Harninkontinenz - Medizinische Experten

Harninkontinenz oder Blasenschwäche ist die Bezeichnung für einen ungewollten Harnverlust. Je nach Ursachen und Symptomen können verschiedene Formen der Inkontinenz unterschieden werden. Am verbreitetsten sind die Drang-, Stress- und Belastungsinkontinenz sowie die Überlaufinkontinenz.

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Harninkontinenz - Weitere Informationen

Bis vor einigen Jahrzehnten war der Urinverlust ein Symptom, das von vielen Frauen als unvermeidbarer Teil des Älterwerdens hingenommen wurde. Hier hat in der letzten Zeit ein Wandel stattgefunden und bei mehr und mehr Frauen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass der Urinverlust ein behandelbares Symptom und kein unabwendbares Schicksal ist.

Wer muss behandelt werden?

In den seltensten Fällen stellt die Diagnose „Inkontinenz“ eine absolute Behandlungsindikation dar. Während manche Frauen mit einem Urinverlust, der sie nicht häufiger als 3-4 mal am Tag zu einem Vorlagenwechsel zwingt, problemlos und ohne das Gefühl einer persönlichen Beeinträchtigung leben können, stellt für andere bereits ein tröpchenweiser Urinverlust eine schwere Einschränkung ihrer Lebensqualität dar. Dabei darf der Behandler auf keinen Fall seine eigene Einschätzung der Schwere der Beeinträchtigung zum Maßstab der Beurteilung des Lebensgefühls der Patientin machen. Das heißt, dass nicht der Arzt entscheidet, ob eine Frau behandelt werden muss. Vielmehr entscheidet die Patientin, dass sie behandelt werden möchte und der Arzt berät sie, wie dies am besten geschehen kann.

Obwohl es zahlreiche unterschiedliche Inkontinenzformen gibt, spielen doch die Hauptrolle in der täglichen Praxis die Stress- und die Dranginkontinenz und ihre Mischformen.

Inkontinenzformen

Die Stressinkontinenz ist der Urinverlust bei körperlicher Belastung und enststeht dadurch, dass der Druck im Bauch den Druck in der Harnröhre überschreitet. Wahrscheinlich ist die Ursache ein Ausreißen des Aufhängeapparates der Harnröhre, wodurch der Harnröhre ihr Widerlager fehlt.

Die Dranginkontinenz wird definiert durch häufiges Wasserlassen und ständigen Harndrang bis hin zur spontanen Entleerung. Ihre Ursachen können sowohl körperlich als auch seelisch sein

Wie kommen wir der Inkontinenz auf die Spur?

Ganz wichtig ist das Gespräch zwischen Arzt und Patientin, die Anamnese. So können nicht nur die Beschwerden sondern auch ein Teil der Ursachen, z.B. bestimmte Medikamente, identifiziert werden.

Wichtig ist auch der ganz einfache Streifentest, um auszuschließen, dass die Beschwerden von einer Entzündung herrühren. Selbstverständlich muss auch eine gynäkologische Untersuchung mit Ultraschall durchgeführt werden. Dies dient vor allem Feststellung begleitender Senkungszustände. Häufig wird dabei die gynäkologische Ultraschalldiagnostik mit einem Beckenbodenultraschall kombiniert. Ebenfalls ein ganz einfacher Test ist der Hustentest, bei dem die Patientin am besten im Stehen aufgefordert wird, mit voller Blase zu husten. Daraus kann man den Schweregrad des Problems häufig schon deutlich ersehen.

In vielen Fällen muss eine sogenannte urodynamische Untersuchung gemacht werden. Dabei wird der Druck in der Harnblase und in der Harnröhre gemessen, wodurch man die verschiedenen Inkontinenzformen unterscheiden und einteilen kann. Für diese Untersuchungen gibt es in vielen Frauenkliniken und auch in urologischen Abteilungen besondere Spezialsprechstunden.

Therapie der Dranginkontinenz

Medikamentös

Die Dranginkontinenz lässt sich vor allem mit Medikamenten beeinflussen, die eine Wirkung auf die eigene Wahrnehmung der Blase („Ich bin voll!“) haben und die Blase daran hindern, sich spontan zusammenzuziehen. Ältere Präparate haben leider auch eine starke Wirkung auf die Speicheldrüsen, so dass sie zu einer unangenehmen Mundtrockenheit führen. Neuere Präparate sind zwar leider erheblich teurer, führen aber bei besserer Wirkung auf die Blase nicht zu dieser lästigen Nebenwirkung, da sie nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip gezielt auf die Zellen in der Blase wirken. Häufig helfen die Medikamente sehr gut, müssen dazu aber auch langfristig eingenommen werden. Für Patientinnen, die nicht langfristig Tabletten einnehmen wollen, stehen auch Pflaster zur Verfügung. Welches Medikament für welche Patientin geeignet ist, sollte im persönlichen Gespräch mit dem behandelnden Gynäkologen oder auch Urologen erfolgen.

