. Da bei einer Humeruskopffraktur unterschiedliche Bereiche des Oberarmkopfes betroffen sein können, variieren die Behandlungsmethoden von Ruhigstellung und Krankengymnastik bis hin zu Operationen zur Rekonstruktion des Oberarmkopfes oder zum Einsetzen eines künstlichen Gelenks. Die Diagnose einer Humeruskopffraktur (Oberarmkopfbruch) erfolgt in der Regel durch eine Röntgenaufnahme.

Weitere Informationen zum Oberarmkopfbruch finden Sie im Text weiter unten.

Übersicht

Empfohlene Spezialisten

Humeruskopffraktur - Weitere Informationen

Definition, Häufigkeit und Ursachen einer Humeruskopffraktur

Als Humeruskopffrakturen werden knöcherne Verletzungen des Oberarmkopfes bezeichnet. Diese Art der Verletzung tritt vor allem nach Stürzen auf den gestreckten Arm und auf die Schulter auf und macht circa 4 bis 5 Prozent aller Frakturen aus. Zudem ist die Humeruskopffraktur mit einem Anteil von 47 Prozent die am häufigsten auftretende Fraktur am Schultergürtel.

Risikofaktoren für Humeruskopffrakturen sind ein fortgeschrittenes Alter sowie das Vorhandensein von Osteoporose. Da die Bevölkerung immer älter wird und damit die Häufigkeit von Osteoporose zunimmt, steigt auch die Anzahl von Oberarmkopfbrüchen kontinuierlich. Frauen sind durchschnittlich 2- bis 3-mal häufiger betroffen als Männer.

Anatomie des Oberarms

Der Oberarm bildet mit der Schulterpfanne den wesentlichen, beweglichen Teil des Schultergelenks aus. Dabei ist der Knochen des Oberarmkopfes wesentlich größer als die Schultergelenkpfanne. Dies wurde von der Evolution so gestaltet, damit die Beweglichkeit im Schultergelenk so groß wie möglich ist. Jedoch bedeutet dies auch gleichzeitig, dass die Festigkeit des Gelenks nicht so groß sein kann wie bei Gelenken, deren artikulierender Knochen fast komplett von der umgebenden Pfanne umfasst ist, z.B. beim Hüftgelenk.

Daher muss die Stabilisierung des Schultergelenks hauptsächlich durch die angewachsenen Weichteile, Sehnen, Muskeln und Bänder kommen. Dieses Wissen ist ganz wesentlich für das Verständnis der nachfolgenden Beschreibungen von Humeruskopffrakturen (Oberarmkopfbrüchen) und deren Therapien. Die nachfolgende Grafik zeigt die Grundlagen der Anatomie stark vereinfacht:

Oberarm Anatomie

  1. Oberarmkopf/Tuberculum majus
  2. Oberarmkopf: Gelenkknorpel
  3. Schultergelenkpfanne
  4. Schlüsselbein
  5. Schulterdach
  6. Oberarmschaft
  7. Schultereckgelenk

 

Kommt es zu einem Unfall, so können verschiedene Strukturen des Oberarmkopfes verletzt werden. Diese Verletzungen unterscheiden sich erheblich in ihrer Diagnostik, ihrer Therapie und ihrem langfristigen Ergebnis, sodass man nicht alle Humeruskopffrakturen gemeinsam betrachten kann. Auch gibt es zahlreiche Kombinationen aus Weichteilverletzungen (z.B. Rotatorenmanschettenruptur) und knöchernen Verletzungen. Deshalb werden im Folgenden aus Gründen der Übersichtlichkeit nur Knochenbrüche besprochen.

Unterschiedliche Typen des Oberarmkopfbruches

In Abhängigkeit von der Anzahl der beim Oberarmkopfbruch entstandenen Fragmente, des Ausmaßes der Fragmentverschiebung und der Höhe des Frakturverlaufs wird die Verletzung in unterschiedliche Typen eingeteilt, bei denen unterschiedliche Verfahren zur Behandlung angewandt werden.

Man unterscheidet Typ-0-Frakturen als nicht verschobene „Einteil-Fraktur“ von Typ-A-Frakturen als Zweifragmentfrakturen mit Abriss des großen Rollhügels (Tuberculum majus) oder des kleinen Rollügels (Tuberculum minus). Des Weiteren gibt es Typ-B-Frakturen, die im chirurgischen Hals verlaufen und 2 bis 4 Frakturfragmente aufweisen können. Typ-C-Frakturen verlaufen im anatomischen Hals. Auch hier können sich 2 bis 4 Frakturfragmente finden.