Physiotherapie

Die Physiotherapie der Dranginkontinenz umfasst klassische Beckenbodenübungen (um wieder „Chefin“ über die eigene Blase zu werden) und auch Elektrostimulations- und Biofeedbacktherapien. Dabei werden Geräte eingesetzt, die der Patientin helfen richtig zu üben und so den Erfolg der Krankengymnastik erheblich zu verbessern.

Auch der sogenannte Blasendrill kann helfen, da hier geübt wird, beim ersten Harndrang noch etwas länger auszuhalten und so die Blase „zu erziehen“. Diese Maßnahmen müssen in der Regel medikamentös begleitet werden, können dann aber sehr effektiv sein.

Operativ

Eine eigentliche operative Therapie der Dranginkontinenz existiert nicht. In letzter Zeit hat sich aber ein Verfahren aus der Therapie nervlich bedingten Blasenfunktionsstörungen auch bei der Dranginkontinenz bewährt und wird von uns intensiv eingesetzt. Es wird dabei in einer kurzen Vollnarkose Botox in die Blasenwand gespritzt. Die meisten Patientinnen erleben eine dramatische Besserung ihrer Probleme und können wieder ein normales Leben führen. Die Wirkung der Behandlung klingt nach 6 bis 8 Monaten ab und kann dann wiederholt werden.

Therapie der Stressinkontinenz

Medikamente

Es gibt zwar auch Medikamente zur Behandlung der Stressinkontinenz, auf Grund ihrer starken und sehr lästigen Nebenwirkungen werden sie aber selten eingesetzt.

Physiotherapie

Bei der motivierten Patientin ist die erste Option bei der Stressinkontinenz die Beckenbodengymnastik, ähnlich wie der Dranginkontinenz unter Einsatz von Biofeedbackgeräten. Damit können ähnliche Besserungsraten von über 70 % erreicht werden wie mit einer Operation. Hilfreich ist auch hier der begleitende Einsatz von Östrogenscheidenzäpfchen. Das Prinzip der Physiotherapie ist das gleiche wie bei der Operation, erreicht werden soll ein verbessertes Widerlager für die Harnröhre.

Operativ

Trotz aller Bemühungen, eine OP zu vermeiden, bedarf ein großer Teil der Patientinnen mit Stressinkontinenz doch der operativen Versorgung. Das Therapieprinzip ist dabei immer das gleiche, es soll ein Widerlager geschaffen werden, damit der Druck in der Harnröhre den Druck in der Blase übersteigt und die Harnröhre nicht ausweichen kann. Man muss sich das vorstellen wie einen Gartenschlauch: Wenn der Schlauch auf einer Unterlage liegt und man tritt drauf, fließt kein Wasser mehr. Wenn der Schlauch in der Luft hängt, kann man drauftreten, soviel man will, das Wasser fließt weiter! So wird bei den Operationen immer das gleiche versucht: der Harnröhre Halt zu geben, eine Unterlage zu schaffen. Dies machte man früher in einer offenen OP, die heute nur noch selten durchgeführt wird. Heutzutage werden vor allem spannungsfreie Bänder von der Scheide aus unter die Harnröhre gelegt. Diese Eingriffe haben die gleichen Besserungsraten wie die offene OP von 70 bis 80%, gehen viel schneller und etwa 2 Tage nach der OP ist die Patientin wieder zuhause. Die Narbenbildung ist minimal.

TVT

Eine andere Möglichkeit ist das Einspritzen von Polstern um die Harnröhre ebenfalls in einer kurzen Operation. Welche Methode individuell die sinnvollste ist, entscheidet der Operateur gemeinsam mit der Patientin. Wichtig ist, dass der Operateur alle Methoden beherrscht, um diese Entscheidung auch treffen zu können.

Urinverlust ist kein Schicksal, mit dem man sich abfinden muss, den meisten Frauen, die darunter leiden, kann geholfen werden. Eine guter erster Ansprechpartner ist der eigene Frauenarzt, der zum Teil selbst viel bewirken kann, zum Teil aber auch die Vorstellung in einer Spezialsprechstunde organisieren kann. Den ersten Schritt aber muss die Patientin selbst machen, indem sie das Tabuthema aus dem Dunkel holt und Hilfe sucht.


Dieser Text wurde überprüft von unserem Experten Dr. med. Hans-Christian Kolberg.

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