Unter Typ-X-Frakturen verstehen wir die vordere oder hintere Luxationsfraktur (Ausrenkung des Schultergelenkes mit begleitendem Knochenbruch). Nach der Schultergelenksreposition (Wiedereinrenkung) erfolgt die Einteilung dieser Fraktur zusätzlich gemäß Typ A bis C. Zusätzlich grenzen wir die Kopfkalottentrümmerfrakturen (so genanntes Head-Splitting und Impressionsfrakturen) ab.

Symptome einer Humeruskopffraktur

Wie bei allen Brüchen ist auch bei einer Humeruskopffraktur das Hauptsymptom der Schmerz sowie die eingeschränkte Funktionalität und Beweglichkeit. Bei einem Oberarmkopfbruch hält der Betroffene den Oberarm in einer Schonhaltung, um Schmerzen zu minimieren. Zumeist kann das Auftreten einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Schwellung des Schultergelenks beobachtet werden. Es folgt das Auftreten eines Blutergusses (Hämatom) im Bereich der betroffenen Schulter. Eine Ausbreitung des Hämatoms bis zum Ellbogen ist möglich.

Diagnose eines Oberarmkopfbruchs

Die Bestätigung des Verdachts auf eine Humeruskopffraktur wird durch eine Röntgenaufnahme ermöglicht. Als weiterführende Untersuchung bei komplexen Brüchen des Oberarmkopfes dient die Computertomographie (CT). Eine CT-Untersuchung hilft auch bei der Entscheidung, ob eine operative Versorgung der Humeruskopffraktur notwendig ist oder nicht.

Behandlung einer Humeruskopffraktur

Ziel der Behandlung ist das schmerzfreie Erhalten des freien Bewegungsausmaßes des Schultergelenkes in Abhängigkeit vom Alter und Funktionsanspruch des Patienten. So ist das Behandlungskonzept individuell den Ansprüchen des Patienten anzupassen.

Behandlungsprinzipien bei einem Bruch des Oberarmkopfes (Humeruskopffraktur)

60 bis 85 Prozent der Oberarmkopffrakturen sind Typ-0-Frakturen. Die nichtverschobene, oder nur gering verschobene Oberarmkopffraktur (Typ-0-Fraktur) wird nicht operiert. Da dieser Frakturtyp durch die Knochenhaut, die Gelenkkapsel und die Muskulatur „geschient“ wird, reicht eine Ruhigstellung im Schlauchverband für 7 bis 14 Tage bis zum Nachlassen der Schmerzen aus. Wichtig ist eine frühfunktionelle Übungsbehandlung um ein Einsteifen des Schultergelenkes zu verhindern. Nach etwa 6 bis 8 Wochen ist der Knochenbruch wieder fest durchbaut.

Die Frakturtypen A bis C, Typ-X sowie die Oberarmkopftrümmerfrakturen zwingen jedoch, durch die starke Fehlstellung und der damit verbundenen Bewegungseinschränkung und Schmerzen zur möglichst ursprünglichen Wiederherstellung des Oberarmkopfes durch eine Operation. Hierbei werden unterschiedliche Materialien zur Stabilisierung des Knochenbruches in Abhängigkeit vom Frakturtyp verwendet. So kann eine Fraktur entweder mittels Drähten, Schrauben oder Platten stabilisiert werden.

Ist durch die Schwere der Verletzung jedoch mit Hilfe dieser Materialien keine schultergelenkfunktionserhaltende Operation möglich oder sind die versorgenden Gefäße des Oberarmkopfes zerstört, sodass die Wahrscheinlichkeit des Absterbens des Oberarmkopfes sehr hoch ist, besteht die Möglichkeit des Oberarmkopfersatzes durch eine Schulterprothese (künstlicher Gelenkersatz). In den letzten Jahren wurden für diese Art des Gelenkersatzes spezielle Frakturprothesen entwickelt, die sich individuell auf die Fraktur abstimmen lassen.

So ist der Prothesenkopf höhenverschiebbar, um eventuelle frakturbedingte Höhenverluste auszugleichen. Des Weiteren besitzt die Frakturprothese besondere Vorrichtungen um die abgerissenen Rollhügel (Tub. majus und minus) an der Prothese in anatomischer Position zu refixieren. Dies ist wichtig, da an den Rollhügeln die Sehnen der Rotatorenmanschette ansetzen. Eine Sonderstellung nimmt die Oberarmkalottentrümmerfraktur ein. Wird bei dieser Fraktur mehr als 40 Prozent der Gelenkfläche zerstört, ist auch hier der Gelenkflächenersatz mittels Oberarmkopfprothese angezeigt.

Behandlung der unterschiedlichen Arten von Humeruskopffrakturen

Ein Problem von Brüchen im Schulterbereich stellt das rasche Einsteifen der Schulter dar. Daher sollte bei einem Oberarmkopfbruch eine längere Ruhigstellung im Gips oder Verband unterbleiben. Da die Behandlung der unterschiedlichen Brüche des Oberarmkopfes sehr unterschiedlich ist, werden im Folgenden die einzelnen Oberarmkopfbrüche und deren Behandlung besprochen:

Humeruskopffraktur mit Tuberculum majus Abrissfraktur

Bei der Humeruskopffraktur mit Tuberculum majus Abriss kommt es zum Absprengen des großen Knochenvorsprunges, an dem die Rotatorenmanschette angewachsen ist. Der Unfallmechanismus ist meist ein direktes Anpralltrauma oder eine Ausrenkung (Luxation) der Schulter. Dabei bleibt dann typischerweise der abgesprengte Teil des Tuberculum stehen (siehe Abbildung 1). Nach der Wiedereinrenkung der Schulter legt sich der Knochen entweder gut an seine ursprüngliche Stelle an, oder er befindet sich weiter in Fehlstellung (siehe Abbildung 2).

Humeruskopffraktur 1

Im letzteren Fall muss dann das Knochenfragment mittels einer kleinen Operation wieder an seinen ursprünglichen Platz gebracht und mittels Schrauben oder starken Fäden so lange fixiert werden, bis dieses wieder angeheilt ist. Die Nachbehandlung sieht für diese Phase von 6 Wochen, die der Knochen zum Anheilen braucht, geführte Bewegungen ohne eigene Kraftentwicklung vor. Dann kann eine Abschlussröntgenkontrolle den Erfolg des Einheilens dokumentieren und mit aktivem Muskel- und Bewegungsaufbau begonnen werden.

Subkapitale Humeruskopffraktur

Unter einer subkapitalen Humeruskopffraktur versteht man einen Bruch, der durch die komplette Zirkumferenz (Umfang) des Oberarmkopfes läuft. Die roten Linien in der nebenstehenden Grafik verdeutlichen die unterschiedlichen Bruchlinien, die durch den Oberarmkopf laufen können.

Subkapitale Humeruskopffraktur

Die Behandlung dieser im allgemeinen Sprachgebrauch meist nur als Humeruskopffraktur bzw. Oberarmkopfbruch bezeichneten Verletzungen richtet sich nach dem Ausmaß der Verschiebung der Knochenfragmente. Sind die Knochenfragmente nur gering verschoben, kann die Therapie ohne Operation erfolgen, und zwar durch Ruhigstellung im Gilchrist-Verband für 3 Wochen und Krankengymnastik mit geführten Bewegungen aus dem Verband heraus für 6 Wochen.

Humeruskopffraktur 2

Diese Therapie wird auch „konservativ“ genannt, weil keine Operation erfolgt. Wichtig ist dabei, dass man den Heilungsverlauf in regelmäßigen Abständen mittels Röntgenbild kontrolliert, weil sich manchmal die Brüche während dieses Verlaufs verschieben. Dies ist im folgenden Beispiel gezeigt:

Humeruskopffraktur 3

Humeruskopf-Trümmerfraktur (Head-split-Fraktur)

Manchmal ist der Oberarmkopf so zertrümmert, dass die Durchblutung der einzelnen Knochenstücke zerstört ist. Dann kann der Knochen nicht mehr heilen und muss durch ein künstliches Gelenk ersetzt werden.

Humeruskopffraktur 4

Die Entscheidung, ob der Oberarmkopf nach einer Humeruskopf-Trümmerfraktur noch gerettet werden kann oder durch ein künstliches Gelenk ersetzt werden muss, hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Die Entscheidung steht und fällt mit der Frage, wie die Versorgung der Knochenfragmente mit Blut erfolgen kann, da dies die Grundlage der Knochenheilung ist. Ohne Blut erfolgt keine Heilung. Somit wird die Entscheidung ganz wesentlich von allen Faktoren beeinflusst, welche die Durchblutung betreffen. Ein weiterer wesentlicher Faktor ist der Grad der Osteoporose. Dieser Knochenschwund führt dazu, dass der Knochen im Inneren dünner wird und weniger Last tragen kann. Somit ist die Verankerung von Schrauben in stark osteoporotischem Knochen auch erheblich erschwert.

Somit ergibt sich die Entscheidung, ob der Oberarmkopf erhalten werden kann oder ersetzt werden muss aus den folgenden Faktoren: Ganz wesentlich ist das Alter des Patienten, da der Grad der Osteoporose davon stark beeinflusst ist. Darüber hinaus spielt aber auch dessen genereller Gesundheitszustand eine Rolle. Starke Raucher haben schon von vorneherein eine schlechtere Durchblutung. Aber auch chronische Krankheiten wie Dialyse, Kortison-Therapie und Diabetes verschlechtern den Blutfluss.

Bei sorgfältiger Abwägung kann man bei jungen, gesunden und sportlichen Patienten die Rekonstruktion versuchen, obwohl bei dieser ein höheres Risiko besteht, dass sie nicht funktioniert und dann doch eine Prothese eingesetzt werden kann. Wenn diese jungen und sportlich aktiven Patienten bereit sind, dieses Risiko mitzutragen, kann man die Rekonstruktion versuchen, wie das nächste Beispiel zeigt:

Humeruskopffraktur 5

Die Operationstechnik bei Oberarmkopfbrüchen hat sich in den letzten Jahren durch neue sogenannte winkelstabile Implantate revolutionär verbessert. Dadurch ist man heute in der Lage, auch schwerste Brüche wieder zu rekonstruieren und ohne künstliches Gelenk zu versorgen. Entscheidend ist dabei die Erfahrung des Operateurs.

Nachbehandlung bei einem Bruch des Oberarmkopfes (Humeruskopffraktur)

Die Nachbehandlung ist individuell durchzuführen. Ebenfalls sind die Dauer der Arbeitsunfähigkeit und der Zeitpunkt der Wiederaufnahme des sportspezifischen Trainings von der Verletzung und von dem gewählten Operationsverfahren abhängig.

Heilungschancen bei Humeruskopffrakturen

Die Prognose von Oberarmkopfbrüchen hängt vor allem von deren Komplexität ab: Mit steigender Anzahl der Fragmente sinkt die Wahrscheinlichkeit, die Funktion der Schulter wieder vollständig herstellen zu können. Weitere maßgebliche Faktoren für die Heilungschancen bei einem Oberarmkopfbruch sind einerseits das Alter der Patienten, andererseits bereits bestehende, abnützungsbedingte, knöcherne oder muskuläre Einschränkungen.

Risiken einer Operation bei Humeruskopffrakturen (Oberarmkopfbrüchen)

Die Risiken der Operation sind:

  • Infektionsgefahr und Wundheilungsstörungen
  • Nervenläsionen
  • das Ausbleiben der Knochenheilung mit Ausbildung eines Falschgelenks
  • Implantatversagen (Bruch einer Schraube oder Platte)
  • Funktionseinschränkung der Schulter

Fazit zur Humeruskopffraktur

Zusammengefasst lässt sich zur Humeruskopffraktur festhalten, dass die Anzahl dieser Verletzung in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Die Therapie einer Humeruskopffraktur hängt zum einen vom Grad der Verschiebung und vom anderen vom Gesundheitszustand des Patienten ab. Falls eine Operation erfolgen muss, ist es wichtig, dass die Klinik Erfahrung mit Fällen dieser Art hat, da die Funktion erheblich vom operativen Verfahren abhängt.

Bilder: Radiologisches Bildmaterial wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Herrn Dr. Stefan Wirth.

Grafiken: von Frau Hella Thun

Autoren: Univ. Prof. Dr. Peter Biberthaler, Prof. Dr. med. Peter Habermeyer

Standorte der Spezialisten

Klinikstandorte
Flughäfen